R. Binner u.a.: Massenmord und Lagerhaft

Titel
Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors


Autor(en)
Binner, Rolf; Bonwetsch, Bernd; Junge, Marc
Erschienen
Berlin 2009: Akademie Verlag
Umfang
821 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wladislaw Hedeler, Berlin

Fünf Jahre nach Veröffentlichung der ersten Dokumentensammlung zum Geheimbefehl 00447 [1] und zwei Jahre nach einer Konferenz zu diesem Thema am Deutschen Historischen Institut in Moskau legten Marc Junge und Gennadij Bordjugow einen neuen Sammelband vor, der sowohl die Ergebnisse dieser Fachtagung als auch die seitdem publizierten Dokumente zur Vorbereitung und Durchführung der NKWD-Operation berücksichtigt.[2] Die vom Politbüro des ZK der KPdSU(B) initiierte Operation war dem Befehl zufolge gegen Kulaken, das heißt Großbauern sowie „sozial schädliche“ und „sozial gefährliche Elemente“ gerichtet. Damit begann der „Große Terror“ gegen die Bevölkerung. Bei der hier zu besprechenden Ausgabe in deutscher Sprache, die als erster Band der Veröffentlichungen des DHI Moskau erscheint, handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe der russischen Dokumentenedition aus dem Jahr 2008.

Während der Operation, die von August 1937 bis November 1938 andauerte, wurden fast 800.000 Sowjetbürger von speziell hierfür eingerichteten Dreierkommissionen zur Todesstrafe oder „Besserungsarbeit“ in den Gulags verurteilt, obwohl in einer ersten Anweisung „nur“ von 270.000 die Rede war. Es gibt keine anderen Verfolgungsmaßnahmen dieser Größenordnung, „über die so viele dokumentarische Belege vorliegen“, die die Partei- und Staatsführung als „Urheber und Antreiber“ kenntlich machen (S. 10).

Mit ihren Forschungsergebnissen wollen die am Projekt beteiligten Historiker die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der NKWD-Operation erhellen, die Phasen des „Großen Terrors“ genauer benennen und die Rolle der Täter skizzieren. Den Herausgebern ist es gelungen, weit verstreute, in Darstellungen zur Geschichte einzelner Lager und Personen publizierte und oft schwer zugängliche Dokumente zu sammeln und dem Befehl und seiner Geschichte zuzuordnen. Bis auf den heutigen Tag sind nicht alle Akten aus dem Zentralen Archiv des FSB für die Forschung zugänglich. Erst wenn diese freigegeben und ausgewertet sind, kann man sich auch übergreifenden Fragen zuwenden. Einige, darunter „Zufall und Willkür“ sowie „Gesamtbilanz“ werden im Folgeband „Stalinismus in der sowjetischen Provinz“ diskutiert.[3] Hier geht es den Herausgebern darum, dass „ein erster Schritt dazu gemacht werden [soll], den ‚Großen Terror’ nach der Logik seiner einzelnen Operationen zu strukturieren und zu systematisieren“ (S. 11). Diesem Anspruch wird der Band gerecht.

In der Einleitung gibt Marc Junge einen Überblick über die im Rahmen des von ihm koordinierten russisch-ukrainisch-deutschen Forschungsprojekts „Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938. Die Massenoperation auf der Grundlage des Befehls Nr. 00447“ fertig gestellten Studien.[4] Die Autoren fragen nach der Motivation der Massenoperationen gegen „Kulaken und andere konterrevolutionäre Elemente“ und danach, ob die Operation zielgerichtet oder willkürlich war. Im vorliegenden Buch werden diese Fragen nicht diskutiert, da die Herausgeber darauf hinweisen, dass eine ausführliche Darlegung der Forschungskontroversen mit der entsprechenden Literatur ebenfalls der Projektveröffentlichung „Stalinismus in der sowjetischen Provinz“ vorbehalten bleiben solle (S. 13, Anm. 13).[5] Stattdessen wird hier mit Blick auf die Rolle der Täter der Frage nachgegangen, ob sie Instrumente oder Akteure der Operation waren (S. 14). Teil dieser Fragestellung ist das Verhältnis von Zentrum und Peripherie und die Qualifizierung der Opfer als politisch Verfolgte oder kriminelle Straftäter. Auch nach Auswertung von Dokumenten aus den Regionen, hier vor allem aus der Ukraine (S. 143-150), hält Junge an der Aussage fest, dass aufgrund der Quellenlage offen bleibt, wie die für die Regionen vorgegebenen Kontingente während der ersten Phase vor Ort aufgeteilt wurden (S. 150). Auffällig ist, dass die Urteile in den parallel zum Befehl Nr. 00447 laufenden „nationalen Operationen“ des NKWD härter ausfielen, das heißt mehr Todesurteile ausgesprochen wurden (S. 159). Eine Kontrolle des NKWD durch staatliche Stellen fand in dieser Zeit so gut wie nicht statt (S. 162). 1938 änderte sich die Stoßrichtung der Operation. Jetzt richtete sich der Schlag gegen „andere konterrevolutionäre Elemente“ (S. 302).

