A. Sawahn: Die Frauenlobby vom Land

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Titel
Die Frauenlobby vom Land. Die Landfrauenbewegung in Deutschland und Ihre Funktionärinnen 1898 bis 1948


Autor(en)
Sawahn, Anke
Erschienen
Frankfurt am Main 2009: DLG-Verlag
Umfang
688 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doris Tillmann, Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum/Stadtarchiv Kiel

Mit mehr als einer halben Million Mitgliedern ist der Deutsche Landfrauenverband noch heute die größte Organisation, die die Interessen von Frauen auf dem Land vertritt. Der über 100-jährigen Geschichte dieses Verbandes und seinen frauen- und agrarpolitischen Positionen nähert sich die umfangreiche Dissertation der Historikerin Anke Sawahn über den Weg sehr komplexer biografischer Fragestellungen. Sie untersucht die Lebensläufe von 21 herausragenden Protagonistinnen der Landfrauenbewegung, allen voran die für Jahrzehnte prägende Gründerin Elisabeth Boehm mit ihren fachlichen Erfolgen und ihren politischen Ambitionen. Wie füllten diese Frauen ihre Rolle als Funktionärinnen aus und welche Haltungen nahmen sie ein? Wie waren sie dabei geprägt durch ihre soziale oder familiäre Herkunft – ein großer Teil von ihnen stammte aus dem ländlichen Adel – durch ihre Ausbildung, ihre Religionszugehörigkeit oder die gesellschaftliche Stellung ihres Ehemannes?

Wichtig ist dabei auch der Kontext der einschneidenden politischen Veränderungen in Deutschland, die fast alle der hier porträtierten Frauen in den 50 Jahren des Untersuchungszeitraums erlebten und vor deren Hintergrund die Landfrauenbewegung zu verstehen ist: Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Revolution, Weimarer Republik, NS-Zeit, Zweiter Weltkrieg und Neubeginn nach 1945. Insbesondere die Haltung der Landfrauen zum Nationalsozialismus wird in der Studie von Anke Sawahn eingehend untersucht, denn ihr Verband arrangierte sich nicht nur mit dem NS-Staat, sondern war von Anfang an intensiv in dessen Bauerntumspolitik eingebunden. Die Funktionärinnen zeigten eine große Affinität zum völkischen Gedankengut und standen der Eingliederung ihrer Organisation in den Reichsnährstand positiv gegenüber.

Auf die eigentliche Verbandsarbeit geht Sawahn detaillierter am Beispiel der Provinz Hannover und der dort aktiven Vorstandsmitglieder ein. Hier gewährt die Untersuchung Einblick in die berufständischen Aufgaben speziell im ländlich-hauswirtschaftlichen Aus- und Fortbildungswesen der 1920er- und der frühen 1930er-Jahre unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Krisen dieser Zeit, in der die Landfrauenbewegung ihren größten Zulauf verzeichnete. „Landfrauen als NS-Propagandistinnen im Reichsnährstand und in den Landesbauernschaften“ ist der Titel des wohl wichtigsten Kapitels der Untersuchung, denn die Rolle der Landfrauen in den NS-Organisationen ist seit langem ein Desiderat der Frauen- und Agrargeschichte. Ausführlich werden Gliederung und Aufgaben der entsprechenden Abteilungen des Reichsnährstandes dargestellt, bevor Anke Sawahn wiederum anhand einzelner Biografien die verschiedenen Schwerpunkte nationalsozialistischer Frauenpolitik auf dem Land erläutert und gelegentlich auch die Lebenssituation der Bäuerinnen streift. Eingehend widmet sie sich den drei Reichsbäuerinnen Hildegard von Rheden, Grete Wigger und Nelly Lüschow sowie weiteren Aktivistinnen und stellt deren Begeisterung für den Führer, die Blut-und Boden-Ideologie oder ihre Vorlieben etwa für Trachten, Hausfleiß und aufwendig inszenierte Erntefeste dar. Die Untersuchung zeigt die Einbindung der einzelnen Frauen in die landwirtschaftlichen NS-Organisationen auf, in denen sie Karriere machten und innerhalb derer es durchaus Konflikte und Konkurrenzsituationen mit anderen Vertreterinnen gab. Interessant sind die Lebensläufe der drei Publizistinnen unter den Landfrauen: Anne Marie Köppen, Hildegard Caesar-Weigel und Agnes Miegel, von denen vor allem Caesar-Weigel mit ihrem Buch „Das Tagewerk der Landfrau“ bis in die Nachkriegszeit hohe Auflagen erreichte.

Umfang und Detailreichtum der Arbeit von Anke Sawahn faszinieren; allein ca. 3000 Anmerkungen im wissenschaftlichen Apparat zeugen von einer akribischen und gut fundierten Untersuchung. Doch die Lektüre gestaltet sich dadurch zu einem langwierigen Erkenntnisgewinn mit wenig überraschendem Ergebnis: Wie der größte Teil der Landbevölkerung in Deutschland waren auch die Funktionärinnen unter den Landfrauen Anhängerinnen des Nationalsozialismus in unterschiedlichen persönlichen Ausrichtungen, mal ideologisch verbrämt, mal eher pragmatisch orientiert. Am Ende der biografischen Darstellungen steht jeweils die Frage nach dem Entnazifizierungsprozess und zuletzt nach der persönlichen Rückschau auf den politischen Werdegang der einzelnen Frauen. Und auch hier erstaunt es wenig, dass es weder Reue, Einsicht, noch politische Umorientierungen bezüglich der von ihnen in der NS-Zeit vertretenen Positionen gab.

Das große Verdienst der Untersuchung von Anke Sawahn ist die Aufarbeitung bisher unbekannter Frauenbiografien an der Spitze eines einflussreichen Verbandes und damit die Zuschreibung von persönlicher politischer Verantwortung. Frauen treten hier als handelnde Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen und den ihnen im Rahmen ihrer Organisation gegebenen Machtbefugnissen auf, die jede auf ihre Weise zu nutzen verstand. Auf eine bloße Mitläuferschaft kann sich keine von ihnen berufen.

Zitation
Doris Tillmann: Rezension zu: : Die Frauenlobby vom Land. Die Landfrauenbewegung in Deutschland und Ihre Funktionärinnen 1898 bis 1948. Frankfurt am Main  2009 , in: H-Soz-Kult, 09.10.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13021>.
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Veröffentlicht am
09.10.2009
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