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Titel
Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa


Autor(en)
Schmauder, Michael
Erschienen
Darmstadt 2009: Primus Verlag
Umfang
168 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Valeria Lilie, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Zeit der sogenannten Völkerwanderung, im letzten Vierteljahrhundert von der Forschung einer intensiven Analyse und Umwertung unterzogen, rückte in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit, wozu nicht zuletzt drei große Ausstellungen in Speyer und Bonn beitrugen.[1] Mit seinem neuesten Werk kommt Michael Schmauder, von Hause aus Archäologe und durch zahlreiche Publikationen auch für ein breiteres Publikum als Kenner der Epoche ausgewiesen [2], diesem Interesse nach, indem er eine Einführung über die Geschichte der Hunnen vorlegt, die sich weniger an die Fachwelt als vielmehr an interessierte Laien richtet.

Deren Aufmerksamkeit zu erzielen, ist wohl auch ein Zweck des Untertitels, der die Hunnen als „Reitervolk in Europa“ vorstellt und damit in den anhaltenden Diskurs um die historische Identität Europas implementiert. Dies rechtfertigen sowohl ihre knapp einhundert Jahre währende Präsenz als Machtfaktor im nordöstlichen Grenzraum des Römischen Reiches als auch die im historischen Gedächtnis verhafteten Schreckensbilder, die die spätantike Überlieferung unter dem Eindruck der Eroberungszüge der hunnischen Reiterkrieger in der Mitte des 5. nachchristlichen Jahrhunderts gezeichnet hat. Der Fokus der Darstellung liegt allerdings weder auf der Rezeption des Hunnenbildes in Europa noch auf dem „Zenit der hunnischen Macht“ am nördlichen Rand des Römischen Reiches unter dem Herrscher Attila – dessen „einzigartiger Faszination“ (S. 8) erlegen zu sein, der Autor im Übrigen nicht verhehlt. Der Rahmen des in acht Kapitel unterteilten Werkes wird vielmehr weiter gesteckt, was dem Phänomen der Hunnen als einer Ausprägung der reiternomadischen Kulturen des eurasischen Steppengürtels durchaus angemessen ist. Damit übernimmt der Verfasser die Einschätzung der einschlägigen Forschungen, die auch in dem weiterführenden Quellen- und Literaturverzeichnis aufgeführt werden.[3]

In den ersten zwei Kapiteln werden auf der Grundlage der naturräumlichen Voraussetzungen der Steppe bestimmte Konstanten reiternomadischer Lebensweise vorgestellt: die erforderliche Mobilität nicht-sesshafter Gesellschaften, die weniger über Territorien als über die Gefolgschaft definierte Herrschaft einzelner Anführer, die Entstehung polyethnischer Verbände, deren dauerhafte Existenz vom Erfolg der jeweiligen Gruppe abhing, die daher bedrohliche Ausrichtung der nicht-sesshaften Völker auf die sesshafte Kulturen, deren Erzeugnisse und Reichtum prestigesteigernd zur Stabilisierung reiternomadischer Herrschaftsgebilde beitrugen und zu wiederkehrenden Einfällen von Reiterkriegern in territoriale Herrschaftsräume führten. Statt einer systematischen Darstellung dieses „endemischen Konflikts“ [4] zwischen sesshaften und nomadischen Kulturen wählt Schmauder eine deskriptive Form, die durch die Verwendung vieler Beispiele glänzt und mittels wiederholter Betonung wichtiger Aspekte dem unkundigen Leser den Einstieg in die komplexe Problematik erleichtert. So konkretisiert Schmauder seine Ausführungen, indem er die bekanntesten reiternomadischen Völker aufzählt, die angefangen mit den Kimmerern und Skythen über die Awaren und Ungarn bis zu den Mongolen im Laufe der Geschichte im europäischen Raum mit den jeweiligen sesshaften Kulturen in Konflikt geraten sind. Zur Illustration und Dramatisierung seiner Darstellungen zitiert Schmauder hier wie auch in den folgenden Kapiteln eine beachtliche Anzahl an übersetzten Quellen, deren Glaubwürdigkeit er erfreulicherweise in einigen Unterkapiteln (vor allem S. 28-32 u. 84f.) problematisiert. Auf diese Weise wird die häufig mangelhafte Kommentierung der antiken Texte (z.B. S. 53, 60, 128f. u. 151f.) wenigstens ansatzweise aufgefangen.[5]

Im dritten und vierten Kapitel bereitet Schmauder den Leser auf die Auseinandersetzung zwischen Rom und den Hunnen vor, indem er zuerst in die Expansion des Römischen Reiches, seine Verwaltung und Grenzsicherung von der frühen Kaiserzeit bis ins 4. Jahrhundert einführt – dies aber leider ohne Berücksichtigung des neuesten Forschungsstands.[6] Anschließend gibt er einen Einblick in die Diskussion um die schwierige Frage nach den Ursprüngen der Hunnen. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Folgen des hunnischen Vorstoßes in den Schwarzmeerraum und den gotisch-römischen Beziehungen vom Donauübertritt und der Schlacht von Adrianopel bis zur Etablierung der Hunnen im mittleren Donauraum sowie den römisch-hunnischen Beziehungen in den 430er-Jahren. Das sechste Kapitel bietet vor allem auf der Grundlage materieller Funde einen Einblick in verschiedene Aspekte der hunnischen Kultur. Den Höhepunkt der Machtkonzentration und -ausweitung der Hunnen von den 430er- bis 450er-Jahren, deren Integrationskraft unter den Völkern der Region sogar zu einer Stabilisierung des Raums und Sicherung der Grenze des Römischen Reiches beitrug, behandelt Schmauder im siebten Kapitel. Hier liegt der Schwerpunkt ganz auf der Alleinherrschaft Attilas, „dessen Persönlichkeit gleichsam als Prototyp eines charismatischen Anführers gelten darf: Sie bietet das ganze Spektrum menschlicher Emotionen, betont aber den um jeden Preis durchgesetzten Willen zur Macht, der sich wiederum als gottgewollt darstellt und bis zur Vergöttlichung durch die eigene Anhängerschaft steigern konnte“ (S. 8), so Schmauders waghalsige These, die nicht berücksichtigt, dass sich weder die Persönlichkeit des historischen Attila noch die postulierte Göttlichkeit des Königs so eindeutig aus den Quellen erschließen lassen.[7] Das letzte Kapitel bietet schließlich einen kurzen Ausblick auf den Zerfall der hunnischen Völkerkonföderation nach dem Tod Attilas, die Neuordnung des Donauraums und eine Auswahl berühmter Eckpunkte der Hunnenrezeption.

Wissenschaftlichen Ansprüchen wird das Buch folglich nur teilweise gerecht. Sehr niveauvoll sind vor allem die Teile, in denen der Verfasser aus seinem archäologischen Fachwissen schöpfen kann (zur militärischen Ausrüstung des römischen Heeres, S. 44-48, zu den Funden von Pietroasa, S. 129-134, von Conceşti, S. 135-137, von Tăuteni Bihor, S. 139, und von Apahida und Cluj Someşeni, S. 158f.). Manche Mängel hätten durch ein sorgfältiges Verlagslektorat jedoch zweifellos verhindert werden können. So führen die weitschweifigen Ausführungen zu den burgundisch-hunnischen Auseinandersetzungen und der Entstehung der Nibelungensage – inhaltlich zum achten Kapitel über die Rezeption gehörig – sowie die drei archäologischen Exkurse zu einer Inkohärenz der Darstellung im Attila-Kapitel. Und auch das Unterkapitel „Von Gottgleichen und Sklaven“ (S. 124f.) hätte nach einer sorgfältigen Prüfung schließlich – wie in der Überschrift angekündigt – die Frage der Göttlichkeit hunnischer Herrscher thematisiert.[8]

Aus der insgesamt gut lesbaren und in ihrer Gestaltung ansprechenden Untersuchung können besonders die sorgfältigen archäologischen Fundanalysen in Verbindung mit den zahlreichen hochwertigen Abbildungen empfohlen werden. Als Ergänzung zu Timo Sticklers Einführung zu den Hunnen, deren konzise Analyse unter Verwendung des neueren Forschungsstandes und unter kritischer Quellenbetrachtung für Studierende jedoch weiterhin unerlässlich bleibt [9], ist Schmauders Arbeit durchaus geeignet.

Anmerkungen:
[1] „Attila und die Hunnen“ (17.06.2007–06.01.2008; Historisches Museum der Pfalz, Speyer); „Die Langobarden. Das Ende der Völkerwanderung“ (22.08.2008–11.01.2009; LVR-LandesMuseum Bonn); „Rom und die Barbaren. Europa zur Zeit der Völkerwanderung“ (ab 22.08.2008–11.01.2009; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, in Zusammenarbeit mit dem Palazzo Grassi, Venedig und der École française de Rome).
[2] Z.B. Michael Schmauder, Oberschichtgräber und Verwahrfunde in Südosteuropa im 4. und 5. Jahrhundert. Zum Verhältnis zwischen spätantikem Reich und barbarischer Oberschicht aufgrund der archäologischen Quellen, Bukarest 2002; zu den Arbeiten für ein breiteres Publikum gehören neben zahlreichen Katalogbeiträgen u.a.: Die Völkerwanderung (= Was-ist-Was Buch 67), Nürnberg 2003; Die Völkerwanderung – Umwandlung der römischen Welt, in: Praxis Geschichte 2005, Heft 4, S. 4-10.
[3] In einen geographisch und ethnographisch weiten Rahmen gestellt werden die europäischen Hunnen vor allem in den Werken von Otto J. Maenchen-Helfen, Die Welt der Hunnen. Eine Analyse ihrer historischen Dimension, Wien 1978; Denis Sinor (Hrsg.), The Cambridge History of Early Inner Asia, Cambridge 1990; Bodo Anke, Studien zur reiternomadischen Kultur des 4. bis 5. Jahrhunderts, Wilkau-Haßlau 1998.
[4] Vgl. Sinor, Inner Asia, S. 3.
[5] Besonders das Gespräch zwischen Priskos und dem hunnisierten Griechen (vgl. Schmauder, S. 128f.) hätte als hervorragendes Beispiel für die literarische Ausgestaltung des Geschichtswerks des Priskos dienen können. Nur seine historische Wahrscheinlichkeit zu thematisieren, wird der Bedeutung des Gesprächs nicht gerecht. Zur literarischen Funktion des Gespräch vgl. Roger C. Blockley, The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. Eunapius, Olympiodorus, Priscus and Malchus, Liverpool 1981, S. 55-59.
[6] So sollte zur Bewertung der „Reichskrise“ im 3. Jh. n.Chr. nicht die fußnotenlose „Volksausgabe“ von Hermann Bengtson, Römische Geschichte. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., München 1973 (vom Autor falsch „Bengston“ genannt), herangezogen werden; eine differenzierte Analyse der Krisenerscheinungen im 3. Jh. bieten vielmehr Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert und ihre Rezeption in der Neuzeit, Stuttgart 2006, und Klaus-Peter Johne (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser, Berlin 2008. Auch auf die Problematik der Definition der germanischen gentes und der sog. Ethnogenese, aufbauend auf Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, 2. Aufl., Köln 1977 u. Herwig Wolfram, Geschichte der Goten, München 1979, wird nicht weiter eingegangen.
[7] Zum Problem des Gottkönigtums vgl. Maenchen-Helfen, Hunnen, S. 197ff.
[8] Auf Nachlässigkeit zurückzuführen sind zudem die Bezeichnung des justinianischen Feldherren Narses als oströmischem Kaiser (S. 93) und die fehlerhafte Verwendung einiger griechischer und lateinischer Fachbegriffe (nomas statt nomein für deutsch „weiden“ S. 10; „in den Händen zweier magister militi“ statt „in den Händen zweier magistri militum“; S. 42, Vigilias statt Vigilas/Bigilas, S. 81). Es wird zudem inkonsequent zitiert, teils stehen bibliographische Angaben im Text, teils in den Endnoten.
[9] Timo Stickler, Die Hunnen, München 2007. Vgl. die Rezension von Ulrich Lambrecht, in: H-Soz-u-Kult, 28.03.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-241>.

Zitation
Valeria Lilie: Rezension zu: : Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt  2009 , in: H-Soz-Kult, 20.07.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12688>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.07.2009
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