Cover
Titel
Hitler und England. Ein Essay zur nationalsozialistischen Außenpolitik 1920 bis 1940


Autor(en)
Graml, Hermann
Erschienen
München 2009: Oldenbourg Verlag
Umfang
124 S.
Preis
€ 16,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Michalka, Universität Karlsruhe

Wenn es darum ging, Hitlers Außenpolitik zu analysieren, ihre Elemente, Methoden und Ziele zu bestimmen, deren Vorbilder, Anreger und Kontinuitätslinien herauszuarbeiten, dann stand stets der Faktor England, „Schlüssel im Schloss der deutschen Außenpolitik“ (Klaus Hildebrand), im Mittelpunkt. Vor allem machtpolitische und opportunistische Überlegungen prägten offensichtlich des „Führers“ außenpolitische Vorstellungen. Für die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ waren Bündnispartner notwendig. Da Hitler die vergangene, vor allem wilhelminische Außenpolitik auf den Prüfstand stellte, sie gnadenlos kritisierte und deren vermeintliche Fehler anprangerte, kam er zu dem Ergebnis, dass zwar ohne Krieg keine erfolgreiche expansive Außenpolitik möglich, dass aber ein Zwei- und gar Mehrfrontenkrieg tunlichst zu vermeiden sei. Die Landmacht Deutschland, die ihren „Blick nach dem Land im Osten“ lenken und zur „Bodenpolitik der Zukunft“ (so Hitler in „Mein Kampf“) übergehen müsse, habe zumindest in einer ersten Phase mit der traditionellen Seemacht Großbritannien keinerlei Interessengegensätze, so dass ein deutsch-britisches Zweckbündnis das logische Gebot der Stunde sein würde. In seinen Reden und Artikeln, besonders aber in seiner Propaganda- und Programmschrift „Mein Kampf“ und auch in seinem sogenannten „Zweiten Buch“ aus dem Jahre 1928, das er aus wahlstrategischen und innenpolitischen Gründen nicht veröffentlichte, entwickelte Hitler seine außenpolitischen Zielvorstellungen, begründete diese und warb für sie.

Dieses von der Forschung intensiv bearbeitete Thema wird nun von Hermann Graml erneut aufgegriffen.[1] Der gut vierzig Jahre lang als „Säule“ (Karl Dietrich Bracher) des Instituts für Zeitgeschichte wirkende Autor bedeutender Studien, zugleich langjähriger Chefredakteur der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“[2], orientiert sich in seinem kenntnisreichen Essay besonders an den in München herausgegebenen Aufzeichnungen Hitlers der Jahre 1905-1924[3], dessen Reden, Schriften und Anordnungen[4] sowie an den Goebbels-Tagebüchern.[5] Graml zufolge lassen sie namentlich Hitlers Verhältnis zu England in einem neuen Licht erscheinen. Dieses sei vorrangig von weltanschaulichen Axiomen, das heißt von einem „äußerst primitiv aufgefassten Sozialdarwinismus“ (S. 10) geprägt gewesen, nach dem höherwertige Rassen das Recht, ja die Pflicht hätten, geringerwertige Rassen zu unterwerfen, minderwertige dagegen auszutilgen.

In dieser Werteskala rangierte England als „der klassische Staat einer höchstwertigen Rasse“ (S. 13), die seit je her eine ihr gemäße imperialistische Politik verfolgt habe, an oberster Stelle. Indem er die „brutale“ Außenpolitik Großbritanniens bewunderte, unterschied sich Hitler nicht nur von den meisten seiner Zeitgenossen, die in England das von Gott zu bestrafende „perfide Albion“ sahen, sondern anfangs auch von vielen seiner Parteigenossen, die ein Zusammengehen mit Russland präferiert hatten. Für Graml sind allerdings weder die rassenbiologisch begründete Außenpolitik noch der Antisemitismus ausschlaggebend für die Wahlerfolge der NSDAP gewesen. Die eigentlichen Attraktionen waren deren von vielen Wählern als letzte Hoffnung aufgenommenen Verheißungen, die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu überwinden und stabile politische Verhältnisse in Deutschland zu schaffen.

Auch außenpolitische Erfolge blieben, trotz Dilettantismus und Fehleinschätzungen der neuen Machthaber, nicht aus. Im Windschatten einer internationalen Krisenlage wurden sie begünstigt von einer politischen Grundstimmung, die den Versailler Vertrag als mittlerweile überlebt wertete und dessen Revision im Rahmen kollektiver Vereinbarungen und unter Vermeidung kriegerischer Konflikte allmählich zugestand. Obwohl es 1935 zum zuvor kaum für möglich erachteten deutsch-britischen Flottenabkommen kam, rückte die von Hitler angestrebte Wunschkoalition mit Großbritannien allerdings in weite Ferne. Zu sehr wurden die Entscheidungsträger in London von der Radikalisierung der deutschen Politik, von der brutalen SA-Entmachtung, dem Kirchkampf, der Judenpolitik und der deutschen Aufrüstung irritiert. Goebbels konnte frohlockend seinem Tagebuch mitteilen: „Sie sollen schimpfen, wir rüsten“ (S. 64). Spätestens seit März 1937 ist auch bei Hitler eine „umwälzende Neuorientierung in der Außenpolitik“ (S. 100) und in seinem Verhältnis zu England auszumachen. Er sprach jetzt von einer „Liquidierung“ des Westfälischen Friedens von 1648 als einer historischen Mission. Österreich und die Tschechoslowakei standen nunmehr auf der Eroberungsagenda der NS-Außenpolitik. Mit dem „Anschluss“ Österreichs und der Sudetengebiete im Jahre 1938 konnten zwar viel umjubelte Erfolge eingefahren werden, aber die Zeichen der Zeit standen eindeutig auf Krieg.

England, das sich wie Frankreich offensichtlich damit abgefunden hatte, dass Deutschland im Begriff stand, die Herrschaft über Mitteleuropa an sich zu reißen, galt nunmehr als schwächlich und erfuhr für Hitler einen elementaren Bedeutungswandel. Die britischen Politiker schienen die rassischen Eigenschaften verloren zu haben, die der Begründung ihres Empires zugrunde lagen: Brutalität und Machtwillen. Dieser „Machtverfall“ wurde dann auch gleich ideologisch erklärt, denn nicht nur hinter dem Bolschewismus, sondern auch hinter den liberalen Demokratien stehe ja das „Weltjudentum“. Und Goebbels wollte nun plötzlich die Engländer als die „weißen Juden in der arischen Rasse“ (S. 109) erkennen. Die ursprüngliche Bewunderung schlug daher um in Geringschätzung und Verachtung. Hatte doch Mussolini mit seinem militärischen Ausgreifen nach Abessinien 1935/'36 demonstriert, dass die Westmächte und der Völkerbund dies tatenlos hinnahmen, so dass Hitler annehmen wollte, seine eigene aggressive Expansionspolitik würde ebenfalls keinen nennenswerten Widerstand zu erwarten haben. Damit verkannte Hitler grundsätzlich die britische Appeasement-Politik; denn diese war längst an ihre Grenzen gestoßen. Nach der „Zerschlagung“ der „Resttschechei“ im Frühjahr 1939 wurde postwendend die staatliche Existenz Polens garantiert. Somit konnte sich Warschau den mit Drohungen und Verlockungen garnierten deutschen Begehrlichkeiten widersetzen. Für Hitler kam daher nur eine „gewaltsame Lösung“ der polnischen Frage in Betracht. Dem zu erwartenden britischen, aber auch französischen Widerstand gegen eine weitere Expansion des Deutschen Reiches wollte er mit einem Feldzug von wenigen Wochen zuvorkommen, um auch die Gefahr eines Zweifrontenkriegs von vornherein zu vermeiden. Der kurze Krieg gegen Polen sollte gleichsam als eine Art „Probelauf“ für anstehende militärische Auseinandersetzung im Westen dienen.

Joachim von Ribbentrop, erst als deutscher Botschafter in London und seit Februar 1938 deutscher Außenminister, sprach für die neue Kursbestimmung des „Führers“, wenn er schon im Oktober 1938 dem konsternierten Mussolini und Graf Ciano erklärte: „Jetzt können wir einen großen Krieg mit den Demokraten ins Auge fassen“ (S. 109). Er war es auch, der für neue Partner sorgen sollte. Neben Italien und Japan war es vor allem die bislang stigmatisierte Sowjetunion, die als Alternative zu England mit dem Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 gewonnen wurde.[6] Der Weg nach Moskau führte eindeutig weg vom bislang umworbenen England und endete im Zweiten Weltkrieg.

Vom angestrebten Bündnis mit England bis zum Krieg gegen England war ein langer und nicht unbedingt gerader Weg zurück gelegt worden. Die Vorstellung von einer globalen Herrschaftsteilung zwischen dem Deutschen Reich und dem Empire blieb freilich lebendig.

Gramls überzeugende Analyse von Hitlers Englandbild und Politik tariert das Verhältnis von Ideologie und Machtpolitik präzise aus und setzt für die Deutung nationalsozialistischer Außenpolitik insgesamt neue Akzente.

Anmerkungen:
[1] Vgl. stellvertretend Andreas Hillgruber, Deutsche Großmacht- und Weltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. 2. Aufl. Düsseldorf 1979; Klaus Hildebrand, Deutsche Außenpolitik 1933-1945. Kalkül oder Dogma? 4. Aufl. Stuttgart 1980 und Josef Henke, England in Hitlers politischem Kalkül. Vom Scheitern der Bündniskonzeption bis zum Kriegsbeginn (1935-1938), Boppard 1973.
[2] Vgl. Horst Möller, Hermann Graml, dem langjährigen Chefredakteur der VfZ, zum 80. Geburtstag, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 57 Jg. (2009), S. 151-155.
[3] Adolf Hitler, Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924, hrsg. von Eberhard Jäckel zusammen mit Axel Kuhn, Stuttgart 1980.
[4] Adolf Hitler, Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933, hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte, 6 Bde. in 15 Teilbdn., München 1992-2003.
[5] Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hrsg. von Elke Fröhlich im Auftrage des Instituts für Zeitgeschichte mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands, 9 Bde. in 14 Teilbdn., München 1998-2006.
[6] Dazu Wolfgang Michalka, Ribbentrop und die deutsche Weltpolitik 1933-1940. Außenpolitische Konzeptionen und Entscheidungsprozesse im Dritten Reich, München 1980.

Zitation
Wolfgang Michalka: Rezension zu: : Hitler und England. Ein Essay zur nationalsozialistischen Außenpolitik 1920 bis 1940. München  2009 , in: H-Soz-Kult, 10.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13949>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.02.2010
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation