K.H. Spieß: Fürsten und Höfe im Mittelalter

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Titel
Fürsten und Höfe im Mittelalter.


Autor(en)
Spieß, Karl-Heinz
Erschienen
Darmstadt 2008: Primus Verlag
Umfang
144 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Schneider, Historisches Seminar, Universität Mainz

Eine vergleichend angelegte Monografie zu den deutschen Fürsten des Mittelalters, ihrer politischen Rolle im Reich, ihrer binnenständischen Kommunikation und auch zum Zuschnitt ihrer Höfe ist seit langem gefordert worden. So war und ist das inzwischen völlig veraltete Werk von Julius Ficker aus dem 19. Jahrhundert die einzige Arbeit mit umfassendem Anspruch zur Frage der Entstehung des deutschen Fürstenstandes.[1] Wichtige Aufschlüsse über die Heraushebung der Fürsten im 12. Jahrhundert hat immerhin kürzlich auf knappem Raum ein Aufsatz von Dietmar Willoweit gebracht[2], während vorwiegend verwaltungsgeschichtliche Aspekte der weiteren Entwicklung im Spätmittelalter durch das konzise wie erhellende Handbuch "Fürstliche Herrschaft und Territorium im Spätmittelalter" von Ernst Schubert behandelt wurden.[3]

Freilich sind es nicht jene in erster Linie verfassungshistorischen, verwaltungs- und politikgeschichtlichen Fragen rund um Fürstenstand und Fürstentum, die den Schwerpunkt der neuen Monografie von Karl-Heinz Spieß bilden. Vielmehr werden hier die derzeit aktuellen kultur- und sozialhistorischen Gesichtspunkte akzentuiert, jene Untersuchungsfelder also, die „die weltlichen Reichsfürsten in ihrer unterschiedlichen Zusammensetzung, in ihren Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen, in dem sozialen Bezugssystem des Hofes und in ihrem Zusammensein als Tisch-, Fest- und Trauergemeinschaft erkennen lassen“ (S. 7). Auch wenn Aspekte wie Malerei, Musik, Architektur oder Heraldik, aber auch die Historiografie nicht vorkommen, wie Spieß selbst zu Beginn vermerkt: Der Autor zieht hier auf 144 Seiten in souveräner Manier eine erste Summe aus den Forschungen und Publikationen, die in den letzten Jahren vor allem in seinem eigenen Umkreis sowie im Rahmen der Deutschen Residenzen-Kommission initiiert worden sind.

Der Publikationsort sowie die Aufmachung des Buches (effektvolle Bebilderung, mancherlei Schmuckelemente) und der Verzicht auf Fußnoten könnten nun allerdings auf den ersten Blick vermuten lassen, dass hier eine plakative Darstellung vorwiegend für das breite Publikum beabsichtigt ist. Dass das Buch weit mehr zu bieten hat, soll im Folgenden erläutert werden.

Insgesamt sechs Hauptabschnitte umfasst das Buch: Das erste, mit "Die Reichsfürsten" überschriebene Kapitel referiert den Forschungsstand zur Ausbildung des Reichsfürstenstandes im 12. Jahrhundert und beschreibt die Zusammensetzung und Stellung der Standesmitglieder im Spätmittelalter anhand verschiedener Kriterien wie politischem Gewicht, Angaben über regelmäßige Einnahmen, Konnubium und Sitzordnung bei Reichs- und Hoftagen. Zusätzlich hätten hier übrigens auch die Reichsmatrikeln als eine weitere, für die Leistungsfähigkeit der einzelnen Fürstentümer aussagekräftige Quellengruppe herangezogen werden können.

