Titel
Russische Apokalypse.


Autor(en)
Jerofejew, Viktor
Erschienen
Berlin 2009: Berlin Verlag
Umfang
255 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Weller, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft / Osteuropainstitut, Freie Universität Berlin

Die Apokalypse hat in Russland Konjunktur. In der populären wie der ernsthaften Literatur geriet in den letzten Jahren die Düsternis der Endzeit zum dystopisch-visionären Hintergrund – sowohl heldenhafter Abenteuer als auch tiefer gehender Fragen nach dem Allgemeinmenschlichen. Noch ist nicht genau zu bestimmen, welche Funktion der gegenwärtige Boom antiutopischen Schreibens in der russischen Gegenwartsliteratur hat, ob es sich dabei um Fluchten aus der kaum noch auszuhaltenden Realität oder um einen Spiegel handelt, den sich die russische Gesellschaft vors hybride Antlitz hält.

Viktor Jerofejew, Moskauer Schriftsteller, Herausgeber und Fernsehmoderator, hat sich bereits seit den frühen 1990er-Jahren als Skandalautor und „bad boy” der russischen Literatur einen Namen gemacht und ist mit seinen essayistischen Analysen des postsowjetischen Russland zum Lieblingskind westlicher Feuilletons geworden. Sein neuestes Buch ist nun kein literarisch-fiktionales Zukunftsszenarium. Die in Russland bereits 2006 erschienene Sammlung kürzerer, zum Teil sehr heterogener Texte ist vielmehr eine essayistisch-polemische Bestandsaufnahme der russischen Alltagsrealität zwischen karnevalesker Ohnmacht und apokalyptischer Realität, zwischen Personenkult und Hedonismus. Das Buch ist natürlich stark von der Subjektivität des Autors geprägt. Obwohl für den russischen Markt geschrieben, vermag es, unsere westliche Perspektive auf das heutige Russland zu erweitern. Und das auf eine stellenweise überraschende Art.

Das Russland der Gegenwart ist das „Land der siegreichen Apokalypse“, so lautet Jerofejews zentrale These, einer „russischen Apokalypse“ (S. 9, 248), deren Wesen seit jeher im schizophrenen und menschenverachtenden Verhältnis des russischen Staates zur eigenen Bevölkerung und seiner Angst vor der inneren Schwäche besteht. Die aktuellen Folgeerscheinungen dieses Verhältnisses sieht der Autor in der zwar nicht mehr totalitären, dafür aber totalen ideologischen Verkrüppelung seines Landes, in der undurchschaubaren, doppelköpfigen Widersprüchlichkeit seiner inneren und äußeren Selbstrepräsentation und dem Fehlen einer nationalen Idee, die das Land einen könnte (obgleich Jerofejew selbst diese keinesfalls vermisst). In dieses Ideenvakuum sei jedoch in der Putinära die Wiedergeburt des Privaten getreten. Und diese Wiedergeburt, so Jerofejew, sei das Ergebnis eines Kuhhandels: Freiheit im Privaten um den Preis der Loyalität und uneingeschränkten Unterstützung für die Regierenden. Darin liege der geheime und wohl möglich gefährliche Kern des Putin/Medwedew-Systems; doch berge dieser aber auch die Hoffnung auf einen Eintritt Russlands „in die Gemeinschaft demokratischer Länder“ (S. 16).

Dieser Wiedergeburt des Privaten entspricht Jerofejews Konzentration auf das scheinbar Gewöhnliche, Banale, Nicht-Pathetische und an der Oberfläche zutiefst Heterogene. Er entwirft ein Panorama postsowjetischer Befindlichkeiten anhand dessen er die russische Gesellschaft kommentiert, analysiert und parodiert. Dieser Offenheit seiner Thematik entspricht auch die Form des Buches. Jerofejew pflegt hier die kleinen, durchbrochenen Formen: Er offeriert dem Leser ein weites Spektrum unterschiedlichster Textsorten – vom weitschweifigen Essay über autobiographische Erinnerungen, Situationsskizzen, Kommentare und Anekdoten bis hin zu bissigen Polemiken und kapriziös-vulgären Reflexionen. Und es ist ein Buch, das eine unüberschaubare Vielzahl von Thematiken und Figuren unvermittelt ineinander mischt: Da begegnen uns Patrioten, Hausfrauen, Prostituierte, aussterbende Intellektuelle, liebeskranke Schriftsteller und natürlich immer wieder die großen Themen Liebe, Politik, Freiheit und Demokratie.

Die insgesamt 45 Einzeltexte sind in vier große Abschnitte unterteilt. Dieses Ordnungsraster sollte man jedoch nicht ganz so ernst nehmen; es zeigt sich bereits beim Lesen der ersten Unterkapitel, dass der vorgeblich sinnstiftende Kapitelzusammenhang nicht ganz aufgeht – und dies offensichtlich auch gar nicht soll. Schon im Verlauf des ersten Abschnitts („Auf dem Schlachtfeld der russischen Flüche“) lässt Jerofejew beispielsweise nonchalant das anfangs angeschnittene Thema – die stets fremd bleibende russische Mentalität als Verknüpfung von sprachlichen Besonderheiten mit den Eigenheiten des folkloristischen Witzes in der russischen Vulgärsprache „Mat“ – beiseite, um von der Zusammenarbeit mit Alfred Schnittke bei der Opernfassung seines Textes „Das Leben mit einem Idioten“ zu erzählen, auf Sergei Awerinzew als „letzten Helden“ der russischen Intelligenzija einzugehen, sich dem Liebesleben Anton Tschechows und dem Lebenswerk Solschenizyns zu widmen und schließlich die (ernüchternd marktorientierten) Spielregeln des heutigen Literaturbetriebs und das seltsame Nicht-Verhältnis der Russen zum Geld zu beschreiben. Hier erweist sich Jerofejew als amüsanter Philologe, der den westlichen Leser nicht nur mit offensichtlicher Freude am Expliziten an den russischen "Mat" heranführt sondern diesen auch kulturhistorisch verortet, indem er dessen Rolle in der Literatur der 1990er-Jahre bei der Überwindung der sowjetischen Schamhaftigkeit nach dem Ende der Zensur betont.

Im zweiten Teil („Warum russische Schönheiten immer billiger werden“) geht Jerofejew dem Zusammenleben der Geschlechter in Russland nach. Mit zynischem (und stellenweise unerträglich chauvinistischem) Blick beschreibt er die Besonderheiten der russischen Frauen, wie sie sich ihm offenbaren. Die moderne Russin sei „romantisch und pragmatisch, archaisch und kybernetisch, naiv und berechnend, keusch und lüstern“ (S. 117), so schreibt er, leicht zu haben, aber schwer zu halten. Wenn er im weiteren Verlauf auch auf männliches Rollenverhalten und das Innenleben russischer phallusgesteuerter Machos eingeht – anhand von Themen wie spezifisch männlichen Gemeinheiten, den Vorzügen der Fellatio, den Eigenschaften idealer Ehefrauen, Puschkins Eheleben, den Konzepten Vaterschaft und Mutterschaft und der Kunstfertigkeit russischer Intimrasuren – so macht er dies durchaus selbstironisch und geistreich. Doch bleibt seine Perspektive vor allem eines: sehr eindimensional und sehr persönlich, auch und sogar dann, wenn er sich in die Innenperspektive einer Frau versetzt. Trotzdem scheint in Jerofejews Bild der russischen Frau von heute vor allem ihr neuer sozialer Status durch, der zwischen billiger Selbstanbiederung an den Mann und dem Verlust ihrer Aufopferungsfähigkeit (für den Autoren ein Qualitätsverlust) sowie einem hedonistischen Körperkult und einer neuen Küchenkultur (für den Autoren ein Qualitätsgewinn) changiert.

Im dritten Teil („Sprache der Offenbarung“) verbindet Jerofejew Überlegungen zu Freundschaft, Liebe und Revolution in Russland mit weitgehend unzusammenhängenden Assoziationen zu Mode, Körperkult und Hedonismus. Die Beschäftigung mit letzterem lenke das russische Volk von Fragen der Geschichte und Politik zu Gunsten des individuellen Wohlergehens ab. Nicht die hohen Werte der Literatur, nicht die großen Narrative der Geschichte sind mehr maßgebend, wie Jerofejew konstatiert. Vielmehr bilden Massenmedien und Hochglanzmagazine die neuen Orientierungspunkte eines Lebens, das um Lifestyle, Familie, Freizeit und vor allem Sex kreist. Dies seien sie, so macht Jerofejew klar, auch für Menschen, die sich diese neuen Lifestyles gar nicht leisten könnten. Jerofejew gibt sich hier als Chronist dieser neuen postsowjetischen Alltagswelten, aber auch als Sammler und Mahner historischer Ereignisse. Dies wird am Bild seiner eigenen Antiquitätensammlung deutlich; hier ist kein Möbelstück neutral, sondern stets „Zeuge der Anklage: Jeder Sessel hat einen aufgeschlitzten Bauch. Jedes Tischchen hat blutige Beinchen.“ (S. 171)

Im vierten und letzten Teil ("Das sprechende Pferd oder die Kritik der russischen Apokalypse") spürt Jerofejew jenem Deal nach, den Regierung und Bevölkerung eingegangen sind, und der, dem Autor zufolge, hinter Putins „Autoritarismus mit menschlichem Antlitz“ steht. Was Jerofejew hier echauffiert ist die passive Schweigsamkeit, die er dem russischen Volk bescheinigt, und die auch die enorme Popularität Putins begünstigt habe. Mit Hilfe der Figur eines sprechenden Pferdes, das als genau beobachtender Widerpart des teilweise schwadronierenden Erzählers erheblichen Zweifel am Verlauf der russischen Geschichte vorbringt, versucht Jerofejew das Zyklische in deren Verlauf zu zeigen. Dieses vergegenwärtige sich in bestimmten „Steckenpferden“ (S. 209) der russischen Gesellschaft wie dem Tschekismus und überzogenen utopischen Projekten, und auch in der Gegenwart unter Putin bestätige sich dies nur wieder. Etwas Positives kann Jerofejew dem aber dennoch abgewinnen: Die russische Gesellschaft habe allein im 20. Jahrhundert zwei Mal (1917 und 1991) die Umwälzung ihrer Grundwerte durchlebt und ist nun für Jerofejew nach dem Ende der sowjetischen „Orgie des Humanismus“ [1], endlich wieder mehr als eine rein staatliche Veranstaltung – und somit am Ende ihres Ausnahmezustandes angekommen.

Es sind weniger die einzelnen Reflexionen, Beobachtungen und Kommentare, die Jerofejews Buch auszeichnen. Denn in den Einzeltexten verstrickt sich der Autor, bei aller geistreichen Beobachtungsgabe, in Widersprüchen und snobistischen Selbstverliebtheiten. Auch ist seine Perspektive etwas verengt: auf die immer noch kleine Bevölkerungsgruppe des sich erst entwickelnden Bürgertums, welches zudem noch permanent mit sich selbst beschäftigt ist. Die Qualität des Bandes liegt in der zentralen, durchaus streitbaren These Jerofejews, die sich erst aus der Lektüre der Gesamtheit der Texte ergibt: Der Abschied von den großen Visionen und der Rückzug von allgemein-politischen Fragen ins Private ist für ihn mehr als ein Abschiedsfest vom homo sovieticus. Als Rückkehr des Banalen und Gewöhnlichen bedeutet er nichts weniger als die Wiedergeburt des Individuell-Persönlichen und den lang ersehnten Selbstverwirklichungstrip des Egos, die nun beide im Rausch der Konsumgesellschaft stattfinden. Über all diesem schwebt aber immer das Bild Putins als „doppelköpfiger Adler“, dessen Flug „nicht den Regeln der internationalen Luftfahrt entspricht“ (S. 238). In seiner „Kritik der Apokalypse“, die das Buch beschließt, kommt Jerofejew dann auch unwiederbringlich auf die Gegenwärtigkeit der russischen Apokalypse zurück: Der „apokalyptische Wahnsinn“ der russischen Gegenwart besteht nach Jerofejew eben genau darin, dass die Regierung der Bevölkerung permanent mit Szenarien des Zerfalls Angst einjagt und so ein apokalyptisches Konstrukt zur Aufrechterhaltung und Legitimierung der eigenen Macht missbrauche (S. 246f.). Wer in diesem Buch aber eine Analyse dieser gesellschaftlichen Apokalypse gesucht hat, wird enttäuscht sein.

Anmerkung:
[1] So Jerofejew an anderem Ort im Rückgriff auf Andrei Platonows Rede von der sowjet-ideologischen „Orgie des Humanismus“: Viktor Jerofejew, Jenseits des Humanismus, Oder: Das Ende der Menschenfreundlichkeit, in: Die Zeit, 3.4.1992, <http://www.zeit.de/1992/15/Jenseits-des-Humanismus>.

Zitation
Nina Weller: Rezension zu: Jerofejew, Viktor: Russische Apokalypse. Berlin 2009 , in: H-Soz-Kult, 15.06.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12816>.
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15.06.2009
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