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Titel
Den Krieg überwinden. Geschichtsschreibung im Dienste des Friedens und der Aufklärung


Autor(en)
Riesenberger, Dieter
Erschienen
Bremen 2008: Donat Verlag
Umfang
443 Seiten
Preis
€ 29,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Reinhold Lütgemeier-Davin, Kassel

Einen Querschnitt durch sein wissenschaftliches Schaffen bietet der emeritierte Geschichtsdidaktiker und Zeithistoriker an der Universität Paderborn Dieter Riesenberger mit einer Auswahl seiner Schriften. Die Geschichte der deutschen Friedensbewegung, insbesondere des katholischen Zweigs, die karitative und politische Tätigkeit des Roten Kreuzes, die Aufklärung über die Folgen eines Giftgaskrieges, biographische Studien zu Vorreitern der deutsch-französischen Verständigung und zu politischen Außenseitern bilden seine Themenfelder. Darüber hinaus sind eine lokalgeschichtliche Studie über die westfälische Kleinstadt Salzkotten, ein Abriss zum deutsch-polnischen Verhältnis und zur Krise in Österreich vor dem sogennanten Anschluss ans Reich berücksichtigt. Grundtenor aller Studien, der sich auch im Titel wie Untertitel des breit gefächerten Bandes findet, sind die Aspekte Friedenssicherung bzw. Friedensgefährdung.

Die Analyse der Geschichte des deutschen Pazifismus und insonderheit seiner katholischen Ausformung war lange Zeit das wissenschaftliche Hauptinteresse des inzwischen siebzigjährigen Autors. Sein Aufsatz „Zur Geschichte des Pazifismus von 1800 bis 1933“ liefert einen knappen instruktiven, thesenartig verdichteten Abriss über Stationen bürgerlicher Friedensarbeit, der, wenn man eine Vertiefung wünscht, auf umfassende Recherchen in seinem Standardwerk über diese Thematik aus dem Jahr 1985 verweist.[1]

Die Beschäftigung mit katholischer Militarismuskritik im Kaiserreich ist eine prägnante Ergänzung zu seiner 1976 erschienenen Dissertation.[2] Die allgemeine Wehrpflicht, das konservativ-preußische Beamtentum und die „Großgeldpolitik“ waren in den Augen der katholischen Kritik die Stützen des preußisch dominierten Deutschen Kaiserreichs. Militärischer Drill sei ein Ersatz für die „fehlende moralisch-religiöse Einheit“ – so lautete die Analyse katholischer Militarismuskritiker, die aus der Perspektive eines konservativen und rückwärtsgewandten Staats- und Gesellschaftsbildes urteilten und dem Zurückdrängen des katholischen Einflusses in Deutschland seit 1866 nachtrauerten. Die ausgeprägt antipreußische Tendenz hat – so lässt sich aus den Ausführungen des Autors schlussfolgern - nicht dazu geführt, dass sich katholische Militarismuskritiker mit liberalen oder gar sozialistischen verbündet hätten; die Vorbehalte gegen den Militarismus allein boten offensichtlich keine hinreichende Basis, um die erheblichen weltanschaulichen, gesellschaftlichen, staats- und verfassungspolitischen Differenzen zu überbrücken.

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten hat Dieter Riesenberger die Geschichte des internationalen und des Deutschen Roten Kreuzes erforscht.[3] Besonders umfangreich ist die Studie über den deutschen Zweig von den Anfängen bis zur Wiedervereinigung ausgefallen.[4] Dabei ist es dem Autor trotz recht schwieriger Quellenlage gelungen, die Verbandsgeschichte den politischen, militärischen, ökonomischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert zuzuordnen und dies mit einem lesbaren kritisch-analytischen Zugriff zu verbinden, der das Bemühen des Roten Kreuzes, sich um „im Felde verwundete und erkrankte Soldaten“ zu kümmern, umfassend würdigt, zugleich aber dessen Staatsnähe und seine die beiden Weltkriege verlängernde Rolle durch die Soldatenversorgung und Heilung von Verwundungen nicht verschweigt. Den Beitrag des Verbandes zur Frauenemanzipation - geradezu ein zwangsläufiger Ausfluss des Einsatzes von Krankenpflegerinnen im Feld - stellt Riesenberger als besonders fortschrittlich heraus.

Im vorliegenden Band selbst weist Riesenberger nach, „dass der moderne Krieg mit seinem massenhaften Verschleiß von Menschen und Material der wichtigste Förderer der Krankenpflege war“ (S. 93), dass sich die Krankenpflege als bürgerlicher Beruf etablieren konnte, sich aber zugleich die weltliche Krankenpflege militarisierte. Die Notwendigkeit, verstärkt Frauen in der Krankenpflege einzusetzen, zeitigte eine emanzipatorische Wirkung: die Krankenpflege wurde fachlich intensiviert und professionalisiert – dies führte zu einem vermehrten gesellschaftlichen Ansehen des Pflegeberufs generell.

