M. Stuber u.a. (Hrsg): Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe

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Titel
Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG 1759-2009


Hrsg. v.
Stuber, Martin; Moser, Peter; Gerber-Visser, Gerrendina; Pfister, Christian
Erschienen
Bern 2008: Haupt Verlag
Umfang
309 s.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für Clio-online und H-Soz-Kult von:
Jürgen Büschenfeld, Bielefeld

„Wenn es die OGG nicht gäbe, müsste sie noch heute gegründet werden!“, erklärte der Direktor des Berner Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrums für Land- und Hauswirtschaft (INFORAMA), Andreas Gasser, auf eine Interviewfrage zum aktuellen Stellenwert der Oekonomische(n) und Gemeinnützige(n) Gesellschaft (OGG). Die Antwort unterstreicht die herausragende Bedeutung, die der OGG für die Gegenwart zugemessen wird. Nun ist diese Gesellschaft vor 250 Jahren, lange vor der Französischen Revolution und lange vor der Industriellen Revolution und ihren Folgen für die Landwirtschaft, gegründet worden. Gibt es dann, so drängt sich die Frage auf, überhaupt noch Verbindungslinien von den historischen Gründungsimpulsen hin zur aktuellen Bedeutung der OGG? Auf den ersten Blick sind sie jedenfalls nicht zu erkennen. Die dauerhafte Existenz der OGG muss vielmehr als Ausweis ihrer Wandlungsfähigkeit wahrgenommen werden. So gilt die OGG dem Schweizer Historiker Peter Moser und anderen als „Geburtshelferin von 3 Agrarrevolutionen“.[1] Während ihre Aktivitäten für das 18. Jahrhundert darauf gerichtet gewesen seien, die sogenannte „Düngerlücke“ zu überwinden, hätten seit dem späten 19. Jahrhundert – nicht zuletzt mit Unterstützung der OGG – einige Errungenschaften der Industriegesellschaft (Maschinen und Kunstdünger) Einfluss auf die Produktion von Nahrungsmitteln genommen. Dieser im 19. Jahrhundert eingeleitete Wandel sei allerdings gegenüber den Ausprägungen der sogenannten 3. Agrarrevolution der 1950er- und 1960er-Jahre noch äußerst blass geblieben. Wenn Moser ins Feld führt, dass die Flächenerträge zwischen 1950 und 1985 stärker angestiegen seien als in den 150 Jahren zuvor, dann verdeutlichen diese Zahlen das ganze Ausmaß der Modernisierung der Landwirtschaft durch Motorisierung und Chemisierung. Hätte die OGG stets nur passiv auf die Veränderungen reagiert, würde sie heute kaum mehr existieren. Indem sie Veränderungsprozesse aber über 250 Jahre aktiv mit gestaltet hat, stand sie in drei Revolutionen auf der Seite der Revolutionäre. – Die Revolution frisst ihre Kinder!? Zumindest für die OGG gilt dieser Satz nicht. Mit dem Wandel als Konstante blieb die Gesellschaft über 250 Jahre äußerst lebendig.

Von dieser Lebendigkeit können sich die Leserinnen und Leser des von Martin Stuber, Peter Moser, Gerrendina Gerber-Visser und Christian Pfister unter Mitarbeit von Dominic Bütschi herausgegebenen Jubiläumsbandes reichlich überzeugen. Bevor im Rahmen von nicht weniger als 50 personengeschichtlichen Beiträgen ein facettenreiches Bild der Entwicklung der OGG im Verlauf von 250 Jahren entstehen kann, skizziert die profunde Einleitung den Weg von der „Reformsozietät“ im 18. über den „Landwirtschaftsverein“ im 19. bis hin zur „bäuerlichen Bildungsinstitution“ im 20. Jahrhundert.

Hier erfahren Leserinnen und Leser etwas über die Gründungskonstellationen rund um die Ziele zur „Verbesserung“ der Landwirtschaft. Sie erfahren auch etwas über die Vorbilder, die sich zur Zeit der Aufklärung nicht nur mit der Landwirtschaft beschäftigt hatten. Wissenschaftsakademien und Gelehrtengesellschaften in Stockholm, Kopenhagen und Göttingen hatten bereits ein breites Themenspektrum skizziert, bevor die Berner Gesellschaft von 1759 rasch selber zum Vorbild für andere ökonomisch-patriotische Reformsozietäten in ganz Europa avancierte. Dass die Ökonomischen Gesellschaften in ihrem Ursprung „typische Produkte der gehobenen sozialen Schichten in den größeren Residenz- und Verwaltungsstädten“ waren, ist bereits an anderen Stellen hinlänglich beschrieben worden.[2] Die Berner Gesellschaft von 1759 machte da keine Ausnahme. Und auch auf ihrem weiteren Weg, der nach der Überwindung des Ancien Régime zunächst in die Strukturen eines Landwirtschaftsvereins und der schließlich in die institutionellen Zusammenhänge für eine tiefgreifende Agrarmodernisierung im 20. Jahrhundert einmündete, bewegte sich die Berner Gesellschaft durchaus im gesamteuropäischen Fahrwasser.

