M. Kaller-Dietrich: Ivan Illich

Titel
Ivan Illich (1926-2002). Sein Leben, sein Denken


Autor(en)
Kaller-Dietrich, Martina
Erschienen
Umfang
256 Seiten
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerd-Rainer Horn, Department of History, University of Warwick

Diese Studie ist die allererste umfassende Biographie des All-Round-Wissenschaftlers, Theologen und Pädagogen sowie Modernisierungskritikers Ivan Illich. Allein diese Tatsache sollte die Aufmerksamkeit nicht nur von Historikern, sondern ebenfalls von Sozialwissenschaftlern unterschiedlichster Provenienz – sowohl geographisch als auch intellektuell – auf dieses Buch richten. Denn, obwohl die allermeisten Leser und Leserinnen dieses Bandes sicherlich bereits in vielen verschiedenen Zusammenhängen von Illich gehört haben, stand eine Gesamtdarstellung bisher noch aus. Zukünftige Biographien Ivan Illichs werden sich an den Maßstäben, die dieses Buch gesetzt hat, messen müssen.

Bisherige Studien zu Illichs Werken und Taten haben zumeist einen bestimmten Teilaspekt seiner Hauptschaffensperiode unter die Lupe genommen. Seine Jugendzeit und seine Ausbildungslaufbahn wurden daher oft ausgeblendet. Martina Kaller-Dietrich schließt unter anderem auch diese Lücken. Dalmatinischer und österreichisch-jüdischer Abstammung, wuchs Ivan Illich zweisprachig auf. “Kroatisch war seine Vatersprache, Deutsch seine Muttersprache.” (S. 42) Vielleicht war es diesem Umstand zuzuschreiben, dass Illich zeit seines Lebens ein Sprachgenie war, dem Englisch und Spanisch genauso vertraut waren wie Italienisch. Nach dem Abitur 1942 an einem florentinischen Gymnasium studierte der spätere Wissenschaftskritiker drei Jahre lang Chemie. Im Anschluss vollzog Illich allerdings eine der ersten von vielen radikalen Kehrtwendungen: er schlug die Priesterlaufbahn ein, studierte an einer der Nobeluniversitäten der katholischen Kirche, der Gregorianischen Universität in Rom, und graduierte mit summa cum laude. Einflussreiche Persönlichkeiten aus dieser Zeit, mit denen Illich damals direkte Kontakte hatte, waren unter anderem der fortschrittliche katholische Philosoph, Jacques Maritain, sowie Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI, beide in diesen Jahren stark durch den damals in vielen Kreisen kuranten Linkskatholizismus beeinflusst, bzw. Mitgestalter dieser transnationalen sozialen Bewegung und Geisteshaltung. Linkskatholisches Gedankengut blieb von nun einer der roten Fäden, die Illichs Werdegang charakterisierten.

1951 nahm Illich eine Stelle als Seelsorger in einer puertoricanischen Gemeinde in der Weltstadt New York an. Selbst ein Grenzgänger zwischen Kulturen, nahm Illich auf diese Weise zum ersten Mal hautnah Kontakt mit dem hispanischen Kulturkreis Nord- und Mittelamerikas auf, der die folgenden Jahrzehnte seines Lebens prägen sollte. Schon während seiner New Yorker Schaffensperiode kamen eine Reihe von weiteren Konstanten in Illichs Weltanschauung ans Tageslicht. Kluger Beobachter seiner jeweiligen Umwelt, wurde Illich sicherlich durch die äußeren Umstände seiner Tätigkeit im puertoricanischen Stadtviertel darauf aufmerksam, dass Liturgie nicht nur als Ritual in religiösen Zeremonien angesehen werden muss, sondern auch das Zusammenspiel mit populären Praktiken oder Bräuchen suchen muss, um Erfolg zu zeitigen. Gleichzeitig ergaben sich aufgrund des akuten Kontrastes zwischen puertoricanischen kulturellen Praktiken und der US-amerikanischen Wirklichkeit frühe Einsichten in die Dialektik der Moderne, hier vor allem die zerstörerischen Auswirkungen US-amerikanischer Hegemonialkultur auf präexistente Volkskulturen. Auch das Wachstum des Kontrastes zwischen arm und reich tat sich für Illich in seiner unheilversprechenden Gesamtdimension rasch hervor. Und ein ebenso wichtiger Aspekt seines politisch-kulturellen Selbstverständnisses ging ebenfalls aus dieser Situation hervor: seine Einsicht, dass, trotz ansteigender Ungleichheit, die Armen dieser Welt nicht gegen dieses Schicksal revoltieren werden. Sie seien, so Illich, in Kaller-Dietrichs Worten, von “Entwicklungsverheißungen geblendet” (S. 55), und es wäre daher müßig, von ihnen dauerhaft erfolgreiche emanzipatorische Handlungen zu erwarten.

Mit diesen Aussagen formulierte Illich bereits in den 1950er-Jahren die Grundfesten seiner Überzeugungen für die folgenden vier Jahrzehnte. Einsichten, die sich einerseits als hellseherisch erwiesen, aber gleichzeitig von vielen zeitgenössischen Beobachtern als defaitistisch eingestuft wurden – gerade auch von jenen, die prinzipiell mit Illichs Zivilisationskritik kritisch übereinstimmten. Die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen gesellschaftlichen Kurswechsels, aber gekoppelt mit der Erkenntnis der großen Schwierigkeiten, solch einen Umschwung herbeizubringen, ließen Illich in der Folgezeit als permanenten Außenseiter erscheinen, trotz seiner vielfältigen Bemühungen auf sein gesellschaftliches und intellektuelles Umfeld Einfluß zu gewinnen. Je nachdem wogegen sich der Zielpunkt seiner Kritik richtete, gewann oder verlor er Unterstützung und Sympathien in den unterschiedlichsten Milieus.

Als Kritiker des sogenannten Fortschritts wurde Illich in westlichen Kreisen vor allen Dingen bekannt als radikaler Pädagoge, der die Regelschule, was den Erhalt und den Ausbau von konvivialen gesellschaftlichen Praktiken angeht, als genauso destruktiv einschätzte wie eine Atombombe. Illich, der einerseits Bildung und Lernen als einzig möglichen Ausweg aus der Einbahnstraße der Modernisierung ansah, verstand das institutionalisierte Lernen in verschulten Schulen als das genaue Gegenteil von Emanzipation. Von daher liegt es auch nahe, dass Illich die Ideologie und Praxis von Entwicklungspolitik genauso prinzipiell ablehnte wie so manche Absichtserklärungen und Taten von Befreiungstheologen in Lateinamerika. Denn letztlich würde diese nur wiederum die Institutionalisierung der Kirche fördern. Denn die grundlegende Position dieser, wenn auch geläuterten, Kirche stand im Selbstverständnis der Befreiungstheologen außer Streit. Ebenso sah Illich Entwicklungshilfe letztendlich als Stärkung der Hegemonie der Industrienationen.

Befreiungskämpfer in der Dritten Welt wurden von Illich ebenso als Statthalter einer entwicklungsfreudigen Ideologie mit Modernisierungswünschen angesehen. Zu einer Zeit, wo Guerrillakämpfe in der Dritten Welt nicht nur im Trikont viele Sympathisanten fanden, sah Illich das Heil nicht in einer wie auch immer stattfindenden sozialen Revolution: “Ich bin für eine Revolution in den Institutionen. Ich sehe die Aufgabe nicht unmittelbar darin, die politische Macht zu verändern oder zu erobern. Kein Machtwechsel kann die Unterentwicklung Lateinamerikas stoppen. Ob wir westliche oder sowjetische Entwicklungshilfe erhalten, ist kaum von Bedeutung. Ich sehe die Aufgabe der Revolution, das Bewußtsein zu verändern. Nur die Selbstbefreiung von eingelernten Notwendigkeiten öffnet den Weg in die Zukunft.” (S. 119)

Laut Illich war die Einsicht in die Notwendigkeit eines Umdenkens nur durch freies Lernen zu vermitteln. Und freies Lernen war für Illich das genaue Gegenteil von den allüberall grassierenden Lernfabriken, die Schulen oder Universitäten genannt werden. Illich verwandte sehr viel Zeit und Tatkraft damit, eine artgerechte “Umgebung fürs Lernen”, einen “Treffpunkt für Humanisten” (S. 128) zu schaffen. Das von Illich von 1961 bis 1976 in Cuernavaca, Mexiko, geleitete „Zentrum für Interkulturelle Dokumentation“ (CIDOC) mag in dieser Hinsicht als das Lebenswerk Illichs angesehen werden. Und Kaller-Dietrich analysiert und beschreibt nicht nur im zentralen zweiten Kapitel ihrer Arbeit die Vorgänge am CIDOC, sondern die Autorin liefert im Anhang erstmals eine kommentierte Bibliographie der verschiedenen im CIDOC erschienenen Schriftenreihen.

Die wahren Herrscher dieser Welt waren für Illich aber nicht Minister oder Polizisten, sondern die allgegenwärtigen Experten, die durch ihre fachliche Ausbildung das ‚radikale Monopol’ in ihrer jeweiligen Branche ausüben, und so der großen Mehrheit von Menschen ihr Selbstvertrauen in ihre eigenen Entscheidungen nehmen. Zusammen mit dem allseits grassierenden Marktfetischismus bringen, so Illich, die ebenso universellen Heilserwartungen in das Expertentum millionenfach verunsicherte Existenzen hervor. Menschen “könnten und wollten bald nicht mehr selbst bestimmen, was sie brauchten”. (S. 157). Anstatt selber Entscheidungen zu treffen, lassen Menschen andere für sie entscheiden. Anstatt selber Sport zu treiben, werden mediengerechte Idole angehimmelt. Anstatt selber Nächstenliebe zu üben, werden “Versorgungseinrichtungen der Nächstenliebe” (S. 187) errichtet. Den Verlust menschlichen Selbstvertrauens rückgängig zu machen, war Ivan Illichs höchstes Ziel – und der rote Faden, der sich durch sein Gesamtwerk zieht.

Wie ebenfalls bereits angedeutet, fand Illich in seiner oft beissenden Kritik der “Liturgie der Modernisierung” (S. 155) allerdings kaum Mitstreiter, die den gesamten Weg seiner Kulturkritik mitzugehen bereit waren. Und, auch dies ist eine der Eigenschaften dieses inspirierenden Buches: die Autorin macht deutlich, wie sich Ivan Illich immer wieder in eine Art Selbstisolation manövrierte, eine Tendenz, die Ivan Illich zu einer tragischen, intellektuellen Figur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts machte. Oft war er späteren Befürwortern von Teilaspekten seiner allgemeinen Kulturkritik, wie zum Beispiel im Falle seiner Ökologiekritik, weit voraus, doch war Ivan Illichs kritische Aufarbeitung der Dialektik der Moderne derart konsequent und umfassend, dass er sich vor allem in seinen letzten Lebensjahren oft als ein aussichtsloser Einzelkämpfer wiederfand. Lange Zeit war es “seine sprühende Lebendigkeit und sein legendäres Charisma” (S. 128), die Illich zum vielgelesenen und oft auf internationale Konferenzen eingeladenen Kommentator machte. Doch gekoppelt mit seiner kompromisslosen Ablehnung anderer Alternativen zum status quo, geriet Ivan Illich, insbesondere nach dem Abklingen des gesellschaftlichen Aufbruchs der 1960er- und 1970er-Jahre, langsam in Vergessenheit.

Es ist Martina Kaller-Dietrichs großer Verdienst, Ivan Illich wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Ihr einfühlsamer und lesbar geschriebener Text wird, wie eingangs bereits unterstrichen, auf lange Zeit hinaus einen Maßstab für Illichforscher gesetzt haben. Das auch klug illustrierte Buch verdient die höchste Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit, nicht nur der deutschsprachigen.

Zitation
Gerd-Rainer Horn: Rezension zu: : Ivan Illich (1926-2002). Sein Leben, sein Denken. Weitra  2008 , in: H-Soz-Kult, 15.01.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13789>.
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15.01.2010
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