Das zweite Kapitel ist etwas vage mit "Die Fürstenhöfe" überschrieben. Denn eigentlich geht es hier mit der Ausbildung der Königs- und der Fürstenhöfe und der höfischen Kultur um die Anfänge des Phänomens im frühen und vor allem im hohen Mittelalter – einer noch vergleichsweise quellenarmen Zeit, die früher gleichwohl weithin das Bild von der ritterlich-höfischen Kultur des Mittelalters dominierte. Relativ rasch geht Spieß über diesen Zeitraum hinweg. Das ist freilich recht gut zu verschmerzen, bildet doch gerade diese Phase der höfischen Kultur den zeitlichen Schwerpunkt eines fast gleichzeitig erschienenen Buches von Werner Rösener zum selben Thema.[4]

Demgegenüber entfaltet Karl-Heinz Spieß in den folgenden drei Kapiteln ein breites Panorama der spätmittelalterlichen Hofkultur vorwiegend vom 14. bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Noch nie zuvor wurden die vielfach wenig bekannten und auch oft schwer zugänglichen einschlägigen Zeugnisse aus dieser Epoche in solcher Breite und in zugleich systematischer wie exemplarisch-vertiefender Weise ausgebreitet und analysiert. Die Thematik wird untergliedert in Kapitel über den Fürsten und seine Familie (Erziehung und Verhalten, Familienordnung wie Nachfolgeordnungen, Entscheidungen über weltliche oder geistliche Lebenswege, Paarbeziehung, Lebensverhältnisse der Witwen und Witwer, Beziehungen zwischen Familienangehörigen und Verwandten), über den Hof als sozialen Lebensraum (Funktionen des Hofes wie Verwaltung, Festkultur, Prinzenhof, Frauenzimmer, Witwenhof; Zusammensetzung des Hofes, Versorgung, Alltag) und über die Formen höfischer Repräsentation (Schatz, Hochzeiten, Begräbnis, Begängnis und Memoria). Stets bewegt sich die Darstellung quellennah und zugleich analytisch an den Fragestellungen des jeweiligen Kapitels entlang. Dies geschieht in einer immer präzisen, auch pointierenden und gelegentlich die Ironie streifenden Sprache, ohne jemals der Versuchung zum bloß Anekdotenhaften nachzugeben, auch wenn dies in vielen Fällen sicherlich verlockend wäre.

Ein letztes Kapitel hebt schließlich noch einige wichtige vergleichende Gesichtspunkte hervor und weist auf Forschungslücken hin. So wäre, wie Spieß betont, insbesondere auch eine nähere Erforschung der geistlichen Höfe (wie übrigens auch generell der geistlichen Funktionsträger bei Hofe) notwendig. Bei Spieß bleiben sie in seiner vorangehenden Darstellung weitgehend unberücksichtigt. Ob etwa die geistlichen Höfe wirklich weniger umfangreich waren als die weltlichen, wie Spieß anzunehmen scheint, ist eine offene Frage. Und weiter die Vernetzung der Höfe mit der jeweiligen Region, also die Frage, wie Hof und (Residenz-)Stadt, wie Hof und Kirche miteinander kommunizierten, wie hier der Personenaustausch funktionierte oder wie der jeweilige regionale Adel den Hof prägte und umgekehrt: Auch das sind Themen, die über die von Spieß genannten Desiderata hinaus noch weiterer Erforschung bedürfen.[5] Festzuhalten bleibt das beinahe „beruhigende“ Ergebnis, dass der deutsche Königshof im Rahmen des Reiches jedenfalls um 1500 (wieder?) führend war (S. 137). Die vergleichenden Seitenblicke auf die anderen europäischen Königs- und Fürstenhöfe sind dann nur noch sehr knapp gehalten. Am Schluss steht die interessante Beobachtung, dass der „gewaltsame Prunk“, die Übersteigerung der fürstlichen Magnifizenz des burgundischen oder auch des Mailänder Sforza-Hofes im 15. Jahrhundert von den deutschen Fürsten nicht aufgegriffen wurde, wofür Spieß als Erklärung eine gewisse Herablassung der deutschen Fürsten gegenüber jenen „Aufsteigern“ im Westen und Süden erwägt. Die kommunikationsgeschichtlich begründete These überzeugt durchaus, dass bei dieser gemeinsamen Zurückhaltung gegenüber der Übersteigerung höfischen Prunks die kontinuierlichen persönlichen Begegnungen der Kerngruppe der Fürsten im Reich des 15. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielten. Jedenfalls ist die mit den Besonderheiten der Ordnung des Reiches zusammenhängende resümierende Beobachtung sicher richtig, dass „bei allen Rangunterschieden im Detail und bei aller Hervorhebung der eigenen Dynastie […] die Reichsfürsten im Spätmittelalter eine rechtliche, soziale und spätestens seit der 1495 erfolgten Institutionalisierung des Reichstages auch eine politische Gemeinschaft [bildeten], die sie im Vergleich zu den anderen Fürsten Europas auszeichnete“ (S. 133).

Die beigegebenen zahlreichen Illustrationen erhöhen sicherlich einerseits noch die allgemeine Attraktivität des Buches. Sie verwässern aber leider andererseits seine inhaltliche Botschaft auch ein Stück weit, was hier noch kurz begründet werden soll (und möglicherweise gar nicht durch den Autor selbst zu verantworten ist): Zwar werden die Bilder in den beigegebenen Unterschriften jeweils gut erläutert, doch bleibt ihr Bezug zum eigentlichen Text vielfach in der Schwebe. Nur selten werden Aussagen des Textes durch ein Bild direkt belegt. Das muss noch kein Nachteil sein, wenn Bildebene und Textebene in ihrer Aussage übereinstimmen und sich so gegenseitig ergänzen. Es wird jedoch dann zum Manko, wenn der eigentliche Text durch die Bildauswahl wie in diesem Falle teilweise konterkariert wird. So sind Illustrationen aus dem burgundischen Raum, aus Italien und vom Habsburger Kaiserhof auf der Bildebene insgesamt überrepräsentiert, während doch gerade der Zuschnitt dieser Höfe im Text kaum behandelt, ja schließlich sogar als untypisch für die Mehrzahl der deutschen Fürstenhöfe jener Zeit bezeichnet wird.

Was jedoch den eigentlichen Text und selbstverständlich auch viele der Bildbeigaben anbelangt, so liegt hier ein zugleich forschungs- wie auch quellennahes Buch vor, das sowohl für interessierte Laien wie auch für einen vertieften Einstieg in die einschlägige Forschung sehr gut geeignet ist. Denn wenn auch Fußnoten fehlen, so erleichtern es doch die detaillierten Literatur- und Quellenangaben im Anhang sowie das umfangreiche Register in vielen Fällen, direkt zu den gedruckten Originaltexten oder auch der jeweiligen Spezialliteratur vorzustoßen, in der die betreffenden Zeugnisse behandelt werden. So ist hier ein Handbuch im besten Sinne entstanden, das nicht nur präzise informiert, sondern auch gut lesbar ist und das demonstriert, dass Originalquellen noch immer die beste Grundlage für eine geschichtliche Darstellung sind.

Anmerkungen:
[1] Julius Ficker, Vom Reichsfürstenstande. Forschungen zur Geschichte der Reichsverfassung zunächst im 12. und 13. Jahrhundert, 2 Bände, Innsbruck 1861–1923.
[2] Dietmar Willoweit, Fürst und Fürstentum in Quellen der Stauferzeit, in: Rheinische Vierteljahresblätter 62 (1999), S. 7–25.
[3] Ernst Schubert, Fürstliche Herrschaft und Territorium im späten Mittelalter, München 1996. Dazu auch die rechtsgeschichtliche Arbeit von Steffen Schlinker, Fürstenamt und Rezeption. Reichsfürstenstand und gelehrte Literatur im späten Mittelalter, Köln 1999.
[4] Werner Rösener, Leben am Hof. Königs- und Fürstenhöfe im Mittelalter, Ostfildern 2008.
[5] Eine Zusammenfassung des Forschungsstandes mit dem weiterführenden Hinweis auf die Notwendigkeit, künftig die jeweilige regionale Vernetzung der Höfe noch stärker zu berücksichtigen, jüngst bei Andreas Bihrer, Curia non sufficit. Vergangene, aktuelle und zukünftige Wege der Erforschung von Höfen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für Historische Forschung 35 (2008), S. 235–272. Zur Wechselbeziehung von Hof und Kirche vgl. die Studie des Rezensenten: Die Hofkapelle an Fürstenhöfen des spätmittelalterlichen Reiches, in: Werner Rösener / Carola Fey (Hrsg.), Fürstenhof und Sakralkultur im Spätmittelalter, Göttingen 2008, S. 41–67.

Zitation
Joachim Schneider: Rezension zu: : Fürsten und Höfe im Mittelalter. Darmstadt  2008 , in: H-Soz-Kult, 30.09.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12456>.
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Veröffentlicht am
30.09.2009
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