U. Puschner, Die völkische Bewegung

Titel
Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache - Rasse - Religion


Autor(en)
Puschner, Uwe
Erschienen
Umfang
464 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gregor Hufenreuter, Freie Universität Berlin, Fachbereich Geschichte,

Die voelkische Bewegung des wilhelminischen Kaiserreiches gehoert mit zu den spektakulaersten und vielschichtigsten Erscheinungen jener Epoche und doch ist sie bislang nur unzureichend oder einseitig erforscht. Zum einem mag das daran liegen, dass sie allein als wegbereitender Vorlaeufer des Nationalsozialismus abgetan wird, zum anderen an der Schwierigkeit, sie in einem zeitlichen Rahmen zu verorten oder von anderen Stroemungen dieser Zeit abzugrenzen. Nicht zuletzt mag auch ihre diffuse und amorphe Gesamterscheinung vor einer tiefergehenden Auseinandersetzung abschrecken. Nicht selten rettete sich somit die Forschung in pauschalen Aussagen vor einem "nur noch mit Hilfe von Spezialhandbuechern" zu ueberschauenden "Wirrwarr von Sekten, Verbaenden und Kleinunternehmen"[1].

Die vorliegende Habilitationsschrift von Uwe Puschner stellt sich diesem Problem und schliesst damit eine seit langem klaffende Forschungsluecke, widmet der Autor sich doch neben der personellen und organisatorischen Basis vornehmlich den entwicklungsgeschichtlichen und ideologischen, weltanschaulichen Aspekten der voelkischen Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Aufgabe, die die groesste Zahl der bisher erschienenen
Studien zu einzelnen Organisationen und Personen dieses Spektrums nicht vollauf erfuellen konnten. Neben der zeitlichen Begrenzung auf das wilhelminische Kaiserreich entbindet Uwe Puschner sein Forschungsobjekt zudem vom gaengigen Fokus auf den Nationalsozialismus und betrachtet es als eigenstaendiges Phaenomen, das sich auf der Suche nach dem "voelkischen
Arkadien" (S. 166) alles andere als antimodern gab. Von diesem Standpunkt aus entfaechert er kenntnisreich vor dem Leser ein tiefgruendiges und detailliertes Bild der hochdifferenzierten und in breite gesellschaftliche Schichten ausgreifende Bewegung.

Die wichtigsten Wurzeln und Impulse der voelkischen Bewegung sieht Uwe Puschner in den Schlagworten "Sprache", "Rasse" und "Religion" verankert. Zu jeder dieser drei Stuetzen voelkischer Weltanschauung liefert der Autor eine in sich geschlossene Untersuchung (es greifen jedoch alle drei immer
wieder ineinander), wobei die Abhandlung ueber Rasse am umfangreichsten ausgefallen ist. Neben Schwerpunkten wie "Voelkischer Antisemitismus" und "Rassenideologie", finden sich hier auch exotischere Komplexe wie "Die Stadt
als Rassengrab" oder die "Rassenseele" und weisen die voelkische
Rassenideologie als "Generalschluessel zum Verstaendnis von voelkischer Weltanschauung und Bewegung" aus (S. 16).

Der an den Anfang gestellte Komplex zur Sprache gibt hingegen Aufschluss ueber die Entstehungsgeschichte des Wortes "voelkisch" und vermittelt anhand dieser Begriffsgeschichte die Zusammenhaenge zwischen
verdeutschungswuetigen Sprachnationalisten und der sich zusehends
etablierenden Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts. Als letztem konstitutivem Element fuer die Voelkischen wendet sich der Autor der Religion zu, wobei er vor allem das breite Spektrum voelkischer Religionsentwuerfe und -gemeinschaften ungemein detailliert wiedergibt und somit exemplarisch den Hauptgrund fuer die Inhomogenitaet der voelkischen Bewegung offen legt: "den Fuehrungskampf und Fuehrungsanspruch einzelner" (S. 248).

Als Grundlage fuer seine Arbeit verwendete Uwe Puschner vierhundert Buecher, Zeitschriften, Broschueren und Flugblaetter und praesentiert eine mit grosser wissenschaftlicher Genauigkeit und Praezision erarbeitete Ueberblicksdarstellung, die schnell zum Standardwerk ueber die voelkische Weltanschauung avancieren wird. Dennoch stellt das Buch zumeist keine Organisationsgeschichte voelkischer Vereinigungen dar und wartet auch nicht mit biographischen Essays auf, was bei der Fuelle von erwaehnten Namen in einzelnen Faellen dem Leser die Einordnung und Verortung von Personen oder Organisationen erschweren wird. Hierbei sei jedoch unter andren auf das vor wenigen Jahren ebenfalls von Uwe Puschner mitherausgegebene "Handbuch zur
"Voelkischen Bewegung" 1871 bis 1918" verwiesen, dass etwaige Luecken zu fuellen weiss [2].

Um den Leser jedoch nicht allein zu lassen, veranschaulicht der Autor mittels der kontinuierlich in Erscheinung tretenden voelkischen Protagonisten Adolf Reinecke, Theodor Fritsch und Ernst Wachler Lebenswege und ideologische Entwicklungen. Als Besonderheiten seien noch die Tabellen im Anhang erwaehnt, anhand derer sich der Leser ein plastisches Bild ueber
die nach Berufen aufgelisteten Mitglieder einiger Organisationen machen kann. Nuetzlich auch das chronologisch geordnet Verzeichnis, das alle erwaehnten Verbaende und deren Mitgliederzahlen (soweit feststellbar) enthaelt.

Es ist das grosse Verdienst dieser Arbeit, eine umfassende Darstellung zu voelkischen Denkmodellen und deren komplexen, in sich verschachtelten Weltanschauung anhand der genannten Schluesselbegriffe erbracht zu haben. War man bislang oft nur mit isolierten Elementen dieser "Such- und Sammelbewegung" konfrontiert, so ergibt sich nunmehr die Moeglichkeit, diese
Wesenszuege in einer geschlossenen Gedankenwelt zu erkennen und als Teil eines Ganzen besser zu verstehen.

Anmerkungen
[1] Stefan Breuer, Grundpositionen der deutschen Rechten 1871-1945, Tuebingen 1999, S. 89.
[2] Handbuch zur "Voelkischen Bewegung" 1871 bis 1918, hrsg. v. Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht, Muenchen u.a. 1996.

Zitation
Gregor Hufenreuter: Rezension zu: : Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache - Rasse - Religion. Darmstadt  2001 , in: H-Soz-Kult, 24.08.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1338>.
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Veröffentlicht am
24.08.2001
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