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Titel
Alva Myrdal. The passionate mind


Autor(en)
Hirdman, Yvonne
Erschienen
Bloomington 2008: Indiana University Press
Umfang
XV, 448 S.
Preis
€ 26,25
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Carstensen, Hamburg

Mit ihrer 2008 ins Englische übersetzten Biographie „Alva Myrdal. The Passionate Mind“ („Det tänkande hjärtat“, 2006) hat die schwedische Historikerin Yvonne Hirdman zugleich die Lebensgeschichte einer Frau und eine Ehegeschichte geschrieben.

Alva und Gunnar Myrdal gehören bis heute zu den berühmtesten intellektuellen Paaren Schwedens. Sie haben nicht nur die Sozialpolitik ihres Landes im 20. Jahrhundert durch ihre Schriften und politischen Aktivitäten wesentlich mitgeprägt – sie gelten als führende Protagonisten des social engineering –, sondern darüber hinaus auch wichtige Ämter auf internationaler Ebene innegehabt. Beider Karrieren wurde mit der Verleihung eines Nobelpreises gekrönt, Alva Myrdal bekam den Friedensnobelpreis für ihr Engagement in der Abrüstungspolitik ab den 1960er-Jahren, der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Myrdal den Nobelpreis für Ökonomie für sein Lebenswerk. Die Myrdals sind in Schweden aber immer als ein Paar beobachtet worden, bei dem die Grenzen zwischen privat und öffentlich verschwammen. Sie wurden auf ihre Vorbildfunktion hin für die von ihnen propagierten Sozialreformen im Bereich des Wohnens, der Kindererziehung und der Geschlechterbeziehungen beobachtet und später geradezu zu Repräsentanten Schwedens in der Welt erklärt. Sie selbst wirkten erfolgreich an dieser Stilisierung mit. In den 1980er-Jahren bekam dieses Bild jedoch einen dunklen Schatten, als das älteste der drei Kinder, der Sohn Jan Myrdal, über seine Kindheitserinnerungen schrieb und sich mit harscher Kritik gegen seine Eltern stellte.

Hier setzt Hirdman, Professorin für Gendergeschichte an der Universität Stockholm, an, die als Erste den umfangreichen Nachlass der Myrdals systematisch durchgearbeitet hat. Ein Schlagwort des Feminismus der 1970er-Jahre aufgreifend, dass das Private das Politische sei, nutzt sie den umfangreichen privaten Briefwechsel der Beiden als Grundlage ihres Buches und interessiert sich dabei vor allem für die jahrzehntelange intensive Auseinandersetzung insbesondere Alva Myrdals mit der Frage, wie ihre Ehe zu gestalten sei. Einfühlsam arbeitet sie heraus, wie Alva Myrdal immer wieder neu darum rang, ihre Liebes- und Arbeitsbeziehung sowie Elternschaft harmonisch miteinander zu verknüpfen. Dabei stieß sie nicht nur auf mangelnde Kooperation seitens ihres Mannes, der erwartete, dass sie sich um Haushaltsführung und Kindererziehung kümmerte, und der sich wiederholt Seitensprünge herausnahm. Auch die engagiert um weibliche Emanzipation streitende Alva Myrdal selbst war niemals frei von überkommenen Geschlechterklischees. So erging sie sich am Anfang ihrer Beziehung mit Gunnar in Träumereien, ihm entweder zwölf Kinder zu gebären oder aber als „shield maiden“, als selbstloser Helferin, im Hintergrund für seine Karriere zu streiten. Lange stellte sie eigene Ambitionen und sogar ihre Sorge um die eigenen Kinder zurück. Als sich ihrem Mann etwa berufliche Perspektiven in den USA eröffneten, gab sie seinem Drängen nach und folgte ihm. Trotz der depressiven Phasen und Schwächen ihres Mannes, trotzdem sie ihn immer wieder antreiben und bemuttern zu müssen meinte, und obwohl sie später sogar bewusst vermied, in seiner Nähe zu arbeiten, um frei von seinem direkten Einfluss agieren zu können, wollte sie ihn doch auf der anderen Seite stets als ihren charismatischen Helden sehen, ein Genie, auf das die Welt wartete. Zugleich wurde sie offenbar von dem Verlangen getrieben, öffentlich zu wirken, das heißt aus ihrer Perspektive, etwas Sinnvolles zu tun, und dies gerade angesichts eigener Zweifel, gut genug zu sein, bzw. der Frage, ob Frauen genauso viel leisten können wie Männer. Schon in den 1930er-Jahren sahen beide sich in ihre Arbeitsprojekte derart stark eingebunden, dass ihre vielfach geäußerten Wünsche und Forderungen, in Zukunft mehr Zeit miteinander zu verbringen, folgenlos blieben. Ihr intensiver Briefaustausch ist letztlich Ausfluss ihrer langgedehnten räumlichen Trennungen später sogar über Kontinente hinweg.

So bleibt die Biographie Alva Myrdals ambivalent. Hirdman zeichnet Myrdals Karriere durchaus positiv als Entwicklungs- bzw. Emanzipationsgeschichte. Demnach gelang es Alva Myrdal nicht nur, sich aus dem Schatten ihres Mannes zu lösen und ihn, was die Bedeutung ihrer schwedischen wie internationalen Posten anbelangt, sogar zu überholen. Auch fachlich eroberte sie sich neue Bereiche, löste sich von der Frauen- und Kinderthematik, die sie in früheren Jahren vorrangig interessiert hatte, und beschäftigte sich stattdessen allgemein mit Sozial- und Entwicklungspolitik bzw. zuletzt mit der Abrüstungsfrage. Hirdman zeigt aber auch, dass Alva Myrdal emotional weiterhin abhängig von ihrem Mann blieb und sich bei ihren persönlichen Erfolgen immer wieder vor die Frage gestellt sah, inwieweit das ihren Mann einschränke. Ihre hochgesteckten Erwartungen, in einer Liebes- und Arbeitsgemeinschaft zu verschmelzen, erfüllten sich nicht. So versuchte sie sich immer wieder von neuem in Modellbeschreibungen ihrer Ehe. Nachdem das Projekt der „Firma Myrdal“ für sie unbefriedigend blieb, griff sie schließlich das Bild von den „consort battleships“ auf: getrennt operierend, aber für die gleiche Sache kämpfend.

Hirdman ist ein lebendig und facettenreich geschriebenes, anregend bebildertes Buch gelungen. Auf jeder Seite spürt man ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Nachlass der Myrdals. In einer dezidiert subjektiven Schreibweise formuliert sie immer wieder offene Fragen und Mutmaßungen und lässt bewusst ihr persönliches Engagement durchscheinen. Lange Briefauszüge, mit der die Autorin die Vielstimmigkeit ihrer Protagonisten zu Gehör kommen lassen will, und suggestiv ausgewählte Kurzzitate verbindet sie mit einer ökonomisch eingesetzten, luziden Kontextualisierung zu einem gut pointierten Text. Das Buch verzichtet aufgrund seines speziellen Ansatzes allerdings darauf, wirklich tiefgehend auf das Wirken und die Wirkung der Myrdals als Sozialingenieure einzugehen und es kritisch zu hinterfragen. Die weitgehende Konzentration auf die Binnenperspektive des Ehepaares lässt Einflüsse von außen an mancher Stelle unausgewogen und blass bleiben. Besonders der Versuch, die wichtigen Schriften der Myrdals mit dem jeweiligen status quo ihrer Beziehung zu korrelieren, wirkt so doch etwas aufgesetzt. Hirdman schreibt unreflektiert fort, was das Paar sich gegenseitig immer wieder versicherte, nämlich einander unübertreffbar wichtig zu sein und die Welt mit den eigenen Ideen erobern und verbessern zu wollen. In der Einleitung reflektiert Hirdman über ihre eigene Voreingenommenheit als Autorin. Vielleicht wäre es sinnvoll und für den Leser eine Hilfe gewesen, dort auch die verstreuten Hinweise auf die Quellenproblematik, etwa Alva Myrdals Schreibstil, den zeitweise selbst ihr Mann als nebulös kritisierte, die Frage, wie das Paar Probleme umging oder verschleierte, sowie das offenbare Fehlen von Briefen zusammenzufassen. Überhaupt wäre schärfer zu akzentuieren, welchen Stellenwert Beziehungsfragen im Nachlass einnehmen und welche Themen sonst schwerpunktmäßig verhandelt wurden. Trotzdem bietet ihr Buch sowohl eine fesselnde Biographie über eine der wichtigsten europäischen Frauenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts als auch einen anregenden Beitrag zur Reflexion über das Schreiben von Biographien intellektueller Paare.

Zitation
Iris Carstensen: Rezension zu: : Alva Myrdal. The passionate mind. Bloomington  2008 , in: H-Soz-Kult, 22.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13651>.
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Veröffentlicht am
22.02.2010
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