A. S. Hollis (Hrsg.): Callimachus – Hecale

Cover
Titel
Callimachus. Hecale


Hrsg. v.
Hollis, Adrian S.
Erschienen
Umfang
XII, 435 S.
Preis
€ 42,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Habermehl, Die griechischen christlichen Schriftsteller, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Die Hekale war eine der erfolg- und folgenreichsten poetischen Schöpfungen des Hellenismus. Dieses Epyllion schildert, wie der auf dem Weg nach Marathon vom Gewitter überraschte Theseus bei der greisen Hekale einkehrt. Wie die kargen Fragmente verraten, richtet sie dem durchnässten Gast ein warmes Fußbad und ein frisches Lager; sie schürt das Feuer und bereitet ein herzhaftes Mahl aus Brot, Oliven und allerlei gekochtem Gemüse, das die beiden beim freundlichen Gespräch verzehren. Am nächsten Morgen bricht ihr Gast erquickt auf zum Kampf gegen den Stier. Als Theseus bei seiner Rückkehr vom Tod seiner Gastgeberin erfährt, adelt er die plötzlich Verstorbene dankbaren Herzens mit kultischen Ehren.

In Kallimachos’ Text kulminiert die reiche literarische Tradition der xenía (Gastfreundschaft).[1] Vorbild waren jene klassischen Begebenheiten, in denen Heroen oder Gottheiten die Gastlichkeit schlichten Landvolks genießen, ob nun Odysseus die des Eumaios oder Zeus und Hermes die von Philemon und Baucis. Der Reiz jener Erzählungen liegt auf der Hand: Im erhabenen Kontext der epischen Welt rücken unerwartet bedürftige und betagte Charaktere ins Zentrum einer Geschichte, die alles Heroische abstreift und statt dessen den Blick schärft für die Belange des Alltags und die frugale Existenz jener Namenlosen, die im Schatten der heroischen Welt so redlich wie klaglos ihr Dasein fristen.

Kallimachos’ Darstellung dieses Sujets wurde von Anfang an bewundert, zitiert, imitiert. In der griechischen, aber auch der römischen und byzantinischen Literatur hat der Text etliche Spuren hinterlassen. Die mutmaßlich letzte vollständige Kopie der Hekale ging erst eineinhalb Jahrtausende nach ihrer ‚Veröffentlichung‘ zugrunde (so Hollis’ einleuchtende These), als die vom 4. Kreuzzug heimkehrenden fränkischen Ritter 1205 Athen brandschatzten. Und es ist ein faszinierendes Kapitel neuzeitlicher Philologie-Geschichte, wie von Politian an der verlorene Text nach und nach in einer stetig wachsenden Zahl von Splittern wieder ausgegraben wurde.

Die nach wie vor maßgebliche Edition der Fragmente stammt von Rudolf Pfeiffer.[2] Vier Jahrzehnte später (1990) gelang Hollis in seiner Edition das Kunststück, die Früchte von Pfeiffers großem Wurf nicht nur höchst leserfreundlich zu präsentieren, sondern mit klugen eigenen Funden zu ergänzen und die Exegese dieses Schlüsseltextes in einem reichen Kommentar spürbar voranzutreiben. Wie bereits die ersten Rezensenten zurecht festhielten, brachte Hollis mit radikalem Scharfsinn, aber auch dank seiner exquisiten Kenntnis der hellenistischen Dichtersprache und der Raffinessen kallimacheïscher Metrik einen radikal fragmentierten Text in eine überzeugende Ordnung und leuchtete ihn in allen erdenklichen Verästelungen philologisch wie poet(olog)isch aus.[3]

Dass diese exquisite und schon lange vergriffene Arbeit nun wieder lieferbar ist, werden nicht nur Kallimachos-Spezialisten begrüßen. Die Ankündigung „second Edition“ führt insofern in die Irre, als die erste Auflage (samt der gottlob wenigen Druckfehler) photomechanisch nachgedruckt wird. Doch am Ende des Bandes finden sich wichtige Nachträge. Neue Papyri zur Hekale sind in den beiden letzten Jahrzehnten (so gut wie) keine zutage getreten; doch Hollis’ erneute Durchsicht antiker und byzantinischer Autoren – von späten Lexikographen bis hin zu Kirchenschriftstellern wie Gregor von Nazianz oder Michael Choniates – hat eine Reihe kleiner, aber feiner neuer Funde gezeitigt.

Segensreich ist auch die jetzt beigegebene Übersetzung der Fragmente (eine Übertragung hätten auch die Testimonien und vor allem die beiden so wichtigen Paraphrasen, Diegesis und Argumentum, verdient).[4] Und es gibt elf Seiten mit Ergänzungen zum Kommentar, mit neuen Emendationen (e.g. zu Frgg. 17 oder 48), Parallelen für kallimacheïsches Vokabular (e.g. zu Frgg. 3 oder 137)[5] oder kallimacheïsche Motive (e.g. zu Frg. 35), mit neuen Sacherläuterungen (e.g. zu Frg. 102) oder ikonographischem Material (e.g. zu Frg. 28); frühere Hypothesen werden widerrufen (e.g. zu Frg. 4), alternative aufgestellt (e.g. zu Frg. 13).[6]

Eine kleine Nachlese aus latinistischer Perspektive. Immer noch nicht gebührend erschlossen als Rezeptionszeugnis der Hekale ist eine Szene in Petrons (gleichfalls fragmentarischem) Roman Satyrica. Denn über die eine dezidierte Anspielung Sat. 135,8,15-17 hinaus (= Test. 7 Hollis) spielt die gesamte Episode in der Hütte der Priap-Priesterin und Hexe Oenothea nicht nur mit Motiven aus Ovids Philemon und Baucis (Met. 8,618-724), sondern auch mit zwei hellenistischen Vorlagen: der Victoria Berenices aus Kallimachos’ Aitia (Herakles in der Hütte des Bauern Molorchos) – und dem Epyllion Hekale.[7] Nicht nur im Wüstensand dürfte noch manches Bruchstück dieses epochalen Textes schlummern…

Anmerkungen:
[1] Den Topos der „Gastfreundschaft“ in der antiken Literatur – von der Odyssee (und dem Alten Testament) bis hin zu Niketas’ byzantinischer Vita des Hl. Philaretos von Amnia – dokumentiert Hollis mustergültig in seinem dritten Appendix.
[2] Rudolf Pfeiffer (Hrsg.), Callimachus, Fragmenta. Oxford 1949. – Die nach Pfeiffer publizierten Fragmente finden sich größtenteils in Hugh Lloyd-Jones / Peter Parsons (Hrsg.), Supplementum Hellenisticum, Berlin 1983.
[3] Eine feine Kostprobe philologischen Handwerks liefert Hollis z.B. in seinem zweiten Appendix zur mutmaßlichen Länge der Hekale.
[4] Hiesige Leser können parallel eine vorzügliche neue deutsche Übersetzung zu Rat ziehen: Kallimachos, Werke griechisch und deutsch. Hrsg. und übersetzt von Markus Asper, Darmstadt 2004.
[5] Im zweiten Fall handelt es sich um eine erst 2004 publizierte hellenistische Inschrift aus Kandahar (Afghanistan).
[6] Warum die eine Seite bibliographischer Nachträge sich ausschließlich mit Aufsätzen und Miszellen von Hollis begnügt, wird nicht recht klar. Stellvertretend für konstitutive neue Beiträge zur Hekale sei zitiert Annemarie Ambühl, Entertaining Theseus and Heracles. The Hecale and the Victoria Berenices as a Diptych, in: M. A. Harder u.a. (Hrsg.), Callimachus II (Hellenistica Groningana 7), Leuven 2004, 23-47.
[7] Für diesen Befund spricht so manches Detail, nicht zuletzt ein frei abgewandeltes Zitat: „Sie ließ ihn auf der Liege Platz nehmen“ (Frg. 29 Hollis) ~ Sat. 134,3: ac me iterum in cellam sacerdotis nihil recusantem perduxit impulitque super lectum.

Zitation
Peter Habermehl: Rezension zu: Hollis, Adrian S. (Hrsg.): Callimachus. Hecale. Oxford  2009 , in: H-Soz-Kult, 16.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13146>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2009
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation