Titel
Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945 - 2000


Autor(en)
Mittenzwei, Werner
Erschienen
Leipzig 2001: Faber und Faber
Umfang
590 S.
Preis
€ 29,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
PD Dr. Gerd Dietrich, Humboldt-Universität zu Berlin

Am Rande des Düsseldorfer Soziologentages, berichtete Wolfgang Engler, "gab es eine deutsch-deutsche Diskussion über die Lage und Funktion von Intellektuellen in Gesellschaften wie der vormaligen DDR. Sie plätscherte unter allerlei Freundlichkeiten und interessierten Nachfragen dahin, bis ein westdeutscher Gesprächsteilnehmer das Wort ergriff. Schon das Thema, hob er an , sei eine einzige Beschönigung der Tatsachen. Es unterstelle, was erst zu beweisen sei. Überhaupt müsse man sich hüten, den Begriff des Intellektuellen derart zu ermäßigen, daß sich jeder dazu zählen könnte, der einige Erfahrungen mit dem Lesen und Schreiben von Texten habe. Was schließlich die DDR im besonderen anginge - hier wandte er sich an die von dort stammenden Kollegen -, so sei man besser beraten, vom Fehlen als vom Vorhandensein des Gesprächsgegenstands auszugehen. Und um den letzten Zweifel an seiner Meinung auszuräumen, schloß er mit den Worten: 'Intellektuelle - die gab es bei Ihnen doch gar nicht!' Es folgte, was folgen mußte: betretenes Schweigen ringsum". [1]

Tritt Werner Mittenzwei den Gegenbeweis an ? Lassen wir die Antwort zunächst offen. Das "Standardwerk von ungewöhnlicher Ausstrahlungskraft", so der Klappentext, hat begeisterte wie ablehnende Reaktionen hervorgerufen. Doch dies ist keine Soziologie des/der Intellektuellen in der DDR, sondern eine eher traditionelle Geschichte des Verhältnisses von Politik und Literatur. Der Titel irritiert zwar, aber der Untertitel benennt, daß es sich hier um eine gut geschriebene, spannend und aufregend zu lesende Geschichte der Haßliebe zwischen den literarischen Intellektuellen und dem diktatorischen Staat handelt. Sicher hat Hans Ulrich Gumbrecht recht, wenn er schreibt, daß Mittenzwei (Jg.1927) "gewiß ohne es zu wollen und vielleicht sogar ohne es zu wissen - ein Epos geschrieben (hat) über die notwendige und unmögliche, über die tragische und nicht selten auch tragikomische Liebe zwischen den totalitären Staaten und den Intellektuellen... Intuitiv und vorprogrammatisch zumindest hat Mittenzwei die Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschlands als eine Geschichte dieser wechselseitigen Faszination gestaltet - und das heißt auch: als eine Geschichte der Enttäuschungen auf beiden Seiten, als eine Geschichte der absichtlich wie unabsichtlich zugefügten Verletzungen, die oft verpackt waren in die fast komische Sonntagmorgen - Euphorie allzu guter Absichten." [2] Dies ist nicht nur ein fakten- und kenntnisreiches zeithistorisches, sondern auch das Erinnerungs-Buch eines der renommiertesten und national wie international anerkannten Germanisten seiner Generation. Wer von Mittenzweis "Das Leben des Bertolt Brecht oder der Umgang mit den Welträtseln" (1986) angetan war, der wird mit großem Interesse auch zu diesem Buch greifen und so leicht nicht wieder davon loskommen. Doch bevor sich auch der Rezensent unkritisch fesseln läßt, will er auf die Beschränkungen oder Eingrenzungen verweisen, die sich der Autor teils bewußt teils unbewußt auferlegt hat. Sie lassen sich wohl in fünf Punkten zusammenfassen:

Zum ersten sei vermerkt, daß sich Mittenzwei mehr oder weniger souverän über die Debatte zu Begriff und Funktion des/der Intellektuellen hinwegsetzt. Sozialwissenschaftliche Literatur wird nur willkürlich erwähnt. Zwar fallen in der Einführung klassische Namen zum Thema wie Julien Benda, Theodor Geiger, Antonio Gramsci, Karl Mannheim und Rainer M. Lepsius, aber etwas näher läßt sich Mittenzwei nur auf Pierre Bourdieu und Edward W. Said ein, ohne freilich deren Ansätze nun konkret auf die DDR anzuwenden. Spezifische Überlegungen zur Rolle der Intellektuellen/ Intelligenz im Staatssozialismus, etwa von György Konrád, Iván Szelényi, Rudolf Bahro, Jens Reich oder anderen spielen im Konzeptionellen offensichtlich keine Rolle. Zweitens geht es Mittenzwei zwar explizit um den modernen Typus des Intellektuellen, aber er schränkt ihn sogleich auf den Typus des literarischen Intellektuellen ein. Einen Typus, der sich vor allem rekrutiert aus Dichtern, Publizisten, Philosophen und Literaturwissenschaftlern und für den er sich nicht auf eine bestimmte Definition festlegen will. Zumindest soviel ist sicher: "Man könnte den literarischen Intellektuellen als einen Signalisten der Gefühls- und Gedankenwelt von Menschen, des Mentalitätspotentials einer Nation, Klasse oder sozialen Gruppe bezeichnen. Auf diese Weise nimmt der Intellektuelle eine 'repräsentative Gestalt' an." (S.18/19) Hat man das Buch gelesen und etwas genauer hingeschaut, so wird zum dritten deutlich, daß auch nicht von den repräsentativen literarischen Intellektuellen insgesamt die Rede ist, sondern eher von einer politischen Gruppe der literarischen Intelligenz, der sich Mittenzwei wohl selbst zugehörig fühlt. Es geht ihm vor allem um die linken, sozialistisch-kommunistischen und kritisch-loyalen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler der DDR von Johannes R. Becher, Bertolt Brecht oder Hanns Eisler bis Christa Wolf, Heiner Müller oder Volker Braun. Und viertens steht auch nicht die kritisch-loyale Intelligenz in ihrer Gesamtheit im Mittelpunkt, sondern vor allem eine Generationseinheit: die HJ - Generation oder, ganz nach Betrachtungsweise, die FDJ - Aufbaugeneration, jene Generation, der der Autor selbst angehört. Für sie waren die Becher, Brecht und Eisler die Generation der (Um) Erzieher. Nicht mit politischen Losungen sondern mit der Literatur der Emigranten wurden diese jungen Leute aufnahmebereit für nichtkapitalistische Orientierungen. Unter den Bedingungen des Stalinismus blieb dies zwar eine "religiös gefärbte Aufnahme sozialistischer Ideen".(S.77) Doch diese religiösen Züge beförderten eher das Engagement wie sie ebenso die Gefahr neuer Verführung in sich bargen. "Diese Jugend wollte der andere deutsche Staat gewinnen, und er gewann sie." (S.78) Deshalb ist auch fünftens Ostdeutschland im Untertitel etwas irreführend. Natürlich geht es in erster Linie um Literatur und Politik in der DDR und vor allem in Ostberlin. Daß auch dem Ende der DDR folgende Jahrzehnt in den Blick zu nehmen, ist schon deswegen notwendig, um das Schicksal jener Generationseinheit zu verfolgen, die wie keine andere Zeit ihres Lebens mit der DDR verbunden war.

Mittenzwei geht zwar chronologisch vor, im wesentlichen nach einem Schema der Jahrzehnte, aber er setzt Schwerpunkte in der Darstellung. Zwischen einer kurzen Geschichte vom guten Anfang, Kap.1 " Die Katastrophe und die Hoffnungen 1945-1949", und einem langen Abspann vom schlechten Ende folgen vier Kapitel DDR. Dabei wendet sich Mittenzwei den 50er und 60er Jahren intensiver und detailfreudiger zu als den 70/80ern. Die Kapitel 2 "Die Entscheidungszwänge im Zeitalter des Kalten Krieges 1949-1961" und 3 "Die Haltung der literarischen Intelligenz in der geschlossenen Gesellschaft" sind wohl die Kern- und auch Meisterstücke und machen ein Drittel des Buches aus. Sie schildern den Liebeskampf zwischen dem Staat Walter Ulbrichts und seinen Intellektuellen: die hohe Wertschätzung der Kultur und das Werben um die Intelligenz auf der einen, die Angst vor Unterwanderung durch Kultur und einem Führungsanspruch der Intellektuellen auf der anderen Seite, die hieraus folgenden Eiszeiten und Tauwetter in der Kulturpolitik, die Hofierungen und Verfolgungen von Intellektuellen. Hier gelingen Mittenzwei eindrückliche historische Szenebeschreibungen und tiefe Einblicke in die Intimität intellektuellen Lebens in der frühen DDR. Seine Stärken liegen darüber hinaus in den Porträts zentraler Protagonisten wie Johannes R. Becher, Alfred Kurella, W. S. Semjonow oder Walter Ulbricht und deren Gegenspieler wie Bertolt Brecht oder Wolfgang Harich. Die Kapitel 4 "Die Intelligenz in der Honecker-Ära. Die siebziger Jahre" und 5 "Von der inneren Distanz zur offenen Opposition. Das letzte Jahrzehnt der DDR" umfassen nur ein Fünftel des Bandes. Jetzt spielen weniger Einzelpersonen, sondern ganze Gruppen von Schriftstellern eine Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Polarisierung der Intellektuellen nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und die Veränderungen im literarischen Kräftefeld durch die Prenzlauer-Berg-Szene. Interessante Porträts sind hier nicht zu finden, Biermann schildert Mittenzwei genauso distanziert wie Sascha Anderson, und er endet mit dem Aufruf "Für unser Land". Die beiden folgenden umfangreicheren Kapitel 6 "Die Demütigungen und die neuen Möglichkeiten. Wende und Nachwende. Die neunziger Jahre" und 7 "Einstieg in neue Verhältnisse. Die Schriftsteller suchen die ihnen gemäße Position" behandeln die 90er Jahre, den "Mentalitätssturz" (S.389) und die "radikale Ausgrenzung" (S.458) der literarischen Intelligenz in einer "deformierten Revolution" (S.409) und einem "verfestigten Kapitalismus". (S.501) Selten, so konstatiert Erich Loest sarkastisch, "hat einer aus der abgehalfterten ehemaligen DDR-Elite so unverstellt aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Wie Mittenzwei fühlen sicherlich ein paar zehntausend aufs Abstellgleis geratene Professoren, Funktionäre vom General bis zum Botschafter, Stabü-Lehrer und Kaderleiter, denen die Geschichte, von ihnen als 'gesetzmäßig' begriffen und propagiert, einen häßlichen Streich spielte. Sie feierten sich als Sieger und können sich nicht damit abfinden, im Fundament geirrt zu haben." [3]

Genau diesem Fundament ist Mittenzweis Epilog gewidmet: "Der Umgang mit der Vergangenheit oder das Schicksal des Marxismus am Ende des Jahrhunderts". Er unterscheidet zwar zwischen dem marxistischen Denken der einzelnen Intellektuellen und dem offiziellen Marxismus, stellt dann aber doch recht konventionelle Betrachtungen über einen Marxismus an, dem sich "vor allem die Aufbau-Generation über Irrungen hinweg verbunden gefühlt" hat. (S.536) Den Teufelskreis, der "Sache" zu dienen, ohne in Dienst genommen zu werden, konnte auch die ostdeutsche Intelligenz nicht durchbrechen. Das Problem des "Umgangs mit den Welträtseln" ist eher angesprochen als aufgelöst. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: So en passant liest man bei Werner Mittenzwei heraus, daß es Intellektuelle auch im Osten gegeben haben muß. Und Melancholie durchweht den ganzen Text. Mit Sprach- und Darstellungskraft ist ihm eine durchaus lesenswerte Mentalitätsgeschichte jener dominanten Generation der DDR - Intelligenz gelungen.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Engler: Die ungewollte Moderne, Frankfurt a. M. 1995, S.144.
[2] Hans Ulrich Gumbrecht: Die Tränen auf Löschpapier. Selbstkritisch ist der Mann: Werner Mittenzweis Studie über die Intellektuellen der DDR. In: FAZ vom 6. Nov. 2001.
[3] Erich Loest: Ein roter Don Quixote. In: Deutschland-Archiv, 1/2002, S.152.

Zitation
Gerd Dietrich: Rezension zu: : Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945 - 2000. Leipzig  2001 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1391>.
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17.04.2002
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