C. Schmitt und H.-D. Sander: Werkstatt-Discorsi

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Titel
Werkstatt-Discorsi. Briefwechsel 1967-1981


Autor(en)
Schmitt, Carl; Sander, Hans-Dietrich
Hrsg. v.
Maschke, Günter; Lehnert, Erik
Erschienen
Schnellroda 2008: Edition Antaios
Umfang
528 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Düsseldorf/Heidelberg

Die akademisch „entortete“, freischwebende Intelligenz neigt zum Radikalismus. Das zeigte sich schon bei den Junghegelianern im Vormärz und es zeigt sich noch beim Publizisten Hans-Dietrich Sander. Sander wurde 1928 geboren. Er studierte Theologie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Berlin und ging 1952 für einige Jahre als Dramaturg in die DDR. 1957 siedelte er in den Westen zurück und arbeitete dann als Journalist insbesondere im Feuilleton der Zeitung "Die Welt". 1967 musste er die Zeitung verlassen und schrieb fortan für andere, teils rechtsintellektuell profilierte Organe. Noch während seiner Tätigkeit für "Die Welt" trat Sander auf Empfehlung Armin Mohlers zu Schmitt in intensive Korrespondenz. 124 Briefe oder Postkarten Schmitts und 222 von Sander sind aus den Jahren 1967 bis 1981 überliefert. Allerdings brach Schmitt die Korrespondenz im Sommer 1978 mit seinem 90. Geburtstag ab.

Sander war 1967 bereits ein profilierter Publizist und fast 40 Jahre alt, als er zum fast 80jährigen Schmitt den Kontakt suchte. Er arbeitete damals an einem Dissertationsprojekt, das polemische Idealtypen des Intellektuellen beschreiben wollte: den "Räsonneur, Provokateur, Frondeur, Kollaborateur den Schwadroneur oder Phraseur, der jeweils den wechselnden Parolen des Zeitgeistes mit immer gutem Gewissen folgt" (S. 27). Welchen Typus repräsentierte er selbst?

Nach seinem Ausscheiden bei der "Welt" zog er nach München um und fühlte sich dort isoliert. Sander gehörte zum "nationalistischen" Flügel der Schmitt-Schüler. Dazu zählten ansonsten Armin Mohler, Hans-Joachim Arndt, Bernard Willms und Günter Maschke, einer der beiden Herausgeber des Briefwechsels. Politisch ließ Sander sich nicht gerne rechts überholen. Er stellte sich rechts von etablierten "nationalen" Autoren wie Mohler und äußerte sich scharf ablehnend über andere Schmitt nahe stehende Wissenschaftler wie Reinhart Koselleck, Christian Meier oder auch Marianne Kesting. Sander schrieb seine Dissertation (Gutachter: Hans-Joachim Schoeps, Edgar Salin) über „Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie“ und schloss eine Geschichte der DDR-Literatur an, die die "These von den zwei deutschen Literaturen" (S. 236) vertritt.[1] Es war wohl die letzte Dissertation, die Schmitt als „Fernuniversität in einem Fall“ (Dirk van Laak) intensiv betreute. Sander besuchte Schmitt wiederholt in Plettenberg und nahm an zwei Ebracher Tagungen teil, wo er sich über die liberale Haltung einiger Teilnehmer ärgerte. Er las die Fahnen von Schmitts "Politischer Theologie II" Korrektur. Ohne akademische Stellung fürchtete er das "Schicksal von Marx und Bruno Bauer" (S. 153) zu erleiden. Detailliert hielt er Schmitt mit seinen ökonomischen Nöten, seinen Schwierigkeiten bei der Drucklegung seiner Artikel und Schriften und bei Stipendienfragen auf Stand. Seine Probleme interpretierte er politisch und fühlte sich, ähnlich wie Schmitt, ausgegrenzt. Zunehmend bekamen seine Interpretationen auch antisemitische Züge. "Kann es sein, dass ich, nach Balls Bakunin-Zitat, das Pech habe, den Juden nicht zu gefallen? [...] Es kann auch sein, dass alles das nur Kombinationen meiner Phantasie sind" (S. 216f.), fügte er damals, im Juni 1972, noch an. Schmitt ging auf diesen Verdacht nicht ein. Während er in privaten Aufzeichnungen "die Judenfrage" weiter ätzend glossierte, ließ er sich von Sander nicht zu diesem Thema stellen. Schon damals suchte er den Kontakt zu bremsen und bat ihn, "keine Bücher mehr zu schicken" (S. 261). Schmitt antwortete auf Sanders politischen Ingrimm zurückhaltend, reagierte aber in Abständen noch auf seine Schreiben, freute sich über den Geburtstagsartikel zum 85. Geburtstag, unterstützte Sanders Kontakte. Wiederholt warnte Schmitt, seine Publizistik eng mit seinem Namen zu verbinden.

Sander teilte mit Schmitt die wilde Melange von philosemitischen und antisemitischen Strebungen. Auch er suchte den Umgang mit "jüdischen" Intellektuellen wie Hans-Joachim Schoeps, Edgar Salin und dann Jacob Taubes und meinte die akademischen Frontlinien der alten Bundesrepublik nicht ohne "die Judenfrage" explizieren zu können. Mitte der 1970er-Jahre erhielt er endlich dünnen akademischen Boden durch Volkswagen- und DFG-Stipendien sowie kurzzeitige Lehraufträge in Hannover und an der FU Berlin. Für die erweiterte Neuauflage seiner Dissertation suchte er den "Einstieg in die jüdische Geistesgeschichte" (S. 309), lobte Schmitt, dass er in den wesentlichen Komponenten seine "Position in der Judenfrage festgehalten" habe (S. 312). An diesem Punkt deutete sich eine Krisis an. Schmitt warnte für die erweiterte Neuauflage der Dissertation vor einer "Ausuferung des Buches in Richtung des Judenproblems" (S. 313). Das Problem sei "tödlich". Schmitt bat um Abstand: "Ich kann wirklich keine Briefe mehr schreiben, lieber Herr Sander, und auch keine Gespräche mehr führen" (S. 313). Sander aber ließ nicht locker. Er fand die "Hineinnahme des Judenproblems unvermeidlich" (S. 315) und schob nach: "Ohne Judenfrage ist die Frankfurter Schule nicht zu fassen" (S. 320). Schmitt lobte im Ergebnis: "Diese zweite Auflage ist ein neues Buch; auch der Text der 1. Auflage erhält - rückstrahlend - neues Licht durch die überreichen Corollarien" (S. 346). Was Sander seinen jüdischen Förderern Schoeps und Salin gegenüber aussparen musste, holte er nun nach. Er schrieb gar an einem (unveröffentlichten) Aufsatz "Das verworfene Erbe des deutschen Staatsrechts - Carl Schmitt und die geistesgeschichtliche Dominanz der Emigranten nach 1945" (S. 357), der die Schmitt-Rezeption und Diskussion nach 1945 als Fall der "geistigen Unterwerfung" unter die "Dominanz der Emigranten" und Remigranten diskutieren sollte. "Überlassen Sie mich meinem Schicksal" (S. 179), bat Schmitt damals am 31. Dezember 1975 um ein Ende des Briefwechsels. Sander aber schrieb weiter regelmäßig.

Im Sommer 1977 lernte er Jacob Taubes bei Armin Mohler in München kennen. Er hatte nun, schon 50jährig, Habilitationsabsichten bei Taubes, wollte das Gespräch zwischen Schmitt und Taubes knüpfen helfen und suchte ein Gespräch zu Dritt in Plettenberg. Schmitt antwortete am 9. Februar 1978: "Mir liegt daran, Taubes einmal persönlich gesehen und gesprochen zu haben [...]; aber nur unter vier Augen" (S. 429). Am 24. Mai 1978 wünschte Sander noch ein "gutes Gespräch" mit Taubes: "Herr Taubes hat nun auch offene Ohren bekommen für die fällige Revision der deutsch-jüdischen Frage" (S. 437). Scheinbar rechnete er sich hier ein Verdienst zu. Auch das Gespräch im Mai kam nicht zustande. Sander plante nun zusammen mit Taubes ein Colloquiums-Projekt "Politische Theologie III" und wähnte sich am Ziel seiner Vermittlungsanstrengungen, da brach Schmitt mit einem förmlichen "Dank und Gruss" (S. 439) den Briefwechsel ab. Er war der ehrgeizigen Vermittler schon lange müde und wollte einen interessierten Dritten wie Sander loswerden. 1949/50 hatte er einst erlebt, dass "Satelliten" wie Gerhard Nebel oder Armin Mohler in die kongeniale Freundschaft mit Ernst Jünger einbrachen und das belastete Vertrauen durch Intrigen weiter zerstörten. Der 90. Geburtstag war für Schmitt nun eine Marke des Rückzugs.

Sander insistierte auf einem Konnex von Nationalismus und Antisemitismus oder "Judenfrage". Dabei optierte er nicht einfach für eine postassimilatorische Trennung, sondern suchte erneut den Austrag des Problems der „Symbiose“. Deshalb lässt er sich wohl auch nicht einfach als „Faschist“ bezeichnen. Anders als in privaten Aufzeichnungen exponierte sich Schmitt im Briefwechsel hier nicht mehr. In seinem Spätwerk (Theorie des Partisanen, 1963; Clausewitz als politischer Denker, 1967; Die legale Weltrevolution, 1978) ertränkte er die heikle Legitimitätsfrage, die Frage nach der Möglichkeit legitimen Widerstands gegen die "legale Weltrevolution" nicht in einem reaktionären doktrinären Nationalismus.

Der sorgfältig und kundig edierte Briefwechsel ist ein überaus interessantes Dokument zur prekären Lage des "Nationalismus" nach 1968 und zur intellektuellen Reserve und Skepsis des alten Schmitt gegenüber dem dogmatischen Nationalismus. Er dokumentiert das "Dilemma des Konservatismus", mit dem politischen Träger auch seine Legitimität erodiert oder verloren zu haben. Was Sander für die "Anti-Schmitt-Literatur" feststellte, dass sie "im besten Begriffe ist, sich gegenseitig zu vernichten" (S. 230), gilt wohl auch für diesen Nationalismus. In Sanders sektiererischen Eifersüchteleien und Abgrenzungen zeigt sich das. Gewiss finden sich viele treffende und kluge Bemerkungen in diesem Briefwechsel. Vor allem aber zeigt er im Klima der 1970er-Jahre Sanders Weg in die Epigonie und Isolation.

Anmerkung:
[1] Hans-Dietrich Sander, „Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie“, Basel 1970, 2. erw. Auflage 1975; ebd., Geschichte der schönen Literatur in der DDR. Ein Grundriss, Freiburg 1972.

Zitation
Reinhard Mehring: Rezension zu: : Maschke, Günter; Lehnert, Erik (Hrsg.): Werkstatt-Discorsi. Briefwechsel 1967-1981. Schnellroda  2008 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12650>.
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12.03.2009
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