T. Hölscher: Klassische Archäologie

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Titel
Klassische Archäologie. Grundwissen.


Autor(en)
Hölscher, Tonio
Erschienen
Stuttgart 2002: Theiss Verlag
Umfang
360 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Baumeister, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Diese Publikation Tonio Hölschers, eines der bedeutendsten Archäologen Deutschlands, reiht sich in eine Folge verschiedener Einführungswerke und Handbücher ein, die in den letzten Jahren zur Klassischen Archäologie erschienen sind.[1] Gegenüber einem in einzelne Essays zu den Spezialgebieten aufgeteilten Handbuch (so vor allem die von Borbein herausgegebene Einführung) bietet das in 25 Kapitel unterteilte Werk den Vorteil, daß der Leser schnelle Antworten auf konkrete Fragen bekommen kann. Die Einführung richtet sich vor allem an Studenten der Klassischen Archäologie und orientiert sich an den an deutschen Universitäten üblichen Lehrinhalten. Die Kapitel führen von der Einordnung der Klassischen Archäologie in das wissenschaftliche Umfeld und der Methodologie des Faches über kurze Exkursionen in die Nachbardisziplinen bis hin zu den einzelnen Quellengattungen (Architektur, Skulptur, Keramik usw.).

Eine solche Einführung kann sich natürlich nicht mit den neuesten Forschungsergebnissen, die zum Teil noch kontrovers diskutiert werden, umfassend auseinandersetzen, sondern sollte in erster Linie die Methodologie und den allgemein anerkannten Wissensschatz einer Disziplin darlegen und beleuchten: Daraus folgt die Einteilung des Buches in einen methodischen Teil und einen weiteren, der sich mit den bekannten Zeugnissen aus der Antike befaßt.

Im ersten Teil der Einführung zur Methodologie setzt Hölscher folgende Schwerpunkte: a) die Klassische Archäologie im Rahmen der Kulturwissenschaften sowie die Geschichte des Faches in Deutschland, b) die Chronologie sowie die dadurch ermöglichte Einteilung der griechischen und römischen Kultur in einzelne Epochen und c) die Grundbegriffe der kunstgeschichtlichen Klassifizierung und Analyse.

(a) In einer für sein Fach nicht unbedingt typischen Art und Weise setzt sich Hölscher kritisch mit der Klassischen Archäologie an deutschen Universitäten auseinander. Zwar kann er aufgrund des durch die Zielsetzung des Buches als Einführung begrenzten Umfangs hier nicht alle Alternativen zum deutschen Modell im Detail erläutern, versucht aber dessen Schwachstellen aufzudecken: so etwa die rein kunsthistorische Ausrichtung des Lehrbetriebes oder das mangelnde Lehrangebot zur Grabungspraxis. Diese Probleme resultieren für Hölscher aus der speziellen Tradition der deutschen universitären Archäologie. Er mahnt daher an, nicht den Gesamtzusammenhang zwischen den verschiedenen Disziplinen aus den Augen zu verlieren. (S. 19ff.)

Allerdings wäre hier ein klares Plädoyer zur Interdisziplinarität unter Rückgriff auf das Beispiel der "Klassischen Altertumswissenschaft" des 18. und 19. Jahrhunderts wünschenswert, da dies nicht nur die archäologische Forschung bereichern, sondern auch in den Nachbardisziplinen neue Wege aufzeigen würde. Zwar negiert Hölscher das Problem nicht völlig: "... Archäologie [umfaßt] nur einen Teil der griechischen und römischen Kultur, und es ist eine sinnvolle Frage, ob die Isolierung nicht eine ... historische Einheit künstlich zertrümmert." (S. 11) Aber Ansätze zur Behebung dieser Schwäche fehlen, trotz der Mahnung, die Entwicklung der letzten 100 Jahre, die zu einer starken Abgrenzung der Disziplinen führte, nicht weiterzuverfolgen. Die Spezialisierung, die in neuerer Zeit auch innerhalb der Klassischen Archäologie zu beobachten ist, sieht Hölscher folglich mit gemischten Gefühlen: Einerseits ist es bei der Fülle von Informationen heutzutage kaum noch möglich, ein detailliertes Fachwissen über Skulptur, Malerei, Keramik und Architektur der Antike zu besitzen. Andererseits darf diese Spezialisierung nicht so weit gehen, daß komparatistisches Arbeiten über die Grenzen der Spezialgebiete hinweg völlig unmöglich wird. (S. 11-18)

