F. Hocheneder: H.G. Adler (1910-1988)

Cover
Titel
H.G. Adler (1910-1988). Privatgelehrter und freier Schriftsteller


Autor(en)
Hocheneder, Franz
Erschienen
Umfang
403 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kurt Schilde, Universität Siegen

Am 2. Juli 2010 wäre H. G. Adler 100 Jahre alt geworden, der über sich in einem 1981 ausgestrahlten Interview sagte: "Ich bin jüdischer Nationalität, deutscher Muttersprache, stamme aus der Tschechoslowakei, gehöre dem österreichischen Kulturkreis an, bin ein deutscher Schriftsteller, ein englischer Staatsbürger und hoffe, in all dem zusammen noch ein bißchen Mensch zu sein" (S. 316).

Der Germanist Franz Hocheneder porträtiert in seinem Buch den durch seine historischen Veröffentlichungen als Holocaust-Forscher bekannt gewordenen Mann. Er ist hauptsächlich wegen seiner Studien zum Ghetto Theresienstadt hervorgetreten und weniger durch seine schriftstellerischen und zumeist noch unveröffentlichten Arbeiten: "Bis heute bin ich unter jenen, die von mir wissen, gewöhnlich als 'Theresienstadt-Adler' bekannt" (S. 141). Dies will der Autor ändern und den "bedeutenden multidisziplinären Wissenschaftler und lange unterschätzten Schriftsteller" in den Mittelpunkt seines Werkes stellen. Diese erste Monografie über Adler basiert auf der von Hocheneder 1997 an der Universität Wien eingereichten zweibändigen Dissertation zu "H.G. Adler - Werk und Nachlaß" [1] und seinem Forschungsprojekt am Institut für Germanistik der Universität Wien. Da der "unbekannte" Privatgelehrte und freie Schriftsteller vorgestellt werden soll, hat der Autor die "erzählenden Werke Adlers […] auf ihre autobiographische Substanz befragt" – so Wendelin Schmidt-Dengler im Vorwort (S. 9).

Der in Prag geborene Hans Günther Adler stammt väterlicherseits von böhmischen Juden ab. Über die mütterliche Seite ist wenig bekannt. Den Grund für die Abkürzung seiner Vornamen nannte er in einem "Nachruf zu Lebzeiten": "H. G. steht für Hans Günther, dies die Namen zweier jung verstorbener Brüder meiner Mutter, die alle drei zu verleugnen er nie wünschte, ohne doch noch diese Namen voll zu führen, nachdem Eichmanns Vertreter für das 'Protektorat Böhmen und Mähren' in den Jahren 1939 bis 1945 eben so geheißen hatte" (S. 316). Gemeint war hier der SS-Offizier Hans Günther.

Adler wollte früh ein Dichter werden, zeigte seine seit 1927 entstandenen Gedichte jedoch niemandem und sprach auch nicht darüber. Er studierte Musikwissenschaft, deutsche Literatur, Kunstgeschichte und strebte eine akademische Anstellung an einer deutschen Universität an. Als er in Berlin Material für seine Doktorarbeit sammelte, erlebte er am 30. Januar 1933 die Regierungsübernahme durch Adolf Hitler. 1935 schloss er seine Dissertation über Klopstock und die Musik ab und schlug sich unter anderem mit Tätigkeiten an der Prager Urania und im Prager Rundfunk durch. Hocheneders Rekonstruktion seines Lebens erfolgt wesentlich über den biografischen Roman "Panorama" – und teilweise sehr langen Zitaten daraus – sowie aus anderen Schriften. Zu dieser Methode musste gegriffen werden, weil ansonsten nur wenige authentische Informationen vorliegen.

Nachdem eine geplante Auswanderung nach Brasilien scheiterte und seine Frau ihre Mutter nicht allein zurück lassen wollte, wurden die drei Verwandten 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ehefrau und Schwiegermutter sowie viele weitere Verwandte wurden ermordet. Seine Erfahrungen in Theresienstadt motivierten ihn, schon im Ghetto bzw. Konzentrationslager Material für eine spätere Darstellung zu sammeln. Dies sollte sein weiteres Leben bestimmen und in die zuerst 1955 veröffentlichte Studie "Theresienstadt 1941-1945" einmünden. In diesem 2009 als Reprint der zweiten Auflage von 1960 wieder veröffentlichten Standardwerk [2] hat er präzise das "Antlitz einer Zwangsgemeinschaft" – so der Untertitel – analysiert. Dem eigentlichen Vorhaben zum Trotz, das literarische Werk Adlers zu würdigen, ist der Biograf um eine sehr ausführliche Auseinandersetzung nicht herumgekommen. Insbesondere ist er bemüht, Adler gegen die Kritik an dessen negativer Beurteilung des Personals der jüdischen Selbstverwaltung zu verteidigen – so jüngst von Jiří Kosta, der selbst ein Zeitzeuge gewesen war.[3]

Die im Lager entstandenen 25 Gedichte des "Theresienstädter Bilderbogens" sind seine früheste schriftliche Auseinandersetzung mit der Lagerwelt. Adler wurde 1944 nach Auschwitz und später in andere Konzentrationslager deportiert und erlebte im April 1945 seine Befreiung. Er kehrte nach Prag zurück und besuchte Theresienstadt erneut, engagierte sich im Prager Jüdischen Museum, bis er 1947 nach England emigrieren musste. Dort heiratete er erneut und bekam einen Sohn. Die mehrfachen Versuche, als Bibliothekar, Hochschullehrer oder mit ähnlichen Tätigkeiten akademisch Fuß zu fassen, scheiterten und er zog sich als Privatgelehrter zurück. Er verfasste eine große Zahl von historischen Werken – von denen die meisten als Pionierarbeiten gelten. Seinen zahlreichen literarischen Arbeiten blieb im Gegensatz dazu die Anerkennung über seinen Tod 1988 in London hinaus verwehrt.

Die Adler-Monografie ist für ein – vermutlich nicht sehr großes – Fachpublikum sicherlich von Reiz. Es stellt hohe Ansprüche an literarisch Qualifizierte ebenso wie an historisch Interessierte. Diesen – scheinbaren? – Widerspruch fruchtbar zu wenden ist Hocheneder leider nur teilweise gelungen. Als Biograf hat er sich zu sehr in eine Rolle eines Verteidigers manövriert und bewertet Kritik zum Beispiel an Adlers Opus Magnum über Theresienstadt völlig überzogen als "Kampfansagen an sein Werk" (S. 168) – zum Beispiel durch Miroslav Kárný, deren Ziel es sei, "Adlers Theresienstadt-Buch nachträglich ungeschehen zu machen" (S. 161). Trotz dieser und anderer Kritikpunkte ist die Studie eine wichtige und materialreiche Darstellung. Sie verdeutlicht, dass H. G. Adler bestimmt kein einfacher Mensch gewesen ist, aber wer wäre das schon – und vor allem mit dieser Biografie?

Anmerkungen:
[1] Franz Hocheneder, H. G. Adler - Werk und Nachlaß. Eine bio-bibliographische Studie. Diss. Universität Wien 1997.
[2] Vgl. meine Rezension in: H-Soz-u-Kult, 14.01.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-069> (22.06.2010).
[3] Jiří Kosta, H. G. Adlers Opus magnum über das Ghetto Theresienstadt, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), Nr. 2, S. 105-133.

Zitation
Kurt Schilde: Rezension zu: : H.G. Adler (1910-1988). Privatgelehrter und freier Schriftsteller. Wien  2009 , in: H-Soz-Kult, 02.07.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13354>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2010
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation