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Titel
Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches


Autor(en)
Meier, Mischa
Erschienen
Stuttgart 2009: Klett-Cotta
Umfang
443 S.
Preis
€ 27,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Börm, Fachgruppe Geschichte, Universität Konstanz

Mit der langen Herrschaft des römischen Kaisers Anastasius (491–518) verbindet sich eine wichtige Phase der spätantiken Geschichte. Dennoch dauerte es bis 2006, bis erstmals seit 1969 eine Monographie zu diesem Herrscher erschien.[1] Nun, drei Jahre später, hat der Tübinger Althistoriker Mischa Meier die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung zu Anastasius vorgelegt. Der Band soll sich an Fachkollegen und interessierte Laien zugleich wenden (S. 7). In der Regel glückt Meier der Kompromiss zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Allgemeinverständlichkeit durchaus; hierzu tragen insbesondere die ausführlichen Endnoten bei. Wie bereits im Rahmen seiner vielbeachteten Justinianstudie von 2003[2] beeindruckt dabei erneut Meiers umfassende Kenntnis des Materials.

Meiers eingangs formuliertes Anliegen ist es, nicht „eine reine Biographie vorzulegen, sondern anhand der Figur des Anastasios die Jahre um 500 aus einer ganz spezifischen Perspektive heraus narrativ zu erfassen“ (S. 14). Im zweiten Kapitel bietet Meier daher folgerichtig zunächst einen Überblick über das spätantike Konstantinopel sowie eine Skizze der Ereignisse, die zum Ende des weströmischen Kaisertums geführt hatten (S. 15–32). Bemerkenswert sind dann die Ausführungen zur oströmischen Innenpolitik im späten 5. Jahrhundert (S. 32–34): Die offenen Machtkämpfe innerhalb der Elite möchte Meier in aller Vorsicht als „Manifestationen einer tiefer gehenden Krise des Kaisertums an sich im Oströmischen Reich“ verstehen (S. 33). Agonie und Ende der weströmischen Monarchie hätten bei den Zeitgenossen den Eindruck erweckt, „dass Kaiserherrschaft als solche disponibel“ und „die Möglichkeit von Herrschaft über Römer und römische Gebiete auch unabhängig von der etablierten römischen Monarchie gegeben war“.

Meiers Hypothese weist meines Erachtens Schwachstellen auf: Machtkämpfe gab es in Kaiserzeit und Spätantike nur allzu oft, ohne dass damit die Monarchie als solche in Frage gestellt worden wäre. Zum anderen erscheint es fraglich, ob sich die Annahme, das Kaisertum sei obsolet geworden, im 5. Jahrhundert wirklich greifen lässt. Die reges der meisten gentilen Reichsbildungen im Westen waren noch lange bemüht, ihre Stellung durch kaiserliche Anerkennung zu legitimieren[3]; und zudem hatte bekanntlich selbst Odoaker 476 nicht etwa erklärt, man brauche überhaupt keinen Kaiser mehr, sondern lediglich festgestellt, ein eigener Augustus des Westens sei überflüssig (Malchos, fr. 14 Blockley). Staatlichkeit war damals nach wie vor primär in römisch-imperialen Kategorien vorstellbar und verlangte daher nach einem Kaiser als Quelle von Legitimität. Selbst wenn Teile der Führungsschicht das Kaisertum zeitweilig für verzichtbar gehalten haben sollten, galt dies kaum für die Mehrheit der Reichsbewohner. Zudem war die territoriale Integrität des römischen Ostens damals noch gewahrt, und auch die zivile und militärische Administration funktionierte weiterhin; die Ostkaiser besaßen mithin noch jene Machtmittel, die ihre westlichen Kollegen zuletzt eingebüßt hatten.

