W. Schulte (Hrsg.): Die Polizei im NS-Staat

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Titel
Die Polizei im NS-Staat. Beiträge eines internationalen Symposiums an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster


Hrsg. v.
Schulte, Wolfgang
Erschienen
Frankfurt am Main 2009: Verlag für Polizeiwissenschaft
Umfang
707 S.
Preis
€ 28,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kurt Schilde, Universität Siegen

Die Geschichte der Polizei im "Dritten Reich" ist seit einigen Jahren im Fokus sowohl zeit- als auch polizeihistorischer Forschungen. Neben Standardwerken zur Geheimen Staatspolizei [1] sind Veröffentlichungen zum Reichssicherheitshauptamt [2] und der Kriminalpolizei [3] aus dem akademischen Bereich zu nennen. Zunehmend wird die Geschichte von der Polizei selbst aufgearbeitet, wobei sich wichtige Schrittmacher in Nordrhein-Westfalen befinden.[4] Nicht von ungefähr fand daher im Mai 2009 eine Tagung in der Deutschen Hochschule für Polizei in Münster statt.[5] Diese in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum – wo 2011 eine Ausstellung zur Polizei im Nationalsozialismus gezeigt werden soll – und der für Polizeigeschichte einschlägigen Villa ten Hompel [6] in Münster durchgeführte Veranstaltung bildet die Grundlage des von Wolfgang Schulte, einem Dozenten an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, herausgegebenen Buches "Die Polizei im NS-Staat".

Im Einführungstext zu Rolle, Macht und Selbstverständnis der Polizei im Nationalsozialismus unterscheidet Patrick Wagner fünf Entwicklungsphasen: Die erste beginnt 1933, in der sich die Nationalsozialisten der Polizei bemächtigten. Ihr folgte 1934-36 die Übernahme in die SS. "Die dritte Phase von 1937 bis zum Kriegsbeginn stand unter dem Primat der praktischen Umsetzung des Konzeptes gesellschaftsbiologischer Generalprävention nach innen" (S. 29). Der mit Kriegsbeginn einsetzende vierte Schritt, in dem die Polizei im besetzten Europa zur "Vollstreckerin" der "völkischen Flurbereinigung" wurde, mündete 1944 in die letzte Phase: Die sich selbst als "völkische Weltanschauungselite" (S. 48) stilisierende Polizei versuchte mit terroristischen Mitteln, die zerfallende "Volksgemeinschaft" aufrecht zu erhalten. Die Polizei wird von Wagner in Anlehnung an Ernst Fraenkels "Doppelstaat" als "Kern des völkischen Maßnahmenstaates" bezeichnet, die über ein "einzigartiges Spektrum von Gewaltressourcen" (S. 47) verfügen konnte. Die folgenden Beiträge – die Panel für Panel dokumentiert werden – fächern die von Wagner angesprochenen Aspekte weiter aus, differenzieren und dokumentieren sie.

Es beginnt mit "Die Polizei im Reich und danach" und einer gruppenhistorischen Annäherung von Thomas Köhler an die "höheren SS- und Polizeiführer West" in Düsseldorf. Für dieses Amt, welches eine enge dienstliche und weltanschauliche Verbindung zwischen Polizei und SS darstellte, werden die vier Amtsinhaber portraitiert: "Der Schlüssel zur Karriere aller vier liegt im frühen Engagement in NSDAP und SS bzw. zuvor SA. […] Ein persönliches Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis zu Heinrich Himmler ist ein weiteres Charakteristikum" (S. 75). Anschließend befasst sich Andreas Schneider mit dem "Fußvolk der Endlösung" (Klaus-Michael Mallmann) am Beispiel der Erfurter Brüder Hans und Rolf Günther. Die informative und interessante Mikrostudie über die Stellvertreter von Adolf Eichmann hat als ein wichtiges Ergebnis: "Ihre kaufmännischen Berufe, ihre politischen Einstellungen und Überzeugungen sowie die politischen und weltanschaulichen Rahmenbedingungen in ihrer Umgebung haben neben der familiären völkisch-nationalen Erziehung Bedingungen geschaffen, die aus den beiden ganz normalen […] Brüdern Massenmörder werden ließ" (S. 102). Mit dem "Fußvolk" beschäftigen sich auch drei weitere Studien zur Staatspolizeistelle Dortmund im Zweiten Weltkrieg (Markus Günneweg), deren Angehörige Aufgaben von Polizei, Richtern und Henkern ausübten. Die Integration von NS-belasteten Schutzpolizisten in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Beispielen aus Hamburg und Nordrhein-Westfalen hat Klaus Weinhauer untersucht. Die Polizei dieser Jahre bestand aus kameradschaftlichen Gemeinschaften, die in aller Regel von patriarchalisch eingestellten Vorgesetzten geführt wurden. Deren Traditionen speisten sich aus zahllosen Mythen und Erzählungen über die Weimarer Polizei, die erst Jahrzehnte später thematisiert werden sollten. Dieses Panel abschließend geht der Schriftsteller Werner Liersch auf die lange verschwiegene Zugehörigkeit des DDR-Schriftstellers Erwin Strittmatter bei der Ordnungspolizei ein.

