D. Hoffmann u.a. (Hgg.): Geglückte Integration?

Titel
Geglückte Integration?. Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR


Hrsg. v.
Hoffmann, Dierk; Schwartz, Michael
Erschienen
München 1999: Oldenbourg Verlag
Umfang
398 S.
Preis
€ 54,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Imke Sturm

"Due mainly to the Potsdam decisions on Germany's Eastern frontiers, there are now more Germans in Germany than is good for the future tranquility of Europe", schrieb Sir Brian H. Robertson im Februar 1949 an seinen amerikanischen Kollegen unter den alliierten Oberbefehlshabern in den Besatzungszonen, Lucius D. Clay. Der Zustrom der Flüchtlinge und Vertriebenen galt als potentieller Krisenfaktor und erforderte eine entsprechende Integrationspolitik. Östlich des eisernen Vorhangs wurde die Brisanz dieser unfreiwilligen Zuwanderung ähnlich eingeschätzt. Der vorliegende Sammelband stützt sich auf die Parallelen und rollt vergleichend die integrationspolitischen Leitlinien auf, nach denen in der SBZ und der frühen DDR vorgegangen wurde.

Die aktuelle Forschung zum Thema hat neue Impulse gewonnen, seit Paul Lüttinger die übliche positive Bilanzierung der Vertriebenenintegration kritisch als Teil eines "Gründungsmythos" der Bundesrepublik eingeordnet hat, und mit dem Beginn einer politisch unabhängigeren wissenschaftlichen Aufarbeitung der Integrationsgeschichte für die SBZ/DDR wird die zeitgeschichtliche Bedingtheit auch der bundesrepublikanischen Forschungsansätze zum Thema wieder stärker debattiert.[1] Inmitten dieser Debatte treten Schwartz und Hoffmann dazu an, eine Forschungslücke zu füllen und die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge "gesamtdeutsch" zu erschließen.
3,9 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene hatten sich bis Ende 1946 in der SBZ angesiedelt. Von der räumlichen Verteilung zwischen Ostsee und Erzgebirge über die Beschaffung von Wohnraum und Lebensmitteln bis zur Vermittlung von Arbeitsstellen mußte dieser Menschenstrom verwaltet werden. Die Hilflosigkeit und Manövrierbarkeit einer ganzen Bevölkerungsgruppe erleichterte ihre ideologische Funktionalisierung. Die Geschichte der sogenannten "Umsiedler" als Gegenstand von Politik und Bürokratie wird hier detailliert aufgerollt und sowohl für das gesamte SBZ/DDR-Territorium als auch an regionalen Beispielen nachvollzogen.

Der Band gliedert sich in sechs Abschnitte, denen die Einleitung der Herausgeber und ein Essay über die historischen Zusammenhänge der Vertreibung von Hermann Graml vorangestellt sind. Die ersten beiden Abschnitte behandeln das Spezifikum der Vertriebenenintegration in der SBZ/DDR und stellen dazu den Entwicklungen in Westdeutschland (S. Schraut, M. Krauss, P. Exner) die politischen Hintergründe der Integration in SBZ und DDR gegenüber (M. Wille, M. Schwartz, Ph. Ther, D. van Melis). Zwei weitere Gliederungspunkte fassen Beiträge zu wirtschaftlichen und sozialen Aspekten der Integration zusammen. Mit der beruflichen Eingliederung unter verschiedenen Aspekten befassen sich D. Hoffmann, A. Bauerkämper und M. Jahn; die Probleme der gesellschaftlichen Eingliederung behandeln M. Boldorf, M. Grottendieck und S. Kaltenborn. Im fünften Abschnitt werden von U. Schmidt und D. Semmelmann lebensgeschichtliche Interviews als Quellen herangezogen. Der Band schließt mit einem sechsten Abschnitt über laufende Forschungsprojekte zur Vertriebenenintegration. Vorgestellt werden hier die großangelegten, von Landesministerien geförderten Projekte der Bundesländer Sachsen (Donth/Kurzweg/Schrammek/Schwab) und Bayern (W. Müller).

Bereits aus der Gliederung wird deutlich, daß sich die Erkenntnisse zur Vertriebenenintegration in der SBZ/DDR hier nicht allein von neu gesichteten oder neu zugänglichen Archivalien herleiten. Die Herausgeber rücken die "gesamtdeutsche Perspektive" in den Mittelpunkt, die an die Stelle der bisherigen doppelten, höchstens parallelen Forschung zur deutschen Nachkriegsgeschichte treten soll (S. 10), und wollen auch dem Vergleich neue Ergebnisse abgewinnen. So geeignet die Vertriebenenintegration für das vergleichende Vorgehen ist, weil sie als Aufgabe in allen Besatzungszonen und beiden deutschen Staaten gleichermaßen konfrontiert werden mußte, so schwierig gestaltet sich bei den enormen Diskrepanzen in der Politik die Suche nach dem "Gesamtdeutschen". Die Herausgeber konfrontieren den Fall denn auch mit "pragmatischer Skepsis" (S. 10). Ihre Gliederungsidee ist anspruchsvoll: so soll mit der Behandlung der SBZ/DDR zwar ein Schwerpunkt gesetzt, gleichzeitig aber dem deutsch-deutschen Vergleich mit Beiträgen zu den westlichen Besatzungszonen und der Bundesrepublik Raum gegeben werden. Die Spezifika auf der einen und die Vergleichbarkeiten auf der anderen Seite werden dabei weitgehend arbeitsteilig analysiert, da nicht alle Autoren vergleichend vorgehen.