Damit ist nicht gesagt, dass Meier grundsätzlich Unrecht hätte, wenn er die Schwächephase des oströmischen Kaisertums unter Zeno (474–491) als strukturelles Phänomen versteht. Wahrscheinlich bestand in der Tat die Gefahr, die oströmischen Augusti könnten wie einst die meisten Westkaiser zu bloßen Marionetten herabsinken. Die von Meier skizzierte Annahme, eine regelrechte Abschaffung des Kaisertums sei im späten 5. Jahrhundert greifbar nahe gerückt, geht aber meines Erachtens zu weit und bedarf zweifellos noch der weiteren Diskussion.

Im Folgenden geht Meier dann auf eine weitere Voraussetzung für das Verständnis der Regierungszeit des „Endzeitkaisers“ Anastasius ein: auf die untrennbare Verbindung von Politik und Religion. Insbesondere der christologische Streit rund um das Konzil von Chalkedon wird auch für Laien verständlich dargelegt (S. 38–52). Bemerkenswert ist dabei Meiers Feststellung, dem Henotikon, dem Anlass des Akakianischen Schismas, sei erst unter Anastasius eine zentrale Rolle in der kaiserlichen Religionspolitik zugekommen (S. 47). Im dritten Kapitel werden zunächst Anastasius’ Laufbahn vor 491 und seine Kaisererhebung behandelt. Darüber, ob sich, wie Meier meint, anhand der Krönungsfeierlichkeiten des neuen Kaisers[4] eine demonstrative Abwertung der Rolle des Militärs beobachten lässt (S. 70), kann man geteilter Meinung sein. Ist der Umstand, dass die Ausrufung durch die Soldaten 491 am Anfang der Zeremonie stand, wirklich ein Zeichen für Marginalisierung? Verdeutlicht die Reihenfolge nicht vielleicht eher, dass die imperatorische Akklamation durch das Heer nebst Schilderhebung und Torqueskrönung die Voraussetzung für alles weitere sein sollte? Zuzustimmen ist Meier aber sicher darin, dass die Zeremonie in ihrer Gesamtheit (wie im Grunde jeder Krönungsakt) eine Art consensus universorum demonstrieren sollte (S. 73).

Der Rest des Kapitels befasst sich mit der Absicherung der Herrschaft des Anastasius nach innen und außen, die zunächst insbesondere mit dem Konflikt mit den Isauriern verbunden ist (S. 75–84).[5] Meier vertritt hier die Ansicht, der Kaiser habe seine Gegner („Einzelpersönlichkeiten“) absichtlich zu einem einheitlichen halbbarbarischen „isaurischen“ Feind erklärt. Diese Hypothese ist angesichts der Probleme, die ethnische Identität eines Individuums zumal in der Spätantike zu bestimmen[6], nicht ohne Reiz. Interessant wäre dabei, ob jene, die Anastasius laut Meier als Isaurier in einer Gruppe zusammenfasste, diese Etikettierung in der Folge zur Selbstbestimmung übernahmen. Meier jedenfalls widmet dem Isaurierkrieg erstaunlich wenig Raum, da er der Ansicht ist, der Kaiser habe sich bewusst bemüht, die Kämpfe zu einem „universalen Großereignis“ und sich selbst zum „militärisch erfolgreichen Bezwinger der habgierigen und brutalen Barbaren“ zu stilisieren (S. 84). Dies trifft sicher zu. Doch beweist die Überhöhung eines Sieges natürlich nicht automatisch eine geringe faktische Relevanz des gefeierten Erfolges. An dieser Stelle hätte man sich eine detaillierte Diskussion gewünscht. Mehr Aufmerksamkeit widmet Meier dem Konflikt zwischen Anastasius und dem Patriarchen Euphemius, den Verhandlungen zwischen Ostrom und Theoderich dem Großen, die „das Fundament für ein friedliches Miteinander gelegt“ (S. 102) hätten, und dem Verhältnis zwischen dem Kaiser und den römischen Bischöfen. Erhellend sind dabei nicht zuletzt Meiers Ausführungen zur „Zweigewaltenlehre“ des Gelasius (S. 111).

Im vierten Kapitel wendet sich Meier dann zunächst den inneren Reformen des Anastasius zu; hier seien insbesondere seine gelungenen Ausführungen zur Einführung der vindices erwähnt, die keineswegs zur faktischen Abschaffung der Kurialen geführt habe, wie man lange annahm (S. 130–133). Nach Abschnitten über die neuen Bedrohungen, die Ostrom um 500 auf dem Balkan zu gewärtigen hatte, bietet Meier dann eine lesenswerte Darstellung zu den Unruhen, denen sich der Kaiser in Konstantinopel wiederholt gegenüber sah. Meier hält dabei das Verbot der venationes, das Anastasius 499 erließ, mit guten Gründen für eine zeitlich begrenzte Maßnahme aus finanziellen Erwägungen (S. 167–170).

Das fünfte Kapitel behandelt den Perserkrieg, den die Römer unter Anastasius zu führen hatten.[7] Meier bietet hier eine souveräne Zusammenfassung des Forschungsstandes und ordnet den Konflikt in die Geschichte der römisch-sasanidischen Beziehungen ein. Großkönig Kabades stand unter enormem innenpolitischen Druck und sah sich daher 502 zum Angriff auf die rivalisierende Großmacht gezwungen. Ob er in der Tat vor allem einen „Beutezug“ plante (S. 189) oder – wie ich denke – primär eine Demonstration von Stärke im Sinn hatte, ist dabei nebensächlich. Am Ende der verlustreichen Kämpfe stand ein Waffenstillstand, der den status quo ante weitgehend bestätigte. Meier erwägt daneben eine weitere indirekte Konsequenz des Krieges: Anastasius habe erkannt, dass eine Annäherung an die Miaphysiten, die im Grenzgebiet die Mehrheit bzw. eine bedeutende Minderheit bildeten, erforderlich sei, um die kaiserliche Macht in der Region zu stabilisieren. Der Perserkrieg habe mithin erheblichen Einfluss auf seine Religionspolitik gehabt (S. 216).

Nachdem er im sechsten Kapitel zunächst die 504 ausgebrochenen Kämpfe mit den Ostgoten sowie die Konflikte zwischen Merowingern und Westgoten geschildert hat, kommt Meier im Zusammenhang mit den Ehrungen, die Anastasius 508 Chlodwig zukommen ließ (Greg. Tur. 2,38), zu einem ähnlichen Schluss wie bereits im Kontext der Streitigkeiten mit den römischen Bischöfen: „Osten und Westen verstanden sich schlichtweg nicht mehr“ (S. 233). Etwas problematisch erscheint mir hier das beiläufige Abtun der Quellenproblematik: Anders als Meier annimmt, ist es nicht unerheblich, ob die Verzerrungen in der Wahrnehmung des Vorgangs bereits 508 oder erst bei Gregor von Tours um 590 auftraten. Ob derart massive Kommunikationsprobleme zwischen Ost und West bereits um 510 oder „lediglich einige Jahrzehnte“ später um 590 bestanden, ist keineswegs unwichtig und spielt zumal für die Bewertung der kaiserlichen Westpolitik im weiteren Verlauf des 6. Jahrhunderts eine Rolle. Anschließend skizziert Meier die Vorgänge, die in Rom zum Laurentianischen Schisma führten, und leitet damit elegant zum siebten Kapitel über. Meier schildert hier den wachsenden Konflikt zwischen Miaphysiten und Chalkedoniern, benennt als ersten Höhepunkt der Eskalation die Absetzung des „orthodoxen“ Patriarchen von Konstantinopel, Macedonius, um sich dann dem Staurotheis-Aufstand von 512 zu widmen.[8] Dieser Abschnitt (S. 269–288) ist zweifellos einer der Höhepunkte des Buches.