Im zweiten Panel über "Die Deutsche Polizei im Osten" kommen die Ermittlungen gegen NS-Verbrechen von Polizisten (Stefan Klemp), die Strafverfahren gegen Angehörige eines SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments wegen Verbrechen in Slowenien, Finnland und Griechenland (Ralph Klein) und die von einem Polizeibataillon zurückgelassene "blutige Spur" – die Ermordung weißrussischer Juden – zur Sprache (Leonid Rein). Mit der Polizei im Operationsgebiet der Heeresgruppe Nord befassen sich zwei weitere Studien: Martin Holler hat – insbesondere mit Hilfe umfangreicher Akten der sowjetischen Außerordentlichen Staatskommission (die 1944 NS-Verbrechen untersucht hat) – die Roma-Verfolgung in Russland untersucht: "Roma wurden ermordet, weil sie als Roma geboren worden waren" (S. 242). Jürgen Kilian hat die Einbindung der deutschen Polizei in den Besatzungsapparat dargestellt. Die "Räumung" des Białistoker Ghettos im August 1943 in den Aussagen bei dem Strafprozess vor dem Landgericht Bielefeld 1966/67 ist Gegenstand einer Untersuchung von Katrin Stoll. Diese interessante Studie basiert auf Tonbandmitschnitten der Hauptverhandlung, die in längeren Passagen vorgestellt werden. Sie belegen einerseits die (nicht neue) Erkenntnis, dass die Ermordung der jüdischen Opfer "in seiner Aussage sprachlich verschleiert" (S. 275) wurde und andererseits, dass die Aussagen der "Täter-Zeugen" von "strategischem Kalkül" (S. 277) zeugten.

Das dritte Panel "Kooperation und Kollaboration" beinhaltet Studien zu den Polizei-Attachés des Reichssicherheitshauptamtes von Sebastian Weitkamp und der Polizei und Justiz in den dem Deutschen Reich eingegliederten Ostgebieten (Maximilian Becker). Mit der Frage "Was wissen wir über die Mitwirkung der Polizei am Holocaust?" hat sich Hans-Joachim Heuer auseinandergesetzt. Der polizeilichen Zusammenarbeit zwischen dem faschistischen Italien und dem "Dritten Reich" widmet sich Patrick Bernhard, und Vaios Kalogrias hat mit Stratos N. Dordanas die Geschichte der Polizeibehörden im besetzten Griechenland analysiert. Das Panel wird von einer bemerkenswerten Studie von Stefan Klemp und Andreas Schneider über die Geschichte einer aus Luxemburgern bestehenden Polizeieinheit abgerundet. Deren Angehörige waren ursprünglich keine Polizisten im engeren Sinn, sondern eine Einheit von Freiwilligen der Luxemburgischen Armee, die als Reservoir für die Gendarmerie-, Polizei-, Zoll-, Forst- und Gefängnisverwaltung diente. Diese Freiwilligen wurden zu einem Polizeiausbildungsbataillon geformt. Ihre Angehörigen stehen "zwischen Täterschaft und Teilnahme an Verbrechen, Kollaboration, Desertion und Widerstand" (S. 475). Den beiden Autoren ist es gelungen, dieses bisher weitgehend unerforschte historische Phänomen ans Licht geholt zu haben. Eine kleine Pionierleistung!

