Cover
Titel
The Making of Peace. Rulers, States, and the Aftermath of War.


Hrsg. v.
Murray, Williamson; Lacey, Jim
Erschienen
Umfang
404 S.
Preis
£ 15,99
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität zu Köln

Wie man Frieden macht, wüsste man gern ein für alle Mal. Historiker dürften unter den ersten sein, die hier mit sachdienlichen Hinweisen oder komparativen Ansätzen dienen könnten, wohl aber kaum mit ewigen Weisheiten. In diesem Band scheinen mehrere Autoren diese häufig bei Thukydides, Clausewitz oder Michael Howard gefunden zu haben. Gerade letzteres ist kein Schaden, da der ehemalige Regius Professor in Oxford nicht nur viel zum Thema beigetragen hat, darunter einen brillanten und differenzierten Essay über die Erfindung des Friedens im 19. Jahrhundert[1], sondern auch noch mit einem glänzenden Einleitungsessay selbst vertreten ist. Ob allerdings Thukydides auch bei anderen Friedensschlüssen recht hatte oder zeitlose Wahrheiten verbreitete – so vor allem Colin Gray – , dürfte Historikern doch recht suspekt sein. Die beiden Herausgeber gehören dem Pentagon räumlich und intellektuell nahen Institute for Defense Analysis an, Murray war zuvor ein angesehener Professor für eine eher technisch verstandene Militärgeschichte an der Ohio State University.

2006 haben Murray und Richard Hart Sinnreich bereits ein flammendes Plädoyer für die Bedeutung der Militärgeschichte für die militärische Profession geschrieben.[2] Dies suchen sie hier offenbar sektoral einzulösen, nicht mit Modellen wie bei Politikwissenschaftlern, sondern mit historischer Narratio. Die insgesamt dreizehn Kapitel reichen von der Antike (Nikias-Frieden von 431 v.Chr., Paul A. Rahe) über den Dreißigjährigen Krieg (erhellend: Derek Croxton und Geoffrey Parker) bis zum Ende des Kalten Krieges. Die meisten – so anscheinend auch die Herausgeber – lesen kein Deutsch. Wenn einige Autoren wie Parker oder Marcus Jones (zum deutsch-französischen Krieg von 1870/71) das doch getan haben, merkt man häufig eine Differenziertheit der Argumentation, die anderen deutlich abgeht. Bei bestimmten Themen scheint die Lektüre dieser oder jener Fremdsprache schon eine notwendige, wenn auch gewiß nicht hinreichende Bedingung für Qualität zu sein. Während sich einige Autoren insgesamt als exzellente und differenzierte Kenner ihrer Materie hervortun, stützen sich einige in mehr oder wenig aktueller Wirkabsicht auf schmale wissenschaftliche Basis, um dafür umso deutlichere Meinungen zu entwickeln.

Michael Howard beginnt in seinem Vorwort lapidar, aber einleuchtend mit der Feststellung, es gebe drei grundlegende Friedenstheorien: Für Hobbes sei es die Abwesenheit von Krieg, Augustinus postuliere eine gerechte Ordnung, die man neuzeitlich als „public endorsement“ verstehe. Kant sehe Frieden nicht als natürlichen Zustand, sondern als erwünschten, der immer wieder „gestiftet“ werden müsse. Letzterem schließt er sich an. In einer folgenden Einleitung begründet Murray die Auswahl der insgesamt elf elaborierten Kapitel mit größtmöglicher Bandbreite. Er wehrt sich aber gegen den denkbaren Vorwurf, „other cultures and civilizations“ nicht zu berücksichtigen (S. 6), meint jedoch entlarvend, ein solch erweiterter Blick bedeute ein Nachgeben gegenüber intellektuellen Vorurteilen oder irrelevanten akademischen Moden. Man müsse erst verstehen, wie der Westen Frieden gemacht habe „especially since it is our past that we need as a starting point for understanding the options open to us in the future” (S. 6). Von solcher Borniertheit, die kaum im Umgang etwa mit heutigen islamischen Traditionen helfen kann, sind die weiteren Beiträge jedoch glücklicherweise weitgehend frei.

Die Fragestellungen der Essays sind jedenfalls so divers, dass viele kaum etwas miteinander gemeinsam haben. Fred Anderson behandelt mit dem Ende des weltweiten Siebenjährigen Krieges 1763 präzise die zwar erfolgreichen Briten, betont jedoch die mittelfristigen Folgen ihrer Verdrängung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Sinnreich nimmt den Wiener Frieden von 1815 zum Anlass, mit Paul W. Schroeder über die langsame Entstehung eines internationalen Staatensystems im folgenden Jahrhundert nachzudenken. Für den US-Bürgerkrieg handelt James M. McPherson lediglich die anschließende Rekonstruktion im geschlagenen Süden ab. Marcus Jones – im Übrigen ein differenzierter Beitrag, weitgehend auf der Höhe der Forschung – schließt sich Michael Howard von 1961[3] an, der deutsch-französische Krieg sei langfristig ein Desaster für den Weg in den Ersten Weltkrieg gewesen: „Vae victoribus“, heißt dieser Beitrag dann auch. Gab es wirklich keine Alternativen bis 1914?

