A. Ortlepp u.a. (Hrsg.): Mit den Dingen leben

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Titel
Mit den Dingen leben. Zur Geschichte der Alltagsgegenstände


Hrsg. v.
Ortlepp, Anke; Ribbat, Christoph
Erschienen
Stuttgart 2010: Franz Steiner Verlag
Umfang
339 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Ludwig, Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

Gelungene Sammelbände gewähren durch Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven einen orientierenden Überblick über neueste Forschungsergebnisse. Der vorliegende, durch Anke Ortlepp und Christoph Ribbat herausgegebene Band versteht sich als amerikanische Anregung und Anstoß für die deutsche Forschungslandschaft, angeregt durch einen alltäglichen Kulturvergleich, wie die Herausgeber/-innen in ihrem Vorwort darlegen: In einer New Yorker Buchhandlung war ein eigener Tisch nur mit Literatur zum Thema „Dinggeschichten“ gefüllt. Dies verdeutlichte Ortlepp und Ribbat, dass, im Unterschied zu den deutschen historischen Wissenschaften, eine Beschäftigung mit der materiellen Kultur in den USA Teil eines historischen Verständnisses der amerikanischen Gesellschaft ist. Die Herausgeber/-innen wollen anregen, die materielle Kultur auch im deutschen Forschungskontext stärker zu verankern und haben dazu eine Reihe thematisch und methodisch herausragender Aufsätze zu einem Sammelband vereinigt.

In der Tat ist eine Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur als Teil der Alltags-, Kultur- und Sozialgeschichte im deutschen Forschungskontext eher selten, und eine Übersicht der verstreut erschienenen Monographien, Aufsätze und Zeitungsfeuilletons ist ebenso mühevoll wie sie tendenziell unvollständig bleiben muss. Impulse für eine „Dingforschung“ kamen aus der Medienarchäologie[1] und der Volkskunde/Empirischen Kulturwissenschaft[2] ebenso, wie aus den im weitesten Sinne kulturhistorischen Museen[3], wo die Beschäftigung mit den Dingen und ihren Bedeutungen wieder stärker in den Vordergrund von Ausstellungen gerückt wird.[4] Die Dinge werden in Beziehung zur Arbeit gesetzt[5], in die Konsumgeschichte integriert[6], sind für Analysen in Design-[7] und Technikgeschichte unverzichtbar. Einen systematischen Ansatz hat in den vergangenen Jahren vor allem Wolfgang Ruppert angeregt.[8] Eine breitere Rezeption fehlt in Deutschland jedoch ebenso, wie eine Diskussionsplattform ähnlich dem Journal of Material Culture. Eine der grundlegenden Arbeiten zur Bedeutung der Dinge, Giedeons „Herrschaft der Mechanisierung“, erschien erst 34 Jahre nach der englischen Originalausgabe in deutscher Übersetzung.[9]

Die Beiträge des Bandes behandeln das 19. und vor allem das 20. Jahrhundert. Der Blick weitet sich von den Dingen auf die Gesellschaft oder bis ins mikroskopische Detail, analysiert werden erwartbare Objektklassiker (das Korsett, Tupperware) wie auch Alltagsgegenstände der Gegenwart. Leslie Shannon Miller untersucht die Inszenierungen von Weiblichkeit am Beispiel des Korsetts, das sie zunächst detailliert beschreibt um dann die Auswirkungen auf tägliche Verhaltenspraxen sowie Verbindungen zu verschiedenen, auch widersprüchlichen Frauenbildern herauszuarbeiten. In Anlehnung an Thorstein Veblens „Theorie der feinen Leute“ interpretiert sie das Tragen des Korsetts als „demonstrativen Konsum eines Lebensstils“ (S. 93). Ähnlich argumentiert Marguerite Connolly in ihrem Beitrag über das Verschwinden der Nähmaschine. Vor der Verbreitung der Konfektionskleidung war Selbstnähen ein zeitaufwändiger Teil weiblicher Hausarbeit, die durch die Verbreitung der Nähmaschine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich vereinfacht wurde. Nachdem das mit ihrem Besitz verbundene Prestige gegen Ende des Jahrhunderts zurückgegangen war, wurde die Nähmaschine in Möbelstücken versteckt, bis sich schließlich nach dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten Konfektionskleidung durchgesetzt hatte.

Korsett und Nähmaschine könnten wohl auch im deutschen kulturellen Kontext untersucht werden, ohne dass, bis auf zeitliche Verschiebungen, wesentlich unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten wären. Zwei Beiträge über Objekte der Nachkriegsmoderne zeigen jedoch deutliche Unterschiede und verweisen, obwohl beide besprochenen Objekte auch in Deutschland verbreitet sind, auf spezifische amerikanische kulturelle Zusammenhänge. Alison J. Clarkes Aufsatz über Tupperware analysiert die Vermarktungsstrategien der Firma über Agentinnen und die Auswirkungen dieser Strategie als Kommunikationskern der nach dem Zweiten Weltkrieg entstehenden amerikanischen Suburbs. Als „Ikone der Vorstadt“ (S. 157) vereinte Tupperware Modernität und Massenproduktion mit der Organisation sozialer Beziehungen in neu entstehenden Nachbarschaften. Clarke bezeichnet Tupperware als typisches Objekt einer „puritanischen Ästhetik“ (S. 161), in der Dinge der industriellen Massenkultur durch individuelle Aneignung eine übergeordnete kulturelle Bedeutung erlangen. Ebenfalls mit suburbanen Nachbarschaften befasst sich der Beitrag von Lynn Spigel. Sie analysiert das Fernsehgerät als Teil einer konsumorientierten Wertegemeinschaft, in der das gemeinsame Fernsehen eine „Ersatz-Gemeinde“ (S. 202) bildete und in der das Programm ein Spiegel genau dieser in der Vorstadt angesiedelten amerikanischen Ideal- (oder auch Normal-) Familie bildete.

Mit einem mikroskopischen Blick nähert sich Kitty Hauser einem weiteren amerikanischen Alltagsobjekt, der Blue Jeans. Nicht die oft wiederholte Geschichte ihrer Einführung als Arbeitshose Mitte des 19. Jahrhunderts und auch nicht ihre popkulturelle Konnotierung seit den 1950er-Jahren interessieren die Autorin, sondern die „Kartografie“ ihrer Abnutzung (S. 246). Was eigentlich passiert, wenn Jeans durch Tragen abgenutzt werden, war Gegenstand einer kriminalistischen Untersuchung durch das FBI, deren Ergebnisse die Autorin zur Grundlage nimmt. Ihr geht es nicht um die individuellen Gebrauchsspuren, sondern um die produktionsbedingten Spuren, die jede Hose kennzeichnen. Es ist die Arbeit der Näherin, die ein industrielles Massenprodukt prägt. Die Jeans tragen „Stigmata der Arbeit“ (S. 257) und werden durch Produktion und Nutzung individuelle Dinge.

Die dreizehn Beiträge des Bandes zeigen exemplarisch, wie eine von den Dingen ausgehende Analyse verschiedene Dimensionen historischer Gesellschaften ausleuchten kann. Die Unscheinbarkeit und Selbstverständlichkeit der Dinge selbst (aber auch ihre Besonderheit, wie der Beitrag von Lorraine Daston über Glasblumen zeigt) verweist auf die Objekte als Träger von Bedeutungen ebenso wie auf mit ihnen verbundenen Handlungen. Der Blick auf die Dinge erweist sich als eine Einladung zur „Phantasie der Referentialität“ (Kitty Hauser, S. 257). Der von Anke Ortlepp und Christoph Ribbat zusammengestellte Band hat genau diese unschätzbare Qualität.

Anmerkungen:
[1] Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1986.
[2] Konrad Köstlin / Hermann Bausinger (Hrsg.), Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs, Regensburg 1983.
[3] Neben vielen anderen als frühe Beispiele Gewerbemuseum Basel, Museum für Gestaltung, Keinen Franken wert. Für weniger als einen Franken, Basel 1987; Martin Roth u.a. (Hrsg.), In aller Munde. 100 Jahre Odol, Ostfildern-Ruit 1993; Centrum Industriekultur Nürnberg, Münchner Stadtmuseum (Hrsg.), Unter Null. Kunsteis, Kälte und Kultur, München 1991.
[4] Joachim Kallinich / Bastian Bretthauer (Hrsg.), Botschaft der Dinge, Heidelberg 2003; Mathilde Jamin / Frank Kerner (Hrsg.), Die Gegenwart der Dinge. 100 Jahre Ruhrlandmuseum, Essen 2004.
[5] Holm Friebe / Thomas Ramge, Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Frankfurt 2008.
[6] Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hrsg.), Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln 1996; Birgit Pelzer / Reinhold Reith, Margarine. Die Karriere der Kunstbutter, Berlin 2001.
[7] Gert Selle, Siebensachen. Ein Buch über Dinge, Frankfurt am Main 1997.
[8] Wolfgang Ruppert (Hrsg.), Um 1968. Die Repräsentation der Dinge, Marburg 1998; ders, Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt am Main 1993, S. 14-36.
[9] Siegfried Giedion, Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte, Frankfurt am Main 1982 (engl. 1948).

Zitation
Andreas Ludwig: Rezension zu: Ortlepp, Anke; Ribbat, Christoph (Hrsg.): Mit den Dingen leben. Zur Geschichte der Alltagsgegenstände. Stuttgart  2010 , in: H-Soz-Kult, 31.08.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13766>.
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31.08.2010
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