Schließlich schlagen die Ausführungen zur OGG als „Soziale Koordinierungsstelle“ die Brücke zur Gegenwart, während abschließend die im Laufe der Zeit sich wandelnden Kulturen des Erinnerns an die OGG und ihre „klugen Köpfe“ unter die Lupe genommen werden. Dieser letzte Teil der sehr informativen Einführung in die lange Geschichte der OGG bietet neben einem guten Überblick zum historiographischen Umgang mit dem Untersuchungsgegenstand auch eine Standortbestimmung der Autorin und der Autoren: Im Rahmen einer „reflektierte(n) biographischen Forschung“ sollen die handelnden Personen in die Kontexte ihrer Zeit eingebettet, sollen Struktur- und Personengeschichte miteinander verbunden werden.

Dieser programmatische Wegweiser erfüllt gleichzeitig die Funktion einer Überleitung zum umfangreichen und 250 Jahre umgreifenden Portrait-Teil des Buches, der der OGG und ihren Themen und Zielen im personengeschichtlichen Sinne viele interessante Gesichter gibt.

Diese Gesichter verfassen Programmatisches zur Einbettung der Landwirtschaft in Politik und Kultur, sie beschäftigen sich mit technischen Hilfsmitteln für die Waldwirtschaft oder sie übernehmen – etwa als Pfarrer – die Vermittlerrolle zwischen Ideengebern und den Praktikern auf dem Lande. Sie fertigen ausführliche Ortsbeschreibungen an, befassen sich mit den klimatischen Bedingungen oder auch mit der Teilung der Allmende als Mittel, die Ertragslage der Landwirtschaft zu verbessern. Im Rahmen von Preisfragen ist selbst die Kriminalgesetzgebung Gegenstand der Erörterung, und 1804 werden Kunst- und Gewerbeerzeugnisse auf die Bühne einer „Kunst- und Industrieausstellung“ gestellt.

Später, so zum Beispiel 1897, geht es um den Maschineneinsatz auf dem Acker oder aber auch um soziale Belange, wenn ein Heim für alte Mägde und Knechte im Mittelpunkt steht. Die Professionalisierung der landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen belegt die rasanten Fortschritte der Agrarmodernisierung für die Mitte des 20. Jahrhunderts, während die Portraitreihe mit dem Jahr 2000 und dem Wandel der OGG von der bäuerlichen Bildungsinstitution zur sozialen Koordinationsstelle abschließt.

Das breite Spektrum der Themen mag ein Gespür dafür vermitteln, wie viele unterschiedliche Interessenlagen unter dem Dach der OGG versammelt waren und sind. Dabei belegt die Verteilung der Portraits auf die 250-jährige Geschichte der Gesellschaft, dass die Zeit von 1759 bis 1850 offenbar am besten untersucht ist. Nicht weniger als 27 Portraits nehmen Bezug auf diese 91-jährige Zeitspanne, während den 159 Jahren seit 1850 lediglich 23 Kurztexte zuzuordnen sind.

Aber auch die Begründung für dieses Ungleichgewicht bleibt das Buch nicht schuldig. So ist seit 2004 am Historischen Institut der Universität Bern ein Forschungsprojekt angesiedelt, das sich für die Zeit von 1750 bis 1850 im Rahmen von vier Modulen als Leitthemen (Kommunikationsformen und Wissensgenerierung, topographische Beschreibungen, Reformideen in der Praxis, Agrarmodernisierung und Kulturlandschaft) mit der „Oekonomischen Gesellschaft Bern im europäischen Kontext“ beschäftigt. Wenn die Autoren des Buches anmerken, dass sich die wissenschaftliche Geschichtsschreibung für die Zeit seit 1850 noch kaum interessiert hat, so darf dieses Manko durchaus als Ansporn für weitere Forschungen gelten. Möglicherweise ist der Jubiläumsband zur Geschichte der OGG ja ein Zwischenschritt auf dem Weg zu künftigen Forschungsfeldern. Die Ergebnisse dieses mit seinen reichhaltigen Illustrationen sehr ansprechenden und mit seinen Texten (nicht nur) zur Agrarmodernisierung überaus wichtigen und vielschichtigen Buches rechtfertigen detaillierte Forschungsarbeiten für die Zeit seit 1850, zum späten 19. Jahrhundert und zur sogenannten „3. Agrarrevolution“ seit der Mitte des 20. Jahrhunderts allemal. – Wenn es das Buch zur 250-jährigen Geschichte der OGG nicht schon gäbe, müsste noch heute damit begonnen werden, es zu schreiben!

Anmerkungen:
[1] Peter Moser, Dossier: OGG als Geburtshelferin von 3 Agrarrevolutionen, in: Schweizer Bauer vom 23. Mai 2009.
[2] So unter anderem für Deutschland in einem groben Überblick zu den organisierten Interessen im Agrarbereich: Hans-Peter Ullmann, Interessenverbände in Deutschland, Frankfurt 1988, S. 31-40.

Zitation
Jürgen Büschenfeld: Rezension zu: Stuber, Martin; Moser, Peter; Gerber-Visser, Gerrendina; Pfister, Christian (Hrsg.): Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG 1759-2009. Bern  2008 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12736>.
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Veröffentlicht am
12.03.2010
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