U. Kittstein u.a. (Hrsg.): „Friede, Freiheit, Brot!“

Cover
Titel
„Friede, Freiheit, Brot!“. Romane zur deutschen Novemberrevolution


Hrsg. v.
Kittstein, Ulrich; Zeller, Regine
Erschienen
Amsterdam 2009: Rodopi
Umfang
368 S.
Preis
€ 74,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Andrew Donson, University of Massachusetts Amherst

Obwohl die Revolution von 1918/19 früher ein Gegenstand leidenschaftlicher Untersuchungen und Debatten war, wurde sie seit dem Ende des Kalten Krieges selten kreativ erforscht. Abgesehen von den Werken von Hans-Joachim Bieber, Richard Bessel, Sean Dobson, Martin Geyer, und Benjamin Ziemann betonten die Darstellungen in letzter Zeit immer noch die traditionellen Themen, das heißt die Aktionen des Freikorps, des Militärs, der SPD, der KPD, der Gewerkschaften und der Arbeiter- und Soldatenräte. Die Sozial- und Kulturgeschichte der Revolution bleibt eine wissenschaftliche Leerstelle: Wir wissen viel über die Arbeiterräte, aber weniger über die Arbeiter selbst und noch weniger über den Mittelstand, die Familien, die ländliche und kleinstädtische Bevölkerung in Norddeutschland und die Jugend aller Sozialschichten während der Demobilisierung. Ebenso wenig thematisiert in der historischen Literatur ist die Einführung des Frauenstimmrechts, der rasche Aufstieg der sogenannten neuen Frau, die Aufhebung der preußischen Theaterzensur und die Verwandlung der wilhelminischen Kultur in die Weimarer Avantgarde. Also ist dieser Sammelband ein wichtiger Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Schwerpunkt ist die Vergangenheitsbewältigung dieser Zeit in den Romanen zur Novemberrevolution.

Wenngleich Historiker die Novemberrevolution kaum beachten, regte sie Romanautoren der Weimarer Republik auf. Zum größten Teil verfolgten die Autoren explizite politische Ziele und stritten heftig über die Revolution in ihren oft einseitigen Darstellungen. Die rechtsstehenden Schriftsteller dämonisierten die Spartakisten und verklärten die Freikorps. Die Linksstehenden verunglimpften die Militäroffiziere und sprachen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht selig. Alle Autoren waren sich in einem Punkt einig, und zwar dass die Revolution völlig scheiterte. Auch waren Friedrich Ebert und die SPD entweder inkompetente Opportunisten oder selbstsüchtige Schurken. Da demokratische und vernunftrepublikanische Romanautoren sich selten mit der Frage der Sinnstiftung der Revolution beschäftigten, gab es wenige gemäßigte Darstellungen für das deutsche Publikum. Also ist die Hauptthese des vorliegenden Bandes treffend: Diese Romane, die oft kommerziellen Erfolg genossen, brachten die Republik um eine legitimierende Legende, einen Ursprungsmythos. Darüber hinaus spielten Themen der Beiträge wie zum Beispiel die faschistische Symbolik und die femme fatale in den Romanen der rechtsstehenden sowie der linksstehenden Autoren wichtige Rollen, oft innerhalb des Rahmens der problematischen Theorie von Klaus Theweleits „Männerphantasien“.

Die rechtsstehenden Romanautoren wie Max Glass und Hermann Dreyhaus verachteten die Revolution und schilderten das Chaos, die Gier, die Korruption, und den Egoismus, die angeblich in der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschten sollten. Sie waren empört über die Willkür der Massen. Laut Glass („Die entfesselte Menschheit“, 1920) waren die Revolutionäre Psychopathen. Die politische Mobilisierung der Frauen wurde ebenso als inakzeptabel beurteilt, da sie durch ihre angeblich lockere Sexualität die sonst disziplinierten Soldaten korrumpierten und die Sozialordnung entsprechend bedrohten. In „Lava“ (1921) von Dreyhaus wurde eine Protagonistin vergewaltigt. Dreyhaus deutete an, dass diese Frau aus dem westfälischen Land sich selbst eine Schmach antat, indem sie ihrer „natürlichen“ Weiblichkeit widersprach und sich „unnatürlich“ am männlichen Aufruhr der Großstadt beteiligte.

Mehrere Romane stellten die Revolution aus der Perspektive der politischen Linken dar. Nach 1928 wurden Bücher wie Karl Grünbergs „Brennende Ruhr“ (1928), Ludwig Renns „Nachkrieg“ (1930) und Theodore Plieviers „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ (1932) von der stalinistischen Parteilinie der KPD beeinflusst, die diese Autoren durch den Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller förderten. Laut diesen Autoren verpassten die Revolutionäre die Gelegenheit, die Proletarier vorbildlich anzuführen. Dadurch fehlte ein Klassenbewusstsein der Massen, welches für eine erfolgreiche Revolution nötig gewesen wäre. Die sittenlose Sexualität von Sirenen ähnlichen Frauen entmannte die sonst unschuldigen anständigen Arbeiter und schwächte ihre militärische Disziplin ab. Vor allem aber waren die Sozialdemokraten Verräter. Sie wiesen die Freikorps an, auf revolutionäre Arbeiter zu schießen. Darüber hinaus interessierten sie sich nur für ihre eigenen Karrieren. Sowohl in diesen stalinistischen Romanen als auch in anderen Erzählungen wie zum Beispiel Albert Daudistels „Opfer“ (1925) und Bernhard Kellermanns „Der 9. November“ (1921) waren die Freikorpsoffiziere autoritäre Militaristen, die glaubten, Arbeiter seien nicht mehr als Untertanen.

Auch wenn alle Romanautoren die Revolution als Misserfolg betrachteten, nahmen einige keine harte und extreme Stellung ein. Während 1919 Marie Amelie von Godin in „Unser Bruder Kain“ die Revolutionäre in der bayerischen Räterepublik als gehässige Fanatiker schilderte, hatte sie Mitleid mit den arbeitenden Armen und hoffte darauf, dass die verschiedenen Sozialschichten sich versöhnen würden. In „Frieden“ – die 1930 erschienene Fortsetzung von seinem beliebten, 1928 erschienenen Roman „Jahrgang 1902“ – machte Ernst Glaeser die Spartakisten zum Gespött, im Gegensatz zu den anderen Revolutionären und zu den Militäroffizieren, die er positiv darstellte. Der Protagonist in Erich Maria Remarques „Der Weg zurück“ (erschienen in der Vossischen Zeitung 1930-1931 und 1930 als Buch) war unpolitisch. Der Roman beschrieb die Schwierigkeiten, die ehemalige Frontkameraden dabei hatten, sich in die Friedensgesellschaft zu integrieren.

Fünf der achtzehn Beiträge in „Friede, Freiheit, Brot!“ befassen sich mit Romanen, die nach 1933 veröffentlicht wurden. Diese Romane spielten deshalb offensichtlich keine Rolle in der Auseinandersetzung über die Bedeutung der Novemberrevolution während der Weimarer Republik. Außer Alfred Döblins Meisterwerk „November 1918“ (1938) waren diese späteren Romane von schlechter Qualität. Es ist merkwürdig, dass ein Beitrag sich mit Hermynia zur Mühlens „Fahrt ins Licht“ (1938) und ihrem 1922 erschienen Buch „Der Tempel“ beschäftigt: Die Novemberrevolution spielte in diesen beiden Romanen keine zentrale Rolle. Sehr spannend ist das Argument von Uwe-K. Ketelsen, dass Ernst von Salomon die Folge des Mordes von Walther Rathenau in „Den Geächteten“ (1929) allegorisch und transpolitisch darstellen musste, um “den zwischen 1919 und 1923 politisch gescheiterten Wehrverbänden ein national-revolutionäres Vermächtnis von aktueller Potenz zuzuschreiben“ (S. 249). Solche nuancierten Analysen scheinen Ausnahmen in diesem Band zu sein. Die überwiegende Zahl der Beiträge besteht im wesentlichen aus Kurzfassungen der Romanhandlungen. Wem die Zeit fehlt, diese eher dicken Romane zu lesen, der wird diese Kurzfassungen und die entsprechenden biografischen Informationen zu den Romanautoren hilfreich finden. Leser, die diese Romane schon gut kennen, werden nicht viel Neues lernen.

Zitation
Andrew Donson: Rezension zu: Kittstein, Ulrich; Zeller, Regine (Hrsg.): „Friede, Freiheit, Brot!“. Romane zur deutschen Novemberrevolution. Amsterdam  2009 , in: H-Soz-Kult, 19.07.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13903>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.07.2010
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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