Herausgeber Murray hält Versailles 1919 für einen Frieden, der von vornherein keine Chance hatte. Sein Verdikt liest sich wie eine Ausformulierung der Strafbestimmungen in den Artikeln 227-231 des Vertrages. Vereinfacht lag das für ihn an den vorangegangenen deutschen Verbrechen, am Versagen, den deutschen Nationalismus einzudämmen, was bei der Implementierung von „Versailles“ möglich gewesen wäre. Darin folgt er grob Isabell Hull[4], jedoch fehlt bei diesem Blickwinkel eine Menge Verarbeitung an jüngerer Forschung. „It [Versailles] was incapable of preventing a resumption of the German war“ (S. 239). Ein solcher Determinismus lässt von Versuchen zu Um- oder Neudenken, Aussöhnung und neuer europäischer Ordnung nichts gelten. Großbritannien im Nahen Osten 1914 bis 1922 wird von John Gooch kenntnisreich abgehandelt, aber das ist eher ein Abriss britischen weltstrategischen Engagements in dieser Region, die Frieden von Sèvres 1920 oder Lausanne 1923 kommen kaum vor.

Colin Gray macht den Frieden nach und im Zweiten Weltkrieg, 1943-1949 zur „mission impossible“. Selbst wenn er „fear, culture and interest“ methodisch wichtig als Analysefaktoren einbringt, mit Donald Rumsfeld den Zufallsfaktor („Stuff happens!“ – S. 266) erwähnt, so betont er doch den persönlichen und vor allem ideologischen Faktor. Der Sieg über Deutschland und Japan sei nicht das Problem gewesen, sondern der für ihn schon überdeterminierte Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion. „History has loaded the multicontextual dice of Soviet-American history far too heavily in favor of East-West conflict for the Cold War to have been avoided“ (S. 267). Bei allen immer wieder mäandernden Differenzierungen bleibt aber doch im Kern die erste Deutung, dass angesichts des sowjetischen Kommunismus Frieden nur als Abwesenheit von Kriegen zu denken war – bis 1990. Eine Gegenposition, die auf dem „Postrevisionismus“ aufbaut, kann hier nicht entwickelt werden. Fast schon paradox erscheint es, wenn anschließend Jim Lacey eben doch „The economic making of peace“ nach dem Zweiten Weltkrieg abhandelt, jedoch handelt es sich hier nur um die Geschichte des Marshall-Plans (plus ökonomische Argumente für den Verlust Chinas).

Wohltuend von Grays letztlich holzschnittartiger Umsetzung von Kategorien hebt sich Frederick W. Kagans Analyse des Endes des Kalten Krieges ab, mit dem er die „leaders of two belligerent states“ (S. 323), den USA und der Sowjetunion, dem Lob der Geschichte anheim gibt. Das ist im Einzelnen bestreitbar, aber reich an Einzelbeobachtungen. Besonders fällt auf, dass er den USA vorwirft, nicht frühzeitig seit Ende der 1970er-Jahre eine andere, nichtstaatliche Bedrohung, die zumeist aus der islamischen Welt gekommen sei, erkannt zu haben: man habe sie zunächst immer nur im Parameter des Ost-West-Konflikts gelesen, dann auch weiterhin als Auseinandersetzung von Staaten. Das ist eine klare Problemdefinition, die mit „Making of Peace“ nur indirekt zusammen hängt, sich jedoch implizit gegen Murrays Prämisse für den Band wendet. „It is ... an object lesson in the perils of allowing events to guide politics rather than insisting on policies that can guide events“ (S. 355).

Damit sind wir wieder an der personen-, ja führungsgebundenen Perspektive applikativer Militärgeschichte angelangt. Es bleibt nicht allzu viel an gemeinsamen Ergebnissen, die auch die nochmalige Zusammenfassung von Sinnreich nicht geben kann. Es fehlen bei vielen Essays strukturelle Fragen, kulturelle und damit historisch einmalige Bedingungen sowie externe Einflüsse auf Frieden. Zwei Sätze wie etwa „Milder Frieden bringt nichts“ oder: „manchmal sind die Sieger die langfristigen Verlierer“ lassen sich allenfalls destillieren. Ein bunter Strauß bisweilen recht einseitiger, gelegentlich auch erhellender Essays stellt noch keinen modernen Fürstenspiegel zum Friedensschluss dar.

Anmerkungen:
[1] Michael Howard, The Invention of Peace. Reflections on War and International Order, London 2000; dt.: Die Erfindung des Friedens. Über den Krieg und die Ordnung der Welt, Lüneburg 2001.
[2] Williamson Murray / Richard Hart Sinnreich, The Past as a Prologue. The Importance of History for the Military Profession, New York 2006.
[3] Michael Howard, The Franco-Prussian War. The German Invasion of France 1870-1871, New York 1961; in zweiter Auflage, London 2001.
[4] Isabel Hull, Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2005.

Zitation
Jost Dülffer: Rezension zu: Murray, Williamson; Lacey, Jim (Hrsg.): The Making of Peace. Rulers, States, and the Aftermath of War. Cambridge  2009 , in: H-Soz-Kult, 10.12.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12847>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.12.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation