J. Ridener: A Concise History of Archival Theory

Cover
Titel
From Polders to Postmodernism. A Concise History of Archival Theory


Autor(en)
Ridener, John
Erschienen
Duluth 2009: Litwin Books, LLC
Umfang
185 S.
Preis
€ 17,64
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Grützmacher, Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Die Archivtheorie ist ein schwieriges Feld. Ein großer Teil der Theorien über Archive wird von außen formuliert, ohne Verwurzelung in archivischer Praxis – wenn auch nicht ohne Erkenntniswert.[1] Die archivwissenschaftliche Literatur der Praktiker hingegen erhebt oft keinen umfassenden theoretischen Anspruch.[2]

Sich der Archivtheorie auf einer mittleren Ebene anzunehmen, ist deshalb ein lohnendes Unterfangen. John Ridener von der geografischen Bibliothek der University of California in Berkeley hat nun in seiner Monografie den Versuch unternommen, die archivtheoretische Entwicklung auf dieser Ebene nachzuzeichnen. Das Werk ist beim amerikanischen Verlag Litwin Press erschienen, dem für sein ambitioniertes archivkundliches Programm zu danken ist.

Ridener begründet zunächst die Notwendigkeit archivtheoretischer Arbeit und unternimmt dann einen Gang durch die Geschichte der Archivtheorie. Er rundet die Arbeit mit einem Schlusskapitel ab, das seiner Funktion als Zusammenfassung sehr gut nachkommt. Wer sich weniger ausführlich mit dem Text befassen will, sollte zunächst diese Zusammenfassung lesen.

Ridener teilt die Geschichte der Archivtheorie in vier Paradigmata ein. Am Anfang steht für ihn das Paradigma der „Konsolidierung“, das im „Dutch Manual“ der niederländischen Archivare Muller, Feith und Fruin (1898) Gestalt angenommen habe (daher die „Polders“ im Buchtitel). Die Niederländer hätten sich im Rahmen einer allgemeinen Tendenz zur staatlichen Verdichtung und Integration vor die Aufgabe gestellt gesehen, zentrale staatliche Archive aufzubauen. Konfrontiert mit der Geschichtsschreibung des Historismus habe man eine objektive Grundlage für Geschichtsforschung schaffen wollen. Das Manual konzentrierte sich vor allem auf Fragen von Ordnung und Erschließung – die Bewertung, also die Entscheidung über das Aufbewahren oder Vernichten von Dokumenten, spielte eine untergeordnete Rolle. Mit dem Manual sei überhaupt erst eine einheitliche Archivtheorie geschaffen worden.

Das zweite Paradigma macht Ridener an Hilary Jenkinsons „Manual of archive administration“ (1922) fest. Ridener nennt es das „Reinforcement paradigm“. Seine konkrete historische Gestalt habe es mit dem Ersten Weltkrieg und den damit verbundenen raschen administrativen Konstellationswechseln angenommen. Damit eine geschlossene Kriegsüberlieferung entstehen könne, habe man, so Ridener, möglichst weitreichende Objektivität und Archivare als professionelle Bewahrer von Dokumenten benötigt. Auch Jenkinson sei der Gedanke der Kassation (also der Vernichtung von Unterlagen) noch weitgehend fremd gewesen.

Das änderte sich dann mit Rideners drittem Paradigma, das von Theodore Schellenbergs „Modern Archives“ (1956) begründet worden sei und entsprechend als „Modern paradigm“ bezeichnet wird. Schellenberg, im Nationalarchiv der USA tätig, sah sich vor allem zwei Herausforderungen gegenüber: Zum einen hatte die Überlieferung aufgrund ausgeweiteter Staatstätigkeit (vor allem im New Deal) und aufgrund technologischer Innovationen explosionsartig zugenommen. Zum anderen stellte auch die Geschichtsschreibung mit ihren sozialgeschichtlichen Ansätzen neue Anforderungen an die Überlieferung. Bei Schellenberg spielte deshalb die Bewertung eine zentrale Rolle. Damit kam ein Element der Subjektivität ins Spiel.

Diese Subjektivität war dann ein Kernelement des folgenden Paradigmas. Ridener nennt es das „Questioning paradigm“ und macht es an den Archivtheoretikern Brien Brothman, Carolyn Heald, Heather MacNeil, Eric Ketelaar und Terry Cook fest. Die Postmoderne hat Metanarrative grundsätzlich in Frage gestellt. Heutige Archivare erkennen, dass sie in ihren Bewertungsentscheidungen selbst voreingenommen sind, und müssen die Unterlagen, die sie verwahren, hinterfragen. Behördliche Unterlagen bilden nur einen Teil der Überlieferung ab, und auch das nur aus einem bestimmten Blickwinkel, nämlich dem der Macht. Die „Geschichtsschreibung von unten“ stellt ganz demgegenüber andere Anforderungen an die Überlieferung.

Was Rideners Darstellung vor allem auszeichnet, ist die Bedeutung, die er dem Kontext wissenschaftlicher Theorie beimisst. Wissenschaftliche Paradigmen entwickeln sich nicht im abstrakten Diskurs, sondern in konkreten Situationen mit konkreten Herausforderungen. Für Ridener sind dabei besonders der geografische, der historische, der historiografische und schließlich der technologische Kontext von Bedeutung. Leider wird allerdings der Zusammenhang zwischen Kontext und Theorie nicht immer näher bestimmt. Nicht selten hat man das Gefühl, dass einfach zeitlich koinzidierende Phänomene aufgeführt werden und Entwicklungen ausgeblendet werden, die dem geschilderten Paradigma zuwider laufen.

Insgesamt hat Ridener mit der vorgelegten Monografie auch eine Chance verpasst. An keiner Stelle thematisiert er, dass seine Auswahl archivtheoretischer Positionen eine subjektive – man ist fast versucht zu sagen: willkürliche – ist. Die Auswahl wird nicht begründet, und aus seiner Darstellung wird sie auch nicht plausibel. Von ihm nicht behandelte Stationen in der Entwicklung der Archivtheorie lässt Ridener ebenso unerwähnt wie andere als die von ihm genannten fünf Autoren postmoderner Archivtheorie. Ein Blick in das Literaturverzeichnis zeigt, dass er sie gar nicht zur Kenntnis genommen hat, und auch die von ihm behandelten Autoren werden meist aus zweiter Hand kommentiert.

Dabei hätte der Darstellung ein etwas offenerer Blick sehr gut getan. Gerade wenn man unter Archivtheorie vor allem Bewertungstheorie versteht, wäre ein Wort zur neueren Bewertungsdiskussion doch interessant gewesen. Ridener muss nicht das deutsche Konzept einer „Überlieferungsbildung im Verbund“ (Robert Kretzschmar) zur Kenntnis genommen haben, aber wenigstens die in den USA seit den 1980er-Jahren diskutierte „Documentation Strategy“ hätte hier doch ihren Platz gehabt – aber weder sie noch der Name ihrer wichtigsten Protagonistin, Helen Samuels, tauchen auf.[3] Auch das innovative niederländische PIVOT-Modell zur Bewertung moderner Akten wäre einer Erwähnung wert gewesen, steht es doch mit seinen Bemühungen um eine objektiv-geregelte Grundlage für Bewertung in einer gewissen Spannung zu dem von Ridener postulierten subjektiv-postmodernen Paradigma.[4]

Nun wird man einer erklärtermaßen „konzisen“ Übersichtsdarstellung nicht gerecht, wenn man ihr vorhält, was alles in der Darstellung fehlt. Problematisch bleibt aber, dass nicht deutlich wird, dass hier überhaupt ausgewählt wurde und warum. Zudem ist die Darstellung letzten Endes nicht wirklich konzis. Der Leser stößt immer wieder auf überflüssige Redundanzen. Bei der Beschreibung des historischen oder historiografischen Kontextes wird der Text sehr ausführlich, fast weitschweifig. Drei Seiten lang wird beispielsweise der „New Deal“ vorgestellt, ähnlich lang die Situation des Vereinigten Königreichs im Ersten Weltkrieg – ohne dass eine wirklich dichte Beschreibung gelänge, die für die Erhellung der archivtheoretischen Kontextes etwas austrüge.

Sehr gerne hätte man dagegen etwas über die Folgen archivtheoretischer Entwicklungen für die archivische Praxis gelesen: Wie wird denn nun überhaupt bewertet? Werden Bewertungsmodelle entwickelt? Wird nachträglich kassiert? Wie wird erschlossen? Machen die Theoretiker Vorgaben für standardisierte Erschließung? Beziehen sie sich auf Vorgänge, Akten oder Aktengruppen? Sehen sie Dokumentationen vor, die die behördliche Überlieferung ergänzen sollen? Solche Fragen werden so gut wie nicht thematisiert, und so bleibt der vorgestellte archivtheoretische Diskurs viel blasser als etwa die Schriften von Jenkinson oder Schellenberg selbst, die ja Praktiker waren.

Ridener hat völlig recht, wenn er die Bedeutung der theoretischen Reflexion für die Archivwissenschaft betont. Archivtheorie lohnt sich. Aber der an sich überzeugende Ansatz des Buches, Archivtheorie zu kontextualisieren, trägt nicht, weil Ridener zu schematisch und zu willkürlich vorgeht und archivische Praxis weitgehend außer Acht lässt. Wer die von Ridener vertretenen Thesen stringenter und überzeugender lesen will, müsste sich eher an Terry Cooks Aufsatz „What is past is prologue“ von 1997 halten.[5] Ridener zieht diesen Aufsatz oft heran, geht aber kaum über ihn hinaus. Einen stärker von der Praxis geprägten Einstieg in Archivtheorie bietet auch Schenks „Kleine Theorie des Archivs“ von 2008.[6] Ansonsten heißt es für die Beschäftigung mit Archivtheorie weiterhin: Die Originale lesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Wolfgang Ernst, Das Gesetz des Gedächtnisses. Medien und Archive am Ende des 20. Jahrhunderts, Berlin 2007, oder die Projekte des Bielefelder Graduiertenkollegs „Archiv – Macht – Wissen“.
[2] Beispiele im deutschen Sprachraum sind etwa die vom Westfälischen Archivamt herausgegebene „Praktische Archivkunde“ (Norbert Reimann (Hrsg.), Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste: Fachrichtung Archiv, Münster 2004) oder die klassische „Archivverwaltungslehre“ von Gerhart Enders, Archivverwaltungslehre, 3. Aufl., Leipzig 2004.
[3] Bei der Documentation Strategy, die vor allem im Umfeld von Hochschularchiven entstanden ist, geht es darum, die behördliche Überlieferung durch aktiv eingeworbene bzw. hervorgerufene Unterlagen zu ergänzen, um eine komplexere Überlieferung zu erhalten.
[4] Beim PIVOT-Modell geht es kurz gesagt darum, die behördlichen Akten nicht nach ihrem konkreten Einzelinhalt zu bewerten (also aufzubewahren oder zu vernichten), sondern zunächst zu entscheiden, welche Handlungen von Behörden relevant sind, um dann das entsprechende Schriftgut aufzubewahren.
[5] Terry Cook, What is past is prologue. A history of archival ideas since 1898, and the future paradigm shift, Archivaria 43 (1996), S. 17-63.
[6] Dietmar Schenk, Kleine Theorie des Archivs, Stuttgart 2007.

Zitation
Johannes Grützmacher: Rezension zu: : From Polders to Postmodernism. A Concise History of Archival Theory. Duluth  2009 , in: H-Soz-Kult, 23.12.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13527>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.12.2009
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