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Titel
Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses


Autor(en)
Girard, René
Erschienen
Freiburg im Breisgau 2009: Herder Verlag
Umfang
520 S.
Preis
39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mathias Moosbrugger, Institut für Systematische Theologie, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

In seinem Band „Tropics of Discourse: Essays in Cultural Criticism“ forderte Hayden White 1978, dass die Geschichtswissenschaft sich nicht vom Diskurs der anderen Wissenschaften ausschließe. Es scheint aber, dass Historiker die Entwicklungen gerade in den Bereichen von Theoriebildung und Hermeneutik kaum für ihre Arbeit fruchtbar machen. So überrascht es nicht, dass eine der faszinierendsten und umstrittensten jüngeren kulturanthropologischen Theorien von Historikern bislang kaum beachtet worden ist. Es handelt sich dabei um die „mimetische Theorie“ René Girards, eines aus Frankreich stammenden und bis zu seiner Emeritierung in den USA lehrenden Literaturwissenschaftlers und Kulturanthropologen. Sein 1978 erschienenes Hauptwerk „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ liegt nun in einer vollständig deutschsprachigen Ausgabe vor, die damit eine verstümmelte Teilübersetzung von 1983 ersetzt. Das Werk sammelt die Ergebnisse Girards bis dahin publizierter Forschungen im literaturwissenschaftlichen („Figuren des Begehrens“, 1961, dt. 1999) und kulturanthropologischen Bereich („Das Heilige und die Gewalt“, 1972, dt. 1987) und führt sie auf die Ebene einer universal angelegten Kulturtheorie. Der als Dialog zwischen Girard und den Psychiatern Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort gestaltete Band ist in drei Bücher unterteilt.

Das erste Buch „Fundamentalanthropologie“ setzt an beim Phänomen Religion, die Girard als Grundgegebenheit menschlicher Kultur bestimmt, die einer Erklärung aus den anthropologischen Grundstrukturen des Sozialen bedürfe. Schon mit dieser Fragestellung setzt er sich von der strukturalistisch bestimmten sozialwissenschaftlichen Tradition ab, die im Religiösen einen sekundären interpretativen Selbstentwurf des nicht weiter erklärbaren intellektuell-symbolischen Handelns des Menschen sieht. Girard dagegen bestimmt die religiös-kulturellen Kategorien als Ergebnisse primärer realer – historischer – Ereignisse, die mit Hilfe seiner Theorie des mimetischen Begehrens zu rekonstruieren seien. Dieser zufolge ist das spezifisch menschliche Begehren nicht objektorientiert, wie Sigmund Freuds Entwurf des libidinösen Begehrens vorausgesetzt hatte, sondern unendlich offen und entwirft sich konkret am Begehren anderer. Banal gesprochen: Man will, was die anderen wollen. Dieses Begehren sei aber potentiell gewalttätig, weil es sich eben mimetisch auf Objekte richte, die vom Begehren anderer „besetzt“ seien. Es sei nun genau dieses „Verhältnis zwischen dem Mimetischen und dem Gewalttätigen“ (S. 36), das sich in den religiös-kulturellen Strukturen zeige. Diese wurzelten nämlich im „Sündenbockmechanismus“, in dem die widerstreitenden Begehren der Vielen umschlagen in ein gleichfalls mimetisches „Alle gegen Einen“: der Ausstoßung bzw. Tötung eines zufälligen Opfers.

Diesen Akt versteht Girard als das Gründungsereignis, dem alle kulturellen Institutionen und Strukturen entstammten. Eine besondere Rolle spiele dabei das kultische Opfer, das die Krise des mimetischen Begehrens und deren „Lösung“ im Sündenbockmechanismus und damit ihre sozial befriedende Wirkung wirklichkeitsstiftend reinszeniere. Da das erste Opfer zwischen den einst mimetisch Rivalisierenden schlagartig eine für sie mysteriöse, ebenfalls mimetische Einmütigkeit schaffe, würden ihm von der Gemeinschaft der Ausstoßenden retrospektiv sowohl monströse (als Ursache der Krise) als auch wohltätige Züge (als Überwindung der Krise) zugesprochen. Das erkläre das seltsam zwiespältige Verhältnis primitiver Kulturen ihren kultischen Opfern gegenüber, die zugleich Objekte der Verehrung und der Abscheu waren, und den ambivalenten Charakter des archaischen Heiligen (vgl. dessen Bestimmung als tremendum et fascinans bei R. Otto). Nach Girard sind die gleichzeitig gewalttätigen und segensspendenden archaischen Götter nämlich nichts anderes als die vergöttlichten Opfer des Sündenbockmechanismus.

Derselben Logik bedient sich Girard bei der Rekonstruktion der „politischen“ Institutionen, vor allem des sakralen Königtums. Auch die Mythen erklärt er als Erzählungen, die das Ursprungsereignis des kollektiven Mordes kollektiv erinnern sollen – allerdings, ähnlich den übrigen sozioreligiösen Institutionen, auf verschleiernde Weise, sodass die kollektive Gewalt gegen das Opfer als gerechtfertigt geschildert bzw. überhaupt unterschlagen wird. Alle kulturell-religiösen Institutionen und Denkkategorien würden die positiv gemeisterte Krise des mimetischen Begehrens (dessen nach außen gewalttätige und nach innen pazifizierende Uniformierung) kultisch und kulturell präsent halten um den Absturz ins Chaos der widerstreitenden mimetischen Begehren zu verhindern („Das Religiöse ist vollkommen friedensorientiert, die Mittel dieses Friedens aber sind nie ohne sakrifizielle Gewalt.“, S. 58f.).

Im zweiten Buch befasst sich Girard mit der „jüdisch-christlichen Schrift“ und zwar in Bezug auf den Offenbarungscharakter, den ihr Juden und Christen zusprechen. Aufbauend auf den skizzierten anthropologischen Analysen untersucht er Texte des Alten wie des Neuen Testaments und kommt zum Ergebnis, dass – wiewohl strukturell und motivisch die Bibel dieselbe Geschichte wie die Mythen erzählt – hier eine Perspektive eröffnet werde, die sich fundamental von rituell-mythologischen Kulturen unterscheide. Während nämlich letztere die kollektive Gewalt gegen einen Sündenbock als pazifizierend-uniformierende Gewalt aus der Sicht der Ausstoßenden als gerecht darstellten und so verschleierten, nehme die Bibel – vor allem die Passionserzählungen – eine völlig andere Haltung ein, indem sie die kollektive Gewalt vom Blickwinkel des Opfers aus als solche enthülle und wahrheitsgemäß als ungerecht und objektiv grundlos qualifiziere. Die jüdisch-christliche Tradition sei so die Aufdeckung dessen, „was seit der Grundlegung der Welt verborgen ist“ (daher der französische Titel des Bandes, der einen Vers aus dem Matthäusevangelium zitiert): der ungerechten Gewalt der Vielen gegen den Einen am Ursprung menschlicher Vergesellschaftung. Dieser Impuls der Offenlegung der strukturellen Gewalt zerstöre prinzipiell die bislang einzig wirksamen Eindämmungsmechanismen des konfliktiven mimetischen Begehrens. Die derart beeinflusste Geschichte stehe daher in dem eigentlich unauflösbaren Zwiespalt zwischen der Notwendigkeit, diese Begehren auch weiterhin irgendwie einzudämmen und dem „zerstörerischen“ Wissen um die Funktionsweise dieser Eindämmungen. Alle Versuche, dieses Wissen auszulöschen (Nietzsches Übermensch, Antisemitismus usw.), um auf die „bewährten“ Wege des Sündenbockmechanismus zurückzukehren, seien letztlich zum Scheitern verurteilt.

Im dritten Buch, einer „interdividuellen Psychologie“, wird prominent die sexualorientierte Freudsche Tradition einer Revision unterzogen; die großen Themen der Psychoanalyse werden mittels der Generalthese von einem grundsätzlich „objektlosen Begehren“ neu gelesen.

Girards Untersuchungen verstören wegen des überzogen und überholt erscheinenden Anspruchs, eine universale Theorie der Kultur zu entwickeln. Zudem machte Girards Eintreten für den intellektuellen Mehrwert der jüdisch-christlichen Tradition ihn zum akademischen Außenseiter, wobei mittlerweile eine gewisse Anerkennung spürbar ist, wie beispielsweise seine Aufnahme in die Académie Française im Jahr 2005 zeigt. Interessant ist, dass Girard, selbst promovierter Historiker, der historischen Hermeneutik ausdrücklich zugesteht, in ihrer Option beispielsweise für die Opfer der Judenverfolgungen und Hexenprozesse, die sich (ähnlich wie im Fall mythologischer Texte) aus den von den Verfolgern angelegten Prozessakten nicht unmittelbar ergibt, im Gefolge des enthüllenden Denkens der jüdisch-christlichen Tradition zu stehen. Den mit den fantastischsten Anschuldigungen begründeten Verfolgungen wird mit dem Anspruch, die historische Realität besser als sie zu erkennen, kein Glauben geschenkt. Das heißt aber methodisch gerade nicht, dass diese Aufzeichnungen als bloße Phantastereien gesehen werden, sondern dass hinter ihren Rechtfertigungsstrategien die verschleierte Realität ungerechter Gewalt gegen Minderheiten und Außenseiter (Sündenbockmechanismus) erkannt und sichtbar gemacht wird: „In theoretischer Hinsicht kommt dieser wahren Lesart […] ein hypothetischer Charakter zu, genauso wie meiner Lesart des Urreligiösen. Wir können die antisemitische Gewalt weder mit eigenen Augen noch mit den Augen glaubwürdiger Zeugen sehen. Wenn wir sie als real bezeichnen, dann halten wir gewisse Vorstellungen von sonst höchst suspekten Texten in klar bestimmten Punkten und aus klar bestimmten Gründen für exakt. Der Historiker zögert nicht, zu bejahen, dass der Text in diesen Punkten die Wahrheit sagt“ (S. 168f.). Abgesehen von solchen Bemerkungen wäre es für die Historiker eine spannende Aufgabe, Girards kontroverse „Hypothese“ zu erproben. Möglicherweise könnte sie helfen, schwer verständliche historische Phänomene besser zu verstehen – auf jeden Fall aber bietet sie der Geschichtswissenschaft die Möglichkeit, sich in intensiverer Form an der disziplinenübergreifenden intellektuellen Diskussion zu beteiligen, die gerade heute in der Pflicht steht, zum Verständnis der Beziehung von Religion und Gewalt beizutragen. Dabei kann dieses Buch helfen – da stören auch drei unverständliche Rechtschreibfehler auf dem Schutzumschlag nicht.

Zitation
Mathias Moosbrugger: Rezension zu: Girard, René: Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Freiburg im Breisgau 2009 , in: H-Soz-Kult, 18.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13554>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2009
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