N. Piquet: Charbon - Travail forcé - Collaboration

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Titel
Charbon - Travail forcé - Collaboration. Der nordfranzösische und belgische Bergbau unter deutscher Besatzung, 1940 bis 1944


Autor(en)
Piquet, Nathalie
Erschienen
Essen 2008: Klartext Verlag
Umfang
373 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fabian Lemmes, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Das wichtigste Desiderat der Forschung zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus ist nach wie vor der Arbeitseinsatz in den von Deutschland besetzten Gebieten. Insofern gehört es zu den großen Verdiensten des am Bochumer Institut für soziale Bewegungen von 2000 bis 2005 durchgeführten Projektes "Zwangsarbeit im deutschen Kohlenbergbau", von Beginn an über die Reichsgrenzen hinausgeblickt und die besetzten Territorien systematisch einbezogen zu haben.[1] Ausdruck dieses erweiterten Fokus ist auch Nathalie Piquets Dissertation, die den nordfranzösischen und belgischen Bergbau unter deutscher Besatzung untersucht.

Die Entscheidung, die Kohlereviere Belgiens und Nordfrankreichs – genauer: der nordfranzösischen Departements "Nord" und "Pas-de-Calais" – im Rahmen einer gemeinsamen Studie zu behandeln, ist plausibel und zugleich innovativ. Wie das Nachbarland war die Region Nord-Pas-de-Calais hoch industrialisiert; insbesondere bildete sie das Zentrum der französischen Steinkohleproduktion mit einem Anteil von 60 Prozent an der nationalen Förderung der Vorkriegszeit. Dies weckte in besonderem Maße die Begehrlichkeiten der Besatzungsmacht, die zur Fördererhöhung im nordfranzösischen und belgischen Bergbau auch sowjetische Zwangsarbeiter zum Einsatz brachte, was in den besetzten Westgebieten sonst nur bei Bauvorhaben von Wehrmacht und Organisation Todt üblich war. Darüber hinaus unterstand die Region Nord-Pas-de-Calais nicht wie das übrige besetzte Frankreich dem Militärbefehlshaber in Paris, sondern zusammen mit Belgien dem Militärbefehlshaber in Brüssel. Gleichwohl gibt es bisher kaum Studien, die Belgien und Nordfrankreich gemeinsam untersuchen, sei es als administrative Einheit oder im Stile eines kontrastierenden Vergleichs.

Geleitet wird die Untersuchung von der Frage, welchen Einfluss die deutsche Besatzung auf den nordfranzösischen und belgischen Bergbau hatte und ob sich insbesondere die "Verhältnisse zwischen Staat, Unternehmern und Arbeitern infolge direkter oder indirekter Einflussnahme der Okkupation und der Okkupanten" änderten (S. 12). Ins Blickfeld rückt damit die Interaktion von Arbeitgebern, Besatzungsbehörden und Arbeiterschaft, während thematisch die Beschäftigungspolitik und besonders der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Zentrum stehen. Hierfür zieht Piquet umfangreiches deutsches, französisches und belgisches Archivmaterial heran, das die Perspektiven von Okkupanten und Okkupierten gleichermaßen zum Ausdruck kommen lässt. Ausgewertet wird vornehmlich Verwaltungsschriftgut auf unterschiedlichen Ebenen, insbesondere für den französischen Fall ergänzt durch Unternehmensbestände einzelner Bergwerksgesellschaften. In Belgien liegt überlieferungsbedingt ein geographischer Schwerpunkt auf der Campine in der flämischsprachigen Provinz Limburg. Trotz einiger, oft kaum vermeidbarer Asymmetrien und Lücken stützt sich die Darstellung auf eine dichte und belastbare Quellenbasis.

Ist die länderübergreifende Perspektive grundsätzlich zu begrüßen, erweist sich die Erklärung des dabei verfolgten Ansatzes als weniger überzeugend. Dass es die Untersuchung der Besatzung Belgiens und Nordfrankreichs "als Einheit" ermöglicht, "die Besatzungsmethoden, aber auch die Reaktionen der Besetzten in einem supranationalen Rahmen zu analysieren und zu differenzieren" sowie hinsichtlich Quellen und Forschungsliteratur die (nord-)französische und belgische "Sichtweise mit der deutschen Sichtweise zu verknüpfen" (S. 16), ist doch etwas wenig (ob "supranational" hier der geeignete Begriff ist, erscheint im Übrigen fraglich). Hier hätte man sich mehr Klarheit bei Konzeptionalisierung und Zielsetzung gewünscht. Was in den anschließenden Kapiteln folgt, ist freilich eine stringente, überzeugende und höchst aufschlussreiche Studie.

Die Arbeit ist in vier Teile sehr unterschiedlicher Länge gegliedert. Während der erste Teil die Entwicklung des nordfranzösischen und belgischen Steinkohlebergbaus bis zum Zweiten Weltkrieg darstellt, werden im zweiten Teil die Grundzüge des deutschen Besatzungsregimes skizziert. Besonderes Augenmerk legt Piquet dabei auf die wirtschaftliche Bedeutung beider Gebiete für die deutsche Kriegswirtschaft und die Kooperation zwischen einheimischen Verwaltungen und Besatzungsbehörden. Aufschlussreich sind auch die aus Primärquellen erarbeiteten Ausführungen zur "Volksdeutschenbewegung" in Nordfrankreich. Den Kern der Untersuchung bildet der dritte, bei weitem umfangreichste Teil, der sich den "Arbeitsverhältnisse[n] und Arbeitsbeziehungen im Steinkohlebergbau" während der Besatzung widmet. Souverän werden hier deutsch-, französisch- und flämischsprachige Quellen und Literatur zu einer geschlossenen Darstellung verwoben. Im vierten Teil geht Piquet in Form eines Epilogs auf die Situation des Bergbaus nach der Befreiung, die "Säuberungen" und ihre Folgen ein. Skizziert wird hier auch der Masseneinsatz deutscher Kriegsgefangener – ein Aspekt, den man sich in einer Folgeuntersuchung vertieft wünscht.

Trotz identischer deutscher Ausbeutungsstrategie, die auf eine Steigerung der Förderung durch "extensive Ausnutzung der Arbeitskräfte" unter weitgehendem Verzicht auf Modernisierung zielte, brach die Förderung in Belgien um etwa 40 Prozent ein, während die nordfranzösischen Gruben das Vorkriegsniveau trotz ähnlich schwieriger Rahmenbedingungen nahezu aufrecht erhielten. Auch die Arbeitsbeziehungen entwickelten sich höchst unterschiedlich. Für diese Differenzen macht Piquet vor allem das Verhalten der Bergwerksunternehmer verantwortlich. So militarisierten die Unternehmer im Nord-Pas-de-Calais die Arbeitsbeziehungen mit Hilfe der Besatzungsmacht, übten entsprechend Druck auf Ingenieure und Steiger aus und gingen rücksichtslos mit den Belegschaften um, was dem "üblichen Führungsstil der nordfranzösischen Unternehmer" (S. 335) entsprach und von der Vichy-Regierung gefördert wurde. In Belgien zeigten sich die Unternehmer dagegen wesentlich konzilianter gegenüber den Belegschaften, hielten dem "Druck der Besatzer stand […], ohne die Bergarbeiterschaft zu drangsalieren" (S. 336), bemühten sich stärker um zusätzliche Lebensmittel, erhöhten die Arbeitszeiten kaum und unterstützten die illegalen Gewerkschaften. Einen wichtigen Grund für das unterschiedliche Verhalten sieht Piquet in den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs: Im Gegensatz zu den nordfranzösischen Bergwerksleitungen hatten sich die belgischen Unternehmer nach Kriegsende gegen massive Kollaborationsvorwürfe verteidigen müssen, denen sie nunmehr vorzubeugen suchten.

Ausführlich untersucht Piquet nicht nur die Lage der ausländischen Arbeitskräfte, sondern auch der einheimischen Bergarbeiter, wobei sie auf Arbeitszeit, Löhne, Strafsystem, Ernährung, Gesundheit und Protestverhalten eingeht. Auf die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen reagierte die Arbeiterschaft in beiden Ländern bereits 1940/41 (eine Rarität im deutsch besetzten Europa) mit massiven Streiks für bessere Verpflegung und Löhne. Im Gegensatz zu den belgischen Bergwerksleitungen unterstützten die Unternehmer im Nord-Pas-de-Calais die Forderungen ihrer Arbeiter nicht, vielmehr machten sie sich, wie Präfekten und Polizei, zu Komplizen einer Repression, die nicht zuletzt deshalb wesentlich brutaler ausfiel als im Nachbarland. Diese Haltung führte Piquet zufolge in Nordfrankreich zu einer nachhaltigen Verhärtung der Fronten zwischen Arbeiterschaft und Arbeitgebern, die trotz der Verstaatlichung der Gruben 1946 bis weit in die Nachkriegszeit wirksam blieb. Das Verhalten der nordfranzösischen Bergbauunternehmer sei, so schließt die Darstellung, mit dem Begriff "Kollaboration" treffend charakterisiert. Dem kann sich der Rezensent nur anschließen.

Verfügten die Bergwerksunternehmer gegenüber den Belegschaften durchaus über Handlungsspielräume, so hatten sie keinerlei Entscheidungsfreiheit, als die Militärverwaltung Mitte 1942 die Anlegung osteuropäischer Zwangsarbeiter gegen den Willen französischer wie belgischer Verwaltungen und Unternehmen durchsetzten. Als Vorbild dienten den Besatzungsbehörden die Erfahrungen im Ruhrbergbau, aufgrund derer der Einsatz sowjetischer Zwangsarbeiter mittlerweile als "'erfolgreiches' und 'exportfähiges' Beschäftigungsmodell" (S. 250) galt. So waren Anfang 1943 im belgischen und nordfranzösischen Bergbau rund 16.000 Zwangsarbeiter (sowjetische und serbische Kriegsgefangene sowie ukrainische Zivilarbeiter) beschäftigt, die knapp 5 Prozent der Belegschaften in Nordfrankreich und 2 bis 15 Prozent in den belgischen Revieren ausmachten. Sie erreichten indes zu keiner Zeit auch nur annähernd die Arbeitsleistung der Stammbelegschaften.

Im Vergleich zu den sowjetischen Zwangsarbeitern im deutschen Bergbau waren ihre Überlebenschancen in Belgien und Nordfrankreich deutlich besser, obgleich das Unfallrisiko ebenso hoch war und die Lebensmittelsätze nominal sogar niedriger lagen. Zurückzuführen ist dies auf bessere Fluchtchancen, weniger mörderische Ausbeutung der Arbeitskraft sowie die Unterstützung durch den Widerstand und die einheimische Bevölkerung, die den Zwangsarbeitern überwiegend sympathisierend gegenüberstand. Zwar kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen durch Belegschaftsmitglieder, aber nicht zu "exzessiven Gewalttaten" (S. 281) an Zwangsarbeitern, wie sie für den Ruhrbergbau belegt sind. Ein Massensterben sowjetischer Zwangsarbeiter wie im Reich blieb daher im nordfranzösischen und belgischen Bergbau aus.

Abgerundet wird die Darstellung durch eine konzise Zusammenfassung der Ergebnisse sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Spätestens bei dieser Gegenüberstellung der Entwicklungen in Belgien und im Nord-Pas-de-Calais wird deutlich, womit man es bei der Studie eigentlich zu tun hat: Vielmehr als um eine "Untersuchung der Besatzung Belgiens und Nordfrankreichs als Einheit" handelt es sich um einen Vergleich, der jedoch nicht beim Namen genannt wird. Aus der vergleichenden Gegenüberstellung gewinnt die Untersuchung auch ihre größte argumentative Kraft. Neben dieser konzeptuellen Unschärfe erweist sich auch die Gliederung nicht immer als optimal. Zum einen sind die (Unter-)Kapitel hinsichtlich des Umfangs und der Binnengliederung recht unausgewogen. Zum anderen behandelt Piquet im zentralen Teil der Untersuchung die Entwicklungen in Belgien und Nordfrankreich nicht in getrennten Unterkapiteln, sondern verwebt sie vollständig miteinander. Dies reduziert zwar Wiederholungen, dafür werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede nicht immer ganz deutlich, und gelegentlich leidet die Differenziertheit der Darstellung. Schließlich mag man bedauern, dass die Perspektive der einheimischen wie der ausländischen Arbeiter gegenüber der Perspektive "von oben" doch äußerst kurz kommt. Gerade wer länderübergreifend arbeitet, muss indes besonders stark auswählen, deshalb sei dies vor allem als Anregung für weitere Forschungen verstanden.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Piquet eine gut dokumentierte, argumentativ überzeugende und darstellerisch gelungene Untersuchung zu einem wichtigen Thema vorgelegt hat, die die Forschung zur Zwangsarbeit ebenso wie die Okkupationsforschung in zahlreichen Fragen voranbringt.

Anmerkung:
[1] Zu Konzeption und Publikationen des Projektes vgl. die Internetseite des Instituts für soziale Bewegungen <http://www.ruhr-uni-bochum.de/iga/isb> (24.03.2010).

Zitation
Fabian Lemmes: Rezension zu: : Charbon - Travail forcé - Collaboration. Der nordfranzösische und belgische Bergbau unter deutscher Besatzung, 1940 bis 1944. Essen  2008 , in: H-Soz-Kult, 25.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12624>.
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25.03.2010
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