A. Bösche: Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer

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Titel
Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer. Die Innsbrucker Universität und ihre Studentenverbindungen 1859-1918


Autor(en)
Bösche, Andreas
Erschienen
Innsbruck 2008: StudienVerlag
Umfang
306 S.
Preis
€ 36,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gabriele-Maria Schorn-Stein, Rüsselsheim

Die Geschichtswissenschaft hat die Geschichte der Studentenverbindungen an den österreichischen Universitäten des 19. und 20. Jahrhundert, vor allem die Bedeutung der Verbindungen für die Institution Universität, in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigt. Die Forschungen konzentrierten sich vorwiegend auf die universitären Entwicklungen in dieser Zeit, was zu einem Teil darauf beruhen mag, dass die Universitäten und deren Professoren mehr verwertbare Quellen hinterlassen haben, aber auch auf dem Umstand, dass sich die Geschichtsschreibung der Stellung der Studentenverbindungen nicht genügend bewusst war (S. 13). Hinzu kommt, dass sich vorwiegend korporierte Historiker der Geschichte des Verbindungslebens angenommen haben, mit der Konsequenz, dass die Studentengeschichte aus einem verengten, subjektiv gefärbten Blickwinkel dargestellt wurde (S. 17). So wurden Sachverhalte zuweilen miteinander vermischt oder gar unrichtig dargestellt.

In den letzten Jahren hat sich unter anderem Michael Gehler der Geschichte und Bedeutung der österreichischen Studentenverbindungen im 19. und 20. Jahrhundert angenommen (S. 17-20). In seinen zahlreichen Veröffentlichungen hat er sich intensiv und detailliert mit der Situation an der Universität Innsbruck zwischen 1918 und 1938 auseinandergesetzt.[1]

Das Werk von Andreas Bösche Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer. Die Innsbrucker Universität und ihre Studentenverbindungen 1859-1918 schließt an die Forschungsergebnisse Michael Gehlers an und versucht anhand neuer Quellen eine Überblicksdarstellung vorzulegen. Im Unterschied zu Gehler legt Bösche sein Hauptaugenmerk auf den Zeitraum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1918. Anlass für die Studie war der Umstand, dass die Erforschung der Verhältnisse an den österreichischen Universitäten zwischen 1914 und 1918 noch in den Kinderschuhen steckt und eine ins Detail führende Untersuchung einer einzelnen österreichischen Universität ebenso fehlte (S. 19) wie eine Überblicksdarstellung über die Situation der deutschsprachigen österreichischen Universitäten während des Ersten Weltkriegs. Für Innsbruck, so Bösche, lag bislang nur die aus dem Jahr 1991 stammende Diplomarbeit von Oskar Baumgartner vor, die bei weitem nicht alle Aspekte der Alma Mater Oenipontana im Ersten Weltkrieg behandeln konnte.[2] Bösches Intention war es daher, anhand seiner Studie die teilweise vorliegenden fragmentarischen Arbeiten über die Innsbrucker Studentengeschichte zusammenzufassen und in wesentlichen Bereichen zu ergänzen, sowie die oftmals von Laien verfassten studentengeschichtlichen Abhandlungen ihrer eigenen Studentenverbindungen auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen (S. 187).

Das 308 Seiten starke Werk vermittelt dem Leser einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Universität Innsbruck und ihrer Studentenverbindungen, ihrer Rolle während des Ersten Weltkrieges und ihrer Bedeutung bis in die Gegenwart hinein. Dabei geht der Autor einer zentralen Frage nach: Wie war es möglich, dass es in der Zeit von 1859 bis 1918 zu einer immer stärker werdenden Radikalisierung in allen hochschul- und allgemeinpolitischen Bereichen kommen konnte?

Während seiner Recherchen stieß Bösche immer wieder auf große Hürden, ausgelöst durch die teilweise restriktive Haltung einzelner Studentenverbindungen. Einerseits wurden ihm zwar die Kontaktaufnahme und die Möglichkeit zu Gesprächen leicht gemacht, anderseits wurde ihm die Einsichtnahme in die verbindungsinternen Unterlagen erschwert oder gar verunmöglicht. Trotz der nicht immer einfachen Quellenlage ist es dem Autor aber gelungen, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, wie etwa einer intensiven Onlinerecherche, die für ihn zentral erscheinenden Entwicklungen einer näheren Analyse zu unterziehen (S. 17).

