I. Kappert: Der Mann in der Krise

Cover
Titel
Der Mann in der Krise. Oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur


Autor(en)
Kappert, Ines
Umfang
246 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Krämer, Exzellenzcluster: Religion and Politics, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Es hat sich herauskristallisiert, dass der Rede von einer „Krise der Männlichkeit“ in der Geschlechterforschung eine entscheidende Rolle zukommt. So widmete sich kürzlich ein Themenheft der Zeitschrift L’Homme jener umstrittenen Figur in unterschiedlichen Zeiträumen und aus unterschiedlichen Perspektiven. [1] Für Arbeiten auf dem recht jungen und interdisziplinären Forschungsfeld der Männlichkeitenstudien ist es konzeptionell eine entscheidende Frage, ob eine „Krise der Männlichkeit“ im Zuge einer Analyseprozedur erneut in die Geschichten über Männer und Männlichkeit eingeschrieben wird oder ob die Krisenrede als eine von Macht durchdrungene, produktive Performanz einer (modernen) Geschlechterordnung begriffen und behandelt wird. Bedenkenswert ist nämlich, dass im Falle einer Krisenanrufung in aller Regel genau von jenem Geschlechtsmodell die Rede ist, das Connell mit dem Begriff der hegemonialen Männlichkeit gefasst und herrschaftstheoretisch problematisiert hat. [2] Dem Erkenntnisinteresse an Geschichte und kultureller Verfassung von Männlichkeit wohnte jedenfalls nicht selten der Versuch inne, eine gegenwärtige und für real erachtete Krise zu meistern. [3]

Nun setzt das Buch der Literaturwissenschaftlerin Ines Kappert genau an einem Strang der Krisenerzählung an, dessen virulentes Treiben die Autorin in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre verortet. Sie hinterfragt in ihrer Untersuchung einen der aktuellsten medialen Konstruktionsprozesse des westlich, weißen, heterosexuell-männlichen Subjekts über eine Krisenanrufung. Sowohl für Einsichten in gegenwärtige Kulturproduktionen als auch für die Reflexion künftiger Fragestellungen im Bereich der kritischen Männlichkeitenstudien ist Kapperts Fokussierung aufschlussreich. Inklusive Einleitung und Schluss ist das Buch in sieben Kapitel unterteilt. Im Zentrum der Analyse stehen Filme aus den späten 1990er-Jahren wie „American Beauty“ und „Fight Club“ sowie Romane von Michel Houellebecq. Darüber hinaus bezieht Kappert eine postkoloniale Perspektivierung in die Untersuchung ein, indem sie anhand des Romans „Disgrace“ von J. M. Coetzee Weiß-Sein innerhalb des Krisenaufrisses thematisiert, bevor sie in der Schlussbetrachtung die zuvor beschriebenen Szenarien um den „Krisen-Mann“ vor dem Hintergrund aktueller Körperverhandlungen als wirkmächtige Facette einer „konservativen Kapitalismuskritik“ interpretiert. Nach einer ausführlichen Einleitung, die informativ den historischen Background sowie die Aktualität der Krisentrope um den Hegemonial-Mann skizziert, führt uns das zweite Kapitel zunächst zum Beginn des 19. Jahrhunderts in die Geschlechterkonstruktion in Heinrich von Kleists Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. Eine Legende“.

Insbesondere zeige sich in Kleists Texten eine Geschlechterperformanz, die als Teil der historischen Genealogie des bürgerlichen Geschlechterverhältnisses noch von einer gewissen Instabilität des Zweigeschlechtermodells gekennzeichnet gewesen sei, erläutert Kappert eingangs des historisierenden Kapitels zur „Heiligen Cäcilie“. Geschlechterverhältnis und Männlichkeitsparadigma der Moderne werden über die Erzählung betrachtet (S. 29). Die Handlung kreist um männliche Rebellion gegen die aufkeimende bürgerliche Ordnung. Kappert weist darauf hin, dass sich in der Erzählung eine sehr aktuelle Sicht auf die Konstruktionsprozesse zeigt, nämlich die sprachlich-performative Hervorbringung der Geschlechterordnung (S. 44). Entgegen bisheriger Lesarten, in denen literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Kleists Texten vornehmlich Frauenfiguren fokussiert haben, arbeitet Kappert die Männlichkeitsverhandlung heraus. Auf dieser Ebene treten misslingende Geschlechterperformanzen neben ein normgerechtes Modell – verkörpert in der Figur des Tuchhändlers Veit Gotthelf. Dieser normierte und gleichzeitig die Norm repräsentierende Typ kann ohne jeden Zweifel als jenes sich im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts hegemonialisierende Geschlechtermodell gelten. Wie Kappert betont, macht gerade die Anlage der Geschlechterverhandlung als symbolische Grenze im zeitgenössischen Subjektivierungsprozess den Kleistschen Text als historische Blaupause für die in den folgenden Kapiteln behandelten aktuellen Krisenszenarien so wertvoll (S. 60f).

Mit einem großen Satz springt Kappert in der Folge in Richtung Gegenwart und somit in den Kernbereich ihrer Untersuchung. „Der Mann in der Familie und der geplatzte Amerikanische Traum“ ist das Kapitel überschrieben, in dem der Film „American Beauty“ zum Gegenstand der Analyse wird. Die Autorin zeigt vielschichtig, wie sich die Krisentrope in einem für das Szenario zentralen Film darstellt. Bei der Interpretation nimmt Kappert Bezug auf feministische bzw. queere Filmtheorien wie zum Beispiel die von Gertrud Koch oder Teresa de Lauretis und verwendet immanent Versatzstücke aus den Theorien Michel Foucaults, Mary Douglas’, Jacques Derridas und Judith Butlers, was die Analyse verdichtet und zugleich in die aktuellen geschlechter- und sprachtheoretischen Diskussionen einbindet (S. 65 / 77 / 92 / 94). In dem von Erfolg umwitterten Film „American Beauty“ durchläuft der Protagonist Lester Burnham – gespielt von Kevin Spacey – ein familiäres Drama, das an seinem Körper durchexerziert und letztlich ausschließlich auf diesen Männerkörper bezogen bleibt. Die Karrierefrau wird dabei zum Problem stilisiert, die Kindfrau als kurzzeitiges Erlösungsphantasma inszeniert, bevor der kriselnde Mann als ultima ratio in einem Wechselspiel zwischen Selbstmitleid und Rehabilitation in der finalen Szene mit dem Kopf in seinem Blut liegend geopfert wird (S. 73ff / 79 / 96).

„Heilung durch Schmerz“ ist das vierte Kapitel überschrieben, in dem sich Kappert dem Film „Fight Club“ zuwendet. Auf den ersten Blick eröffnet die Story offensichtlich Hinweise auf zwanghafte Bewältigungsversuche einer im selben Moment ausgerufenen Männlichkeitskrise (S. 99). Gewalt gegen sich und andere wird in dem Film als Möglichkeit für Mannsfiguren in Szene gesetzt, der angepassten Bürokultur und feminisierten Konsumgesellschaft die Stirn zu bieten (S. 100). Neben Masochismus stellt Kappert vor allem den Aspekt der Ehre heraus, die beständiger Manifestation über Duelle bedarf und deren Herstellung im Film über orgiastische Gewaltakte funktioniert: „Der Kampf wird für die angeschlagenen Männer zu einer Art Droge“ (S. 111). Kappert weist darauf hin, dass das von Brad Pitt gespielte Andere, das, wie sich schließlich herausstellen wird, einen Teil des Ich im Protagonisten verkörpert, keinesfalls ohne Vorfahren in der modernen Subjektphilosophie im Raume steht. So spielte in den Texten von E. T. A. Hoffmann die Figur des Doppelgängers eine Rolle und das Andere wurde auch – verstanden als Abspaltung in der Persönlichkeit – zur Projektion freudscher Analyseraster (S. 117). Zu Beginn und gegen Ende des Films taucht die Figur der Marla Singer auf. Sie verkörpert eine weibliche Position, an der die Idee der vaterlosen Männer aufgehängt wird: „We’re a generation of men raised by women. I’m wondering if another woman is really the answer we need.” (S. 119) Apokalyptisch und zugleich Hollywood-typisch hoffnungsfroh gestaltet sich der Ausgang des Films, wie Kappert interpretiert: Protagonist Jack erkennt seine Schizophrenie und beschaut Händchen haltend mit besagter Marla Singer ein endzeitliches Szenario, den Zusammenbruch einer großstädtischen Skyline (S. 130).

