M. Aust: Polen und Russland im Streit um die Ukraine

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Titel
Polen und Russland im Streit um die Ukraine. Konkurrierende Erinnerungen an die Kriege des 17. Jahrhunderts in den Jahren 1934 bis 2006


Autor(en)
Aust, Martin
Erschienen
Wiesbaden 2009: Harrassowitz Verlag
Umfang
337 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elena Temper, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

„Ukraina“, das Land „an der Grenze“ oder „am Rande“ lag Jahrhunderte im Schnittpunkt europäischer Großmachtinteressen. Es war Zankapfel der polnischen Pans, russischen Zaren, osmanischen Sultane, habsburgischen Kaiser und bolschewistischen Revolutionäre. Infolgedessen war die Ukraine bis zu ihrer staatlichen Unabhängigkeit 1991 stets fremdbestimmt. Diese problembehafteten Konstellationen und deren erinnerungskulturellen Reflektionen werden im vorliegenden Buch von Martin Aust thematisiert, das auf seiner 2008 in Kiel vorgelegten Habilitationsschrift basiert.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage nach einer Verflechtungsgeschichte mehrerer Gedächtnisgeschichten in der Dreieckskonstellation Polen – Ukraine – Russland. Konkret untersucht werden Konjunkturen der Erinnerung an die polnisch-russischen Kriege des 17. Jahrhunderts in den genannten Ländern vor allem während des 20. Jahrhunderts. Das Schlagwort „Kriege des 17. Jahrhunderts“ steht für eine Reihe bellizistischer Ereignisse, aber auch Orte und Personen, die in den nationalen Historiographien der genannten Länder unter jeweils anderen Bezeichnungen fungieren (S. 11).

Martin Aust macht drei Erinnerungskonjunkturen fest. Die erste 1939/41 als der Kriegsbeginn ein verstärktes Interesse an den Kriegen des 17. Jahrhunderts auslöste. Auf Stalins Initiative entstanden literarische und künstlerische Werke, die diese spiegelten. Die zweite Konjunktur rund um das Jahr 1954 hing mit der 300. Wiederkehr des Abkommens zwischen den Dnjeprkosaken unter Führung von Bohdan Chmel’nyc’kyj und dem Moskauer Zarenreich (Akt von Perejaslav) zusammen. Die Kosaken hatten sich auf die russische Seite geschlagen und dadurch die Loslösung ihrer Territorien vom polnisch-litauischen Staat bewirkt. Zu Eckpfeilern der dritten Konjunktur macht Aust zum einen das geschichtskulturelle Grundverständnis der staatlich unabhängigen Ukraine seit 1991, zum anderen Reaktionen ihre Nachbarstaaten wie etwa die Verfilmung des Historienromans von Henryk Sienkiewicz “Ogniem i mieczem“ (Mit Feuer und Schwert), der den Chmel’nyc’kyj-Aufstand 1648 aus polnischer Sicht erzählt, oder die Einführung eines neuen Feiertags in der Russländischen Föderation, des „Tages der nationalen Einheit“, der seit 2005 am 4. November begangen wird und an Minin und Požarskij, deren Rolle bei der Befreiung Moskaus von den Polen 1612 erinnern soll. In seiner Analyse der genannten Ereignisse stützt sich Aust sowohl auf visuelle (Denkmäler, Plakate) als auch auf literarische (Historienromane) und künstlerisch-musikalische auditive Quellen (Historienopern, -filme und -theateraufführungen). Gerade diese Fokussierung auf die künstlerisch-mediale Ebene der Geschichtskultur der sowjetischen und postsowjetischen Periode in Russland und der Ukraine sowie in Polen zeichnet die Arbeit aus.

Von zentraler Bedeutung ist die Historisierung des doppelten Polenfeindbildes. Von 1934 bis zum Ende des Großen Vaterländischen Krieges 1945 trat dabei der Sowjetpatriotismus in den Vordergrund. Darin erfuhren neben Aleksandr Nevskij und Dmitrij Donskoj auch Minin und Požarskij eine ungeahnte Konjunktur als identitätsstiftende Personen der russischen Geschichte. Letztere stilisierte Stalin als heldenhafte Befreier des Landes von den polnischen Invasoren. Er setzte vornehmlich auf künstlerische und mediale Präsentationen, so dass Historiker eigentlich nur am Rande zur Popularisierung des Minin-und-Požarskij-Bildes betrugen. Wieweit Stalins Engagement reichte, schildert Aust anhand zahlreicher Beispiele, wie dem Eingriff Stalins in die Regie der Neuinszenierung von Glinkas Oper „Ein Leben für den Zaren“, die unter dem neuen Titel „Ivan Susanin“ 1939 am Moskauer Bol’šoj Theater Premiere hatte. (S. 65) Nicht zuletzt ist seinem Einsatz der Verbleib des Denkmals für Minin und Požarskij auf dem Roten Platz zu verdanken. Stellvertretend für das Volk und den Adel Russlands repräsentierten beide Figuren die Einheit des russischen Volkes im Kampf gegen die polnischen Fremdbesatzer. Ihre angeblichen Führungsqualitäten bei der Einigung des zerstrittenen Landes, ihr Heldenmut im unerbittlichen Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde sowie ihr „Dienst der Gemeinschaft“ erhob sie zu Prototypen neuer sozialistischer Menschen. Ausführlich analysiert Martin Aust das Bild von Minin und Požarskij in der Oper, der Literatur und im Kino der Stalinzeit. Die Darstellung von Bohdan Chmel’nic’kyj in der Sowjetukraine wird am Beispiel des gleichnamigen Dramas von Oleksandr Kornijčuk und des Films von Ihor Savčenko untersucht. Auch hier stellt der Autor fest, dass dem Hetman der Zaporoher Kosaken die gleichen Attribute zugeschrieben wurden, die auch das Bild von Minin und Požarskij charakterisierten. Gemein war sowohl der russischen als auch der ukrainischen Darstellungen die Historisierung des Polenfeindbildes.

Im vierten und längsten Kapitel zu den Kontexten der Erinnerung an die Kriege des 17. Jahrhunderts beschreibt Martin Aust Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Darstellung der Ereignisse im sowjetischen Russland und der Ukraine mit der in der Zweiten Polnischen Republik. Für das Bild von Minin und Požarskij sowie Chmel’nic’kyj stellt er fest, dass diese im Stalinismus neben Heldentum vom Leitmotiv des gemeinsamen polnischen Feindes bestimmt waren. Die Nachhaltigkeit des partiell aus der Historiographie des 19. Jahrhunderts übernommenen Polenfeindbildes verwundert kaum vor dem Hintergrund des polnisch-sowjetrussischen Krieges (1918 – 1920). Im Umkehrschluss entstanden in Polen Darstellungen über das 17. Jahrhundert, denen ein tradiertes negatives Russlandbild zugrunde lag. Resümierend konstatiert Aust eine Neucodierung der Erinnerung an die Kriege des 17. Jahrhunderts im Stalinismus, die sich in der Verknüpfung bislang separat verlaufender Erinnerungsstränge in Russland und Chmel’nic’kyj in der Ukraine äußerte.

Für die zweite Konjunktur, deren Kulminationspunkt 1954 die Terzenniumsfeiern des Aktes von Perejaslav als Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland markierten, stellt Aust die erinnerungspolitischen Verflechtungen zwischen Moskau, Kiev und Warschau nicht nur auf der narrativen, sondern auch auf der Akteursebene fest. Die geopolitische Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg erforderte eine neue Lesart des Verhältnisses von Freund und Feind. Gezeigt wird, dass die neue Deklination der polnisch-sowjetischen und der russisch-ukrainischen Beziehungen als Freundschaft zwischen den Völkern von Polen und der Sowjetunion auf der einen und der Bruderschaft zwischen Russen und Ukrainern auf der anderen Seite, maßgeblich für die Darstellung der Kriege des 17. Jahrhundert war. So wurde das Narrativ des Polenfeindbildes in seiner nationalen Komponente geschwächt und vornehmlich sozial (Magnaten und Pans) gedeutet.

Mit der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine von Russland im Jahr 1991 blieben die Kriege des 17. Jahrhunderts als wichtige Referenzpunkte der Geschichte bestehen, ihre Konnotation änderte sich jedoch. Der russische „Smuta“-Diskurs über die „Zeit der Wirren“ fokussiert Fragen nach der russischen Nation sowie nach Elementen ihres Zusammenhalts. So wird das Image von Minin und Požarskij als Bezwinger äußerer Feinde durch ihre Rolle als Galionsfiguren der Einheit des russischen Volkes überlagert. War für Stalin eine „negative Polenpolitik“ (Klaus Zernack)[1] bei der Adaption von Minin und Požarskij entscheidend, so bestimmte für Putin das Motiv der staatlichen Einheit und Stärke die Einführung des neuen Feiertags „der nationalen Einheit“. Für die Ukraine macht Aust deutlich, dass die Erinnerung an Chmel’nic’kyj und das Kosakentum zu Referenzpunkten des national-staatlichen Unabhängigkeitskampfes avancierte, der nach dieser Lesart bereits im 17. Jahrhundert begann. Der Akt von Perejaslav 1654 steht jedoch nach wie vor als ein Beweis russisch-ukrainischer Verbundenheit, wobei seine Bedeutung seit der Orangenen Revolution 2004/2005 im Wandel begriffen ist.

Auf Grundlage seiner breitgefächerten Quellenbasis ist es Martin Aust gelungen, eine innovative Studie zur Verflechtungsgeschichte von Gedächtnissen im polnisch-ukrainisch-russischen Dreieck zu schreiben. Die kulturhistorische Perspektive auf die Erinnerungen an die Kriege des 17. Jahrhunderts bestätigt einmal mehr die viel zitierte Prognose von Jan Assmann, „dass sich um den Begriff der Erinnerung ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften aufbaut, das die verschiedenen kulturellen Phänomene und Felder Kunst und Literatur, Politik und Gesellschaft, Religion und Recht in neuen Zusammenhängen sehen lässt“. [2]

Anmerkungen:
[1] Klaus Zernack, Negative Polenpolitik als Grundlage deutsch-russischer Diplomatie in der Mächtepolitik des 18. Jahrhunderts, in: Uwe Liszkowski, (Hrsg.), Rußland und Deutschland. Georg von Rauch zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1974, S. 144-159.
[2] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 11.

Zitation
Elena Temper: Rezension zu: : Polen und Russland im Streit um die Ukraine. Konkurrierende Erinnerungen an die Kriege des 17. Jahrhunderts in den Jahren 1934 bis 2006. Wiesbaden  2009 , in: H-Soz-Kult, 21.01.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13605>.
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Veröffentlicht am
21.01.2010
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