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Titel
Das Baskenland. Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts


Autor(en)
Niebel, Ingo
Erschienen
Wien 2009: Promedia Verlag
Umfang
256 S.
Preis
€ 17,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michel Espagne, Centre National de la Recherche Scientifique, Paris

Das Buch von Ingo Niebel liefert einen unerwarteten Beitrag zur neueren Geschichte des Baskenlandes, beziehungsweise der südlichen Provinzen. Selten wird der Standpunkt des linken baskischen Flügels in der Darstellung des politischen Konflikts zwischen den national gesinnten Basken und der spanischen Regierung systematisch vertreten. Noch seltener wird diese Perspektive von einem ausländischen Autor deutscher Sprache bezogen. Die ersten Kapitel verweisen auf die klassischen Wurzeln des baskischen Nationalismus. Die Vertrautheit mit der Sprache oder wenigstens der Wille, diese Sprache, die man als das einzige vorindogermanische Überbleibsel in Europa bezeichnen kann, zu erlernen, definieren den Euskaldun, den Sprachkundigen, den Basken. Schon Wilhelm von Humboldt, der seine Theorie einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit von Sprache und Nation gerade an den Basken prüfte, ist für eine sprachwissenschaftlich orientierte Identität der Basken mitverantwortlich.

Auch die Bewahrung der alten Rechte, der Fueros, war ein Leitmotiv der baskischen Politik, die immer eine möglichst breite Autonomie anstrebte und einen ständigen Widerstand gegen die spanische Zentralmacht zu leisten hatte. Andere Identitätssymbole wie die Fahne, die Ikkuriña können noch erwähnt werden. Nach der Gründung der spanischen Republik zu Beginn der 1930er-Jahre waren die Basken in ihren Bestrebungen ein gutes Stück vorangekommen. Dies erklärt auch, warum gerade das Baskenland einen erbitterten Kampf gegen die Franco-Diktatur sowohl während des Bürgerkriegs wie in der Zeit danach geführt hat. Welches Unheil die Legion Condor in der Stadt Gernika anstiftete, wird jetzt in den europäischen Schulbüchern geschildert. Die Bewegung „Euskadi ta Askatasuna“ wurde aber erst 1959 gegründet, brachte einzelne Folterer um und wurde selbst das Ziel einer nicht gerade sanften Repression. Die Zögerlichkeit, mit der das Autonomiestatut nach dem Tode Francos bewilligt wurde, nährte eine tiefe Unzufriedenheit und ermöglichte dem eher konservativen PNV seine Macht auszubauen. Die ETA, deren Anschlag auf Carrero Blanco den spanischen Übergang vom Franco-Regime zur Demokratie vielleicht erleichtert hatte, sah am Ende der 1970er-Jahre keinen Grund, die Waffen niederzulegen, denn sie hatte die Autonomie noch nicht oder nicht in der von ihr erwünschten Form erreicht.

Das Buch beschreibt die verschiedenen Etappen, die zur jetzigen Sackgasse geführt haben. Die Gespräche von Algier im Jahre 1989, der Pakt von Lizarra-Garazi, in dem die verschiedenen politischen Parteien eine Art baskische Bundesrepublik forderten, die Gründung örtlicher Polizeikräfte (Ertzaintza und Foralzaingoa), die seltenen Momente der Waffenruhe werden mit einem beeindruckenden Detailreichtum beschrieben. Ingo Niebel beleuchtet die Bemühungen der Basken um eine freie Medienlandschaft und die Versuche der Madrider Zentralmacht, die baskischen Journalisten zu unterdrücken, ja sogar Zeitungen (Egunkaria) zu verbieten. Er macht die brisantesten politischen Themen wie die Zusammenlegung der Gefangenen und die andauernde Folter oder den rechtlosen Raum zwischen Polizeigewahrsam und Gefängnisstrafe besser verständlich. Schon die Bezeichnung des Politikers Aznar oder des Richters Garzon als Postfranquisten zeugt allerdings von einer bewußten Parteilichkeit. Man möchte eher sagen, dass die Behandlung der baskischen Frage und die Dialektik von Anschlägen und Repression als ein erstaunlich überholtes Relikt der Franco-Ära in einem ganz veränderten spanischen Kontext aufgedeckt werden kann. Sehr zu begrüßen ist die Genauigkeit der Zahlen-Angaben. 750 ETA-Mitglieder sind oder waren inhaftiert. In den letzten 30 Jahren sind etwa 2000 Basken ins Ausland geflüchtet. Seit 1968 starben 857 Personen bei ETA-Anschlägen. Wahrend derselben Zeit starben ungefähr 200 Mitglieder der ETA. Nach einer Telefonumfrage vom April 2008 sprachen sich 22% der Befragten für die Unabhängigkeit aus. Auch die präzise Darstellung der Hauptfiguren sowohl des baskischen Nationalismus (vom Lehendakari, dem Provinzpräsidenten, bis zu den Exilierten) wie auch der mit der baskischen Frage konfrontierten spanischen Politiker ist für den Historiker sehr nützlich.

Ingo Niebel konzentriert sich auf den Ablauf der Ereignisse und hat deshalb ein wichtiges sehr informatives Buch publiziert. Auch die gewählte baskenfreundliche Perspektive muss begrüßt werden. Stellenweise fehlt vielleicht die geschichtswissenschaftliche Distanz. Die nördlichen Provinzen werden nur am Rande erwähnt, die wirtschaftliche Bedeutung und die demographischen Entwicklungen des Baskenlandes in Spanien und in Europa bleiben eher im Hintergrund, die kulturelle Auferstehung des Baskenlandes trotz aller Repressionen wird vielleicht etwas unterschätzt. Die Legitimität der Zerstückelung europäischer Länder in ethnisch oder sprachlich definierte Gebiete wird nicht erschöpfend diskutiert. Auch sind die postfranquistischen Momente der spanischen Gesellschaft übertrieben, obwohl bedauernswerte Relikte gerade in der ETA-Bekämpfung, in der wiederholten Verhängung des Ausnahmezustandes und überhaupt in der allgemeinen Behandlung der Basken-Frage zu beobachten sind. Sicher bleibt immerhin, dass das Buch eine unerlässliche Darstellung der ausweglosen politischen Situation des jetzigen Baskenlandes in baskischer Sicht darstellt. Jeder, der sich mit der Zeitgeschichte dieses europäischen Territoriums befasst, sollte es, wenn auch ab und zu mit kritischer Distanz, gelesen haben.

Zitation
Michel Espagne: Rezension zu: : Das Baskenland. Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts. Wien  2009 , in: H-Soz-Kult, 19.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12934>.
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Veröffentlicht am
19.02.2010
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