Die verschiedenen Forschungsrichtungen kann Hölscher aufgrund des limitierten Platzes, der ihm ein selektives Konzept vorschreibt, nicht alle erläutern, so daß Spezialgebiete wie die Etruskologie zwar erwähnt, aber nicht näher vorgestellt werden. Hilfreich ist schließlich die kurze und prägnante Darstellung der Entwicklung der Klassischen Archäologie vom Mittelalter und der Renaissance über Barock und Romantik bis in unsere Zeit. (S. 20-23)

(b) Im Gegensatz zu manchen Einführungen, in denen die Chronologie und damit die epochale Unterscheidung nur anhand der stilistischen Merkmale dargelegt wird und die Fixpunkte lediglich referiert werden, beschreibt Hölscher in verständlicher Weise die verschiedenen Datierungsmethoden. So unterscheidet er zwischen absoluter und relativer Chronologie und webt aus diesen beiden Methoden ein "chronologisches Netz": "Eine dichte Zeitbestimmung entsteht aus einer Verbindung von absoluter und relativer Chronologie, d.h. einzelner fest datierter Denkmäler (Fixpunkte) und relativer Stilreihen." (S. 51) Er legt jedoch nicht nur diese Verbindung dar - wobei absolute Fixpunkte durch relative Reihen miteinander verknüpft oder relative Reihen an einzelnen Daten festgemacht werden können -, sondern erläutert auch den Weg, der zu diesem Netz führt. Als Beispiele für Fixpunkte nennt er u.a. die Tyrannenmördergruppe auf der Athener Agora (477/76 v.Chr.), den Parthenon (447-432) und die Panathenäischen Preisamphoren, die ab dem frühen 4. Jahrhundert v.Chr. mit dem Namen des eponymen Archonten versehen wurden und daher auf das Jahr genau datierbar sind.

Die so datierten Stilreihen werden in die verschiedenen Epochen eingeordnet, die jedoch meist an politischen Daten festgemacht werden: Die griechische Klassik wird zum Beispiel im allgemeinen vom Persersturm 480 bis zum Tod Alexanders des Großen 323 v.Chr. gefaßt. Allerdings sind die stilistischen Wendepunkte naturgemäß nicht exakt auf diese Daten festzulegen: Der Kritiosknabe, der den Übergang vom starren Kuros zur kontrapostischen Skulptur widerspiegelt, ist etwa einige Jahre vor dem Persersturm anzusetzen, da er im Perserschutt der Athener Akropolis gefunden wurde. Aus diesen Abweichungen entsteht die Frage über den Sinn und die Kriterien der epochalen Einteilung insgesamt.

(c) Für die Methodik eines jeden Faches ist besonders die Kenntnis der Grundbegriffe der kunstgeschichtlichen Klassifizierung und Analyse unverzichtbar. Hölscher beschränkt sich hier auf die zentralen Termini der Klassischen Archäologie, um so den Studenten einen schnellen Überblick zu ermöglichen, geht es ihm doch darum, die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln. Zunächst unterscheidet er zwei Ziele der Klassifizierung und Analyse: erstens die historische Interpretation, d.h. das Erkennen der Verwendung, Bedeutung eines Gegenstandes ("Dabei gewinnt die Kategorie des spezifischen Kontextes Bedeutung: Siedlung, Heiligtum, Grab etc.", S. 85); zweitens die historische Synthese, d.h. Klassifizierung, Formanalyse und Interpretation von übergreifenden Kontexten mit dem Ziel, den Zusammenhang der einzelnen Quellengattungen zu ergründen.

Als zentrale Begriffe werden dabei erstens die Funktion der Gegenstände "im konkreten Gebrauch beim Vollzug des Lebens" (S. 86) und zweitens die Ikonographie herausgehoben: Darstellungen sollen gedeutet und in den historischen Kontext eingeordnet werden. Wichtig sind in diesem Zusammenhang Bildthema und Bildmotiv, wobei das Thema die spezifische Darstellung eines Handlungsaktes und das Motiv allgemeine Handlungen umschreiben. Über die "sachliche Bilderklärung" (S. 87) der Ikonographie hinaus geht die Einordnung in einen bestimmten kulturellen Kontext, wodurch erst in diesem Schritt bestimmte Eigenschaften von Handelnden (pietas, clementia usw.) oder ähnliches offensichtlich werden. Diese "höhere Ebene" (S. 87) der Ikonographie hat Erwin Panofsky für die Renaissance-Malerei entwickelt und mit dem Begriff der Ikonologie belegt.[2] Als dritten wichtigen Begriff nennt Hölscher die Formanalyse, die meist unabhängig von der Funktion eines Gegenstandes ist. Dabei unterscheidet man zwischen dem Aufbau eines einzelnen Werkes und der Komposition komplexer Szenen. Neben dem Typus, der eine Reihe ähnlicher Werke beschreibt, erläutert er die Struktur, gleichsam als ein Grundtenor von Epochen, sowie die Gattung, welche als Begriff der Archäologie aber noch nicht die gleiche Bedeutung wie in der Literaturwissenschaft genießt, sondern nur zur groben Klassifizierung nach den Merkmalen Form, Material und Funktion dient. Es läßt sich einwenden, daß dies nicht das komplette Vokabular des Archäologen darstellt, da aber die wichtigsten Oberbegriffe für Klassifizierung und Analyse erläutert werden, ist für den Einsteiger eine solide Grundlage gegeben, mit der sich die weitere Terminologie im vertiefenden Studium erschließen läßt.

Neben diesen Schwerpunkten setzt sich Hölscher im ersten Teil seiner Einführung aber auch mit anderen wichtigen methodischen Problemen auseinander: Archäologische Feldforschung und Ausgrabung, Geographie der griechischen und römischen Welt und Schriftzeugnisse für die Archäologie. Ein eigenes Kapitel erhalten die Institutionen der archäologischen Forschung, welches als Anhaltspunkt für eine spätere Berufswahl dienlich sein könnte.

Im zweiten Teil seiner Einführung widmet sich Hölscher den einzelnen Quellengattungen und Grabungskontexten: Städte, Heiligtümer, Gräber, die Architektur, die historische Topographie, Skulpturen, Porträts, Reliefs, Sarkophage, die Malerei, Mosaiken und Keramik, die jeweils getrennt nach Rom und Griechenland und im Hinblick auf die einzelnen Epochen in den Blick genommen werden. Weitere Kapitel widmen sich der ägäischen Bronzezeit, den Mythen sowie der Kleidung der Griechen und Römer.

Für seine Einführung beschränkt sich Hölscher größtenteils auf diejenigen Zeugnisse, die im allgemeinen als unverzichtbarer Standard gelten: So werden Doryphoros, Diadoumenos und Diskobol als Beispiele für die klassische griechische Skulptur des 5. Jahrhunderts (S. 194-195) oder das Porträt des Themistokles als frühestes Exempel (ca. 470-460 v.Chr.) griechischer Porträtstatuen herausgehoben (S. 270). Auch das Kapitel über die historische Topographie beschränkt sich auf Athen und Rom, obwohl andere Beispiele wie Troja und Priene in dieser Hinsicht ebenso interessant wären. Da diese Eingrenzung des Stoffes auf den Kanon aber der Struktur des Studienfaches Archäologie an deutschen Universitäten weitgehend entspricht, bildet sie für Studienanfänger eher einen Vorteil, sind doch die hier besprochenen Beispiele während des gesamten Studiums relevant.

Der Stil des Textes wirkt durch die vielen Aufzählungen teilweise ein wenig trocken, was wohl der Entstehungsgeschichte des Buches als Vorlesungsskript geschuldet ist. Dies läßt sich aber vernachlässigen, weil hier nicht nur ein profunder Überblick über die Sachgebiete und Fragestellungen der Klassischen Archäologie vermittelt, sondern auch breites Detailwissen in überschaubarer Form dargebracht wird. Die wichtigsten Begriffe und Arbeitsweisen der Klassischen Archäologie werden verständlich und einprägsam erläutert. Der Leser erhält zudem einen griffigen Überblick über die griechische und römische Geschichte. Das vermittelte Basiswissen dient dem interessierten Laien als Information und dem Studenten der Archäologie als Grundlage für weiteres Arbeiten. Als Handbuch zur Archäologie kann es auch dem Althistoriker und Philologen als Hilfe dienen. Selbst Themen, für die keine Einführungen vorliegen und die oft ausgespart werden - hier sei nur das Kapitel über die Kleidung genannt -, werden berücksichtigt. Hervorzuheben sind zudem die übersichtliche Gliederung des Buches, die guten Abbildungen der Fundstücke, wobei die Skulptur in archäologischer Tradition in Frontalansicht dargestellt wird, die verschiedenen Übersichts- und Detailkarten, die thematisch gegliederte Bibliographie als Anleitung für ein weiteres Studium der einzelnen Spezialgebiete und das Register, das sämtliche relevante Begriffe enthält.

Anmerkungen

[1] Vgl. u.a. Sinn, U.: Einführung in die klassische Archäologie, München 2000; Borbein, A. u.a. (Hrsg.): Klassische Archäologie. Eine Einführung, Berlin 2000; Lang, F.: Klassische Archäologie. Eine Einführung, Stuttgart 2002.
[2] Panofsky, E.: Studies in Iconology, New York 1939.

Zitation
Frank Baumeister: Rezension zu: : Klassische Archäologie. Grundwissen. Stuttgart  2002 , in: H-Soz-Kult, 17.07.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1400>.
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17.07.2002
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