M. Möhring u.a. (Hrsg.): Tiere im Film

Cover
Titel
Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der Moderne


Hrsg. v.
Möhring, Maren; Perinelli, Massimo; Stieglitz, Olaf
Erschienen
Umfang
304 S.
Preis
€ 38,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Torma, Rachel Carson Center, Ludwig-Maximilians-Universität München

Tiere spielen in der westlichen Kultur eine polyvalente Rolle, die seit einiger Zeit Gegenstand historischer Analysen ist. Das vorliegende Buch hat sich eine besondere Bedeutungsebene des Tieres zum Thema gewählt: ihre Erscheinungsform in Filmen. Unter dieser Perspektive lässt sich der Sammelband als Momentaufnahme des relativ jungen, interdisziplinären Forschungsfeldes der animal studies verstehen. [1] Tiere werden in diesem Band, der das Produkt einer gleichnamigen Tagung (Juli 2006) im Kölner Filmhaus ist [2], nicht als „Substanz-, sondern Funktionsbegriff“ (S. 9) verstanden. [3] Die Beiträge beleuchten demnach die filmische Repräsentation der Tiere in Bezug zur menschlichen Gesellschaft. An der Darstellung verschiedener Tierarten in unterschiedlichen Filmgenres, so die Grundannahme, lassen sich Dimensionen des ‚Mensch-Seins‘ und ‚Mensch-Werdens‘ im 20. Jahrhundert verhandeln.

Klar umrissen wird das Forschungsprogramm in der Einleitung („Tierfilme und Filmtiere“) von Maren Möhring, Massimo Perinelli und Olaf Stieglitz. Die Herausgeberin und die Herausgeber verknüpfen den historischen Blick auf das Tier-Mensch-Verhältnis mit einer medienhistorischen Perspektive. Im zentralen Begriff der „Cinemality“ [4] lasse sich nicht nur die Verschränkung von Tieren und medialer Repräsentation methodisch erfassen. Der Aufbau des Bandes orientiert sich darüber hinaus an diesem multiperspektivischen Ansatz: Medienwissenschaftliche Analysen und historische Fallstudien gehen Hand in Hand mit übergreifenden theoretischen Essays von Akira Mizuta Lippit („The Parable of Animals. Animated Language“) und Jonathan Burt („Morbidity and Vitalism. Derrida, Bergson, Deleuze and Animal Film Imagery“), die die internationale Debatte einbringen.

Der erste Teil des Bandes („Cinemality“) nimmt aus medienwissenschaftlicher Sicht die Tier-Mensch-Beziehung in den Fokus. Rolf F. Nohr („Tarzans Gesicht und die ‚letzte Differenz‘“), Christiane König („Wie aus einem Mädchen keine Frau, sondern ein Wolf wird. Becoming Animal in Neil Jordans ‚Zeit der Wölfe‘“) und Sulgi Lie („Kreatürliches Kino. Zur ästhetischen Egalität in Robert Bressons Tierbildern“) analysieren die vielschichtige Bedeutung von Filmtieren für die menschliche Existenz. Der Grundtenor der Beiträge lautet, dass Tierfilme einerseits die Unterschiede zwischen Tier und Mensch im visuellen Bereich unterstreichen, andererseits aber auch Dichotomien unterlaufen, indem sie Blickverhältnisse dynamisieren. Diese grundsätzlichen Reflexionen der ersten Sektion sollen die theoretische und methodische Basis schaffen, um die Beziehung zwischen Mensch und (Film-)Tier in historischer Perspektive zu begreifen. Dieser begrüßenswerte Vorsatz bleibt leider jedoch zu großen Teilen uneingelöst: Es ist etwas unklar, welche Beziehung zwischen den medientheoretischen und den sehr aufschlussreichen historischen Studien des zweiten Teils bestehen soll.

In der zweiten Sektion („Wildtiere“) steht das Verhältnis zwischen Mensch und dem freilebenden exotischen oder heimischen Tier im Vordergrund. Jens Ivo Engels reflektiert in einem sehr informativen Kommentar („Tierdokumentarfilm und Naturschutz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“) den grundsätzlich politischen Charakter gefilmter (Wild-)Tiere. Tiere im Spiel- und Dokumentarfilm avancierten zu Trägern subtiler Botschaften im Dienst des Arten- und Naturschutzes, und im Fall des exotischen Tieres auch zu Gradmessern spät- und postkolonialer Debatten. Die Interaktion zwischen Tierschützer, Naturforscher, Jäger und wildem Tier ist die leitende Analyselinie der Sektionsaufsätze von Vinzenz Hediger („Töten und Abbilden. Zum medialen Dispositiv der Safari“), Hendrik Pletz („Die ersten Grzimek-Filme und die junge Bundesrepublik“) und Pascal Eitler („Stern(s)stunden der Sachlichkeit. Tierfilm und Tierschutz nach 1968“). Zusammen betrachtet, arbeiten diese Beiträge Kontinuitäten und Brüche kolonialer und biopolitischer Argumentationsmuster heraus, die die Beziehungen zwischen menschlicher Gesellschaft und (Film-)Tier bestimmen.

Sehr spannend zu lesen ist auch der dritte Teil, „Insekten“, der sich der filmischen Darstellung dieser Tiergattung und der damit häufig – fälschlicherweise – assoziierten Spinnen widmet. Dabei betonen die Beiträge von Norbert Finzsch („‚I don’t rejoice in insects at all.‘ Soziale Insekten in der westeuropäischen Kulturgeschichte und im Science-Fiction-Film“), Dorothe Malli („Der Facettenblick. Insekten vor der Kamera“), Gudrun Löhrer („Anopheles Anni vs. Malaria Mike. Masculinity, Sexuality and Malaria-education“) und Petra Lange-Berndt („Vom Bienenschwarm zum Mottenlicht. Insekten in Spiel- und Experimentalfilm“) die mehrfachen Zuschreibungsmöglichkeiten, die Insekten im Film als das ‚andere‘ Tier im positiven, wie negativen Sinn eröffnen. Als Schwarm erscheinen sie unkontrollierbar, als Insektenvölker regen sie zu Gesellschaftsanalogien an, als vermeintlicher Schädling, Krankheitsträger und Parasit wecken sie Ideen der ‚Ausmerzung‘ und ‚Vernichtung‘. Insektenschwärme unterlaufen und verunsichern zudem als „insektoides“ oder „schwärmendes“ Kino (S. 162) klar definierte Kategorien.

Diese Verunsicherung der Mensch-Tier-Grenzen stellen Möhring und Perinelli – anstelle eines Schlusswortes – mit einem Filmbeispiel vor. Ihr Beitrag „Utopia, mon amour“ analysiert die Liebesbeziehung zwischen der Frau eines britischen Diplomaten und dem Schimpansen Max. Der Affe, der in das bürgerliche Idyll einbricht, zeige den postmodernen Status der Grenzverwischung von humaner und tierischer Zugehörigkeit. Vor diesem Aufsatz, der gleichzeitig der letzte in der vierten Sektion des Bandes („Haustiere“) ist, befassen sich Olaf Stieglitz und Eva Hohenberger mit dem Tier als „companion animal“. Wie Stieglitz in „Citizen Lassie. Tiere als bessere Staatsbürger im US-Fernsehen der 1950er-Jahre“ zeigt, reproduzierten Tierfilme während des Kalten Krieges traditionelle Gesellschaftsordnungen und Familiennormen. Dabei verweist Stieglitz auch auf die bemerkenswerte zweite subversive Bedeutungsebene, dass Tiere im Film den „Möglichkeitsraum“ einer „antibürgerlichen Utopie“ eröffnen (S. 234). Hohenberger („Blacky, 12, verschmust. Zur Konstitution des ‚Haustieres‘ in den Tiervermittlungssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“) analysiert, wie Haustiere in populären Tiervermittlungssendungen als Konsumgut die ökonomisch-kapitalistischen Grundregeln der (post-)modernen Gesellschaft bekräftigen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass mit „Tiere im Film“ ein Buch gelungen ist, das unterschiedliche Stränge der Debatte um dieses Thema versammelt. Gerade diese Mischung aus medienwissenschaftlichen und historischen Beiträgen macht den Reiz des Bandes aus, lässt jedoch die Leserin zugegebenermaßen auch etwas ratlos zurück: Welche grundsätzlichen Schlüsse lassen sich nun aus der filmischen Repräsentation von Tieren für die menschliche Geschichte und Gesellschaft ziehen? Sicher ist es für große Resümees in diesem jungen Forschungsbereich noch zu früh, doch zumindest ein Zwischenfazit am Schluss des Bandes wäre wünschenswert. Obwohl sich die meisten Aufsätze an einem Kanon theoretischer Stichwortgeber (Gilles Deleuze, Félix Guattari, Jacques Derrida, Donna Haraway, Michel Foucault) orientieren, sind sie dennoch sehr heterogen. Deshalb hätte auch eine einleitende Erklärung von Schlüsselkonzepten, die in vielen der Filmanalysen Verwendung finden, wie zum Beispiel „becoming" animal, Orientierung gestiftet. Auch eine explizite Begründung, warum mit diesem theoretischen Referenzsystem gearbeitet wird, hätte dem wirklich lesenswerten Buch zusätzliche Tiefenschärfe gegeben. Nicht als Schwäche des Bandes, sondern vielmehr als allgemeine Beobachtung der menschlichen Perspektive auf die Tierwelt, sei angemerkt, dass die filmische Repräsentation der Ozeane vollständig fehlt, die im Spiel- und Dokumentarfilm durchaus vorhanden ist. [5] Vielleicht ist aber auch dieses Desiderat nur ein (weiteres) Produkt der Tier-Mensch-Beziehung, die das Leben unter Wasser als zum großen Teil unsichtbar marginalisiert.

Anmerkungen:
[1] Als eines der Gründungsmanifeste der Tierrechtsbewegung im 20. Jahrhundert, die zur wissenschaftlichen Reflexion des Tier-Mensch-Verhältnisses angeregt hat, gilt: Peter Singer, Animal Liberation, New York 1975. Zur Kulturgeschichte der Tier-Mensch-Beziehung auch: Dorothee Brantz / Christof Mauch (Hrsg.), Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne, Paderborn 2010.
[2] Maren Möhring / Massimo Perinelli / Olaf Stieglitz, Konferenz Tiere im Film, eine Menschheitsgeschichte, siehe auch <http://www.tiere-im-film.de> (12.5.2010).
[3] Vgl. den Tagungsbericht von Eva Bischoff: Tagungsbericht Tiere im Film, eine Menschheitsgeschichte. 07.07.2006-09.07.2006, Köln, in: H-Soz-u-Kult, 04.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1277> (25.06.2010).
[4] Temple Grandin, Thinking in Pictures. And Other Reports from my Life with Autism, New York 1995.
[5] Verwiesen sei hier nur kursorisch auf den überaus populären Kino- und Fernsehdelfin Flipper sowie auf die Meeresdokumentationen von Jacques-Yves Cousteau.

Zitation
Franziska Torma: Rezension zu: Möhring, Maren; Perinelli, Massimo; Stieglitz, Olaf (Hrsg.): Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der Moderne. Köln  2009 , in: H-Soz-Kult, 22.07.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13535>.
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Veröffentlicht am
22.07.2010
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