Im achten Kapitel kann Meier überzeugend darlegen, wie eine Selbstüberschätzung der Miaphysiten zur letzten schweren Krise der Regierungszeit des Anastasius beitrug: der Revolte des Generals Vitalian (S. 295–311).[9] Meier schildert anschaulich, wie Vitalian dem Kaiser unter anderem die Einberufung einer Synode zur Beilegung des Akakianischen Schismas abtrotzen konnte, die aber nie zustande kam; Vitalians Handeln spreche dafür, dass es ihm mit seinem Eintreten für Chalkedon ernst gewesen sei (S. 310). Auf die Schilderung einer letzten Verschärfung des Konfliktes zwischen Kaiser und römischem Bischof und des Todes des greisen Augustus 518 folgt ein kurzer „Epilog“: Meier würdigt die Verdienste des Herrschers, der das Reich durch die „konsequente Konzentration auf den Osten“ stabilisiert, das Kaisertum gefestigt und die Voraussetzungen für Justinians Reform- und Restaurationspolitik geschaffen habe. Die forsche Aussage des Titels, es gehe um „die Entstehung des Byzantinischen Reiches“ findet sich im Buch mit Recht so nicht wieder. Für Meier markiert die Herrschaft des Anastasius lediglich die erste von drei Phasen, in denen sich die Transformation des antiken Imperium Romanum in das Byzantinische Reich des Mittelalters vollzogen habe (S. 329f.). Auf eine „Krise des Kaisertums“ sei unter Justinian eine „Mentalitätskrise“ gefolgt, nach deren Überwindung es schließlich im 7. Jahrhundert zu einer „Existenzkrise“ gekommen sei.[10]

Meiers gehaltvolles Buch wird durch eine Arbeitsbibliographie sowie Indizes abgerundet und bietet neben einer verlässlichen Zusammenfassung des Forschungsstandes auch zahlreiche neue und vielversprechende Ansätze, die die Diskussion erheblich bereichern werden. Sollte er zudem sein Ziel erreichen, Anastasius einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, so wäre dies nur zu begrüßen.

Anmerkungen:
[1] Fiona K. Haarer, Anastasius I., Leeds 2006.
[2] Mischa Meier, Das andere Zeitalter Justinians, Göttingen 2003.
[3] Vgl. zum spätantiken Westen Paul S. Barnwell, Emperor, prefects and kings: the Roman West, 395–565, Chapel Hill 1992.
[4] Vgl. auch Kai Trampedach, Kaiserwechsel und Krönungsritual im Konstantinopel des 5. und 6. Jahrhunderts, in: Marion Steinicke / Stefan Weinfurter (Hrsg.), Investitur- und Krönungsrituale, Köln u.a. 2005, S. 275–290.
[5] Vgl. Karl Feld, Barbarische Bürger. Die Isaurier und das Römische Reich, Berlin 2005.
[6] Vgl. Geoffrey Greatrex, Roman identity in the sixth century, in: Stephen Mitchell / Geoffrey Greatrex (Hrsg.), Ethnicity and culture in Late Antiquity, London 2000, S. 267–292.
[7] Vgl. Geoffrey Greatrex, Rome and Persia at war, 502–532, Leeds 1998.
[8] Meier greift hier auf eigene Forschungen zurück: Staurotheis di' hemas. Der Aufstand gegen Anastasios im Jahr 512, in: Millennium 4 (2007), S. 157–237.
[9] Vgl. dazu zuletzt Dan Ruscu, The revolt of Vitalianus and the ‚Scythian Controversy‘, in: Byzantinische Zeitschrift 102 (2008), S. 773–785.
[10] Vgl. auch John Haldon, Byzantium in the seventh century, Cambridge 1990.

Zitation
Henning Börm: Rezension zu: : Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches. Stuttgart  2009 , in: H-Soz-Kult, 21.12.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13378>.
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21.12.2009
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