Kapitel II beschreibt die Entwicklung der Universitäten und der Studentenschaft im Hinblick auf die Entstehung der Studentenverbindungen vom Mittelalter bis in die Neuzeit, wobei der Autor seinen Schwerpunkt auf die deutschsprachigen Universitäten legt (S. 21-25). Das Wesen der Studentenverbindungen und die Zeit des Vormärzes bis 1859 sind Thema der Kapitel III und IV (S. 27-37; S. 39-49). Den in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit immer wiederkehrenden (Vor-)Urteilen über die Studentenverbindungen tritt Bösche mit einer von Anfang an wissenschaftlichen und fundierten Gegenüberstellung entgegen. Ihm gelingt es, die für den Außenstehenden verwirrende Anzahl der verschiedensten Arten von Verbindungen, Burschenschaften und CV-Verbindungen präzise darzustellen und näher zu erläutern und dies wie folgt: Die Corps sind als unkonfessionell, schlagend, farbentragend und unpolitisch zu bezeichnen. Im Gegensatz dazu sind Burschenschaften politisch, farbentragend und schlagend. Katholische Verbindungen gelten als konfessionell, nichtschlagend und farbentragend.

Das eigentliche Zentrum des vorliegenden Werkes bildet das fünfte Kapitel mit dem Titel „Der politische Student“ (S. 51-180). Auf 129 Seiten unternimmt Bösche den Versuch, die Studenten als politische Bürger der Habsburgermonarchie zwischen 1859 und 1918 näher zu beleuchten. Hier wird aufgezeigt, wie stark tagespolitische Ereignisse und der aufkeimende Antisemitismus und Antikatholizismus das Verhalten der Studentenverbindungen prägten. Ihre Aktionen und Reaktionen hatten große Auswirkungen auf das tagespolitische Geschäft. Durch ihren hohen Organisationsgrad konnten die Studenten auch zu Streiks, Besetzung der Universität und anderen Mitteln greifen, deren Wirkung nicht zu unterschätzen war. Prägend für viele Studentenverbindungen war auch der Einfluss von Politikern wie Georg Ritter von Schönerer und Karl Lueger, deren antisemitisches Gedankengut in den Verbindungen teilweise bis in die Gegenwart nachwirkt. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang unter anderem die Los-von-Rom-Bewegung (S. 129) und das Waidhofener Prinzip (S. 85). Den traurigen Höhepunkt der Auseinandersetzungen bildete der Fall des Max Ghezze, eines einer katholischen Verbindung angehörenden Medizinstudenten der Universität Innsbruck, der im Jahr 1912 bei einem Raufhandel mit Angehörigen eines schlagenden Corps ums Leben kam und in der Folge zu einem Märtyrer hochstilisiert wurde (S. 157). Den Abschluss dieses Kapitels bilden Ausführungen zur Rolle der Universität Innsbruck und ihrer Studentenschaft während des Ersten Weltkrieges (S. 160-176).

Das ungleich kürzere sechste Kapitel beschäftigt sich mit einem nicht zu vernachlässigenden Aspekt der Geschichte der Universität Innsbruck: Dem Frauenstudium. Dieses war von Beginn an durch eine ablehnende Haltung der Verbindungsstudenten gegenüber den Studentinnen gekennzeichnet, die noch bis 1945 nachwirkte.

Andreas Bösche kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass die Universität Innsbruck kein Ort des geistigen Elfenbeinturms und reinen Gelehrtentums war. Sowohl die Professoren als auch die Studentenverbindungen beschäftigten sich, so Bösche, in diesen Jahren keineswegs ausschließlich mit der Wissenschaft und dem Studium, sondern waren stets ein wichtiger Bestandteil des politischen Systems in Tirol (S. 187). Die politischen Ereignisse des Untersuchungszeitraums und die damals vorherrschenden Ideologien, wie etwa jene Schönerers, wirkten innerhalb der akademischen Eliten noch bis in den Ständestaat und die Zeit des Nationalsozialismus nach. Anzumerken ist darüber hinaus, dass auch heute noch ein nicht geringer Teil der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft in Österreich aus Mitgliedern von Studentenverbindungen besteht.

Mit der Geschichte der Universität Innsbruck und ihrer Studentenverbindungen im Zeitraum von 1859 bis 1918 ist Andreas Bösche ein Werk gelungen, das verständlich und anhand eines informativen Anmerkungsteils, die von der bisherigen deutschen Forschung überbetonte, den österreichischen Input negierende, einseitige Fixierung auf die deutschen Entwicklung der damaligen Zeit einer Korrektur unterzieht.

Anmerkungen:
[1] Zur Österreichischen Universitäts- und Studentengeschichte mit Bezug auf Innsbruck siehe allgemein: Michael Gehler, Studenten und Politik. Der Kampf um die Vorherrschaft an der Universität Innsbruck 1918–1938, Innsbruck 1990; Dieter Heither u.a. (Hrsg.), Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Frankfurt am Main 1997.
[2] Oskar Baumgartner, Beiträge zur Universität Innsbruck im Ersten Weltkrieg, DA Phil, Innsbruck 1991.

Zitation
Gabriele-Maria Schorn-Stein: Rezension zu: : Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer. Die Innsbrucker Universität und ihre Studentenverbindungen 1859-1918. Innsbruck  2008 , in: H-Soz-Kult, 14.04.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12215>.
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Veröffentlicht am
14.04.2009
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