J. Adamski: Ärzte des sozialen Lebens

Cover
Titel
Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946-1969


Autor(en)
Adamski, Jens
Erschienen
Essen 2009: Klartext Verlag
Umfang
271 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus M. Payk, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Zahlreiche Studien zur (Wissenschafts-)Geschichte der Soziologie und der empirischen Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert haben auf die Bedeutung der Sozialforschungsstelle Dortmund hingewiesen, konnten sich dabei aber in der Regel nur auf verstreute Erinnerungsliteratur stützen.[1] Umso mehr schossen Gerüchte und Spekulationen ins Kraut, wobei insbesondere der Blick auf das leitende Personal zu der Vermutung führte, dass es sich bei dem Dortmunder Institut um ein Reservat nationalsozialistisch belasteter Wissenschaftler gehandelt habe, wenigstens aber um eine Agentur konservativer Soziologie.

Es ist das Verdienst der aus einer Bochumer Dissertation hervorgegangenen Studie von Jens Adamski, diese unklare Gemengelage weitgehend aufgeklärt und sie durch abgewogene, aus den Akten und Archivalien der Sozialforschungsstelle gewonnene Befunde ersetzt zu haben. Zugleich leistet die Untersuchung einen Beitrag zur seit den 1980er-Jahren geführten Diskussion um Kontinuität und Neubeginn in der empirischen Sozialforschung nach 1945: Handelte es sich bei den nach dem Krieg etablierten Forschungsansätzen der empirischen Sozialforschung um einen amerikanisch inspirierten, demokratischen Neuanfang des Faches, welches nach 1933 in Deutschland faktisch nicht mehr präsent gewesen sei? Oder dominierten Kontinuitäten zur NS-Sozialforschung, die sich über einzelne Personen und Schulen hinaus bis in methodische Präferenzen und theoretische Prämissen erstreckten?

Ausgehend von diesem Diskussionshintergrund, den Adamski in der Einleitung kurz zusammenfasst, wird die Geschichte der Sozialforschungsstelle in vier Hauptkapiteln analysiert. Den Beginn macht zunächst ein Kapitel zum Gründungsprozess, der maßgeblich auf den 1902 geborenen Sozial- und Arbeitswissenschaftler Otto Neuloh zurückging. Mit hohem persönlichem Engagement versuchte Neuloh, der in der Weimarer Republik Sozialdemokrat gewesen war, sich aber nach 1933 pragmatisch an die veränderten Machtverhältnisse anzupassen gewusst hatte, nach Kriegsende ein Institut zur Erforschung der sozialen Realität des zerstörten Landes aufzubauen. Die im Frühjahr 1946 in Dortmund gegründete Sozialforschungsstelle sollte das bildungs- und forschungspolitisch lange vernachlässigte Ruhrgebiet aufwerten und dabei möglichst unabhängig von Politik, Parteien oder Verbänden arbeiten. Trotz realer Selbstständigkeit versicherte man sich daher der akademischen Rückbindung, indem das Institut formal als „Außenstelle des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Münster“ eingerichtet wurde (S. 44).

Diese außer- oder halbuniversitäre Stellung ermöglichte auch die Beschäftigung solcher Personen, für die sich an den Universitäten zunächst keine Perspektiven ergaben. Im nachfolgenden Kapitel widmet sich Adamski daher den „verdeckten Wurzeln der bundesdeutschen Sozialforschung“ (S. 65), wobei die personellen Kontinuitätslinien anhand von zwei Fällen exemplarisch vertieft werden. So kann der Autor im Fall von Wilhelm Brepohl zeigen, dass dieser seine bereits während der 1930er-Jahre entwickelte, gewagte These eines eigenständigen „Industrievolks“ des Ruhrgebiets in der Bundesrepublik weitgehend unverändert fortschrieb. Auch neue empirische Daten wurden stets durch „Rückgriff auf einseitige ideologische Interpretationsmuster und ‚organische’ Sozialentwürfe“ überlagert (S. 103).

Als Gegenbeispiel wird die Integration des Harkort-Instituts in die Sozialforschungsstelle präsentiert. Hierbei handelte es sich ebenfalls um einen aus der NS-Zeit herrührenden Forschungsschwerpunkt, dessen Protagonisten – darunter Carl Jantke und Gunther Ipsen – sich indes von explizit völkischen Ideologemen stillschweigend verabschiedeten und eher an einer harmonisierenden Stabilisierung der Gesellschaft interessiert waren. Davon zeugt unter anderem die intensiv betriebene Großstadtforschung, welche über hergebrachte kulturpessimistische Muster hinauswies. Diese starke Tendenz einer „Versozialwissenschaftlichung“, so beobachtet Adamski, erfasste auch die historisch angelegten Vorhaben an der Sozialforschungsstelle.[2]

Mittelfristig konnte sich die Geschichtswissenschaft in Dortmund gleichwohl nicht etablieren, und es liegt nahe, dies auch dem pragmatischen Gegenwartsbezug zuzuschreiben, der den Ansatz und Arbeitsstil der Sozialforschungsstelle prägte, wie im nachfolgenden Kapitel hervorgehoben wird. Dabei grenzt sich Adamski zunächst in zweifacher Weise von wissenschaftsgeschichtlichen Forschungen der letzten Jahre ab: Weder dem Generationen- noch dem Netzwerkansatz wird ein hinreichendes Erklärungspotenzial zugemessen. Stattdessen hebt der Autor vor allem die Konvergenz von anwendungsorientierter Sozialforschung und konservativem Stabilisierungsinteresse hervor, welche das Institut während der 1950er-Jahre beherrscht habe – eine Motivation übrigens, die in der jüngeren Forschung nicht mehr als restaurative Blockadehaltung beklagt, sondern durchaus gewürdigt wird.[3] Aus dieser These wird zudem der Titel der Untersuchung verständlich: Die Sozialforscher sahen sich in erster Linie als Sozialmediziner, welche am Krankenbett einer Gesellschaft standen, deren Genesung nach den Fieberdelirien der ersten Jahrhunderthälfte keineswegs selbstverständlich war.

Das letzte Hauptkapitel beginnt mit dem Amtsantritt von Helmut Schelsky als wissenschaftlichem Direktor 1960 und endet, damit untrennbar verknüpft, mit der Auflösung der Sozialforschungsstelle zum Jahresende 1969. Schelsky, dessen im Jahr 1943 vorgesehene Erstberufung an die Reichsuniversität Straßburg wegen des Kriegs nicht zustande gekommen war und der ab 1948 in Hamburg lehrte, stammte einerseits aus den Sozialwissenschaften der NS-Zeit. Andererseits hatte er sich in den 1950er-Jahren als innovativer Soziologe mit beachtlicher gesellschaftlicher Breitenwirkung etablieren können, so dass seine Berufung als wissenschaftlicher Leiter der Sozialforschungsstelle durchaus als Modernisierung verstanden werden konnte. Denn während die Protagonisten der Gründerzeit allmählich in den Ruhestand gingen – oder auch dorthin gedrängt wurden, wie Adamski am Beispiel von Gunter Ipsen aufzeigt (S. 174) –, ordnete Schelsky das Dortmunder Institut neu. Weder die spezifische Stabilisierungsabsicht noch die theoretische Abstinenz der ersten Jahre hielt er angesichts der westdeutschen Gegenwart noch für zwingend. Stattdessen forcierte er eine stark soziologisch angeleitete Grundlagenforschung, die auch inhaltlich neue Schwerpunkte setzte, so durch eine Abteilung für „Soziologie der Entwicklungsländer“.

