L. Bluche u.a. (Hrsg.): Der Europäer - ein Konstrukt

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Titel
Der Europäer - ein Konstrukt. Wissensbestände, Diskurse, Praktiken


Hrsg. v.
Bluche, Lorraine; Lipphardt, Veronika; Patel, Kiran Klaus
Erschienen
Göttingen 2009: Wallstein Verlag
Umfang
332 S., 19 Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Vanessa Conze, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Das wird die Europa-Historiker(innen) freuen: Endlich erscheint wieder einmal ein Buch zum Thema Europa, das neueste inhaltliche und methodische Diskussionen aufgreift und sie der „Europa“-Forschung zunutze macht. Den konstruktivistischen Ansatz konsequent umsetzend, geht der Band von der Grundthese aus, dass „der Europäer“, der „homo europaeus“, als jahrhundertelange Selbst- und Fremdzuschreibung ebenso ein diskursives Konstrukt ist wie Europa selbst. Die Autorinnen und Autoren haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Entstehung und Ausformung dieses Konstruktes aufzufächern. Analysiert werden soll die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Wissensfeldern jeweils verschiedene „habituelle und performative (Selbst-)Fabrikation eines Individuums“ (S. 13). Benedict Andersons „imagined communities“ stehen hier Pate, ebenso die Forschungen zur europäischen Identität der letzten 15 Jahre. Gleichzeitig jedoch geht der Blick weit über die Diskurse und eine rein ideengeschichtliche Analyse des Themas hinaus. „Soziale Praktiken“ zwischen Bildungs- oder Landwirtschaftspolitik, Verwaltung, Ausbildung und Migration erweitern die diskursgeschichtliche Perspektive.

Der zeitliche Schwerpunkt der Beiträge liegt auf dem 20. Jahrhundert. Die Entscheidung, das Untersuchungsfeld so einzugrenzen, war aus inhaltlichen wie herausgeberischen Gründen sinnvoll: Tatsächlich bilden sich dadurch zwischen den einzelnen Beiträge Bezüge, die eine gewisse Interdisziplinarität ermöglichen und dem Band eine innere Kohäsion geben. Unterstützt wird dies von einer durchdachten Einleitung, die sich bemüht, Zusammenhänge, aber auch Widersprüchliches zu bündeln und zu systematisieren. Gerade diese Widersprüchlichkeit betonen die Herausgeber und verstehen ihren Band deshalb auch eher als Impuls und weniger als Ergebnisprotokoll.

Unterschiedliche Verbindungselemente zwischen den Beiträgen des Sammelbandes können hier nur angedeutet werden, etwa die immer wiederkehrende Dominanz der „Rasse“ als Ordnungskategorie. Ausgehend von Carl von Linné, der 1735 erstmals den „homo europaeus“ definierte, zieht sich diese Diskussion bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und spiegelt sich in verschiedenen Aufsätzen: zum Beispiel in Sandra Maß‘ Beitrag zur ethnischen Selbstverortung der Europäer nach dem Ersten Weltkrieg; in Myriam Spörris Text über die Versuche in den 1920er-Jahren, die Blutgruppe A als „europäisch“ zu definieren, oder in Veronika Lipphardts Untersuchung über die biologische Definition des Europäers in Sach- und Lehrbüchern zwischen 1950 und 1989. Doch das Beispiel der „Rasse“ ist nur eines für die Zeitgebundenheit von Definitionen des europäischen Menschen; ähnliches zeigt sich auch an anderen Beiträgen: Weder der Bauer (wie im Text von Lorraine Bluche und Kiran Klaus Patel über „Das Motiv des bäuerlichen Familienbetriebs in Westeuropa nach 1945“) noch der „Gentleman“ (José M. Faraldo) gelten heute noch als Prototypen des Europäers, und ebenso scheinen die Europäer der Gegenwart sich im Gegensatz zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht mehr durch ihre besondere Musikalität auszuzeichnen (Hansjakob Ziemer).

Die „Epochengrenze“ von 1945 spielt übrigens bei dieser Zeitgebundenheit von Wissensbeständen über den „Europäer“ nur selten eine entscheidende Rolle: Natürlich hat das Interpretament der „Rasse“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr die Wirkungsmacht, die es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfalten konnte. Dennoch unterstreichen etliche Beiträge des Sammelbandes die in den letzten Jahren in verschiedensten Arbeiten belegte These, dass „1945“ ideengeschichtlich eine weit weniger starke Markierung bedeutet, als früher angenommen. Selbst am „Rasse“-Begriff orientierte Definitionen des europäischen Menschen konnten sich bis in die zweite Nachkriegszeit hinein erhalten, wie etwa die Beiträge über die „europäischen“ Blutgruppen (Myriam Spörri) oder über Europa-Ausstellungen (Eva Kudraß) zeigen.

Ein Reihe anderer Beiträge sucht den Zugang zum „europäischen Menschen“ nicht über bestimmte Interpretationsmuster wie eben die „Rasse“, sondern befasst sich mit dem von ganz unterschiedlichen Institutionen oder Gruppen (nicht nur, aber auch politisch) geschaffenen Bild des Europäers: seien es eher intellektuell-elitäre Debatten wie in der Zeitschrift „Europe – Revue mensuelle“ der Jahre 1923–1939 (Jessica Wardaugh) oder der ebenfalls intellektuell begründete Versuch, nach dem Zweiten Weltkrieg den „homo europeanus“ zu „erschaffen“ (Wolfgang Schmale), um sich von der kulturanthropologischen, häufig rassistisch aufgeladenen Interpretation des „homo europaeus“ abzugrenzen. Das Europakolleg in Brügge kann beispielhaft als Ort interpretiert werden, an dem bei den Absolventen durchaus gewollt ein (elitäres) Gemeinschaftsgefühl und Selbstbild des „Europäers“ (Kerstin Poehls) entsteht. Das Bild des Europäers kann sich aber auch eher als „Nebenprodukt“ herausbilden, wie der Beitrag von Martin Rempe für die europäischen Beamten am Beispiel des Praktikantenprogramms der EWG-Kommission für afrikanische Beamte in den 1960er-Jahren zeigt. Völlig imaginierte Figuren schließlich, zum Beispiel der „polnische Klempner“ (erläutert im Beitrag von Kornelia Kończal), entwickelten und entwickeln noch immer eine erhebliche Wirkungskraft auf das Bild des West- und Osteuropäers und für ihren Umgang miteinander. Und natürlich beeinflusst auch die Politik das Bild des „europäischen Menschen“: Erika von Rautenfeld zeigt, wie konkrete bildungspolitische Maßnahmen, von denen der gegenwärtig wieder debattierte Bologna-Prozess nur eine ist, das Bild vom Europäer als einem „lebenslang Lernenden“ prägen.

Wir finden also überkommene und aktuelle Definitionsmuster des europäischen Menschen nebeneinander in diesem Sammelband. Teils widersprechen sie sich, teils ergänzen sie sich – beschreiben aber in jedem Fall ein facettenreiches Bild. Wer bereit ist, sich auf den konstruktivistischen Ansatz einzulassen, der wird bei der Lektüre dieses Sammelbandes viel Neues erfahren.

Zitation
Vanessa Conze: Rezension zu: Bluche, Lorraine; Lipphardt, Veronika; Patel, Kiran Klaus (Hrsg.): Der Europäer - ein Konstrukt. Wissensbestände, Diskurse, Praktiken. Göttingen  2009 , in: H-Soz-Kult, 22.01.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12729>.
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Veröffentlicht am
22.01.2010
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