Riesenberger veranschaulicht, dass sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz für die Hegung, Eindämmung und Humanisierung des Krieges eingesetzt hat, dass sich aber im Zuge der Anwendung von Massenvernichtungswaffen seit dem Ersten Weltkrieg die Organisation zu eindeutigen Stellungnahmen mit kriegsverhindernder Tendenz genötigt sah. Damit sprengte das Internationale Rote Kreuz zwar seinen rein karitativ-kurativen Charakter, ohne allerdings wirklich zu einem Verband zu werden, der umfassend Kriegsverhütung betrieb. Das Internationale Rote Kreuz als dreimaliger Träger des Friedensnobelpreises verstand sich keineswegs als Teil einer weltumspannenden Friedensbewegung. Dennoch warnte es vor den Folgen eines Giftgaskrieges und setzte sich für das Verbot von Massenvernichtungswaffen ein. Zwar blieb das Internationale Rote Kreuz gemeinhin gegenüber spezifischen Aktionen für den Frieden skeptisch. Die internationale Ausrichtung einerseits, die Intensivierung des Krieges andererseits führten allerdings zur Selbstverpflichtung der Organisation, den Frieden zu bewahren und zu festigen. Frieden wurde dabei nicht nur als Abwesenheit von Krieg verstanden, sondern als ein „dynamischer Prozeß der Zusammenarbeit zwischen den Staaten und Völkern, gegründet auf Freiheit, Unabhängigkeit, nationaler Selbstbestimmung, Gleichheit, Achtung vor den Menschenrechten, aber auch [auf] der gerechten Verteilung der Ressourcen, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen“ (S. 162). Insofern sei – so Riesenberger - das Internationale Rote Kreuz „ein unentbehrlicher Faktor des Friedens in der Welt“ (S. 162) geworden. Der Vorbereitung der Rückführung deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion durch das Internationale Rote Kreuz ist ein weiterer Beitrag gewidmet.

Aus dem Themenfeld „Geschichte des Pazifismus“ wurde ein Beitrag ausgewählt, der sich mit der Emigration deutscher Friedensfreunde im Ersten Weltkrieg in die Schweiz beschäftigt, insbesondere mit der Rolle der „Freien Zeitung“. Weitere behandeln die Friedensbewegung in der Weimarer Republik und den Friedensbund Deutscher Katholiken, zeichnen die Rolle der Chemikerin Gertrud Woker in ihrem Kampf gegen die Entwicklung von Giftgasen nach, stellen den Zionisten und Pazifisten Hans Kohn, den pazifistischen Reichsbannermann Hermann Schützinger und die Verdienste des Abbé Franz Stock um die deutsch-französische Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit vor. Im weitesten Sinn gehört zu diesem Themenfeld auch ein Aufsatz über die Belastungen des deutsch-französischen Verhältnisses durch den „Fall Rouzier“ in Germersheim 1926, also im besetzten deutschen Gebiet, und die Rolle Gustav Stresemanns hierbei.

Unerfindlich bleibt, nach welchen Kriterien die Entscheidung über die Reihenfolge der einzelnen Beiträge gefällt wurde. Weder eine Gliederung nach Entstehungsdatum noch nach Themen ist erkennbar. Weshalb Aufsätze zum Roten Kreuz, zur Friedensbewegung, zu einzelnen Persönlichkeiten nicht in separaten Kapiteln zusammengefasst wurden, lässt sich nicht erschließen. Dass sich kein unterrichtspraktischer Beitrag des Geschichtsdidaktikers Riesenberger findet, mag man bedauern, ebenso, dass auf Beiträge zur DDR-Geschichte aus seiner Feder verzichtet wurde. Schade, dass der Band auch auf ein Schriftenverzeichnis des Autors verzichtet und seine Person in aller Bescheidenheit sehr in den Hintergrund tritt, obgleich das Werk gewiss aus Anlass seines 70. Geburtstages durch den Bremer Donat-Verlag realisiert wurde.

Es bleibt: Ein lesenswertes, sehr gefällig und solide ediertes Buch, aufgeschlüsselt durch einen Personennamenindex; ein Buch, das vielleicht manchen Leser anregt, zur einen oder anderen gewichtigen Studie des Autors zu greifen; ein Buch, das einen guten Ein- und Überblick gewährt über ein bisher sehr ertragreiches Forscherleben.

Anmerkungen:
[1] Dieter Riesenberger, Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1933, Göttingen 1985.
[2] Dieter Riesenberger, Die katholische Friedensbewegung in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1976.
[3] Dieter Riesenberger, Das Internationale Rote Kreuz 1863-1977. Für Humanität in Krieg und Frieden, Göttingen 1992.
[4] Dieter Riesenberger, Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864-1990, Paderborn 2002.

Zitation
Reinhold Lütgemeier-Davin: Rezension zu: : Den Krieg überwinden. Geschichtsschreibung im Dienste des Friedens und der Aufklärung. Bremen  2008 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12519>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.03.2009
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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