Diese Neuausrichtung fiel in eine Zeit, welche der Soziologie als Universitätsfach eine erhebliche Ausdehnung bescherte; die Zahl der Lehrstühle wuchs von fünf im Jahr 1950 auf 69 im Jahr 1970. Angesichts dieser rapiden Expansion konnte auch Schelskys „beinahe unmäßige“ Habilitationspraxis (S. 167) nicht verhindern, dass die Sozialforschungsstelle in der Konkurrenz zu den universitären Aufstiegsmöglichkeiten immer öfter das Nachsehen hatte. Bereits die Durchführung mehrjähriger Projekte war durch die personelle Fluktuation nur noch eingeschränkt möglich. Als Schelsky zudem für den Vorsitz des Gründungsausschusses der Universität Bielefeld berufen wurde, war es eine fast zwangsläufige Schlussfolgerung, das außeruniversitäre nun selbst in ein universitäres Institut umzuwandeln. Gegen den erbitterten Widerstand der Stadt Dortmund transformierte sich die Sozialforschungsstelle in die neue Bielefelder Fakultät für Soziologie, für die Schelsky in einem ersten Konzeptpapier nicht weniger als zwölf Ordinariate mit 46 Assistenten vorgesehen hatte (S. 199).

Zum 31. Dezember 1969 endete damit die Geschichte des Dortmunder Instituts, auch wenn das Land Nordrhein-Westfalen kurze Zeit später eine Nachfolgeeinrichtung unter gleichem Namen gründete. In seinem knappen Fazit resümiert Adamski die Befunde seiner Hauptkapitel, und es ist ihm uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er die konservativ getönte Harmonisierungs- und Stabilisierungsabsicht der Sozialforscher hervorhebt. Zugleich wird hier nochmals deutlich, dass es vor allem die stets selbstbewusst hervorgehobene Anwendungsorientierung der Forschungen war, also der praktische Nutzen der durchgeführten empirischen Erhebungen für Staat, Verwaltung und Verbände, welche eine Kontinuität von Personen und Denkmustern auch über vermeintlich schroffe Zäsuren hinweg sichern konnte.

Im Ganzen hat Adamski eine solide Studie vorgelegt, die bislang verstreute Befunde und unsichere Aussagen zur Sozialforschungsstelle konzise zusammenbindet und sie anhand der Akten präzisiert. Die Argumentation fällt angenehm differenziert aus, auch wenn hier und da eine etwas entschiedenere These dem Buch gutgetan hätte. Daneben hätte manche wichtige Literatur noch Berücksichtigung finden können, angefangen von Lutz Raphaels programmatischem Aufsatz über die Verwissenschaftlichung des Sozialen bis zu Jerry Z. Mullers großer Studie über Hans Freyer, dessen mächtiger Schatten zu blass bleibt. Gleichviel: Wer sich künftig mit der Geschichte der westdeutschen Sozialforschung beschäftigen will, wird an diesem Buch nicht vorbeigehen können, und vielleicht wird er daneben auch zu jenem hilfreichen Findbuch greifen, das derselbe Autor zu den Beständen der Sozialforschungsstelle vorgelegt hat.[4]

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Johannes Weyer, Westdeutsche Soziologie 1945–1960. Deutsche Kontinuitäten und nordamerikanischer Einfluß, Berlin 1984, S. 207ff.; Paul Nolte, Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 253ff.; Christoph Weischer, Das Unternehmen „Empirische Sozialforschung“. Strukturen, Praktiken und Leitbilder der Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland, München 2004, S. 63ff.
[2] Dies bestätigt die Befunde über die Sozialforschungsstelle bei Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001, S. 141ff., S. 197-209, S. 271.
[3] So Nolte, Ordnung, S. 254.
[4] Jens Adamski, Findbuch zum Bestand der „Sozialforschungsstelle an der Universität Münster, Sitz zu Dortmund“ im Archiv der Sozialforschungsstelle Dortmund (sfs), Dortmund 2008, online unter <http://www.sfs-dortmund.de/odb/Repository/Publication/Doc/1181/badf_band_166.pdf> (14.7.2009).

Zitation
Marcus M. Payk: Rezension zu: : Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946-1969. Essen  2009 , in: H-Soz-Kult, 17.08.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12621>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.08.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation