M. Juergensmeyer: Die Globalisierung religiöser Gewalt

Cover
Titel
Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida


Autor(en)
Juergensmeyer, Mark
Erschienen
Umfang
485 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Hans G. Kippenberg

Mark Juergensmeyer nimmt mit diesem Buch eine frühere Untersuchung aus dem Jahre 1993 wieder auf: „The New Cold War? Religious Nationalism Confronts the Secular State“. Darin machte er neue Formen von Gewalt nach dem Ende des Kalten Krieges zum Thema. Das neue Buch wirkt über weite Strecken wie eine zweite Auflage, zumal die Architektur dieselbe geblieben ist. Tatsächlich aber ist es so sehr überarbeitet und um Fälle erweitert worden, dass es sich in vieler Hinsicht um ein neues Buch handelt (S. 12). Ein erster Teil erarbeitet ein Modell, das die religiöse Infragestellung des säkularen Nationalismus verständlich macht; ein umfangreicher Mittelteil von fünf Kapiteln legt das entsprechende Quellenmaterial vor und führt in die Fälle nach geographischen Fronten geordnet ein: erst Naher Osten, dann Asien und schließlich transnationale Netzwerke; der Schlußteil geht auf die Probleme ein, die mit einer auf Religion begründeten Politik verbunden sind: Gewalt, Demokratie und Menschenrechte.

Bereits die Version von 1993 analysierte die Fälle im Blick auf einen Verlust des Glaubens an einen säkularen Nationalismus. Dieselbe Grundthese trägt auch die neue Version: „Das Wiederaufblühen der religiösen Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist in weiten Teilen dem Verlust des Glaubens an den säkularen Nationalismus in einer zusehends globalisierten Welt geschuldet“ (S. 12).

Der englische Titel „Gobal Rebellion“ gibt das Argument treffender wieder als der deutsche. Der Begriff der Rebellion im Unterschied zu dem der Revolution ist fundamental für den Inhalt der Studie. Nur in einem einzigen Fall – dem Iran – ist ein säkularer Staat durch einen religiösen Nationalstaat ersetzen worden (S. 76). Der Autor aber analysiert vornehmlich Fälle, die diese Phase von Gewalt nicht erreicht haben. Aufstand bzw. Rebellion ist das treffende Wort, „da nur wenige der religiös motivierten Widerstandsbewegungen gegen den säkularen Staat eine alternative Regierungsform anstreben“ (S. 16) bzw. ihre politischen Ziele vage sind (S. 76). Kernthema des Buches sind aktivistische religiöse Ablehnungen des säkularen Nationalstaates, nicht globale religiöse Gewalt an sich. Diese Nuance ist fundamental, um den Inhalt des Buches richtig zu verstehen. Die Ablehnung ist nicht einseitig die Folge des Wirkens fanatischer Gläubiger, sondern sie greift um sich, weil der säkulare Nationalstaat sein Versprechen von Gleichheit, Freiheit und Wohlstand aller Bürger nicht wahr macht. „Der Verlust des Glaubens in den säkularen Nationalismus muss im Zusammenhang mit der tiefgreifenden Enttäuschung darüber gesehen werden, dass die säkularen Institutionen nicht gehalten haben, was sie versprochen haben. In vielen Teilen der Welt hat der säkulare Staat im Hinblick auf die von ihm gemachten Versprechen von politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit versagt“ (S. 66f., meine Übersetzung, die weniger deterministisch ist als die der Übersetzer HGK). Juergensmeyer lehnt es ab, in Religion die Ursache der Auflehnung zu sehen. Religion tritt zu Konflikten sozialer oder politischer Natur hinzu. Wo das geschieht, geht es bei den Konflikten um zwei konkurrierende soziale Ordnungsmodelle, zwei „Ideologien“.

Die Analysen der Fälle im Hauptteil des Buches gehen der weltweiten Verbreitung dieser Herausforderung nach. Juergensmeyer hält Erklärungen, wonach Religionen die alleinige Quelle von Gewalt sei, für gefährlich und irreführend. Er hat sich früher in einem Beitrag zum Fundamentalismus-Begriff ähnlich geäußert. „Islamischer Fundamentalismus“ gilt in Medien und Politik als dogmatisch, intolerant und gewalttätig. Weil er angeblich die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen bedrohe, sind im Kampf gegen ihn alle Mittel erlaubt – selbst wenn dabei geltendes Recht verletzt wird und demokratische Wahlen annulliert werden wie in Algerien 1991/92 oder in Palästina 2006 (oder in Ägypten 2013 HGK). Man müsse die Kampfrhetorik studieren, um die angstbesessenen gewalttätigen Reaktionen, die sich mit dem Begriff einstellen, zu begreifen, so sein Befund.[1] Das entspricht einer Bilanz, die drei Mitarbeiter im Fundamentalismus-Projekt der Universität von Chicago nach der Veröffentlichung von fünf Bänden mit reichhaltigen empirischen Studien gezogen haben:

„«Fundamentalismus» bezieht sich auf ein spezielles Muster religiöser Militanz, mittels dessen selbsternannte «wahre Gläubige» versuchen, die Erosion religiöser Identität aufzuhalten, die Grenzen rund um die religiöse Gemeinschaft zu sichern und lebensfähige Alternativen zu säkularen Institutionen und Handlungen zu schaffen“.[2]

Wohl können derartige Gruppen gewalttätig werden. Nur ist ihre religiöse Militanz nicht zwingend auch gewalttätig. Wenn aber gegen derartige Gemeinschaften mit Gewalt vorgegangen wird, oder wenn die Gläubigen deren Existenz bedroht sehen, wird die Haltung zur Gewalt eine andere. Dann kann die Verteidigung religiöser Gemeinschaftlichkeit auch die Bereitschaft zu Gewalthandlungen verlangen. So sieht es auch Juergensmeyer (S. 398). Auch ist es irreführend, in ihnen generelle Gegner der Moderne zu sehen. Sie sind Teil der modernen Gesellschaft samt ihrer Technik, Wissenschaft und Staatsformen, widersetzen sich jedoch einer Ideologie, die den Individualismus über die Gemeinschaft stellt.

Die Fälle, die Juergensmeyer behandelt, bestätigen, dass und wie Religionen in dieser Auseinandersetzung umgeformt wurden. Viele der aus den Medien bekannten Konflikte werden Thema: der Ursprung der islamistischen Rebellion in Ägypten, die paradigmatische iranische Revolution, Israels militanter Zionismus, die islamistische Widerstandsbewegung Hamas gegen die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete, die Aufständischen im Irak sowie weiterer Bewegungen im Nahen Osten . In einem weiteren Kapitel geht er islamistischen, hinduistischen und buddhistischen Bewegungen in Asien nach. Es schließen sich Studien zu ähnlichen Bewegungen in Asien, Europa und den USA an. Ein eigenes Kapitel widmet er dem globalen Jihadismus und seiner Entstehung aus dem afghanisch-sowjetischen Krieg der achtziger Jahre. Alle diese Fälle analysiert Juergensmeyer mit größter Sorgfalt. Er zieht die beste wissenschaftliche Literatur, die es dazu jeweils gibt, heran und ergänzt sie um Interviews, die er mit Beteiligten geführt hat, manchmal in Gefängnissen; die Liste der Interviews auf den Seiten S. 413-420 vermittelt einen Eindruck von Zahl und Statur der Gesprächspartner. Auf diese Weise wird seine These, dass es die Probleme des säkularen Nationalismus sind, die den Aufstand befeuern, plausibel.

Ein dritter Teil des Buches beginnt damit, die verbreiteten Vorurteile gegenüber religiösen-nationalistischen Bewegungen zu hinterfragen. Er sei selber davon überrascht worden, wie viele von ihnen sich trotz ihrer Gewaltbereitschaft zu demokratischen Verfahren und den Menschenrechten bekennen (S. 354) und daß sie fast alle die Idee einer Herrschaft des Klerus (also einer Theokratie) ablehnen und charismatische nicht-traditionalistische Autoritäten bevorzugen. In der Konfrontation von Religionsgemeinschaften und säkularem Nationalismus bilden sich auf beiden Seiten neue Strukturen heraus. Im Schlußkapitel beschreibt er fünf Phasen, in denen dies passiert. Auf vereinzelte Rebellionen der 1970er-Jahre, hervorgerufen vom Versagen säkularer Nationalstaaten, folgte in den 1980er-Jahren eine Internationalisierung der Konflikte, die in den 1990er-Jahren zu einem Antiamerikanismus führte und schließlich in einen globalen Krieg zwischen Jihadisten und einer Allianz gegen den Terror mündete. Für die religiösen Kämpfer stehen die Verteidigung ihres Territoriums und der Schutz ihrer Kultur gegen die Mächte des Säkularismus auf dem Spiel. Die Konflikte selber waren sozialer und politischer Natur und wurden erst im Zuge von Konfliktverläufen religiös, was die Art des Konfliktes ebenso veränderte wie die beteiligten Konfliktparteien. Was das im Blick auf die Religionen heißt, hat er bereits im Jahre 2000 in dem Buch “Terror in the Mind of God. The Global Rise of Religious Violence“ geschildert.[3] Aus Religionsgemeinden wurden politische Akteure, sie vernetzen sich transnational mit geistesverwandten Vereinigungen jenseits der Grenzen und erörterten in den neuen Medien Fragen von legitimer religiöser Gewalt. Soziale Unterschichten wurden von der religiösen Ideologie zum Handeln ermächtigt. Die Nationalstaaten, die dies erleben, gehen dazu über, auch ihrerseits den inneren Zusammenhalt ihres Gemeinwesens mittels Religion zu festigen. Die Zivilreligion westlicher Staaten bekommt ein Geschwisterchen in Gestalt eines „Zivil-Islam“ der auch nicht-islamische Glaubensgemeinschaften respektiert.

Juergensmeyer hat ein großes Buch geschrieben; es korrigiert massive Vorurteile gegenüber religiösem politischem Aktivismus und legt mit seiner Deutung einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust des säkularen Nationalstaates frei.

Anmerkungen:
[1] Mark Juergensmeyer, Antifundamentalism, in: Martin E. Marty / R. Scott Appleby (Hrsg.), Fundamentalisms Comprehended, Chicago 1995, S. 353-366.
[2] Gabriel Almond / Scott Appleby / Emmanuel Sivan, Strong Religion: The Rise of Fundamentalism around the World, Chicago 2003, S. 17.
[3] Dt. Übersetzung: Mark Juergensmeyer, Terror im Namen Gottes. Ein Blick hinter die Kulissen des gewalttätigen Fundamentalismus, Freiburg 2003.

Zitation
Hans G. Kippenberg: Rezension zu: : Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida. Hamburg  2009 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 01.11.2013, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-13694>.
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Veröffentlicht am
01.11.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/