B. Duden u.a. (Hg.): Geschichte des Ungeborenen

Titel
Geschichte des Ungeborenen. Zur Erfahrungs- und Wissenschaftsgeschichte der Schwangerschaft, 17.-20. Jahrhundert


Hrsg. v.
Duden, Barbara; Schlumbohm, Jürgen; Veit, Patrice
Erschienen
Göttingen 2002: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
328 S.
Preis
€ 36.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henrick Stahr, Doktorand an der Universität der Künste Berlin, Fak. Bildende Kunst; Koordinator des Ausstellungsprojekts "Born in Europe"

Eine Aufgabe von Historikerinnen und Historikern ist es, scheinbare heutige „Evidenzen“ durch die Konfrontation mit dem Fremden vergangener Bewusstseinsformen in Frage zu stellen. Dazu gehört die moderne Sicht der Schwangerschaft als Prozess der Embryonalentwicklung. Diese Auffassung hat, so die zentrale These des Sammelbandes, die vormoderne körperliche Eigenwahrnehmung der schwangeren Frauen radikal umgeprägt: Aus dem „Schwangergehen“ als unsicherem Zustand, bei dem die „Leibesfrucht“ das „schlechthin Verborgene, das Unsichtbare“ (9) war, dessen Existenz erst die Geburt erweisen würde, sei die „Schwangerschaft“ geworden. Diese „historische Überformung“ der weiblichen körperlichen Erfahrung durch das männliche biologische Wissen und die Visualisierung des Embryos ist der rote Faden der Beiträge - wobei die Autorinnen und Autoren nicht so naiv sind, von der Idee einer vorkulturellen, authentischen Körpererfahrung auszugehen. Die zehn Beiträge spannen einen Bogen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Sie gehen auf Diskussionen der internationalen, interdisziplinären Arbeitsgruppe zur Geschichte der Geburt am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen zurück, die bereits 1998 den Sammelband „Rituale der Geburt“ publizierte [1].

Barbara Duden verortet in ihrem Beitrag die Notwendigkeit, die historischen Wandlungen der „Konzeptionen des Ungeborenen“ zu erfassen, in den gegenwärtigen gen-ethischen Debatten, die basierten auf einer „Vernichtung von leibhaftigem Sinn“ der Körpererfahrung von Frauen. Die somatische Eigenwahrnehmung der Frauen sei eine andere Form des „Wissens“, wenn auch heute dieses „leibhaftige“ Wissen fast ausgelöscht sei durch die Dominanz der medizinisch-technischen Denk- und Wahrnehmungskategorien. Sie verdeutlicht dies an der „polymorphen Gestalt“ des Phänomens Embryo in den Diskursen verschiedener Instanzen der Wissensproduktion vom 16.- 18. Jahrhundert: seine Visualisierung in der anatomischen Graphik, in theologischen Diskursen um die Behandlung des Ungeborenen, in der mikroanatomischen Mikroskopie, in der Forschung an Fehlgeburten (Molen) sowie an der Klassifikation von Zeichen der Schwangerschaft durch Ärzte. Sie konfrontiert diese mit dem ‚störrischen‘ Eigenwissen der Frauen um ihren Zustand des „Schwangergehens“. In der vormodernen Welt habe ein „Nebeneinander heterogener Gewissheiten und Überzeugungen“ existiert, wo „somatische Wahrheit und sinnliche Gewissheit“ noch einen epistemologischen Vorrang beanspruchen konnten vor „technisch-instrumenteller Verifikation und abstrahierender Begrifflichkeit“ (47). In der Spätmoderne dagegen werde die Schwangere in einen Apparat technischer Prüfungen gespannt, unter der Ideologie kalkulierbarer Risikenabschätzung.

Patrice Veit und Ulrike Gleixner widmen sich der Schmerz- und Leidensbewältigung von Schwangeren im deutschen Protestantismus des 17. und 18. Jahrhunderts. Veit untersucht die seelsorgerische Begleitung von Schwangeren im protestantischen Kirchenlied, die Leidensbewältigung und Angstüberwindung mittels „geistlicher Therapie-Techniken“ (Schenda) (62). Ulrike Gleixner forscht über die Spiritualisierung von Schwangerschaft und Geburt im lutherischen Pietismus. Ihre Analyse der pietistischen „Ideologie der Mutterschaft“ stützt sich auf Trostbücher, theologische Handbücher, Tagebücher und Briefe bürgerlicher Pietisten. Die lutherische Lehre sah das „Kinderkreuz“ (80), den gottgewollten Beruf der Frau als Gebärerin und Mutter als ehrenvoll und seligmachend an. Die Trostliteratur beruhte auf der ‚harmonisch anmutenden‘ Verbindung von Drohung und Trost und hatte Funktionen einer „religiös-spirituellen Schmerztherapie“. Aus (auto-)biographischen Quellen lässt sich plastisch entnehmen, welchen Belastungen die Frauen des wohlsituierten Bürgertums durch ihre zahlreichen Geburten – auch Totgeburten - ausgesetzt waren. Die pietistische Frömmigkeit ließ aber für Gefühle der Angst, des Leidens oder der Trauer wenig Raum. Die Frauen waren massivem Druck ausgesetzt, ihre Gefühle in eine ergebene Duldung des Leidens zu transzendieren. Gleixner spricht von pietistischer Schmerzdisziplin und „Leidensschule“. Sie stellt die Frage, inwieweit die kulturellen Vorstellungen auch das physische Erleben der Frauen beeinflussten, ob sie eine „distanzierte, in gewisser Weise passive Haltung zum eigenen Körper“ schufen, die eine moderne, wissenschaftliche Haltung zum Körper präfigurierte.

Den Vorstellungen des Fötus in den medizinischen, religiösen, philosophischen und politischen Diskursen im Italien des 18. Jahrhunderts wendet sich Nadia Maria Filippini zu. Ihre These ist, dass sich am Jahrhundertende „ein einheitliches und in sich stimmiges Bild vom Embryo als Kind“ durchgesetzt hätte, zugleich mit dem Mutterbild, das neu kodifiziert worden sei. Der Leib der Mutter wurde „zum Gefäß nicht nur von Kindern, sondern auch von Staatsbürgern“; die Mutterrolle sei nun mit „Selbstaufgabe und [...] Verzicht[s] auf die eigene Existenz im Namen des Kindes“ konnotiert worden (127). Eine soziale Aufwertung der Mutterrolle in ihrer Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen sei erzwungen worden mit Einschränkungen der persönlichen Freiheit der Frauen, die sich den ärztlichen , theologischen und staatlichen Vorschriften unterwerfen mussten. An der Auseinandersetzung um den Kaiserschnitt spitzt Filippini ihre Thesen zu: Bereits 1749 wurde in Sizilien der Kaiserschnitt an der lebenden Frau (mit fast sicher tödlichem Ausgang) zur Rettung des Kindes verpflichtend eingeführt. Dies habe traditionelle Wertvorstellungen radikal umgestürzt: Hatte bis dahin das Leben der Mutter (als ‚Baum‘) unbedingt Vorrang vor dem des „prekären und unvollkommenen fötalen Lebens“ (124) (als ‚Frucht‘) und wurde bei schwierigen Geburten eher das Kind geopfert, so habe sich die Wertehierarchie nun zugunsten eines Vorrangs des Kindslebens gewandelt. Diese zentrale These Filippinis verweist jedoch auf ein Forschungsdefizit an vergleichenden regionalen Studien über konfessionelle Einflüsse auf die Haltung der Ärzteschaft des 18. Jahrhunderts zum Kaiserschnitt.

Jürgen Schlumbohm wendet sich in seinem Beitrag einem empirischen Fall zu. Anhand von 1300 Fallgeschichten in den Tagebüchern Friedrich Benjamin Osianders aus dem Entbindungshospital der Universität Göttingen von 1795-1814 geht er der Frage nach, wie der Geburtshelfer mit seinem Wissen oder Unwissen umging, „mit welchen Strategien er überlieferte Kenntnisse zu prüfen und neue zu etablieren suchte“ (130) und wie im Gespräch mit den Frauen dieses Wissen zu einer „Diagnose“ ausgehandelt wurde. Exemplarisch untersucht er die Diagnosen Osianders, wobei nicht selten Versionen der Frauen und des Arztes „unversöhnt neben- und gegeneinander bestehen“ blieben (141). Viele Frauen hätten zudem ihr „Wissensmonopol“ in Bezug auf Zeitpunkt der Empfängnis, Ausbleiben der Menses und erste Kindsbewegungen genutzt, um möglichst früh im Hospital aufgenommen zu werden.

Der Geschichte erster quantitativer Untersuchungen der fötalen Herztöne widmet sich Paule Herschkorn-Barnu in ihrem Aufsatz über Paul Dubois (1795-1871), von 1825 bis 1856 leitender Geburtshelfer des Pariser Entbindungshospitals und „eine Schlüsselfigur der geburtshilflichen Forschung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ (170). Dubois kodifizierte als erster die Auskultation fötaler Herztöne und nutzte Methoden statistischer Rationalität – ein epistemologischer Bruch mit der zuvor auf das Individuum bezogenen Medizin. Ausgangspunkt des Aufsatzes sind die Unterschiede zwischen England und Frankreich in der Behandlung von Geburtskomplikationen: Während man in England schon vor der Niederkunft durch Abtreibung, künstliche Frühgeburt oder während der Entbindung durch Tötung des noch lebenden Fötus die Mutter zu retten versuchte, warteten in Frankreich aufgrund eines strengen Verbots des Kindsmords und des Prinzips, jedweden schädlichen Eingriff zu unterlassen, die Geburtshelfer ab, bis sie sicher wussten, dass der Fötus tot war. Dubois‘ Studien zum diagnostischen Wert der fötalen Herztöne sollten die Embryotomie des lebenden Fötus legitimieren, um die Müttersterblichkeit zu senken. Gleichzeitig habe die Suche nach formalisierten Indikatoren für den Gesundheitszustand des Fötus diesen als Patienten etabliert. Herschkorn-Barnu plädiert differenziert dafür, die „Ambivalenz“ zu akzeptieren, in der europäische Geburtshelfer im 19. Jahrhundert standen: Priorität hätte in Frankreich die Senkung der Müttersterblichkeit gehabt. Erst durch die Einführung der Asepsis am Jahrhundertende waren Operationen möglich, die nicht mit dem sicheren Tod der Frau endeten. Nun sei die Senkung der Säuglingssterblichkeit in den Blick getreten und habe die Epoche der „puériculture intra-utérine“ (Adolphe Pinard, 1844-1934) begonnen.

Dass für die Konstruktion des Embryo als eigenständiges Wesen vor allem seine visuelle Veranschaulichung bedeutend war, demonstriert überzeugend Ulrike Enke anhand der „Icones embryonum humanorum“ (1799) des Göttinger Arztes S. T. Soemmering (1755-1830). Erstmals präsentierte er die Embryonalentwicklung in ihren morphologischen Veränderungen. Unter Rekurs auf die Geschichte der Anatomie und der biologischen Systematik macht Enke klar, wie der Embryo bereits um 1770 durch Konservierung, Wachsmodelle und Abbildungen zu einem Ausstellungsobjekt für die gesamte Bevölkerung geworden war. Doch war der Verlauf der Embryonalentwicklung in der Forschung noch durchaus unklar. Auf Grundlage seiner Sammlung verfügte Soemmering über genügend Material zur Herausgabe eines Bildbandes. Das besondere Verdienst der Abbildungen war die zeitliche Zuordnung der Stadien, um „Formveränderung und Größenzunahme mit einem Blick“ nachzuvollziehen (222). Besonderen Wert legt Enke auf die Abbildungsästhetik – diese sollte die Schönheit, die „elegantia“ der Embryonen hervorheben, was nicht zuletzt den Erfolg des Werkes ausmachte. Sie war genau geplant: Beleuchtungswinkel, Weglassen von durch die Präparation verursachten Verunstaltungen u.a. schufen nicht ikonisch getreue, sondern „wahre“ Abbilder. Sie waren nicht „fotografisch genaue Zustandsprotokolle“ (230), sondern „Icones“, Idealisierungen, und wurden für viele Jahrzehnte zum Muster ästhetisch vollkommener anatomischer Darstellungen.

Nick Hopwood bearbeitet Visualisierungen des Embryos für das späte 19. Jahrhundert. Er zeigt auf, wie das Bild des Embryos, das „schließlich als menschliche Entwicklung Gültigkeit erhielt, das Resultat von Konstruktionen und Aushandlungsprozessen war“ (239). Sammeln, Abzeichnen von mikroskopierten Präparaten, Umsetzung in Stiche und Lithographien oder Wachsmodelle stellten Auswahlprozesse dar. Das Bild des Embryo wurde von der Verbindung mit der Schwangeren mehr und mehr gelöst. Diese Embryologie diente der Aneignung des Wissens um die Schwangerschaft durch Männer: Während diese für Frauen eine leibliche Erfahrung ist, begriffen die Männer embryonale Strukturen nun mit Händen und Augen. Unklar bleibt allerdings die Hopwoodsche Darstellung der Beziehungen der Embryologie zum popularisierten Darwinismus und zu den Sexualreformbewegungen. Die „Mobilmachung“ der Embryomodelle als „öffentliche visuelle Objekte“ (269) für Volksgesundheits-Kampagnen lässt sich nicht leicht auf einen Nenner – etwa den der Propaganda gegen Abtreibung – bringen. Die Akzeptanz der „Tatsache Embryo“ jenseits der leiblichen Erfahrung, als Moment der Verwissenschaftlichung und Medialisierung der kulturellen Lebenswelt, konnte sehr unterschiedlich bewältigt werden.

Die Beiträge von Claudia Töngi und Cornelie Usborne befassen sich abschließend mit der weiblichen Erfahrung von Schwangerschaft. Töngi untersucht an Gerichtsakten des Schweizer Uri im 19. Jahrhundert Gewalt an Schwangeren. Usborne analysiert die weiblichen Redeweisen in Abtreibungsprozessen der Weimarer Republik. Vor allem junge Frauen aus der Stadt präsentierten sich als „rationalisierter Typus“, der den eigenen Körper kontrollierte und wissenschaftlich-medizinisches Wissen internalisiert hatte. Viele Frauen aber hätten sich keineswegs einen Embryo vorgestellt, der in ihnen wachse. Diese Verinnerlichung des medizinischen Diskurses gehörte (noch) in den zwanziger Jahren nicht zur weiblichen Vorstellungswelt. Im Gegenteil erfuhren die Frauen die Abtreibung als Befreiung und Reinigung.

Insgesamt bietet der Band eine spannende Lektüre, die wegen der Fallbeispiele und Abbildungen sinnlich-ästhetischer Qualitäten nicht entbehrt. Die Dichte der Verweisungen aufeinander, die Kohärenz des Aufbaus sind Resultat des intensiven Diskussionsprozesses. Dem Band sind Leserinnen und Leser auch über die Fachkreise hinaus zu wünschen – er bringt die historisch-anthropologische Forschung zum Thema Geburt wesentliche Schritte voran.

Anmerkungen
[1] Schlumbohm, Jürgen; Duden, Barbara; Gélis, Jaques; Veit, Patrice (Hg.): Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte. München (C. H. Beck) 1998.

Zitation
Henrick Stahr: Rezension zu: Duden, Barbara; Schlumbohm, Jürgen; Veit, Patrice (Hrsg.): Geschichte des Ungeborenen. Zur Erfahrungs- und Wissenschaftsgeschichte der Schwangerschaft, 17.-20. Jahrhundert. Göttingen  2002 , in: H-Soz-Kult, 28.10.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1347>.