Das letzte Panel enthält sechs Studien zu unterschiedlichen Themen, die unter der Sammelrubrik "Mehr als Gestapo und Orpo" zusammengefasst sind. Zunächst geht es zweimal um die weibliche Polizei: Dirk Götting hat die weibliche Kriminalpolizei auf dem Weg vom Reformprojekt der Weimarer Republik zur Neuorientierung im NS-Staat und Bettina Blum die weibliche (Jugend-)Polizei zwischen Demokratie und Diktatur (1927-1952) untersucht. Im Fokus der übrigen Aufsätze stehen die Verfolgung sozialer Randgruppen (Thomas Roth) sowie Luft- und Zivilschutzorganisationen (Clemens Heitmann/Bernd Lemke). Der Theologe Michael Arnemann hat sich mit Kirche und Polizei im NS-Staat auseinandergesetzt. Ein Werkstattbericht von Jens Dobler und Herbert Reinke über die Verbrechensbekämpfung in der Hauptstadt des "Dritten Reiches" schließt das Panel ab.

In den 25 Beiträgen – von denen sehr viele Neuland betreten haben – wird auf der Basis der aktuellen Forschung umfassend über den Kenntnisstand zur Polizei im NS-Staat informiert. Abgesehen von einem katholischen Polizeiseelsorger (Arnemann) und einem Schriftsteller (Liersch) stammen die Aufsätze von Zeithistorikern und Zeithistorikerinnen, darunter vier Beiträge von Angehörigen von Polizeihochschulen. Angesichts der Fülle und Vielfalt fällt es schwer, noch ein nicht behandeltes Thema zu finden: Die Geschichte der Hilfspolizeiverbände etwa, die zu Beginn des "Dritten Reiches" unter anderem aus Angehörigen von SA-Einheiten gebildet worden sind, fehlt noch.[7] Abschließend wird kurz auf die Bildungsarbeit im Geschichtsort Villa ten Hompel eingegangen. Man darf auf die geplante Ausstellung im Deutschen Historischen Museum gespannt sein. Vielleicht liegt der Katalog dazu mit diesem Sammelband schon vor?

Anmerkungen:
[1] Vgl. Gerhard Paul / Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.), Die Gestapo - Mythos und Realität, Darmstadt 1995; dies. (Hrsg.), Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. "Heimatfront" und besetztes Europa, Darmstadt 2000; Carsten Dams / Michael Stolle, Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich, München 2008.
[2] Michael Wildt, Generation des Unbedingten, Hamburg 2002; Stiftung Topographie des Terrors (Hrsg.), Topographie des Terrors, Berlin 2008.
[3] Patrick Wagner, Hitlers Kriminalisten, München 2002.
[4] Harald Buhlan / Werner Jung (Hrsg.), Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus. Köln 2000. Vgl. meine Rezension in: Geschichte in Köln. Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte, 49 (Oktober 2002), S. 295-297. Aktuell ist noch zu verweisen auf Carsten Dams / Klaus Dönecke / Thomas Köhler (Hrsg.), "Dienst am Volk"? Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur. Frankfurt am Main 2007. Vgl. die Rezension von Michael Sturm: Dams, Carsten; Dönecke, Klaus; Köhler, Thomas (Hrsg.): "Dienst am Volk"? Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur. Frankfurt am Main 2007, in: H-Soz-u-Kult, 20.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-048>.
[5] Vgl. den Tagungsbericht: Die Polizei im NS-Staat. 13.05.2009-15.05.2009, Münster, in: H-Soz-u-Kult, 27.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2661>.
[6] Alfons Kenkmann (Hrsg.), Villa ten Hompel: Sitz der Ordnungspolizei im Dritten Reich, Münster 1996.
[7] Vgl. z.B. Kurt Schilde / Rolf Scholz / Sylvia Walleczek, SA-Gefängnis Papestraße, Berlin 1996, S. 21-41; Hans Buchheim, SA-Hilfspolizei, SA-Feldpolizei und Feldjägerkorps und die beamtenrechtliche Stellung ihrer Angehörigen. In: Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte. Band I, München 1958, S. 335-340.

Zitation
Kurt Schilde: Rezension zu: Schulte, Wolfgang (Hrsg.): Die Polizei im NS-Staat. Beiträge eines internationalen Symposiums an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Frankfurt am Main  2009 , in: H-Soz-Kult, 14.01.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13832>.
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14.01.2010
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