M. Hagner: Der Geist bei der Arbeit

Titel
Der Geist bei der Arbeit. Historische Untersuchungen zur Hirnforschung


Autor(en)
Hagner, Michael
Erschienen
Göttingen 2006: Wallstein Verlag
Umfang
286 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Bielefeld International Graduate School in History and Sociology

Mit dem vorliegenden Band beschließt der Wissenschafts- und Medizinhistoriker Michael Hagner seine Trilogie zur Geschichte des Gehirns. Im ersten Teil zum „Homo Cerebralis“ war er der Konstruktion des modernen Gehirns zwischen dem späten 18. Jahrhundert bis zu dessen Etablierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts nachgegangen und zeigte auf, dass das Gehirn zugleich ein natürliches und kulturelles Objekt sei.[1] Im zweiten Band wendete sich Hagner dem speziellen Topos des „Genialen Gehirns“ zu, in dem Vorstellungen von Normalität und Abweichung aufgeworfen und verhandelt wurden.[2] Demgegenüber stellt der dritte Band keine homogene Studie dar, sondern versammelt bereits anderweitig veröffentlichte Aufsätze, die den „epistemologischen, kulturellen und sozialen Verflechtungen des modernen Gehirns in ganz verschiedene[n]“ (S. 10) Richtungen und unterschiedlichen Repräsentationsräumen nachspüren.

Hagners Perspektive auf die Geschichte des Gehirns entspringt aus dem gegenwärtigen und von ihm kritisch beäugten Diskurs der Neurowissenschaften. Ausgehend von ihren aktuellen Versprechungen weist er auf eine charakteristische Abfolge von Verheißung und Ernüchterung hin, die die Geschichte des Gehirns von den Anfängen bis heute prägt. In dem ursprünglich zusammen mit Cornelius Borck verfassten Beitrag zu den „Brave Neuro Worlds“ führt Hagner diese Beobachtung zurück auf die „proleptische Struktur“ der Hirnforschung (S. 17-37). Gemeint ist damit dreierlei: Zum einen bewegen sich ihre zentralen Fragen und Problemstellungen in einem relativ statischen epistemologischen Rahmen. Zum anderen resultiert die Dynamik des Diskurses eben nicht aus neuen theoretischen Annahmen oder philosophischen Erkenntnissen, sondern vor allem aus der wissenschaftlichen und medizinischen Praxis und deren neuen Technologien. Und schließlich trägt gerade das Versprechen, endgültige Antworten auf grundlegende Frage des Menschen zu bieten, viel zur Faszination der Hirnforschung bei (S. 36). Diese Annahmen zur „proleptischen Struktur“ finden sich auch in den folgenden historischen Detailstudien wieder.

Die mit dem Aufstieg des modernen Gehirns und seiner Erforschung entstandenen epistemologischen Konzepte und Debatten lassen sich für Hagner nur innerhalb ihres jeweiligen gesellschaftlichen Kontextes untersuchen und verstehen, was er anhand der Vorstellungen zum Verhältnis von Sprache und Gehirn zwischen Spätaufklärung und dem Ende des 19. Jahrhunderts demonstriert (S. 38-58). Mit der voranschreitenden Biologisierung der Sprache und ihrer Verortung im Gehirn verschwand der bis dato vorherrschende cartesianische Leib-Seele-Dualismus und ein neues Verständnis des Menschen bildete sich heraus. Hagner sieht darin aber nicht einfach eine Verwissenschaftlichung vormals metaphysischer Konzepte, sondern erörtert auch damit einhergehende, problematische Effekte. Bezugspunkt ist die von Moses Mendelssohn vorgebrachte Skepsis an einer Naturalisierung des Menschen, die zu religiöser bzw. politischer Intoleranz führen könne. Als Beispiel dienen Hagner antisemitische Äußerungen Ludwig Klages über Georg Simmel, die er vor dem Hintergrund holistischer Verfahren wie der Typenforschung oder der Charakterologie scharf kritisiert.

In zwei weiteren Artikeln wendet sich Hagner politischen Instrumentalisierungen im Diskurs des Gehirns zu. So sieht er die relativ geringe Sichtbarkeit von Gesichts- und insbesondere Gehirnverletzten des Ersten Weltkriegs in der visuellen Kultur der Weimarer Republik darin begründet, dass sich aus ihrer Repräsentation kein politisches Kapital schlagen ließ (S. 94-123). Zur selben Zeit produzierte Vsevolod Pudovkin in der Sowjetunion einen Film über die Pawlowsche Reflexlehre, die zu einem wissenschaftlichen Stützpfeiler des „Neuen Menschen“ erhoben worden war. Das Besondere an Pudovkins „Mechanik des Gehirns“ war laut Hagner, dass in ihm nicht nur die psychophysiologische Theorie dargestellt, sondern diese in der Herstellung des Films auch angewendet wurde (S. 124-142). Im Beitrag zur Repräsentation des Gehirns bzw. Schädels in öffentlichen Ausstellungen untersucht Hagner die hierin aufscheinende anthropologische „Dingpolitik“ (Bruno Latour) (S. 143-163). Dem Museum kam demnach eine wichtige Rolle in der Popularisierung der Hirnforschung zu, wobei insbesondere zwei Topoi im Mittelpunkt standen: Zum einen die Repräsentation berühmter Persönlichkeiten, zum anderen die stigmatisierende Zurschaustellung ganzer Menschengruppen, was Hagner am Beispiel der sogenannten Hottentotten-Venus ausführt, bei der sich Vorstellungen von Rasse, Geschlecht und Minderwertigkeit miteinander verknüpften. Für die Gegenwart macht er sowohl Chancen als auch Gefahren dieser „säkulare[n] Variante der Reliquienverehrung“ (S. 162) aus. Entscheidend sei, die „Biographie von Objekten“ (S. 163) in Ausstellungen mit einzubeziehen und so mittels einer historischen Kontextualisierung Distanz herzustellen, um gerade nicht ihrer vermeintlichen Evidenz auf den Leim zu gehen.

Ein zentrales Augenmerk des Bandes gilt darüber hinaus dem Thema der Visualisierungen. Am Beispiel der Geschichte verschiedener Hirnbilder im 19. und 20. Jahrhundert vertritt Hagner mit Bezug auf Bruno Latour die These, die jeweiligen bildgebenden Verfahren als „Aktanten“ ernst zu nehmen, da diese, und nicht Theorien, einen entscheidenden Anteil an der Produktion immer neuer Bilder des Gehirns hätten (S. 164-194). Dies veranschaulicht er am aktuellen Phänomen des Neuroimaging, welches für Hagner eine „nach innen gewendete Physiognomik“ (S. 189) ist. Anders gelagert ist der Fall bei der Kybernetik, deren Charakteristikum für Hagner gerade in ihren fehlenden Körperbildern bestanden habe, deren Platz Modelle einnahmen in Gestalt von Schaltbildern, Diagrammen oder schematischen Skizzen. Überzeugend verortet Hagner diese kybernetische Anthropologie in der Abkehr von organizistischen Menschenbildern, die mit dem Ende des Nationalsozialismus verabschiedet worden seien. Daran beteiligte sich unter anderem Claude Lévi-Strauss, der an den UNESCO-Erklärungen von 1950/51 gegen den Rasse-Begriff mitwirkte und dessen anthropologischer Ansatz wiederum von der Kybernetik geprägt war (S. 195-222). Im Epilog erreicht Hagner nach seinem Parforceritt durch die Geschichte des Gehirns wieder unsere unmittelbare Gegenwart und beschäftigt sich mit der Frage der Willensfreiheit, die die kognitiven Neurowissenschaften in den letzten Jahren wieder vehement aufgeworfen haben. Statt des Versuchs einer Antwort, plädiert er gegen einen „fröhliche[n] Optimismus“ (S. 260) der Wissenschaft, wie ihn prominent der Neurophysiologe und Nobelpreisträger Eric Kandel vertrete, und für eine Haltung der „skeptischen Bescheidenheit“ (S. 260).

Michael Hagner offenbart auch im dritten und letzten Band seiner Trilogie zur Geschichte des Gehirns ein schier unbegrenztes Detailwissen, ohne sich aber darin zu verlieren. Vielmehr fördert er auch auf Grund des Einbezugs neuerer kulturwissenschaftlicher Theorien immer wieder interessante historische Befunde zu Tage, die weit über medizingeschichtliches Expertenwissen hinausgehen. Neben der sehr gut lesbaren und nie abgehobenen Sprache sticht das Werk auch auf Grund des erfrischender Weise nicht gezügelten Drangs zu politisch-normativen Urteilen hervor.

Nichtsdestotrotz scheinen insbesondere zwei Punkte diskutabel zu sein. Erstens betrifft dies Hagners Annahme einer mehr oder weniger konstanten Natur und ihrer historisch variablen Repräsentation in der Kultur, was nicht nur der Konzeption des Gehirns zugrunde liegt. So argumentiert Hagner in seinem Beitrag zur Geschichte der Migräne, es sei ein statistischer Fakt, dass bestimmte Krankheiten bei Frauen und Männern mit unterschiedlicher Häufigkeit vorkommen (S. 80-81). Aus geschlechter- und körpergeschichtlicher Sicht ist dies eine eher problematische Behauptung. Abgesehen von theoretischen und politischen Einwänden vergibt man sich damit nämlich auch einen weiteren Erkenntnisgewinn, indem man nicht die produktiven, performativen Effekte solcher diskursiven Zuschreibungen untersucht, sondern durch die Einziehung einer Grenze zwischen Kultur und Natur die historische Analyse an einem mehr oder weniger willkürlich gesetzten Punkt abbricht.

Zweitens wünscht man sich an manchen Stellen eine weitergehende Einbindung der Gesellschaft in die Untersuchung des Gehirns. Zum einen könnten so bestimmte Befunde wie die Rückkehr organizistischer Konzepte des Gehirns stärker kontextualisiert sowie die Diskontinuitäten und Differenzen zu deren früherem Auftauchen im Diskurs herausgestellt werden. Zum anderen könnte man auf diese Weise auch die Bedeutung gesellschaftlicher Entwicklungen für die Geschichte des Gehirns stärker in den Blick nehmen. So ließe sich etwa noch detaillierter untersuchen, inwiefern der aktuelle Boom der Neurowissenschaften sich gerade innerhalb einer neoliberalen Gouvernementalität entwickeln und verbreiten konnte.[3] Gleichwohl ist es eine beruhigende Erkenntnis, dass auch Hagners überzeugende Trilogie nicht das Ende der historischen Forschung zum Gehirn bedeutet.

Anmerkungen:
[1] Michael Hagner, Homo Cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn, Frankfurt am Main 2008 (1. Aufl. 1997).
[2] Ders., Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung, München 2007 (1. Aufl. 2004).
[3] Vgl. u.a. Sabine Maasen / Barbara Sutter (Hrsg.), On Willing Selves. Neoliberal Politics vis-à-vis the Neuroscientific Challenge, Basingstoke 2007.

Zitation
Jens Elberfeld: Rezension zu: : Der Geist bei der Arbeit. Historische Untersuchungen zur Hirnforschung. Göttingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12438>.
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24.03.2010
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