Cover
Titel
Einhards Vita Karoli. Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption


Autor(en)
Tischler, Matthias M.
Erschienen
Umfang
LXX, VI + 1828 S., 8 Abb.
Preis
€ 140
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hubertus Seibert Historisches Seminar Universität München E.Mail:

Der adelige Mainfranke Einhart (†840) [1] hat zu allen Zeiten als wichtigster Berater und erster Biograph Karls des Großen die ungeteilte Aufmerksamkeit mittelalterlicher Gelehrter wie moderner Wissenschaftler erregt. Seine Vita Karoli imperatoris gilt bis heute als „das einzige Stück mittelalterlicher Biographie, das bislang ‘Weltliteratur‘ geworden ist“ [2]. Die Monumenta Germaniae Historica haben die singuläre Bedeutung dieses Werkes gleich dreimal, 1829, 1880 und 1911, durch eine kritische Textausgabe gewürdigt. Während Georg Heinrich Pertz [3] und Georg Waitz [4] ihren Editionen jeweils eine – ottonenzeitliche – Wiener Handschrift, ÖNB Cod. 529 und Cod. 510, als vermeintlich ältesten Überlieferungsträger zugrunde legten, verstand Oswald Holder-Egger seine auf Pertz und Waitz aufbauende „Mise à jour“ von 1911 [5] auf der Basis einer Auswahl von 16 der über 80 bekannten Handschriften als nicht endgültig. Er sprach schon 1912 von einer neuen Ausgabe, die bald zu erwarten sei [6]. Doch seine Ankündigung erfüllte sich nicht. Eine neue kritische Edition von Einharts Vita Karoli gehört heute mehr denn je zu den dringendsten Desiderata mittelalterlicher Grundlagenforschung. Sie hat vorrangig auf den zwischen 840 und 870 datierten vatikanischen Handschriften der Karlsvita – Vat. Reg. Lat. 339 und Vat. Pal. Lat. 243 – aufzubauen, auf deren zeitliche Nähe zu Einharts Authentikum und hohe Textqualität zuletzt der Heidelberger Mittellateiner Walter Berschin unter Berufung auf Bernhard Bischoff nachdrücklich hingewiesen hat [7]. Sein Schüler Matthias Tischler hat nunmehr in seiner um drei Kapitel (die westfränkisch-französische Überlieferung) erheblich erweiterten, monumentalen Diss. von 1998 eine letzte, unverzichtbare Voraussetzung für eine neue Textausgabe geschaffen.

Von der Frage nach dem Aussehen der ältesten Gestalt der Vita Karoli geleitet, rückt Tischler zwei Komplexe in das Zentrum seiner Betrachtungen: die Beschreibung der ältesten maßgebenden Überlieferung und Rezeption der Vita im 9. Jahrhundert und die Frage nach Entstehung und Verhältnis der beiden (ältesten) Textredaktionen A und B, ihrer Verbreitung und Datierung. Methodisch setzt er bei der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte an, die er als „genetische Texthistoriographie (versteht), die bis zum Autor zurückgeschrieben wird und dabei Stoff, Form und Werk im Wandel des historischen Kontextes und damit im Wechselverhältnis von Weitergabe und Selektion des Geschriebenen berücksichtigt“ (10).

In einem ersten Arbeitsschritt gibt Tischler einen umfassenden Überblick über die Überlieferung der Vita Karoli mit Kurzbeschreibungen sämtlicher ermittelter und verlorener Einhart-Handschriften und größerer Einhart-Exzerpte. Den über 80 bisher bekannten Überlieferungen fügt er 40 neue von ihm entdeckte Textzeugen hinzu. Von den 123 nachweislichen Einhart-Handschriften und -fragmenten gehören immerhin 105 dem Mittelalter an.

Im anschließenden Kapitel nimmt Tischler die Textredaktionen und die Entstehungszeit der Vita Karoli in den Blick. Durch die – bislang nur partiell vorgenommene – paläographische Erschließung der nahezu gesamten Einhart-Überlieferung gelangt er zu zahlreichen neuen Einsichten und vielfach geradezu umstürzenden Ergebnissen. In der bis heute kontrovers diskutierten Frage der Datierung [8] der Karlsvita plädiert er unter Verweis auf ihren vielschichtigen antiken Hintergrund (v. a. die Rezeption von Ciceros Tusculanae disputationes) für das Jahr 828 und deutet ihre Abfassung als Reaktion Einharts auf die zeitgenössische Karlskritik und auf die von Ludwig dem Frommen kurz zuvor erhobene Forderung nach einer umfassenden Gesellschafts- und Sittenreform. Einhart habe sein mit einer Praefatio eingeleitetes Werk („Die Offizielle Ausgabe“), dessen Originalwortlaut nur die Handschriften der Textredaktion A dokumentieren, seinem Nachfolger am Hof in Aachen, dem Hofbibliothekar Gerward, übersandt. Dieser nahm als Empfänger und Übermittler der von ihm mit Widmungsversen an Ludwig den Frommen – ihren ersten offiziellen Leser – versehenen Vita („Der Widmungsfassung“), in der durch ein Schreiberversehen die in der Forschung viel diskutierte sogenannte Rolandus-Stelle (cap. 9) ausgelassen wurde, eine Schlüsselposition ein. Aus dem Aachener Widmungsexemplar sind schon bald bis zu fünf Kopien und Ableitungen hervorgegangen, von denen zwei Abschriften nachweislich 829/30 von Aachen nach Fulda und Lorsch übermittelt wurden. In Fulda entdeckte und transkribierte sie Lupus von Ferrières, ihr erster namentlich bekannter Rezipient. Die frühe Existenz des Einhart-Werks in Lorsch bezeugt der Nachtrag „Vita Caroli imperatoris“ von der Hand der Anlageschicht des ältesten um 830 entstandenen Lorscher Bibliothekskatalogs.

