Sammelrezension: I. Lenz: Die Neue Frauenbewegung

: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008 ISBN 978-3-531-14729-1, 1200 S. € 49,90.

Lenz, Ilse (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften  2009 ISBN 978-3-531-16764-0, 348 S. € 24,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristina Schulz, Historisches Institut, Universität Bern

Die Bochumer Professorin für Geschlechter- und Sozialstrukturforschung Ilse Lenz hat eine Quellensammlung vorgelegt, welche die vielfältigen Betätigungsfelder und Aktivitäten der neuen Frauenbewegung in Deutschland in einem Zeitraum von knapp vierzig Jahren (1968-2005) dokumentiert. Wiedergegeben und kommentiert werden über 260 Texte, in denen bekannte und weniger bekannte Aktivistinnen und Gruppierungen zu Wort kommen. Den Quellen ist eine ausführliche Einleitung der Herausgeberin vorangestellt, in der die Kriterien für den Aufbau dargelegt werden. Ilse Lenz folgt zwar einer chronologischen Logik, leistet aber mehr als eine Aneinanderreihung von Quellen entlang der Zeitachse. Ihr Erkenntnisinteresse gilt den internen Transformationen der Neuen Frauenbewegung, wobei Veränderungen mehrerer „Dimensionen“ angesprochen werden[1]: die Trägerinnen der Bewegung, die Diskurse, die Organisationen und die Bewegungsöffentlichkeit („Semiöffentlichkeit“). Verändern sich zwei dieser vier Bewegungsdimensionen, kann von einer Transformation der Bewegung gesprochen werden, die den Übergang zu einer neuen Phase markiert. So komplex diese Überlegungen sind, so klar und einleuchtend ist der Aufbau des Buches, der sich aus den ermittelten Zeitabschnitten ergibt: 1. Phase Bewusstwerdung und Artikulation (1968-1975), 2. Phase Pluralisierung und Konsolidierung (1976-1980), 3. Phase Pluralisierung, Professionalisierung und institutionelle Integration (1980-1990) und 4. Phase Globalisierung, deutsche Vereinigung und Postfeminismus (1989-2005). Innerhalb dieser Teile sind die Quellendokumente nach inhaltlich-thematischer Nähe angeordnet. Daraus ergeben sich Unterkapitel, die jeweils mit einem faktengesättigten Rahmentext eingeleitet und die versammelten Quellen damit kontextualisiert werden. Kapitelüberschriften wie „Warum sind wir so gefährlich? Entwicklung und Ausweitung der Frauenbewegung“, „Raus aus dem kleinen Unterschied? Sexuelle und körperliche Selbstbestimmung und Gesundheit“ oder „Das Schweigen wird gebrochen. Gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen“ verweisen auf die Vielfalt der thematischen Schwerpunkte der Neuen Frauenbewegungen. Die Entscheidung der Herausgeberin, diese thematischen Auseinandersetzungen innerhalb bestimmter Phasen zeitlich zu verorten, erweist sich als sehr hilfreich, wenn man eine differenzierte, die bewegungsinterne Dynamik in Rechnung stellende Analyse der Bewegung anstrebt.

Welche Quellen werden nun der Leserschaft zugänglich gemacht? Angesichts der ausgesprochenen Vielfalt des Materials kann die Antwort an dieser Stelle nicht allen Quellengattungen gerecht werden. Grob lässt sich sagen: Für die Frühphase handelt es sich fast ausschließlich um so genannte „graue Materialien“, die sich nur in einigen feministischen Archiven und privaten Sammlungen finden lassen, zum Teil aber, wie die Rede Helke Sanders auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, inzwischen schon in anderen Dokumentationen wiedergegeben sind. Mit der Entfaltung einer Bewegungsöffentlichkeit in der zweiten Phase ändert sich auch der Charakter der Quellen. Repräsentativ für diese Zeit sind Ausschnitte aus Bewegungsorganen wie „Die Schwarze Botin“, „EMMA“ oder „Courage“. Als die Frauenbewegungen sich professionalisierten und einige ihrer Vertreterinnen den „Marsch in die Institutionen“ antraten, rückten wieder andere Ausdrucksmittel in Reichweite. Bezeichnend für diese dritte Phase sind Entwürfe für oder Kommentare zu Gesetzesänderungen, Äußerungen von Frauenpolitikerinnen, feministischen Wissenschaftlerinnen und Lobbygruppen. Die bis in die Gegenwart reichende, unter dem Zeichen der Globalisierung stehende vierte Phase wird in Materialen dokumentiert, in denen einerseits die supranationale Vernetzung von Frauenorganisationen, andererseits der Wille, Errungenschaften auf nationalem Gebiet politisch zu verankern (Quotendebatte) zum Ausdruck kommen. Gerade dieser, der Zeit nach 1989 gewidmete Teil verdient besondere Aufmerksamkeit. Die hier versammelten Dokumente und Rahmentexte präsentieren Material, mit dem sich Sozialwissenschaftler/innen und Historiker/innen noch kaum auseinandergesetzt haben. Deutlich wird, dass das Ende des Kalten Krieges und die Globalisierung auch die Frauenbewegung(en) mit neuen Fragen konfrontiert hat. Migration und Asyl, Menschenrechte und Frauenhandel werden zu wichtigen Sujets. Auch lassen die präsentierten Quellen auf Veränderungen in den Kommunikations- und Mobilisierungsformen schließen, deren Analyse noch aussteht.

Wissenschaftlich gesehen ist das Werk aus zwei Gründen besonders interessant: Zum ersten verbindet es auf produktive Weise einen sozialwissenschaftlichen Zugriff mit historischer Quellenkritik. Indem es die Frauenbewegungen als „mobilisierende kollektive AkteurInnen“ (S. 22), die beteiligten Personen als sozial Handelnde fasst, wendet es sich gegen eine Tendenz der gegenwärtigen Geschlechterforschung, Weiblichkeiten (und Männlichkeiten) einzig unter dem Aspekt ihrer diskursiven Konstruktion und Repräsentation zu untersuchen. Ilse Lenz geht es dagegen darum, das Denken und Handeln der Neuen Frauenbewegungen, ihr Sein und ihr Tun, die Entstehungskontexte und Entstehungsgründe sowie die Wirkungspotentiale der neuen Frauenbewegung transparent zu machen. Zum zweiten hat das Forschungsteam, das an der Vorbereitung des Bandes beteiligt war, ein weites Verständnis von Frauenbewegung angelegt. Zur Beschreibung feministischer Aktivitäten wird durchgehend der Plural „Neue Frauenbewegungen“ gebraucht und dieser mit der Vielfalt der Strömungen, Gruppen und Initiativen begründet. Die Frauenbewegungen werden nicht über ihre Organisations-, Kommunikations- und Aktionsformen bestimmt, sondern über ihre Anliegen: Sie „fordern angesichts einer öffentlichen formalen Rechtsgleichheit individuelle Selbstbestimmung, Freiheit, Gleichheit und Solidarität und wirken auf einen grundlegenden Wandel der Geschlechterverhältnisse hin“ (S. 22). Eine solche Charakterisierung erlaubt es, Bewegungsaktivitäten auch über die Massenbewegung der 1970er-Jahre – den Kampf um die Liberalisierung der Abtreibung – hinaus zu erfassen, zu quantifizieren und zu charakterisieren. Diese weite, an Bewegungsforderungen, nicht aber an Mobilisierungszusammenhängen orientierte Definition hat allerdings auch einen Preis. Schwammig bleibt, wie die Gruppen, Organisationen und Individuen zueinanderstehen und ob sie Teil einer übergreifenden Mobilisierungsdynamik sind, die als soziale Bewegung, also als „mobilisiertes Netzwerk von Netzwerken“[2] mit einer „gewissen Kontinuität“[3], beschrieben werden kann. Nicht zuletzt durch den Gebrauch des Plurals „Frauenbewegungen“ wird der Frage ausgewichen, in welchen Phasen die Frauenbewegung als soziale Bewegung beschreibbar ist und welche Formen kollektiven Handelns sie sonst noch annahm. Damit wird analytisches Potential verschenkt, könnte doch gerade der Fall der neuen Frauenbewegung Aufschluss darüber geben, welche Effekte und Wirkungen soziale Bewegungen in demokratischen Gesellschaften erzielen können und auf welchem (Um)weg. Umso bedauerlicher ist dieses Ausweichen, weil Ilse Lenz bereits auf Hypothesen der Bewegungsforschung zurück greift, etwa die Frage nach dem Beitrag von kollektiven mobilisierten Akteuren zum gesellschaftlichen Modernisierungsprozess, nach ihren Möglichkeitsbedingungen in einer gegebenen politischen Gelegenheitsstruktur oder nach Problemen der Ressourcenmobilisierung.

Gleichwohl, wer sich für Feminismus und neue soziale Bewegungen allgemein interessiert, wird von der Quellensammlung nicht enttäuscht sein. Erlaubt sie doch, anhand von einer Bewegung, die an Intensität und Dauer viele andere soziale Bewegungen übertraf, Formierungs-, Mobilisierungs- und Institutionalisierungsprozesse nachzuvollziehen und das Wirkungspotential auszuloten. In der Fülle und Vielfalt der Quellen, dem dokumentierten Zeitraum, der systematischen Ordnung der präsentierten Texte und dem bibliografischen Anhang lässt dieses Werk mit seinen über 1200 Seiten nur wenige Wünsche offen. Es war an der Zeit, denn vier Jahrzehnte nach den „Swinging Sixties“ und drei nach den „wilden Seventies“ hat das Interesse der Historikerinnen und Historiker an dieser Zeit zugenommen, nicht zuletzt durch den im Zuge des „68er Jubiläums“ ausgelösten Erinnerungsboom. In dem Panorama, das derzeit von diesen Jahren gezeichnet wird, darf die Frauenbewegung nicht fehlen. Dies schon allein darum nicht, weil sie Anliegen der 68er Bewegung in produktiver Weise aufgenommen, weiterentwickelt, mitunter auch unterlaufen, ihre tiefgreifende Gesellschaftskritik auf das Geschlechterverhältnis bezogen und weite Kreise von Frauen (und wenige Männer) politisiert hat. Frauen, die in der Frauenbewegung aktiv waren (und sind), haben ein anderes als das ihnen zugedachte Leben gelebt. Sie sind ausgebrochen aus Konventionen, haben vorgeschriebene Rollenerwartungen zurückgewiesen, sind an die Öffentlichkeit getreten. Für diese Bewegungsaktivistinnen „der ersten Stunde“ war in und nach den Jahren feministischen Engagements nichts mehr wie zuvor. Aber auch jenseits des engeren Kreises von Aktivistinnen hat, das zumindest lassen die vorgelegten Quellen für das Jahrzehnt vor und die zwei Jahrzehnte nach der deutschen Vereinigung vermuten, die Frauenbewegung Spuren hinterlassen: Antidiskriminierungsgesetz, Gentechnik, Antirassismus, fairer Handel usw. – zu fast allen gesellschaftspolitischen Zeitfragen hat die neue Frauenbewegung Stellung genommen. Diese Geschichte zu schreiben heißt auch, einen Gegenpunkt zur dominanten 68er Rezeption zu setzen, in der die Studentenbewegung einzig als Ausgangspunkt von Terrorismus, Werteverlust und Individualisierung gedeutet wird.

Der vorliegende, 2008 im Verlag VSA erschienene Quellenband wurde inzwischen durch eine im Jahr 2009 publizierte Auswahl von Quellen ergänzt. Diese „Miniaturausgabe“ von „nur“ knapp 350 Seiten hat einige der oben angesprochenen methodisch-theoretischen Unklarheiten beseitigt. In der Einleitung wird deutlich gemacht, dass es eine „Gesamtbewegung“, nämlich „die neue Frauenbewegung“ gibt, in Bezug auf ihre vielfältigen Trägerorganisationen aber von „Frauenbewegungen“ zu sprechen sei. Auch wurde der Abschnitt über die bewegungsinternen Dimensionen und ihren Wandel geglättet und gewinnt damit an Klarheit. Neu sind in dieser Ausgabe – angesichts des Forschungsstandes immer noch provisorische – Anmerkungen zur Frauenbewegung in der DDR nach 1968 sowie ein systematischerer Überblick über die wichtigsten Strömungen der Bewegung in jeder Phase. Der in dieser Quellenauswahl zur Verfügung stehende eingeschränkte Platz hat im Aufbau zu Konzessionen gezwungen. Geordnet wird hier ausschließlich nach inhaltlich-thematischen Schwerpunkten. Dokumentiert sind Diskurse über Geschlecht und Geschlechtsidentität, Äußerungen zu Bildung und Gewalt, Formen der Einflussnahme auf die Politik sowie, das wurde übrigens auch in der umfassenden Quellensammlung nicht vergessen, das Verhältnis der Frauenbewegung zu Männern und zur Männerbewegung. Aufgrund der unterschiedlichen Einleitungen und Strukturierungsprinzipien sind die beiden Bände meines Erachtens komplementär. Sie bieten einen facetten- und kenntnisreichen Überblick über die Wirkungsbereiche und Potentiale der neuen Frauenbewegung. Sie zeichnen sich zudem trotz ihrer Fülle durch ihre überschaubare Aufmachung aus, in der Quellentexte, Angaben über die Herkunft der Quelle und Kommentare auch typografisch deutlich voneinander abgehoben werden. Damit eignet sich das Werk auch für den Einsatz in der Lehre sehr gut. Im Ergebnis dokumentieren die Quellensammlungen nicht nur die Aktivitäten einer Bewegung, die es weit gebracht hat, sondern auch die überaus erfolgreiche Arbeit kompetenter Geschlechterforscherinnen – Studentinnen, Doktorandinnen, Postdoktorandinnen – die Ilse Lenz in ihrem Team zusammengeführt hat.

Anmerkungen:
[1] Auf S. 25 ist der Text missverständlich, spricht er doch einmal von drei, einmal von vier internen Dimensionen, ohne diesen Widerspruch aufzulösen.
[2] Friedhelm Neidhardt, Einige Ideen zu einer allgemeinen Theorie sozialer Bewegungen, in: Stefan Hradil (Hrsg.), Sozialstruktur im Umbruch, Opladen 1985, S. 193-204, hier S. 197.
[3] Joachim Raschke, Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriß, Frankfurt 1985, S. 77.

Zitation
Kristina Schulz: Rezension zu: : Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. Wiesbaden  2008 / Lenz, Ilse (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. Wiesbaden  2009 , in: H-Soz-Kult, 05.01.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13212>.
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05.01.2010
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