Unabhängig von der Wahl des Ansatzes sind viele interessante Ergebnisse in diesem Band versammelt, von denen in einer kurzen Rezension natürlich nur einige genannt werden können.
Beiderseits der Zonengrenze und der späteren innerdeutschen Grenze wurden die Vertriebenen und Flüchtlinge zunächst hauptsächlich in ländlichen Gebieten angesiedelt.

Die geschlossenen Gesellschaften der kleinen Landgemeinden ließen die Vertriebenen automatisch zur Unterschicht werden, weil ihnen wichtige statusbildende Merkmale wie Besitz von Land und Vieh oder auch gewachsene Verwandtschaftsbeziehungen fehlten (Exner). Daß diese Probleme in westdeutschen und ostdeutschen Landgemeinden in vergleichbarer Form auftraten, weist Grottendieck nach. Die Verteilungskämpfe in Zeiten äußerster Not prägten das Verhalten von Aufnahmegesellschaft und Aufgenommenen, wie Exner an drei westfälischen Landgemeinden zeigt. Schockiert kommentierte Robertson 1949: "The misery of immigrants brings out all the latent impulses of the German character to persecute the underdog" (zit. bei Schraut, S. 46).
Eingriffe in Besitzstrukturen hatten auf die soziale Degradierung geringe Wirkung, weil bei der Neuverteilung keine Chancengleichheit herrschte: Weder die Bodenreform in der SBZ noch die Kollektivierung der Landwirtschaft konnten die Benachteiligung der Vertriebenen ändern (Bauerkämper). Vielmehr war es das ansteigende Wirtschaftswachstum zu Beginn der fünfziger Jahre, das in den Industrieregionen die Integration besonders förderte, wie Jahn für den Einsatz von Vertriebenen beim Uranbergbau in Sachsen nachweist und Krauss für Bayern beobachtet. Übereinstimmend für mehrere Untersuchungsregionen beiderseits der innerdeutschen Grenze zeigt sich, daß eine erste Ansiedlung der Vertriebenen in ländlichen Gebieten mit den zunehmenden Fortschritten der Industrialisierung zu Beginn der fünfziger Jahre zugunsten der Städte revidiert wurde. Die soziale Integration erfolgte vor allem über den Arbeitsplatz und ging mit der Verbesserung der Wirtschaftslage einher. Immer wieder wird die Integrationstrias Kommerzium, Kommensalität und Konnubium zitiert (bei Exner, S. 77; Hoffmann, S. 173; Bauerkämper, S. 196). Daß von diesen drei Kriterien der Integration nur das erste in diesem Band ausführliche Beachtung findet, ergibt sich aus dem vergleichenden Ansatz: die weitgehenden Ähnlichkeiten von Kommensalität und Konnubium sind bald erkannt, während die Unterschiede der beiden politischen Systeme bis in ihre feinsten Verästelungen reiches Vergleichsmaterial bieten.

Das politische Interesse für die Flüchtlinge und Vertriebenen entwickelte sich in der SBZ schrittweise. Die KPD stellte sich im Sommer 1945 nur "ungern, halbherzig und distanziert" (Wille S. 91) der Flüchtlingsfrage, und auch in den folgenden Jahren erfuhr diese Haltung keine entscheidende Änderung. Vor den Kommunal-, Kreis- und Landtagswahlen 1946 wurde von der SED mit Sonderaktionen für die Vertriebenen um ihre Stimmen geworben, aber erst Mitte 1947 lag ein Parteikonzept für die Lösung der Vertriebenen-Frage vor. Die politische Beeinflussung gehörte neben der Versorgung mit Wohnraum und Arbeit und der inneren Abkoppelung von der alten Heimat zum Programm. Es war auch und zunehmend die Pflege der Beziehungen zu den östlichen Nachbarländern, die den politischen Kurs diktierte. Schwartz sieht in der Vertriebenenpolitik der DDR widersprüchliche Elemente zwischen Repression und Integration; einerseits wird das Bestehen eines "Umsiedler"-Problems geleugnet, andererseits werden Hilfsprogramme aufgestellt. Er zeichnet nach, auf welche Weise einzelne Personen und Persönlichkeiten den Umgang mit den Vertriebenen prägten und ein umsiedlerpolitisches Netzwerk bildeten. Einer der entscheidenden Einschnitte erfolgte bereits im Jahr 1948, als der Abbau der eigenständigen "Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler" (ZVU) eingeleitet und die Zuständigkeiten auf verschiedene Behörden verteilt wurden. Dem Austausch zentraler Führungspersonen, auf Moskauer Order 1950 in allen Ostblockstaaten durchgeführt, fielen die letzten Reste des umsiedlerpolitischen Netzwerks zum Opfer. Wenig später war das Ende der Vertriebenenpolitik in der DDR besiegelt. Die bisher zuständige Abteilung "Bevölkerungspolitik" im DDR-Innenministerium erhielt 1953 den Auftrag, zukünftig die "Republikflucht" zu beobachten (Schwartz S. 134).

Auf die Frage, welche Rolle die Vertriebenen im gesellschaftlichen Umbruchsprozeß zwischen NS-Diktatur und SED-Staat gespielt haben, liefert der Band einige Antworten. So weist van Melis für Mecklenburg-Vorpommern nach, wie Vertriebene häufig solche Positionen einnehmen konnten, die nach Entnazifizierungen frei wurden, und dabei selbst weniger auf ihre eigene Vergangenheit als auf ihre gegenwärtige Parteiloyalität geprüft wurden. Noch gezielter wurden in Ludwigslust 1945 fast 300 sudetendeutsche "Antifaschisten" mit Privilegien ausgestattet, um die Machtstellung der Partei auszubauen - ihre Akzeptanz durch die ansässige Bevölkerung wurde damit nicht gefördert (Grottendieck).

Auch der Vergleich von SBZ/DDR - Vertriebenenpolitik mit den Zwangsumsiedlungen in Polen (Ther) zeigt, wie die Aufgabe der Eingliederung mit den sozialistischen Plänen einer neuen Gesellschaftsordnung abgestimmt wird. Ther ordnet die Vertriebenenpolitik in die "Gründungskrisen" der beiden Staaten ein und beobachtet das Scheitern des Projekts einer gerechten, klassenlosen Gesellschaft am Beispiel dieser Gruppe. Ihre Integration erfolgte erst in den fünfziger Jahren, und zwar "zufällig als Nebeneffekt des weiteren Systemwandels" (Ther S. 158).

Die erhöhte deutsche Bevölkerungsdichte hat Europa schließlich doch nicht aus der Ruhe bringen können. Allerdings ist dieser Befund wohl nicht unterschiedslos auf die Ergebnisse der Eingliederungspolitik beiderseits des eisernen Vorhangs zurückzuführen. Das Fragezeichen wie auch die Wahl des Prädikats "geglückt" im Titel des Sammelbandes deuten auf die Brisanz des historischen Urteils zu diesem Thema. Das Wort suggeriert den hohen Anspruch, der hinter der Arbeit von alliierten und deutschen Behörden stand. Es verweist aber auch auf die Grenzen ihrer Wirksamkeit, die durch kaum beeinflußbare psychologische und ökonomische Faktoren gesetzt waren. Die Titelfrage bleibt von den Herausgebern unbeantwortet; der Zeitraum von knapp einem Jahrzehnt, auf den sich die meisten Beiträge beschränken, erscheint auch sehr kurz, um den Erfolg einer Integration abzuschätzen. Für die DDR-Regierung existierten die Vertriebenen seit den frühen fünfziger Jahren nicht mehr als gesondert zu behandelnde Gruppe. Und doch konnte sich ausgerechnet in Mecklenburg eine kleine Gemeinschaft dem Assimilationsdruck weitgehend entziehen: Noch heute wird dort in einigen Dörfern das Schwäbisch der bessarabischen Vertriebenen gesprochen (U. Schmidt).

Die "Verknüpfung der Zeitgeschichten der DDR und der Bundesrepublik" ist das Hauptanliegen von Hoffmann und Schwartz. Mit ihrem Sammelband zur Vertriebenen-Eingliederung, der als Panorama der gegenwärtigen Forschungsinteressen unentbehrlich sein wird, liegt ein gelungenes Beispiel für diese Verknüpfung vor. Der "gesamtdeutsche" Zugriff ermöglicht neue Fragestellungen in einem viel bearbeiteten Feld, und so hat die Geschichtsschreibung der Vertriebenenintegration eine weitere Wegmarke passiert.

Anmerkungen:
[1] Paul Lüttinger: Der Mythos der schnellen Integration. Eine empirische Untersuchung zur Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland bis 1971, in: Zeitschrift für Soziologie 15 (1986), S. 20-36; Alfred Theisen: Die Vertreibung der Deutschen - ein unbewältigtes Kapitel europäischer Zeitgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 7-8 (1995), S. 20-33; Edgar Wolfrum: Zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtspolitik: Forschungen zu Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 36 (1996), S. 500-522; Michael Schwartz: Vertreibung und Vergangenheitspolitik: Ein Versuch über geteilte deutsche Nachkriegsidentitäten, in: Deutschland Archiv 30 (1997), S. 177-195.

Zitation
Imke Sturm-Martin: Rezension zu: Hoffmann, Dierk; Schwartz, Michael (Hrsg.): Geglückte Integration?. Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR. München  1999 , in: H-Soz-Kult, 22.08.1999, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-138>.
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22.08.1999
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