Seine Darstellung der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte der Karlsvita beginnt Tischler mit einer Untersuchung der vom Hofbibliothekar Gerward initiierten sogenannten Widmungsfassung (Recensio B) und der von ihr abhängigen Textstufen – vom verlorenen Aachener Urexemplar bis zu einer älteren und jüngeren karolingischen Textschicht (Stemma: 587–589). Die von ihm erschlossene ältere karolingische Textschicht umfaßte eine von Reims im 9. Jahrhundert ausgehende Überlieferungsgruppe, die bis nach Burgund (Auxerre) und Flandern (Saint-Bertin, Anchin) ausstrahlte, und einen sächsischen Zweig (Entstehungsort in Sachsen nicht lokalisierbar) mit Textzeugen aus Süddeutschland (Weingarten, Blaubeuren), Frankreich (Clairvaux, Aurillac, Saint-Gilles) und Südengland (Salisbury). Eine jüngere karolingische Textstufe, deren prominenteste Benutzer und Multiplikatoren Walahfrid Strabo auf der Reichenau und Grimalt (von St. Gallen) waren, nahm von Metz ihren Ausgang und wirkte nach Worms und Italien (S. Paolo fuori le Mura, S. Andrea am Monte Soratte) und über Regensburg bis nach Viktring, Reichersberg, Klosterneuburg und Zwettl.

Einharts Vita Karoli findet sich seit dem 9. Jahrhundert vielfach in charakteristischer Textsymbiose mit weiteren Karlstexten (Notkers Gesta Karoli imperatoris) und eng verwandten historiographischen Werken (Einhart- und Reichsannalen, Thegan, Astronomus), deren Genese und Verbreitung im 5. Kapitel thematisiert werden. Das erstmals in der bekannten Wiener Handschrift des 10. Jahrhunderts, ÖNB Cod. 510, vollständig greifbare „Kleine Karlskompendium“, eine Verbindung zwischen Einharts Karlsleben und den sogenannten Einhartannalen, verdankt seine Entstehung im Mittelrheingebiet (Lorsch, Mainz ?) dem vorrangigen Ziel, die Person Karls des Großen in den Mittelpunkt zu rücken. Über die in Lorsch entstandene überarbeitete Ableitung – das „Lorscher Karlskompendium“ –, das neben Einhart und den nach ihm benannten Annalen auch Thegans Gesta Hludowici imperatoris miteinschloß, verbreitete es sich in salischer Zeit v. a. in Lothringen. Durch die vermutlich in Mainz von Ekkehard IV. von St. Gallen (?) im 11. Jahrhundert initiierte, erst im 12. Jahrhundert fassbare Ergänzung der Karlsbiographie des Notker Balbulus entstand ein in vier Bücher gegliedertes Karlswerk – das „Große Karlskompendium“, das in drei unterschiedlichen Redaktionen – einer Regensburger (11./12. Jh.), einer im Umkreis Frutolfs v. Michelsberg und einer Tegernseeer (12. Jh.) – einen beachtlichen Verbreitungsgrad in Süddeutschland und Österreich bis um 1500 erreichte. Das von Tischler durch 12 neue Textzeugen erheblich verdichtete Bild der Überlieferung der Karlskompendien (Stemma: 890–896) unterstreicht, welch beachtliche Ausmaße die Karolingerrezeption bereits in der Salierzeit angenommen hatte.

Gleich zwei umfangreiche Kapitel widmet Tischler der Überlieferung und Rezeption der „Öffentlichen Ausgabe“ und ihrer Überarbeitungen. Sie führen den Leser zunächst in den westfränkisch-französischen Raum, dessen Bedeutung für die Verbreitung und älteste Textgestalt der Vita Karoli von der bisherigen Forschung geradezu sträflich verkannt wurde. Als Zentren der Überlieferung und Rezeption von Einharts Werk in karolingischer und nachkarolingischer Zeit erweisen sich das Loiregebiet und die Klöster Cluny, Saint-Bénigne/Dijon und Cîteaux für Burgund und Südfrankreich, Saint-Wandrille, Jumièges und Fécamp für den anglo-normannischen Raum, und Orléans und Fleury für die Champagne, Île-de-France und Aquitanien. Vermutlich um 875 entstand in Reims die „überarbeitete Offizielle Ausgabe“ mit der charakteristischen Teilinterpolation zu den Pelzen Karls des Großen in cap. 23, deren drei zu unterscheidende Redaktionsstufen – eine Metzer, Mailänder und Reimser Gruppe – die Überlieferungen und jüngeren Textstufen in Flandern, Holland, Südengland und Oberlothringen seit dem 11. und 12. Jahrhundert, in Mailand und Oberitalien im Spätmittelalter und Humanismus, in Nordfrankreich, Oberitalien und Niederlothringen schon seit dem ausgehenden 9. Jahrhundert nachhaltig bestimmten (Stemma 1310–1313 u. 1658).

