A. Karsten: Geschichte Venedigs

Cover
Titel
Kleine Geschichte Venedigs.


Autor(en)
Karsten, Arne
Erschienen
München 2008: C.H. Beck Verlag
Umfang
272 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Christ, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Arne Karsten hat nach zahlreichen wichtigen Büchern zur Geschichte des päpstlichen Roms in der frühen Neuzeit nunmehr einen Überblick zur Geschichte Venedigs vorgelegt. Dies ist umso verdienstvoller, als sich seit einigen Jahren kein deutscher Historiker mehr an das gefährliche Unterfangen gewagt hat, das ganze Bibliotheken füllende Material zur Geschichte Venedigs in einem überschaubaren Band publikumsfreundlich-perspektivenreich aufzubereiten.[1]

Das ist nun Karsten hervorragend gelungen: Er zeichnet die Grundzüge der Geschichte Venedigs von den Anfängen in der Spätantike bis in die Gegenwart nach und geht dabei auch auf wichtige Quellen und – dem Fokus des interessierten Reisenden folgend – auf die Kunst-, Architektur- und Musikgeschichte besonders der Renaissance bzw. des Barock ein. Gut ausgewähltes Bildmaterial illustriert den Text nicht nur, sondern ergänzt ihn auf selten gekonnte Weise. Das Buch handlichen Formats und guter Aufmachung passt ideal in das Gepäck des Venedigreisenden, als solide Überblicksdarstellung in die Handbibliothek des Historikers und ist unverzichtbar im Seminarapparat des über die Geschichte Venedigs Lehrenden.

Man wird sich kaum je einig sein, wie ein so umfangreicher Gegenstand im Einzelnen zu straffen ist. So wird dem einen die Wirtschaft zu kurz gekommen sein: Die politisch-militärische Krise von Agnadello etwa korrelierte mit einer Depression und Bankenkrise von langer Wirkung (S. 135); und die wirtschaftliche Entwicklung lief vielleicht doch nicht so eindeutig im Gleichschritt mit dem politischen Niedergang (S. 202-206). Einem anderen die kulturelle Mittlerfunktion Venedigs oder seiner Besitzungen: Vergleiche dazu beispielsweise die etwas unglückliche Bezeichnung Zyperns als „christlicher Vorposten“ (S. 128). Karsten musste schmerzhafte Auslassungen und Raffungen vornehmen und tat dies klug und pragmatisch.

Mit dem Fortschreiben der Geschichte der Seerepublik bis heute bringt er nicht nur dem Touristen im heutigen, stark vom 19. Jahrhundert geprägten Venedig, sondern auch dem Historiker einen entschiedenen Mehrwert, indem er die Fixierung der Literatur auf die „Republik“ und ihr „Ende“ durchbricht.

Bei einem Brückenschlag über die Jahrhunderte kommt es unvermeidlich zu einigen kleinen Fehlern: etwa der Verwechslung von Kap Hoorn und Kap der Guten Hoffnung (S. 153, 202) oder Verwechslung der Angaben zu Gefangenen und Beute bei Villehardouin (S. 52).[2] Diese ändern am eigentlichen Inhalt jedoch kaum etwas und werden für die nächste Auflage, die gewiss bald folgen wird, korrigiert sein, womit sich jede weitere Aufzählung erübrigt.

Arne Karsten hat es meisterhaft verstanden, das überreiche Material zur venezianischen Geschichte und Kunstgeschichte zu sichten und in eine geraffte, überaus kluge Darstellung zu gießen. Er schafft einen schwierigen Spagat: Er wird der Komplexität des Themas und den Ansprüchen des Fachpublikums gerecht und versteht es dennoch, dem interessierten Publikum eine lesenswerte und lesbare Geschichte zur Entdeckung Venedigs an die Hand zu geben.

Anmerkung:
[1] Vgl. zuletzt Gerhard Roesch, Venedig – Geschichte einer Seerepublik, Stuttgart 2000.
[2] Geoffroy de Villehardouin, La conquête de Constantinople, vol. 2 (1199 -1203), 2nd éd., revue et corr. Paris 1961, p. 54 (251) "et par l'aïe de Dieu si avoient pris CCCC mil homes ou plus, et en la plu fort ville qui fust en tot le monde..."

Zitation
Georg Christ: Rezension zu: : Kleine Geschichte Venedigs. München  2008 , in: H-Soz-Kult, 03.08.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12200>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2009
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