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Titel
Staatsdoping. Der VEB Jenapharm im Sportsystem der DDR


Autor(en)
Latzel, Klaus
Erschienen
Umfang
352 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jutta Braun, Professur Zeitgeschichte des Sports, Universität Potsdam

Die Sportgeschichte der DDR gehört zu jenen Teilen des ostdeutschen Herrschaftssystems, die nicht allein von Historikern erforscht, sondern auch als "Geschichte vor Gericht" einer justiziellen Aufarbeitung unterzogen wurden. Im Fokus der seit Mitte der 1990er-Jahre durchgeführten "Moabiter Prozesse" stand das Doping-System der DDR – im Ergebnis wurden zahlreiche ehemalige Funktionäre, Ärzte und Trainer wegen Körperverletzung zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt, auch der einst nahezu allmächtige Sportchef Manfred Ewald entging einer Verurteilung nicht.

Doch waren damit die Rechtsstreitigkeiten längst nicht beendet. Später als andere Opfergruppen des SED-Unrechts formierten sich die Geschädigten des Zwangsdopings, um mit umso größerer Vehemenz und breiter medialer Unterstützung auf die öffentliche Anerkennung ihres Leidenswegs und eine entsprechende finanzielle Kompensation zu drängen. Ihre Forderungen richteten sich nicht nur an den Deutschen Olympischen Sportbund, sondern auch an die Jenapharm GmbH & Co. KG als Nachfolgebetrieb des VEB Jenapharm, des Hauptproduzenten von Dopingmitteln in der DDR. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2005 die vorliegende Untersuchung von der Jenapharm beim Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Auftrag gegeben, um die Verantwortung des ehemaligen Volkseigenen Betriebs für die Auswirkungen des Doping-Systems aufzuklären.

Mit dieser Fragestellung ist die Studie gleichzeitig angetreten, eine bislang vorhandene Forschungslücke in der Analyse des geheimnisumwitterten DDR-Sports zu schließen. Zwar hat der erbittert geführte Systemkampf im Sport des Kalten Krieges mittlerweile mehrere wissenschaftliche Werke angeregt, von denen nicht wenige implizit oder explizit der Frage nachgingen, wie es der kleinen und im Ganzen gesehen doch eher ineffizient agierenden DDR gelingen konnte, seit 1968 bei sämtlichen Olympischen Spielen die Bundesrepublik in der Medaillenbilanz auf die Plätze zu verweisen.[1] Auch das Zwangsdoping als ein wichtiger Faktor ist hierbei bereits ausführlich beschrieben worden, doch fehlte bislang ein systematischer Blick auf die Rolle der pharmazeutischen Industrie, den Klaus Latzel nun erstmals präsentiert.

Im ersten Teil seines in vier Hauptkapitel gegliederten Bandes spannt er zunächst den Wissenshorizont der zeitgenössischen Akteure auf und ordnet die Dopingforschung der DDR in den kultur- und wissenschaftshistorischen Kontext der „Sexualhormone im 20. Jahrhundert“ ein. In den inhaltlichen Kernkapiteln seiner Arbeit, dem zweiten und dritten Teil, fragt Latzel dann präzise nach den Strukturen der Dopingproduktion und -vergabe, ihrer Einpassung in das Herrschaftssystem sowie den Handlungsspielräumen der Beteiligten. Deutlich arbeitet er heraus, wie sich die Dopingproduktion zunächst als Nebenzweig der Arzneimittelherstellung entwickelte. So produzierte der VEB Jenapharm seit 1965 das bereits als Arzneimittel zugelassene anabol-androgene Steroid Oral-Turinabol, das bald auch im Leistungssport als Dopingmittel zum Einsatz kam. Zur gleichen Substanzklasse zählte das Präparat STS 646, das als zweites anaboles Steroid im Sport breitflächig zur Anwendung kam. Spätestens in den 1980er-Jahren ging man jedoch dazu über, allein für Dopingzwecke entwickelte Substanzen zu produzieren wie etwa das berüchtigte Epistosteron: Dieses Mittel besaß keinerlei therapeutischen Nutzen mehr, sein alleiniges Wirkungsziel bestand darin, die Anabolikagabe bei Sportlern zu kaschieren.

Die spannendsten und zweifellos unter verantwortungsethischen Gesichtspunkten aufschlussreichsten Darlegungen Latzels befassen sich mit der Weitergabe der Präparate, also ihrem konkreten Weg vom Erzeuger zum "Konsumenten". Eine Scharnierstellung hatte hier die Übergabe der Mittel seitens des Betriebs Jenapharm an das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, faktisch die geheime Dopingforschungszentrale der DDR. "Die zigtausende von Tabletten" (S. 131), die von Jenapharm jährlich an das FKS wanderten, wurden dort zum Teil in Mitarbeiterversuchen sowie an Sportlern erprobt, zu einem großen Teil aber direkt über den Sportmedizinischen Dienst an die Sportclubs zur Dopingvergabe weitergereicht. Und dies, obgleich etwa STS 646 für die Anwendung am Menschen nicht zugelassen war.

Bei der Beschreibung der verschiedenen Varianten und Begleitumstände dieses Verteilungsprozesses gelingt es Latzel überzeugend, die Dimension der Grauzone zu verdeutlichen, in die sich alle Beteiligten – durchaus absichtsvoll – mit Hilfe abenteuerlicher Pseudo-Rechtfertigungen, Sonderabsprachen und rechtlicher "Notbehelfe" (S. 138) begaben. Sie alle suchten sich hinter der Deckung einer "sozialistischen Gesetzlichkeit" zu verschanzen, die selbst nichts als eine Chimäre war. Chefdoper Manfred Höppner vermied von vornherein tunlichst, jegliches schriftliche Beweismaterial anzulegen. Als vermeintliche "rechtliche Rückversicherung" (S. 116) im innerbetrieblichen wie im Verkehr mit dem FKS fügte Jenapharm den Tablettenpackungen Vermerkzettel bei, die diese "nur zur klinischen Erprobung" freigaben – eine scheinheilige Maßnahme, war doch den Akteuren auf allen Seiten klar, dass die Pillen umgehend Sportlern zur Leistungssteigerung verabreicht wurden und hiervon potentiell auch Minderjährige betroffen sein konnten. Als der Leiter der Abteilung Klinische Forschung bei Jenapharm, Dr. Rainer Hartwich, es dennoch wagte, in Leipzig anzufragen, weshalb nach zehn Jahren angeblicher "klinischer Erprobung" eigentlich nie Prüfresultate vorgelegt würden, erntete er nur verdatterte und aggressive Reaktionen – ein weiterer Beleg dafür, wie sehr alle Beteiligten sich in ihrem Potemkinschen Dorf eingerichtet hatten. Das Interview mit Hartwich, das Latzel dem Band dankenswerterweise neben vielen Dokumenten angefügt hat, ist ein lehrreicher Einblick in die Alltagswelt eines "Rädchens" in der gigantischen Leistungssportmaschinerie der DDR. Komplettiert wird das Bild des permanenten rechtlichen Ausnahmezustands durch Beispiele, in denen einzelne Clubs wie etwa die Fußballer vom FC Carl Zeiss Jena 5000 Tabletten "unkontrolliert" (S. 117) direkt beim Betriebsdirektor bestellten und auch bekamen – oder diese Dopingrationen gar durch die SED-Bezirksleitungen abgefordert wurden.

In seinem vierten, streckenweise etwas handbuchartig geratenen Kapitel zur "Frage nach der Verantwortung" kommt Latzel zum entscheidenden Resümee: In Anlehnung an die Begrifflichkeit Hans Lenks[2] diagnostiziert er für den pharmazeutischen Bereich des Doping-Systems der DDR eine "Diffusion der individuellen Verantwortung" (S. 163). Im Jahr 2006, als er erste Zwischenergebnisse seines Projektes vorstellte, wurde er für diese Charakterisierung von einer skandalorientierten, nach eindeutig identifizierbaren "Haupttätern" suchenden Presse heftig gescholten. Allerdings zu Unrecht, wie seine nun detailliert vorgelegten Ergebnisse belegen. Es ist Latzel nicht nur gelungen, die Funktionsmechanismen eines Teilbereichs des Leistungssportsystems der DDR zutreffend zu beschreiben. Er hat damit gleichzeitig gezeigt, worin eine der größten Gefahren einer Herrschaftsstruktur wie derjenigen in der DDR zu suchen ist: Nicht allein im autoritären Durchstellen von Weisungen, sondern ebenso in der mangelnden Einhaltung und Überprüfbarkeit von "Verfahren", aus deren Befolgung und Berechenbarkeit eine rechtsförmige Handlung im Sinne Niklas Luhmanns erst ihre Legitimation bezieht. Die Geschichte des VEB Jenapharm im Dopingsystem der DDR zeigt exemplarisch, wie die Auflösung rechtlicher Verbindlichkeiten den unaufhaltsamen Sturz in eine organisierte Verantwortungslosigkeit bewirkte.

Anmerkungen:
[1] Die umfassendste Ursachenanalyse findet sich nach wie vor bei Hans Joachim Teichler / Klaus Reinartz, Das Leistungssportsystem der DDR in den 1980er Jahren und im Prozess der Wende, Schorndorf 1999.
[2] Hans Lenk, Konkrete Humanität. Vorlesungen über Verantwortung und Menschlichkeit, Frankfurt am Main 1998.

Zitation
Jutta Braun: Rezension zu: : Staatsdoping. Der VEB Jenapharm im Sportsystem der DDR. Köln  2009 , in: H-Soz-Kult, 13.01.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13620>.
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Veröffentlicht am
13.01.2011
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