Eine Editionsgeschichte der Vita Karoli vom 15. bis 20. Jahrhundert mit Verzeichnis aller Schul- und Leseausgaben, Auszüge und Übersetzungen sowie Register der zitierten Handschriften und Archivalien von Aachen bis Zwettl, des literarischen Nachwirkens in mittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen und der Personen beschließen dieses opus maximum; die Orte blieben leider unberücksichtigt. Über seinen unschätzbaren Ertrag für die Einhart- und Karlsforschung hinaus bietet das Werk eine Fülle weiterführender Erkenntnisse zu zahlreichen Handschriften (zu Datierung, Inhalt, Bestimmung der Hände und Besitzgeschichte) und liefert wichtige Hinweise auf bislang unbekannte Überlieferungen (u. a. der Diviso regnorum von 806 [75] und der Konzilsbeschlüsse von Reims 1148 [291]) sowie auf ungedruckte Urkunden und Briefe – des Abts von Göttweig von 1422 (602), Bischof Alberos II. von Verdun von 1135 (663) oder des lateinischen Kaisers Balduins I. von Konstantinopel von 1204 (709), um nur die wichtigsten zu nennen. Daneben fällt auch erstmals Licht auf Vorgänge und Bereiche, die der Leser in diesem Werk kaum erwarten würde: auf Herford als wichtigen sächsischen Bezugspunkt der frühen Welfen im 9. Jahrhundert (300f.), auf Worms als weitere frühmittelalterliche Stätte der Stephansverehrung (457ff.), auf ein unbekanntes Herrscherbild Karls des Großen aus dem frühen 12. Jahrhundert (802ff., Abb. 3) und schließlich vor allem auf den bislang anonym gebliebenen Autor der Vita Ludwigs des Frommen (den sogenannten „Astronomus“), den Tischler überzeugend als Bischof Jonas von Orléans identifiziert (1109).

Mit der Erfassung, Neubewertung und Stemmatisierung nahezu der gesamten handschriftlichen Überlieferung der Karlsbiografie (mit der wichtigen Unterscheidung zwischen der „Offiziellen Ausgabe“ und der „Widmungsfassung“) hat das vorliegende Werk unerläßliche Voraussetzungen geschaffen und die Weichen für die seit langem überfällige kritische Neuedition von Einharts Vita Karoli gestellt, die hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten läßt! Wer wäre für diese Aufgabe besser geeignet als der „Mittellateiner, Historiker und Editor“ (1823) Matthias Tischler?

[1] Den besten Überblick über Person und Wirken bietet Schefers, Hermann: Einhard – ein Lebensbild aus karolingischer Zeit, in: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 26 (1993), 25-92; vgl. ferner den wichtigen Tagungsband Schefers, Hermann (Hg.): Einhard. Studien zu Leben und Werk (= Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission NF Bd. 12). Darmstadt 1997.
[2] Berschin, Walter: Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter, Bd. III: Karolingische Biographie 750–920 n. Chr. (= Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Bd. 10). Stuttgart 1991, 199-220, hier 199.
[3] Pertz, Georg Heinrich: Einhardi Vita Karoli imperatoris, in: MGH Scriptores 2, Hannover 1829, 426–463, Text 443–463.
[4] Waitz, Georg, Einhardi Vita Karoli Magni, MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum [25], Hannover 1880.
[5] Holder-Egger, Oswald: Einhardi Vita Karoli Magni, MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum [25], Hannover 61911.
[6] Holder-Egger, Oswald: Zur Überlieferung von Einhards Vita Karoli Magni, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 37 (1912), 393–414, hier 413.
[7] Berschin: Biographie (wie Anm. 2), 200.
[8] Zu den verschiedenen Früh- und Spätdatierungen – 817, 821, 825/26, 830, 836 – zuletzt Krüger, Karl Heinrich: Neue Beobachtungen zur Datierung von Einhards Karlsvita, in: Frühmittelalterliche Studien 32 (1998), 124–145, der sich für eine Entstehung „schon bis Sommer 823“ (145) ausspricht.

Zitation
Hubertus Seibert: Rezension zu: : Einhards _Vita Karoli_. Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption. Hannover  2002 , in: H-Soz-Kult, 18.12.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1236>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.12.2002
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation