J. Echternkamp u.a. (Hrsg.): Perspektiven der Militärgeschichte

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Titel
Perspektiven der Militärgeschichte. Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung


Hrsg. v.
Echternkamp, Jörg; Schmidt, Wolfgang; Vogel, Thomas
Erschienen
München 2010: Oldenbourg Verlag
Umfang
XVIII, 404 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Philipp Münch, Forschungsgruppe Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik

Hervorgegangen ist der vorliegende Sammelband aus der 48. Internationalen Tagung für Militärgeschichte (ITMG), die das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) der Bundeswehr 2007 veranstaltete. Die Tagung war gleichzeitig Anlass, den fünfzigsten Geburtstag dieser Institution und damit auch der institutionalisierten Militärgeschichte in der Bundesrepublik zu begehen. Dementsprechend nutzten die Organisatoren der Tagung die Gelegenheit, sowohl die Geschichte der deutschen Militärgeschichtsschreibung nach 1945 als auch den Nutzen der in jüngerer Zeit hervorgebrachten neuen Ansätze zu betrachten. Unter diesen beiden Aspekten sollen ausgewählte Beiträge des Sammelbandes hier betrachtet werden.

Militärgeschichte war in Deutschland wie in den meisten Staaten bis 1945 eine zuvorderst anwendungsbezogene Lehre, die dazu diente, militärische Strategie und Operationsführung zu verbessern. Bruno Thoß verdeutlicht in seinem Beitrag zur Geschichte der institutionalisierten Militärgeschichtsschreibung im geteilten Deutschland, wie mit dem MGFA eine Ressortforschungseinrichtung geschaffen werden konnte, die sich trotz dessen zuvorderst an der Wissenschaft orientierte. Ursächlich war demnach hierfür neben den Schatten alliierter Aufsicht vor allem die Person des ersten Amtschefs, Hans Meier-Welcker. Der Kontrast zur weltweit verbreiteten Militärgeschichtsforschung wird durch den detaillierten Beitrag Donald Abenheims über die USA offensichtlich. Dieser zeigt auf, dass jegliche militärhistorische Tätigkeit in den US-Streitkräften dem unmittelbar anwendbaren Nutzen unterworfen ist. Hier hätte man sich allerdings einige Beispiele gewünscht. Verwiesen sei hier etwa auf die „Counterinsurgency“-Diskussion der vergangenen Jahre, in deren Verlauf historische Studien insbesondere der Kolonialkriegsführung westlicher Staaten und des Vietnamkriegs herangezogen werden, um die Wirksamkeit bestimmter Vorgehensweisen zu belegen. Hiervon ist die Arbeit des MGFA noch meilenweit entfernt, doch zeigen die Beiträge in den letzten beiden Teilen des Sammelbandes, dass es angesichts der Auslandseinsätze der Bundeswehr und stärker werdender Haushaltszwänge immer schwieriger wird, den Primat der Wissenschaft zu erhalten. Einen erhellenden Einblick in diesen Teil der Arbeit des MGFA bietet der Aufsatz Bernhard Chiaris zur Vorbereitung des in den Einsatz gehenden Bundeswehr-Personals. Er schildert hierbei die Herausforderung, wissenschaftliche Standards mit einer anwendungsbezogenen Wissensvermittlung zu verknüpfen.

Neben dem Aufsatz von Thoß widmen sich weitere Beiträge auch in international vergleichender Perspektive der Geschichte der Militärgeschichtsschreibung. Besonders ausführlich tut dies Jörg Echternkamp, der gleichzeitig ein Resümee der deutschen Militärgeschichte nach 1945 liefert. Hier wie auch in den meisten Kommentaren zu den einzelnen Sektionen der Tagung wird positiv auf die jüngste, in der Regel als „kulturgeschichtlich“ bezeichnete Erweiterung der Militärgeschichte verwiesen. Dies geht jedoch einher mit der Warnung, die historische militärische Praxis und somit insbesondere die „Operationsgeschichte“ nicht zu vernachlässigen.

Eben jene Problematik spiegelt sich jedoch auch in dem vorliegenden Band wider. So zeigt sich hier die konzeptionelle „Verwirrung“ der neueren, nicht mehr rein applikatorischen Militärgeschichtsschreibung, die sich jedoch auch in der allgemeinen Geschichtswissenschaft findet. Zum einen ist dies die Vermischung von Themen und Methoden, die in einem zu starken Fokus auf Quellen und zu geringen auf Theorie begründet ist. In dem Sammelband wird diese Problematik an den Bezeichnungen der Sektionen deutlich, die mit den Themen Militärgeschichtsschreibung, Herrschaft und Gewalt sowie historische Bildung thematisch, in den Bereichen Raum und Repräsentation jedoch methodisch angelegt sind. Zum anderen weisen zwar gerade jüngere Arbeiten geradezu überbordende Theorieapparate auf. Jedoch werden hierbei meist nur heuristische Teilaspekte wirklich theoretisch durchdrungen, während der eigentliche Gang der jeweiligen Untersuchung etablierten Mustern folgt.[1] Eine umfassende Theorie sozialer Praxis fehlt somit in der Regel, so dass die meisten Studien nach wie vor auf impliziten alltagstheoretischen Annahmen gründen.

In dem vorliegenden Band wird der fragliche Wert vieler neuer Kategorien und modischer „Turns“, deren Entstehung wohl eher durch Profilierung innerhalb der Wissenschaftsdisziplin zu erklären ist, an der Sektion zu „Krieg, Militär und Raum“ deutlich. So sind die hier zu findenden Beiträge durchaus überzeugend, jedoch wären sie allesamt auch ohne die Kategorie „Raum“ zu diesen Ergebnissen gelangt. So konstatiert Gerhard P. Groß in seinem Aufsatz zu Raum als operationsgeschichtlicher Kategorie zu Recht, dass diese in militärischer Hinsicht ohnehin nie verschwunden war. Ebenso gilt dies für die unter dem in jüngerer Zeit häufig verwendeten Begriff „Repräsentation“ versammelten Beiträge. Unter diesen hervorzuheben ist zunächst der von Sonja Levsen über „Kriegsbilder und Rollenvorstellungen deutscher und britischer Studenten nach dem Ersten Weltkrieg“. Zum einen belegt sie erneut anhand der sehr positiven Sichtweise auf das Militärische in beiden Ländern unmittelbar nach dem Weltkrieg, dass die These vom deutschen „Sonderweg“ einer quellengesättigten, vergleichenden Perspektive nicht stand hält. Zum anderen erklärt sie überzeugend die gegenüber ihren deutschen Kommilitonen negativere Sicht der folgenden britischen Studentengenerationen der Zwischenkriegszeit mit deren höherer sozialer Stellung. Die aufgrund der wirtschaftlichen Situation im Nachkriegsdeutschland zunehmend von Verarmung bedrohten deutschen Studenten verknüpften hingegen ihre soziale Position mit der Niederlage im Weltkrieg und folgten daher eher revisionistischen Vorstellungen. Implizit zeigt Levsen damit, dass eine Analyse von „Diskursen“ ohne Blick auf die soziale Struktur wenig sinnvoll ist. Mit den Theorien von Niklas Luhmann bzw. Pierre Bourdieu unterwerfen jedoch nur Rudolf J. Schlaffer und Christian Kehrt ihre Arbeiten explizit einem umfassenden theoretischen Ansatz. Am Beispiel „deutscher Militärpiloten im Zeitalter der Weltkriege“ demonstriert Kehrt mit Bourdieu überzeugend, dass Diskurs und Praxis nicht entkoppelt werden dürfen. So zeigt er, wie ein auf klassischen Kriegervorstellungen beruhender Habitus auch unter den Bedingungen zunehmender Technisierung in beiden Weltkriegen überraschend lange persistent blieb. Erst am Ende erzwang der technische Pilotenalltag, Kriegertum und Technik vollständiger miteinander zu vereinbaren.

Eines der bereits seit längerem beklagten[2] Defizite der Militärgeschichtsschreibung – das angesichts des Gegenstands verwundert – schlägt sich auch in dem Sammelband nieder: die weitgehende Abwesenheit von Arbeiten, die militärische Gewalt in ihr Zentrum stellen. Hierzu zählt auch das Fehlen operationsgeschichtlicher Arbeiten, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, handelt es sich bei der „Operationsführung“ doch um nichts anderes als die jeweiligen Modi der Organisation von Gewalt. Wie auch von Roger Chickering in seinem Kommentar angemerkt, findet sich in der Sektion zu „Herrschaft und Gewalt“ bloß ein Beitrag, der sich explizit mit Gewaltgeschichte befasst. Alan Kramer referiert hierin allerdings größtenteils den Inhalt seines mittlerweile zehn Jahre alten Buches zu den „deutschen Gräueln“ an der Westfront von 1914, die er allerdings zu einem Vergleich mit der Situation zu Beginn des Russlandfeldzugs von 1941 erweitert. Obwohl die mehrheitlich katholischen süddeutschen Kontingente nicht anders handelten und sich die Praxis auf anderen Kriegsschauplätzen nicht grundsätzlich unterschied, hält er an seiner Interpretation von einer antikatholischen Haltung und einer international herausragenden Missachtung des Völkerrechts im deutschen Heer des Ersten Weltkriegs fest.[3] Ausgeglichener und überzeugender fällt jedoch sein Vergleich zu den deutschen Tötungen von Zivilisten während des Russlandfeldzugs von 1941 aus, denen er einen grundsätzlich anderen Charakter zuspricht.

Leider nur einen kleinen Teil des Bandes machen Beiträge aus, die sich mit der „neuesten Geschichte“ des Militärs befassen. Hierzu zählen die Aufsätze von Godehard Janzing „zur Bildpolitik alliierter Auslandseinsätze“ sowie von Erwin A. Schmidl zu österreichischen Einsätzen. Letzterer verdeutlicht angesichts von Datenflut und Sperrfristen zudem einleuchtend die Quellenproblematik dieses neuen Forschungsfelds.

Der Sammelband ist sehr gut lektoriert, in einem Anhang finden sich zudem zahlreiche, teilweise farbige Bilder. Leider fehlt jedoch ein Autorenverzeichnis. Wer einen Überblick über die Entwicklung der Militärgeschichtsschreibung seit 1945 und die derzeit verwendeten Ansätze und bearbeiteten Themenfelder sucht, dem sei der vorliegende Band auf jeden Fall empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Jörg Baberowski, Über die schöne Schwierigkeit, Geschichte zu schreiben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2009, S. N3.
[2] Michael Geyer, Eine Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht, in: Thomas Lindenberger / Alf Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt am Main 1995, S. 136-162.
[3] Vgl. als Beispiel einer jüngeren Arbeit, die durch eine vergleichende Perspektive Mythen über die Einzigartigkeit des deutschen Vorgehens im Ersten Weltkrieg widerlegt Dirk Bönker, Ein German Way of War? Deutscher Militarismus und maritime Kriegführung im Ersten Weltkrieg, in: Sven Oliver Müller / Cornelius Torp (Hrsg.), Das deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009, S. 308-322.

Zitation
Philipp Münch: Rezension zu: Echternkamp, Jörg; Schmidt, Wolfgang; Vogel, Thomas (Hrsg.): Perspektiven der Militärgeschichte. Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung. München  2010 , in: H-Soz-Kult, 31.08.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13973>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.08.2011
Beiträger
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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