Sammelrezension: Intellektuelle im 20. Jahrhundert

: Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen. Hrsg. von Friedrich-Martin Balzer und Georg Fülberth. Köln : PapyRossa Verlag  2009 ISBN 978-3-89438-405-0, 240 S. € 18,00.

: Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. München : Carl Hanser Verlag  2010 ISBN 978-3-446-23509-0, 475 S. € 27,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Gallus, Historisches Institut, Universität Rostock

Es gibt nur wenige Historiker, die so bedeutend sind oder wenigstens als so bedeutend gelten, dass ihre gesammelten Rezensionen zu Sammelbänden zusammengeschnürt und diese wiederum rezensiert werden. Im englischen Sprachraum finden sich solche Kompilationen häufiger als im deutschen, was auf zwei Gründe zurückzuführen sein dürfte: Der erste liegt in der Existenz verschiedener genuiner Literaturzeitungen wie „Times Literary Supplement“ oder „New York Review of Books“, die neben belletristischen Neuerscheinungen auch Sach- und Fachbücher für ein akademisch gebildetes Publikum kritisch würdigen. Damit ist der zweite Grund eng verknüpft, der in einem breit ausstrahlenden, Fachgrenzen überschreitenden intellektuellen Milieu rund um diese Zeitschriften besteht. Zu den für die Schaffung eines solchen Milieus notwendigen Ideenproduzenten und -verbreitern zählen auch Historiker-Intellektuelle wie Tony Judt. Seine Buchbesprechungen in dem Band „Das vergessene 20. Jahrhundert“ reichen weit über bloße Rezensionen hinaus; sie stellen Meisterstücke der kleinen Form dar. Der 1948 geborene britische Geschichtsprofessor, der bis zu seinem frühen Tod am 6. August 2010 an dem von ihm gegründeten New Yorker Remarque-Institut lehrte, leitete aus seinen Rückblicken auf das 20. Jahrhundert regelmäßig politische Implikationen ab und schlüpfte so selbst in die Rolle des öffentlichen Intellektuellen – eine Position, deren verschiedene Vertreter von Arthur Koestler und Hannah Arendt über Louis Althusser und Eric Hobsbawm bis zu Leszek Kołakowski und Edward Said er porträtiert hat.

Einen Schwerpunkt von Judts Geschichtsbetrachtungen zum zurückliegenden Jahrhundert bilden die politischen Ideen und ihre Vordenker, doch das Themenspektrum reicht weit darüber hinaus: Es umfasst etwa auch Fragen der Globalisierung und Staatlichkeit, Probleme der Erinnerungskultur, Tendenzen der amerikanischen Außenpolitik oder die dauerhafte Virulenz des israelisch-palästinensischen Konflikts. Insofern entspricht der allgemeiner gehaltene Titel der amerikanischen Originalausgabe – „Reappraisals. Reflections on the Forgotten Twentieth Century“ – stärker dem doch impressionistischen Charakter des Buches. Mithilfe von Einleitung und Epilog gelingt es Judt indes, einige Leitvorstellungen zu formulieren, die sich in seinen Miniaturen wiederfinden. Da ist zunächst seine Warnung, das 20. Jahrhundert nicht allzu rasch hinter uns zu lassen in dem trügerischen Bewusstsein, „dass wir die Geschichte verstanden haben und nun, unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit, voranschreiten können in eine andere, eine bessere Zeit“ (S. 12). Judt will hinter einzelne Vorgänge schauen, will grundlegende Probleme und Erfahrungen, Vergleichsfälle und Wiederholungsstrukturen offenlegen, statt in den Chor kollektiver Bußrituale einzustimmen.[1]

Für wichtiger als Schuldzuweisungen hält er es, das Bewusstsein dafür wachzuhalten, was beispielsweise Krieg samt Vertreibungen, Zerstörungen und Massenmorden eigentlich bedeutet. Ihn beunruhigt insbesondere die höchst eingeschränkte Sicht der einzig verbliebenen globalen Militärmacht USA, die Krieg nicht zuletzt deshalb weiterhin für ein sinnvolles Mittel der Politik halte, weil sie von den beiden Weltkriegen profitiert und nur wenige zivile Opfer zu beklagen gehabt habe. Auch litten Errungenschaften des modernen Sozial- und Wohlfahrtsstaates, der in vorausschauender Weise Stabilität und Sicherheit gewährleistete, unter der von Judt konstatierten Amnesie. Spätestens seit dem Ende des Kommunismus werde der Staat vor allem unter negativen Vorzeichen interpretiert: zum einen als autoritärer oder totalitärer, jedenfalls repressiver Apparat; zum anderen als ökonomisch inkompetenter Moloch. Große Sorge bereitet Judt der Abschied von einem genuin politischen Denken zugunsten vermeintlicher ökonomischer Gesetzlichkeiten. Am Ende könnte das Horrorszenario eines unpolitischen Zeitalters mit staatsfernen Akteuren und einer Renaissance populistischer Ressentiments stehen. Defekte Demokratien in Osteuropa und Lateinamerika seien gleichsam Vorboten einer solchen Entwicklung. In einer Welt, „die zunehmend auseinanderfällt in isolierte, verunsicherte Individuen und unkontrollierte Kräfte“, bleibt Judt zufolge jedoch „die legitime Autorität des demokratischen Staates vermutlich die bestmögliche Vermittlungsagentur“ (S. 30).

Sein Buch ist im Grunde ein Plädoyer für eine Renovatio des regulierenden demokratischen Verfassungsstaates – auf faktischer wie auf ideeller Ebene. Zur Ausgestaltung letzterer und Kritik an ersterer ist in seinen Augen der schon wiederholt totgesagte Typus des Intellektuellen gefragt. Wenn Judt vehement für die Rückkehr dieser engagierten Beobachter eintritt, die „Kritik als Beruf“ (M. Rainer Lepsius) gewählt haben und sich seit jeher in „eingreifendem Denken“ (Bertolt Brecht) üben[2], so tut er das nicht ohne Vorbehalt und differenzierte Würdigung einzelner Vertreter dieser Spezies. Die Sympathien des ehemaligen Marxisten, der heutzutage wohl einer liberalen, gemäßigten Linken zuzurechnen ist, sind dabei ebenso klar wie unterschiedlich verteilt und erinnern an Ralf Dahrendorfs Trennung zwischen denen, die den „Versuchungen der Unfreiheit“ entweder widerstanden oder erlagen.[3] So lobt Judt etwa Koestler als einen zu Außenseitertum und Nonkonformismus neigenden unbequemen Zeitgenossen, der einst mit „Sonnenfinsternis“ eine scharfsinnige Kommunismuskritik vorlegte. Aus vergleichbaren Gründen schneidet auch Manès Sperber gut ab. Diese „heimatlosen“ Intellektuellen begründeten zusammen die „Gelehrtenrepublik des 20. Jahrhunderts“, deren Fortbestand Judt gern sichern möchte. Als ihren vorerst „letzten berühmten Bewohner“ (S. 136) sieht er den polnischen Emigranten Kołakowski, der bis zu seinem Tod im Jahr 2009 am Oxforder All Souls College Philosophie lehrte. Judt findet sichtlich Gefallen an den Erkenntnissen ehemaliger Kommunisten und ihrer Art, mit der „selbstgerechten Borniertheit westlicher Marxisten“ (S. 143) hart ins Gericht zu gehen. Zu ihnen zählte er einst selbst, und zu ihnen rechnet er neben E.P. Thompson auch Louis Althusser („ein drittklassiger Philosoph“, S. 122) und Eric Hobsbawm.

Judt kann indes gut nachvollziehen, weshalb der Marxismus gerade auf die „besten und klügsten Köpfe“ (S. 144) eine solche Faszination ausübte. Erstens ist der allumfassende Anspruch dieser Lehre zu nennen, die bestimmten Ideen zu institutioneller Herrschaft verhalf oder mindestens verhelfen wollte. Zweitens wirkte das optimistische, fortschrittliche Narrativ dieser Ideologie anziehend. Drittens schließlich war es attraktiv, in Marx’ Namen für die Interessen der Ausgebeuteten und Unterprivilegierten zu kämpfen. Gerade der letztgenannte Aspekt sei wichtig gewesen und habe dazu beigetragen, die größten Fehler des Kapitalismus zu korrigieren. Seit dem Ende des Kalten Krieges betrachtet Judt einigermaßen bange einen neuen Trend hin zu „Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung“ (S. 147), ohne sich deswegen einen erneuerten Marxismus zu wünschen. Schließlich ist er sich der Schattenseiten des Kommunismus bewusst.

Ignoranz gegenüber Diktatur, Repression und Terror im Namen dieser linken Lehre wirft er dagegen Hobsbawm vor, den er für den bekanntesten Historiker der Welt hält. Während Judt antiautoritäre, zur Dissidenz neigende Linke bevorzugt, ist das bei Hobsbawm anders, der sich selbst einmal als „Tory-Kommunist“ bezeichnete. Er liebe die Ordnung – so Judt über Hobsbawm –, romantisiere die Sowjetunion und besitze eine „bemerkenswerte Schwäche für die DDR“ (S. 130), in der freilich keines seiner Werke je erscheinen durfte. Judt zufolge hat Hobsbawm seine seit Jugendzeiten anhaltende Liebe zum Kommunismus blind gemacht. Zumindest aber habe er „Schmerz und Schande des Jahrhunderts […] irgendwie verschlafen“ und erkenne auch nicht die ebenso fatale wie „grundsätzliche Affinität zwischen dem rechten und dem linken Extrem“ (S. 134).

Von dieser selektiven Wahrnehmung legt auch der Band „Zwischenwelten und Übergangszeiten“ Zeugnis ab. Er versammelt verschiedene Essays und Interviews Hobsbawms, der weiterhin an den Sozialismus glaubt. Kritisch äußert er sich gegenüber der gescheiterten Kommandowirtschaft in der Sowjetunion und ihrem Einflussbereich. Auch erkennt er materielle Sicherungsmechanismen in keynesianischen Ökonomien und Systemen der „Sozialen Marktwirtschaft“ an, die manche Forderung der Kommunisten überflüssig gemacht hätten. Hobsbawm widerspricht in dieser Hinsicht „Entweder-Oder-Unterscheidungen zwischen den Systemen“ (S. 42) und plädiert mit John Kenneth Galbraith für ein System, „das marktmotiviertes und sozial motiviertes Handeln aufs Beste in sich vereint“ (S. 43). Hobsbawm hat sich schon lange von einem dogmatischen Marxismus verabschiedet und besitzt als Historiker ein ausgeprägtes Gespür für Realitäten und Relevanzen – zumindest mit Blick auf wirtschaftlich grundierte Gesellschaftssysteme. Diese Klarheit fehlt ihm – so scheint es wenigstens – bei der Analyse politischer Systeme und Staatsformen, die sich gerade im 20. Jahrhundert zunächst grob in Diktaturen und Demokratien scheiden lassen.

Anders als Judt bewertet Hobsbawm „Systeme“ primär mithilfe einer Kommunismus-Kapitalismus- statt mit einer Demokratie-Diktatur-Skala. So kann er auch eine Geschichte des Realsozialismus erzählen, ohne dessen finsteren Ausprägungen allzu großes Gewicht beizumessen. Hierin besteht die wesentliche Differenz zwischen Hobsbawm und Judt. Ihre Beurteilungen des kommunistisch dominierten Projekts der Linken im 20. Jahrhundert unterscheiden sich grundlegend voneinander. Hobsbawm hofft im Innersten auf eine Wiederbelebung des Kommunismus, während Judt dessen Verfehlungen dafür verantwortlich macht, dass es gegenwärtig an dem so nötigen linken Projekt mangele. „Der Kommunismus hat das linke Erbe gründlich entstellt und verunstaltet. Wenn heute nirgendwo eine überzeugende Vision von Fortschritt und Gerechtigkeit entwickelt wird, dann ist das in erster Linie auf Lenin und seine Nachfolger zurückzuführen, die den Brunnen vergiftet haben.“ (S. 133)

Beide Autoren kennzeichnet nach wie vor ein linkes Selbstverständnis. Während der eine indes am marxistischen Lehrgebäude festhält, besitzt der andere einen flexibleren Kompass und rechnet sich mittlerweile einer unideologischen, dezidiert antiextremistischen liberalen Linken zu. Das sind zwei getrennte Welten, und doch besitzen Judt und Hobsbawm manch gemeinsame Grundidee. Beide bekennen sich als Historiker wie politisch aktive Intellektuelle dazu, den Stimmen der Armen, Machtlosen und Ausgeschlossenen besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Beide üben scharfe Kritik an Israels Politik gegenüber den Palästinensern und an einer amerikanischen Außenpolitik mit Weltreichsambitionen. Beide sind sehr skeptisch gegenüber Tony Blair und seiner allenfalls scheinlinken Politik des „dritten Wegs“. Beide warnen vor einer Überschätzung des Terrorismus oder gar eines „Islamofaschismus“. Dagegen sind beide von der Bedeutung dessen überzeugt, was Judt die ungebrochene „Aktualität der sozialen Frage“ nennt (S. 401). Beide glauben fest daran, dass die Lösung oder zumindest Beantwortung der „sozialen Frage“ ungeachtet der Globalisierung und Ökonomisierung nur im Rahmen des (National-)Staates erfolgen könne. Anders als Eric Hobsbawm bekennt sich Tony Judt jedoch ganz schnörkellos zum Anteil der Linken an den Verbrechen und Irrtümern des 20. Jahrhunderts, erschiene ihm jede Neuformulierung eines linken Projekts ansonsten doch wenig glaubwürdig. Gut, dass dieser kluge Historiker und eigenwillige Intellektuelle seine Ideen und Interventionen bis zuletzt öffentlich kundgetan hat. So ist auf einen möglichst langen Nachhall zu hoffen.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu neuerdings: Christian Meier, Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München 2010.
[2] Zum Intellektuellenbegriff weiterführend: Ingrid Gilcher-Holtey, Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen, Weilerswist 2007; Gangolf Hübinger, Gelehrte, Politik und Öffentlichkeit. Eine Intellektuellengeschichte, Göttingen 2006; siehe auch die Forschungsüberblicke: Daniel Morat, Intellektuelle in Deutschland. Neue Literatur zur intellectual history des 20. Jahrhunderts, in: Archiv für Sozialgeschichte 41 (2001), S. 593-607, auch online unter <http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00023134/afs-2001-593.pdf> (11.08.2010); Alexander Gallus, Intellektuelle im Zeitalter der Extreme, in: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 20 (2008), S. 274-287.
[3] Vgl. Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006.

Zitation
Alexander Gallus: Rezension zu: : Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen. Hrsg. von Friedrich-Martin Balzer und Georg Fülberth. Köln  2009 / : Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. München  2010 , in: H-Soz-Kult, 12.08.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13930>.