Verkaufserfolg und Einschreibung des „Krisenmannes“ in die kulturellen Vorstellungen scheinen auch in den Romanen Houellebecqs Hand in Hand zu gehen. Wie Kappert zu Beginn des Kapitels, das sich unter anderem mit den Erfolgsromanen „Les particules élémentaires“ von 1998 und „Plateform“ von 2001 beschäftigt, zeigt, ist neben des Autors eigener Verkörperung seiner kläglichen Romanprojektionen bei öffentlichen Auftritten, das Feiern der Darstellung von Entmännlichung seitens der Literaturkritiker als „Warnsignal für eine pervertierte Gesellschaft“ ein höchst interessantes Indiz für die breite Streuung der Krisentrope (S. 131ff). Ein roter Faden durch das Houellebecqsche Arsenal der Gegenwartskritik ist das zeithistorische Erklärungsmuster, die 68er hätten durch ihre Sexbesessenheit ein zweites Differenzierungssystem erfunden. Sex sei zur Ware, zum Konsumgut geworden, das seinen Wert durch Verknappung steigere. Daher hätten immer weniger Leute (guten) Sex. Die gegenwärtigen Krisenmänner sind das Gegenmodell zu ihrer Elterngeneration und zugleich Konsequenz dieses Missstandes (S. 139f). Neben einer ausführlichen Interpretation verschiedener Passagen aus Houellebecqs Werk, die den Krisenmann als erbosten Zeitgenossen porträtieren, führt Kappert noch einen wichtigen Bestandteil der Rede von einer „Krise der Männlichkeit“ an. Es ist das Realitätsprinzip, welches im Zuge der Konfiguration des Krisenmannes immer wieder aufgerufen wird – so auch zum Beispiel in der Rezeption von „Elementarteilchen“ seitens der Literaturkritik: Es sei diese „unvermutete Realitätsnähe“, in der das Verwirrende der Beschreibungen bestünde, zitiert Kappert einen der vielen Kommentare zum Bestseller (S. 147ff). Des Weiteren ist auch bei Houellebecq die emanzipierte Frau ein Objekt des Hasses – die Mutter, die Konkurrentin im Büro und so fort (S. 163). Am Ende ihres Kapitels zum französischen Erfolgsautor schlägt Kappert bereits die Brücke zum folgenden. Sie weist darauf hin, wie stark in der Anrufung der heterosexuellen weißen Männlichkeitskrise Dimensionen mitschwingen, die auf tradierte Familienbilder verweisen, vor deren als drastisch beschriebenem Hintergrund aber vor allem auch plötzlich die „(sexuelle) Ausbeutung der so genannten Dritten Welt durch die Erste und die Verunglimpfung anderer Lebensformen [...] angesichts der eigenen unbefriedigenden Situation als legitim“ erscheint (S. 166).

Postpatriarch und Postkolonialist verschränken sich in „Disgrace“ auf einem Terrain, wo schwarze und weiße Männerfiguren um die Position des Normsubjekts konkurrieren. Die Erzählung des südafrikanischen Autors und Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee beackert den grundlegenden Umbau materieller und kultureller Ordnung in der südafrikanischen Gesellschaft unter besonderer Fokussierung der Männlichkeitsverhandlung (S. 168). Es muss festgehalten werden, dass es sich bei „Schande“ um eine Dekonstruktion hegemonialer Männlichkeitsmuster handelt, die nicht unmittelbar das festschreibt, was sie zu hinterfragen behauptet. Demzufolge muss die Geschichte nicht von vorn herein als selbstgerechte Krisenanrufung einer unmarkierten weißen Männlichkeitsposition gelesen werden. Kappert bemerkt: „Es ist auffällig, mit welcher Unerbittlichkeit der Roman die Figur des weißen Mannes aufschlüsselt und ausstellt.“ (S. 184) Was sich entlang der dichotomen Achse ‚männliche Ehre’ und ‚weibliche Keuschheit’ entsponnen hat, wird in dem vermachteten Verhältnis von Vergewaltigungsvorwurf und Rassismus gefasst: „Wer Vergewaltigung sagt, sagt Neger“, zitiert Kappert Frantz Fanon. [4] Allerdings bleibt das Problem, dass die Figur der Frau zum Objekt antagonistischer Aushandlungsprozesse degradiert wird (S. 191). Neben der Thematisierung der Stadt-Land Hierarchie (S. 195) spitzt die Autorin das Problem letztlich über die von Coetzee verwendete Metapher des Hundes zu, der als Artefakt der Apartheid aus einer Kreuzung aus Pitbull, Dobermann, Rottweiler und deutschem Schäferhund besteht und auf Schwarze abgerichtet ist (S. 199). So dekonstruktiv die Subjektposition gelesen werden kann, die für die weiße Männlichkeit in Konsequenz von „Disgrace“ als Vergangenheit zu erstarren scheint, Kappert weist doch auf das Moment hin, das den weißen Mann letztlich als Opfer der Verhältnisse absichert und ‚überliefert’ (S. 202). Abschließend stellt sie fest, dass alle anderen Subjekte in Coetzees Geschichte „zu Objekten im melancholischen Szenario des weißen Mannes“ werden (S. 208).

In ihrem Schlusskapitel nimmt Kappert die Fäden aus den übrigen Kapiteln auf und konkretisiert ihre These von der konservativen Stoßrichtung der Krisentrope um den „normalen Mann“ (S. 209ff). Darüber hinaus ist festzustellen, dass die Synthese von Filmquellen und literarischen Texten äußerst gelungen ist. [5] Wie die Autorin zeigt, hält sich die integrative Figur des „Krisen-Mannes“ nicht an Genre- oder Disziplinengrenzen. Auch der Verweis auf die Historizität der Männlichkeitsproblematisierung mit der Interpretation der kleistschen Erzählung ist gelungen. Ob der für Kulturproduktionen in den ausgehenden 1990er-Jahren anschaulich nachgewiesene Typ des Krisenmannes jedoch nicht schon über zwei Jahrzehnte älter ist, wäre allerdings zu fragen. Zumindest für den US-Kontext zeigt Sally Robinson in „Marked Men. White Masculinity in Crisis“ die Konstruktion eines ganz ähnlichen Typs in der Literatur der 1970er-Jahre. [6] Jenseits der Datierung der Geburt dieser radikalen Trope um den „Krisen-Mann“ strukturiert die Rede von einer Männlichkeitskrise als Viktimisierungsstrategie ohne Zweifel gegenwärtige Diskurse. Das zeigt Ines Kappert in ihrer für die Männlichkeitenforschung und Geschlechterkritik relevanten Untersuchung überzeugend. „Der Mann in der Krise“ ist ein gutes und äußerst anregend geschriebenes Buch.

Anmerkungen:
[1] Christa Hämmerle / Claudia Opitz-Belakhal, Krise(n) der Männlichkeit, L'Homme 19 (2008) H. 2.
[2] Die Verbindung von Gramscis Begriff der Hegemonie mit dem Männlichkeitsbegriff zeichnet Connells Modell aus. In diesem wird ein Raster konturiert, das es erlaubt in dem von unterschiedlichen Kategorien („Rasse“, Klasse oder Sexualität) durchfurchten Geschlechtersystem analytisch vorzugehen. Darüber hinaus etablierte Connell die Erkenntnis, dass immer von mehreren Männlichkeiten auszugehen ist, die in vermachteten Beziehungen und hierarchischen Verhältnissen zu einander stehen. R. W. Connell, Masculinities, Cambridge 1995.
[3] Zum Beispiel wird in Michael Kimmels und Susan Faludis Arbeiten aus den 1990er-Jahren eine zeitgenössische Krise der Männlichkeit zum Ausgangspunkt der Untersuchung genommen - Michael S. Kimmel, Manhood in America. A Cultural History, New York 1996 / Susan Faludi, Stiffed: The Betrayal of the American Man, New York 1999.
[4] Frantz Fanon, Schwarze Haut, Weiße Masken, Frankfurt am Main 1985 [1952].
[5] Eine weitere Arbeit, die aus historischer Perspektive Männlichkeitskonstruktionen anhand von Filmquellen nachspürt ist kürzlich erschienen und bietet sich als Kontextlektüre zu Kapperts „Der Mann in der Krise“ an. Uta Fenskes Untersuchung „Mannsbilder“ zeigt, dass die Beschäftigung mit Filmen auch für historische Untersuchungen durchaus fruchtbar zu machen ist: Uta Fenske, Mannsbilder. Eine geschlechterhistorische Betrachtung von Hollywoodfilmen 1946-1960, Bielefeld 2008.
[6] Sally Robinson, Marked Men. White Masculinity in Crisis, New York 2000.

Zitation
Felix Krämer: Rezension zu: : Der Mann in der Krise. Oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur. Bielefeld  2008 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12280>.
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24.03.2009
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