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Titel
»Frieden und Gerechtigkeit!«. Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre


Autor(en)
Klein, Thomas
Erschienen
Umfang
548 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Anke Silomon, Berlin

Ein geflügeltes Wort besagt, der Zeitzeuge sei der natürliche Feind des Historikers. Was aber, wenn der Zeitzeuge als Historiker arbeitet und seine eigene Geschichte in einer Monographie präsentiert, die in einer einschlägigen Reihe erscheint? In seiner Einführung zu dieser Studie problematisiert Thomas Klein seine Doppelrolle nicht, er legt sie auch nicht offen, obwohl sie für seine Themenstellung und seine Herangehensweise von einiger Bedeutung ist – zumal die notwendige Distanz zum Untersuchungsgegenstand für ihn kaum zu wahren sein dürfte.

Der 1948 geborene Klein studierte nach einer Ausbildung als Elektromechaniker Mathematik an der Humboldt-Universität Berlin. Er arbeitete an der Akademie der Wissenschaften der DDR, wo er auch promoviert wurde. Wegen seiner Mitarbeit in linksoppositionellen Gruppen wurde er Ende des Jahres 1979 für 15 Monate inhaftiert, verlor seine Arbeit, wurde mit einem Publikationsverbot belegt und gründete Mitte der 1980er-Jahre eine Vereinigung sozialistischer Oppositioneller namens „Gegenstimmen“. Maßgeblich war er an der Bildung der „Vereinigten Linken“ beteiligt, für die er 1990 in die Volkskammer gewählt wurde und drei Monate im Bundestag saß. Seit 1995 ist Klein am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung tätig.

In seinem Buch konzentriert er sich auf das Segment politischer Opposition in Ost-Berlin und Umgebung in den 1980er-Jahren, dem er selbst angehörte: Untersucht werden die im Zuge der Etablierung der evangelischen Kirche als „partiell geschützte ‚Halböffentlichkeit’“ (S. 72) aus kirchlichen Friedensgruppen und politisch-oppositionellen Gruppen durch einen „Politisierungsschub“ entstandenen neuen Formen von Opposition, „politisch alternative Gruppen“ (S. 12). Unter Politisierung versteht Klein den wachsenden Anspruch der Protagonisten der Gruppen „auf Teilhabe an der gesamtgesellschaftlichen Umgestaltung bzw. die sich verstärkende Orientierung auf die Notwendigkeit mehr oder weniger radikaler Veränderungen des politischen Systems“ (S. 19). Da er die Bedeutung dieser politisierten Gruppen innerhalb des oppositionellen Spektrums als enorm einschätzt und ihre Würdigung in Publikationen sowohl ehemaliger Akteure als auch der Wissenschaftler als unzureichend bis geschichtsverfälschend bezeichnet, will Klein den Prozess ihrer Entstehung und „dynamischen Entwicklung“ genau in den Blick nehmen. Dabei sollen der Wandel der „staatlichen Repressions- und Präventionstechniken“ sowie die Rückwirkungen des „Herrschaftshandelns“ auf den „Politisierungsprozess im Gruppenmilieu der unabhängigen Friedensbewegung Berlins 1979-1989 zu einer Entwicklungsgeschichte der Berliner Opposition in den 80er Jahren“ (ebd.) ebenfalls analysiert werden.

Klein reduziert seine Analyse begrifflich auf widerständiges und oppositionelles Verhalten, das er – in fast verbissener Abgrenzung zu Ehrhart Neuberts „Geschichte der Opposition“ [1] – so definiert: Opposition war offenes Agieren gegen den Staat, Widerstand das Vorgehen konspirativ arbeitender Gruppen. Diese Beschränkung und die abweichende Interpretation der Begriffe Widerstand und Opposition begründet Klein mit der fast zum Konsens gewordenen falschen Sicht auf die Geschichte der DDR, die Ausdruck finde in „stark ideologischen Präjudizierungen“, die „bereits den zeitgeschichtlichen Gebrauch von Begriffen wie ‚Widerstand’, ‚Opposition’, ‚Dissidenz’, ‚Resistenz’, ‚Verweigerung’, ‚Widerspruch’ oder ‚Protest’ für die Akzeptanz solcher begrifflicher Zuordnungen für bestimmte Handlungen von Akteuren bestimmt [sic]“ (S. 16). Unter diesen ganzen Defiziten will Klein noch ein anderes ausgleichen, nämlich die „Verzeichnung“ bzw. „Verfälschung“ der „Arbeit und des Selbstverständnisses der parteiunabhängigen Linken bzw. sozialistischen Oppositionsgruppen, die den ‚linken Rand’ der ‚Unabhängigen Friedensbewegung’ (UFB) bildeten oder als konspirative Gruppen innerhalb und außerhalb von UFB und SED widerständig arbeiteten“ (S. 15). Offenbar geht Klein davon aus, nicht in die Falle der übrigen Zeitzeugen und ehemaligen politischen Akteure zu tappen, deren Urteil „in Abhängigkeit von den eigenen aktuellen Standortbestimmungen“ (S. 12) verzerrt werde. Auch scheint er gefeit, den analogen Fehler der aus der „Außensicht“ analysierenden Historiker zu machen, den „vormaligen ‚Charakter der DDR-Opposition’ aus der Vereinbarkeit gewisser damaliger Ziele mit den heutigen deutschen Verhältnissen normativ“ (S. 13) zu bestimmen. Der Zeitzeuge, „aufmüpfiges SED-Mitglied“[2] und Historiker, schreibt lediglich im Zusammenhang mit der Begründung für seine „vornehmlich kategorial orientierte Begriffsbestimmung des Inhalts von Widerstand und Opposition“ (S. 27), dass er damit der Gefahr entgehen wolle, „starr merkmalsbezogen zu argumentieren und sich so von der Realität der zu untersuchenden Verhältnisse zu ‚emanzipieren’“: Der Leser „möge entscheiden, inwieweit es dem Autor gelungen“ sei (ebd.).

Klein umreißt darauf seine „Untersuchungsfelder“ und benennt die wichtigsten von ihm analysierten Gruppen, zu denen er neben den bekannteren wie der Umweltbibliothek, dem Friedrichsfelder und Pankower Friedenskreis, den Friedenskreisen der Evangelischen Studentengemeinde und der Samaritergemeinde sowie der Initiative Frieden und Menschenrechte und der „Kirche von Unten“ auch seine Gruppe „Gegenstimmen“ zählt. Sodann geht es um den sich verändernden Umgang der Staatsführung mit der „politischen Untergrundtätigkeit“ und dessen Folgen für die „Politisierung der unabhängigen Friedensbewegung“ (S. 30). Klein vertritt die These, das SED-Regime habe bereits Ende der 1970er-Jahre seine Taktik von der Repression zur Prävention geändert. Meiner Ansicht nach kann der Zeitpunkt eines solchen Strategiewechsels aber erst für Anfang/Mitte der 1980er-Jahre belegt werden. Auch würde ich die Rolle der Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen unter Klaus Gysi (1979-1988) keinesfalls unterschätzen. Es besteht sogar ein direkter Zusammenhang zwischen Gysis „kirchenpolitischer Linie“ im für die SED heißen und kritischen Jahr 1987 und seiner plötzlichen Entfernung aus dem Amt im Juli 1988 und dem kommentarlosen Übergang in den Ruhestand.[3] Hingegen halte ich die Annahme für falsch, – nicht nur weil sie von MfS-Offizieren in apologetischer Absicht ins Feld geführt wird – das MfS sei wegen des zunehmenden Versagens der SED-Führung „mehr und mehr in umfassende Kontroll- und partiell auch in solche Steuerungsfunktionen hineingedrängt worden“ (S. 33). Der Umgang Kleins mit MfS-Akten und -Angehörigen sowie IMs ist meiner Ansicht nach zu unscharf. Auch die Aufführung der verwendeten Quellen und benutzten Archive am Schluss seiner Einführung genügt nicht den Anforderungen an eine wissenschaftliche Publikation – es fehlt ein detailliertes Verzeichnis der Quellenbestände mit genauen Angaben, vor allem, was Privatarchive und Zeitzeugeninterviews anbelangt.

Bevor Klein sich der eigentlichen Untersuchung zuwendet, werden die „Vorgeschichte“ für die Zeit von 1945 bis 1980 und der „Paradigmenwechsel und Transformation von Opposition und Widerstand“ geschildert. Vielleicht wird nicht jeder Leser allen Deutungen und Interpretationen Kleins folgen wollen, doch die Fülle und Vollständigkeit jeglicher in Ost-Berlin und Umland agierenden Gruppen ist beeindruckend und einzigartig. Das macht seine Untersuchung trotz des etwas sperrigen Stils lesenswert. Interessant sind Kleins Ausführungen zu Westkontakten der DDR-Friedensbewegung zum Beispiel zu den Grünen. Als Hauptberührungspunkte zwischen beiden sieht er den „unmissverständlichen Standpunkt der Grünen in der Friedensfrage“ (S. 178). Die stellenweise fruchtbare Kooperation erfuhr Irritationen durch das Interesse der DDR-Regierung an einer Annäherung an die Grünen – zumindest so lange diese in der BRD Teil einer Systemopposition waren. Bereits 1986, resümiert Klein hämisch, hätten die Basisgruppen aus der DDR ein negatives Bild der mittlerweile zur „Bonzenpartei“ (S. 182) verkommenen Grünen gewonnen.

Durch seine gesamte Untersuchung hindurch führt Klein – vermutlich nur für Insider nachvollziehbare – Grabenkämpfe: Welche Gruppen hatten Recht, wurden verkannt und unterschätzt, welche aus damaliger Sicht des Autors politisch nicht korrekte gingen als „Revolutionäre“, sogar als protestantische Revolutionäre, in die gesamtdeutsche Geschichte ein? Auch in seiner „Nachbemerkung“ (S. 521-524) konstatiert Klein in knappen Worten, dass nach der so genannten Wende die wahren Ziele der DDR-Opposition nicht etwa erreicht worden seien, wie es „Zeithistoriker und einige Wortführer der 1990/91 gewendeten neuen politischen Vereinigungen“ (S. 524) behaupteten. Vielmehr seien weite Teile widerständiger oder oppositioneller Gruppen zu DDR-Zeiten und auch retrospektiv verkannt worden. Er schließt sich einem Zitat aus Detlef Pollacks gelungener Darstellung aus dem Jahr 2000 zu den politisch alternativen Gruppen in der DDR an, um zu unterstreichen, dass „die alternativen Gruppen nicht unter dem Gesichtspunkt ihres Beitrags zum Ende der DDR, sondern als selbständiges Phänomen innerhalb der DDR-Gesellschaft zu betrachten“ seien (S. 524).

Wenn Klein seine Doppelrolle als Zeitzeuge und Historiker transparent gemacht hätte bei seiner beeindruckend detailreichen Arbeit über die friedensbewegten, politischen Gruppen im Osten Berlins, anstatt zwischen den Zeilen permanent auf seiner Sicht der Dinge als einzig wahre und vertretbare zu beharren, wäre die Darstellung eine gelungene Bereicherung der Forschungslandschaft gewesen.

Anmerkungen:
[1] Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1997. Klein wirft unter anderem Neubert „nachholende Umdeutungen, die gesamte Opposition betreffend“ (S. 15), vor.
[2] Neubert, Geschichte, S. 344.
[3] Anke Silomon, Synode und SED-Staat. Die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR in Görlitz vom 18. bis 22. September 1987, Göttingen 1997, v.a. S. 251ff.

Zitation
Anke Silomon: Rezension zu: : »Frieden und Gerechtigkeit!«. Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre. Köln  2007 , in: H-Soz-Kult, 26.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12890>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.03.2010
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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