Titel
Das Mittelalter in der Moderne. Die öffentliche Erinnerung an Kaiser Ludwig den Bayern im Königreich Bayern


Autor(en)
Murr, Karl Borromäus
Erschienen
München 2008: C.H. Beck Verlag
Umfang
CXVIII, 612 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doris Bulach, Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii, Abt. Ludwig der Bayer, Monumenta Germaniae Historica

Rückgriffe auf „das Mittelalter“ und mittelalterliche Kaisergestalten boomen. In kaum einer größeren Stadt fehlt es an einem saisonalen „Mittelalter-Markt“ oder einem „Mittelalterspektakel“, und die groß angelegte ZDF-Reihe „Die Deutschen“, in der neben lebenden Historikern auch Otto I., Heinrich IV. und Friedrich I. wegbereitende Rollen im „Königreich der Deutschen“ spielen durften, fand eine große Öffentlichkeit. Lassen sich Verbindungen herstellen zwischen den aktuellen Erscheinungen öffentlicher Geschichtskultur und der Konjunktur, die breitenwirksame Darstellung und öffentliche Inszenierung mittelalterlicher Geschichte im 19. Jahrhundert erfuhren?

Die hier zu besprechende Münchener Dissertation von Karl Borromäus Murr untersucht die öffentliche Erinnerung an Kaiser Ludwig IV. (1281/2-1347) in Bayern bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Als methodisches Instrument seiner Untersuchung nutzt Murr in erster Linie das Konzept Jörn Rüsens zur „Geschichtskultur“, mit der er neuzeitliche Erinnerungsphänomene „im Spannungsfeld von wissenschaftlichen, politischen und Sinnbildungsleistungen“ besonders gut zu fassen hofft (S. 26). Ausgehend von den Überlegungen Rüsens verfolgt Murr das Ziel, die Erinnerungsgeschichte Ludwigs des Bayern in ihrer wissenschaftlichen, politischen und ästhetischen Dimension zu betrachten und den „öffentlichen Umgang mit der Geschichte Kaiser Ludwigs im Königreich Bayern herauszuarbeiten“. Dies, so sei vorangestellt, gelingt ihm überzeugend. Formen und Funktionen der Erinnerungsgeschichte Kaiser Ludwigs werden nicht nur anhand der staatlich-monarchischen, sondern auch anhand bürgerlich-kommunaler Rezeption analysiert. Zudem berücksichtigt der Verfasser nicht nur historiographische, publizistische und staatliche Quellen, sondern ebenso künstlerische wie literarische wozu Bestände aus 25 bayerischen Dorf-, Stadt und Staatsarchiven herangezogen wurden.

Mit einem vorgegebenen Frageraster will Murr den öffentlichen Umgang mit der Geschichte Ludwigs des Bayern systematisch erschließen und ihn zugleich als „Kompaß“ nutzen, um den „vielschichtigen Formationsprozeß bayerischer Identität im langen 19. Jahrhundert“ zu analysieren (S. 29f.). Dem jungen Königreich gelang es innerhalb dieses Jahrhunderts, von einem aus verschiedenen alten Herrschaften zusammen gewürfelten Land mit wenig ausgebildetem bayerischen Zusammengehörigkeitsgefühl zu einem solchen mit weit verbreitetem „Nationalgefühl“ zu werden, was 1865 selbst Bismarck Anerkennung abrang (S. 31). Die bayerische Identität war und ist ein Produkt von bewussten Handlungen und von Kommunikationsstrategien. Damit ordnet sich Murrs Arbeit überzeugend in neuere Forschungsansätze ein, die im Gegensatz zur preußisch geprägten Geschichtsdeutung alternative Identitätsstrukturen in deutschen Einzelstaaten stärker in den Blick nimmt, die auch noch nach der Reichsgründung 1871 in Konkurrenz zum Gefühl der Zugehörigkeit zur deutschen Nation standen. Die von Murr hervorragend dargestellte Instrumentalisierung Ludwigs des Bayern war jedoch nur eine von verschiedenen absichtsvollen Strategien, eine Identifizierung der Bürger mit der bayerische Monarchie und dem Staat zu erreichen. Hier wäre eine stärkere Einordnung in weitere Strategien, wie sie Manfred Hanisch herausgearbeitet hat[1], wünschenswert gewesen.

Einer Erläuterung der klug durchdachten Fragestellung und des klar strukturierten Aufbaus der Arbeit (S. 1-36) folgen vier Kapitel. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die „politische Entdeckung Kaiser Ludwigs zur Legitimitätsstiftung des Bayerischen Königreichs 1806-1825“ (S. 66-183) und Ludwig der Bayer „im Dienst der inneren Integration Bayerns zur Zeit Ludwigs I. 1825-1848“ (S. 184-423). Dabei wird neben der Aneignung der Symbolfigur Ludwig durch die Monarchie auch diejenige durch Landstädte und ehemalige Reichsstädte beleuchtet. Diese chronologisch angeordneten Kapitel werden eingerahmt durch zwei weitere, die die „Kaiser-Ludwig-Rezeption“ in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (S. 37-65) und „Aspekte der Erinnerungsgeschichte 1848-1918“ im Blick haben (S. 424-496). Ein abschließender Teil widmet sich Ergebnissen und Perspektiven (S. 497-535).

In seiner Untersuchung geht es Murr nicht um ein losgelöstes „kollektives Gedächtnis“ und dessen Erinnerung an Ludwig IV., sondern er stellt die politisch, institutionell und sozial verorteten Akteure in den Fokus seiner Arbeit und bemüht sich, ihre Wirkabsichten, aber auch deren Adressatenkreise zu rekonstruieren. Dabei werden die jeweils genutzten Medien beleuchtet und Professionalisierungs- und Institutionalisierungsvorgänge bei der öffentlichen Erinnerung an den Kaiser geprüft. Zudem stellt Murr den in der Art der Erinnerung an den Kaiser des 14. Jahrhunderts sichtbar werdenden idealen Ordnungsvorstellungen der politisch-sozialen Realität der jeweiligen Zeit vergleichend gegenüber.

Die moderne Geschichtskultur entwickelte sich in ihrer kognitiven Dimension, so Murr, vor allem mit der Durchsetzung der historisch-kritischen Methode – eine Entwicklung, die in Bayern erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Abschluss kam, was Murr unter anderem am Umgang der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit der Figur Ludwigs IV. aufzeigt. Ergänzend sei hier vermerkt, dass zahlreiche dieser kognitiven Aneignungen bis heute fortleben. So wird beispielsweise die an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1842 begonnene Sammlung von Urkunden Ludwigs IV. seit 1967 und sicher noch bis 2015 bei den Regesta Imperii fortgeführt.

Die politische Dimension der Geschichtskultur, die im Zentrum der Untersuchung steht, wird bei der Legitimation von Herrschaft am sichtbarsten, zu der der Rückgriff auf den mittelalterlichen Kaiser in unterschiedlicher Weise erfolgte. Murr arbeitet dabei deutlich heraus, dass Ludwig sich für ganz widersprüchliche Deutungen nutzen ließ. Er stand innerhalb des Jahrhunderts als Symbolfigur für Antiaustriazismus aber auch für die Versöhnung mit Österreich, galt als antipäpstlich oder als sich um die Kirche sorgender Kaiser, wurde als Symbolfigur herangezogen für eine bayerisch-einzelstaatliche oder eine deutsch-nationale Identität. Dabei lässt sich innerhalb des Jahrhunderts eine Verlagerung von einer monarchischen hin zu einer bürgerlichen Initiative der Erinnerungskultur feststellen. Auch die Bemühungen der bayerischen Herrscher, ein bayerisches Nationalgefühl zu schaffen, sind zwar in der heutigen Geschichtskultur als solche vergessen, aber in ihren Nachwirkungen bis heute erkennbar. Die eng mit den beiden anderen Dimensionen verknüpfte ästhetische Dimension macht Murr anhand von Gemälden, Illustrationen, Romanen und Theaterstücken deutlich, die sich die Figur Ludwig der Bayer auf unterschiedliche Weise aneigneten.

In seiner Zusammenfassung betont Murr, dass auch im 19. Jahrhundert angeblich „vormoderne“ Vorstellungen weiter aktuell blieben, seien es Totenmemoria, Sagen, die Verklärung von mit Ludwig dem Bayern in Verbindung stehenden Überresten oder die Beschwörung von Treuekonzepten (S. 530f.). Umgekehrt kann er jedoch auch zeigen, dass das von Rüsen nur auf die Moderne hin gedachte Konzept der Geschichtskultur mit allen seinen Komponenten auch für das Mittelalter und die frühen Neuzeit angewendet werden kann. Hier stellt sich die Frage, ob man gerade angesichts eines solchen Befundes über das Festhalten an der strengen Unterscheidung zwischen vormodern und modern nachdenken sollte, anstatt den „vormodernen“ Überhang in das 19./20. Jahrhundert zu rechtfertigen (S. 535f.).

Im 19. Jahrhundert entdeckte, wie Murr klar und gut lesbar herausgearbeitet hat, sowohl die Monarchie als auch die bayerische Bildungsschicht das Mittelalter als Epoche der eigenen Geschichte, die sich zur historischen Selbstvergewisserung eignete (S. 4). Mit seinem Werk legt Murr am Beispiel des Umgangs mit Ludwig dem Bayern so einerseits die kognitive, politische und ästhetische Dimension der Geschichtskultur des 19. Jahrhundert offen, gleichzeitig kann seine Arbeit aber auch zu Reflexionen über den heutigen Umgang mit der mittelalterlichen Geschichte und ihren Akteuren anregen.

Anmerkung:
[1] Manfred Hanisch, Nationalisierung der Dynastien oder Monarchisierung der Nation? Zum Verhältnis von Monarchie und Nation in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Adolf M. Birke (Hrsg.), Bürgertum, Adel und Monarchie. Wandel der Lebensformen im Zeitalter des bürgerlichen Nationalismus, München 1989, S. 71-91, und Manfred Hanisch, Für Fürst und Vaterland. Legitimitätsstiftung in Bayern zwischen Revolution 1848 und deutscher Einheit, München 1991.

Zitation
Doris Bulach: Rezension zu: : Das Mittelalter in der Moderne. Die öffentliche Erinnerung an Kaiser Ludwig den Bayern im Königreich Bayern. München  2008 , in: H-Soz-Kult, 04.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12549>.