Der Band enthält 231 Dokumente, die in chronologischer Abfolge publiziert und kommentiert werden. Jedem Kapitel ist eine ausführliche Einführung vorangestellt. Der erste Abschnitt (S. 17-123) behandelt die Vorbereitung der Operation, wobei auch diejenigen Initiativen mit einbezogen werden, die von der Basis ausgingen. Der Wechselwirkung von Partei- und NKWD-Organen wird dabei besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht. Aus der Korrespondenz zwischen der Provinz und Moskau geht deutlich hervor, dass die von Oben vorgegebenen Kontingente an der Basis aufgestockt wurden. Das zweite Kapitel (S. 125-288) ist der ersten Phase, das heißt der Erstellung der Listen im Juli 1937 und der ersten Verhaftungswelle vom August bis Dezember 1937, gewidmet, das dritte Kapitel (S. 289-355) der zweiten Phase von Januar bis November 1938 und das sechste Kapitel (S. 451-550) dem Abschluss der Operation.

Die Kapitel vier (Von der Verhaftung zur Erschießung: Die Untersuchungsakte, S. 357-404) und fünf (Der Mechanismus der Verurteilung: Die Trojkaprotokolle, S. 405-450) enthalten im Unterschied zur russischen Ausgabe nun erstmals verallgemeinernde Aussagen über die ausgewerteten Untersuchungsakten und Trojkaprotokolle aus der Ukraine. Es ging den Autoren darum herauszuarbeiten, „wie weit sie gefälscht waren und wie weit sie trotzdem Aufschluss über das konkrete Vorgehen der Strafverfolgungsorgane geben“ (S. 357). Als exemplarisches Beispiel wird hier die Untersuchungsakte des zum Tode durch Erschießen verurteilten Pawel Iwanowitsch Z. (S. 378-404) publiziert.

Den Schluss der Operation markierte die Ablösung Nikolai Eschows durch Lawrentii Berija. Die Dreierkommissionen wurden aufgelöst, neue Verhaftungen und Deportationen untersagt, die Kontrolle der Verhaftungen unterlag wieder den Gerichten und die Mitarbeiter des NKWD wurden durch Parteiorgane überprüft. Im offiziellen Sprachgebrauch war von der „Wiederherstellung der sozialistischen Gesetzlichkeit“ die Rede. Dass die Tatsachen eine andere Sprache sprechen, belegt das siebte, im Vergleich zur russischen Fassung stark überarbeitete Kapitel (S. 551-585) mit Dokumenten zur Rehabilitierung der Opfer von 1939 bis 1941. Die Revisionsverfahren – denn von Rehabilitierung kann hier keine Rede sein – lagen in den Händen der Täter, Nachuntersuchungen sowie positive Revisionen gab es nur in einigen Ausnahmefällen. Da es keine „zuverlässigen Gesamtzahlen für die Rehabilitierungen in der Sowjetunion zwischen 1938 und 1941 gibt“ (S. 561), können die Herausgeber nur auf ausgewählte Beispiele aus der Provinz zurückgreifen. Ihre ausführliche Auswertung erfolgt im Folgeband „Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938“.

Anmerkungen:
[1] Mark Junge / Rolf’ Binner, Kak terror stal bol’šim‘. Sekretnyj prikaz Nr 00447 i technologija ego ispolnenija, Moskva 2003.
[2] Mark Junge / Gennadij Bordjugov / Rolf’ Binner, Vertikal’ Bol’šogo Terrora. Istorija operacii po prikazu NKVD Nr. 00447, Moskva 2008.
[3] Rolf Binner / Bernd Bonwetsch / Marc Junge (Hrsg.), Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls Nr. 00447 (=Veröffentlichungen des Deutschen Historisches Instituts Moskau, Bd. 2), Berlin 2010.
[4] Als Band 2 der Veröffentlichungen des DHI Moskau erscheint die Dokumentenedition „Stalinismus in der sowjetischen Provinz“. Der von Aleksej Tepljakov vorbereitete Band über den Terror in Sibirien (Aleksej G. Tepljakov, Mašina terrora. OGPU-NKVD Sibiri v 1929-1941 gg., Moskva 2008) liegt bisher nur in russischer Sprache vor. Zwei Dokumenteneditionen über den Terror im Altajgebiet (Massovye repressii v Altajskom krae) und in der Ukraine (Kulackaja operacija v Ukraine) sind in Druck.
[5] Vgl. dazu auch Hiroaki Kuromiya, Rezension zu: Rolf Binner / Bernd Bonwetsch / Marc Junge (Hrsg.), Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. Die Massenaktion aufgrund des
operativen Befehls No. 00447, Berlin 2010 (siehe Anm. 3), in: H-Soz-u-Kult, 18.05.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=140114011>.

Zitation
Wladislaw Hedeler: Rezension zu: : Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors. Berlin  2009 , in: H-Soz-Kult, 18.05.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13721>.
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18.05.2010
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