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Titel
Geschichte Südasiens. 1500 bis heute


Autor(en)
Mann, Michael
Erschienen
Umfang
138 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Corinna R. Unger, School of Humanities and Social Sciences, Jacobs University Bremen

In der deutschsprachigen Historiographie ist die Geschichte Südasiens, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vergleichsweise sporadisch behandelt worden.[1] Viele der vorhandenen Arbeiten befassen sich mit der Kolonialgeschichte einzelner südasiatischer Nationen, speziell Indiens, oder betrachten die südasiatischen Gesellschaften in erster Linie in ihrem Verhältnis zu Europa und dem Westen. Eine Überblicksdarstellung zur Geschichte Südasiens als Region fehlte bislang in der deutschen Forschung. Dies ändert sich mit Michael Manns Buch, das in konzentrierter Form – auf 131 Seiten – fünf Jahrhunderte südasiatischer Geschichte behandelt.

Zu Südasien zählen Afghanistan und Pakistan, Indien, Nepal, Bhutan, Sikkim und Bangladesch, Sri Lanka und die Malediven. Mit dem Fokus auf Südasien als historische gewachsene, kulturell vielfältige Region will Mann die von den Briten etablierte, nationalstaatlich und eurozentrisch geprägte Sicht auf die Geschichte Südasiens durch eine genuin südasiatische Perspektive ergänzen beziehungsweise ersetzen. Auch aus diesem Grund widmet er der Zeit des Mogul-Reiches umfassende Aufmerksamkeit. In der kolonialen Geschichtsschreibung Großbritanniens wurde die muslimische Herrschaft als Phase des kulturellen und politischen Niedergangs interpretiert, die in Verfall und Orientierungslosigkeit resultiert habe. Daraus leiteten die Engländer eine Interventionspflicht in Form der sogenannten Zivilisierungsmission ab, mit deren Hilfe sie ihre Kolonialherrschaft zu legitimieren versuchten. Indem er die eigenständige und komplexe Entwicklung der südasiatischen Geschichte weit vor Beginn der britischen Herrschaft betont, hinterfragt Mann diese Interpretation und trägt zu einer grundsätzlichen Neubewertung bei. Darin liegt ein wesentliches Verdienst des sachkundigen Buches.

Gegliedert ist es in fünf Kapitel in chronologischer Reihenfolge entlang der fünf Jahrhunderte. Das Buch setzt an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ein, das heißt am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Mag diese Periodisierung auch europäischen Ursprungs sein, erweist sie sich laut Mann für die südasiatische Geschichte doch als sinnvoll; er betont, dass sich die traditionellen Zäsuren in den vergangenen Jahren im Sinne einer ‚Dekolonisation‘ der Geschichtsschreibung verschoben haben: „So wird das Ende des ‚indischen Mittelalters‘ nicht mehr mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts angesetzt, vielmehr wird der Beginn der Neuzeit aufgrund der modernen zentralstaatlichen Reichsbildung einschließlich bürokratischem Verwaltungsapparat auf die Wende vom 15. auf das 16. Jahrhundert gelegt.“ (S. 7) Ausführlich beschreibt Mann diese komplexen Prozesse, und verweist auf die vielfachen Parallelen zwischen südasiatischen und europäischen Entwicklungen. Vergleiche und Kontraste mit anderen Imperien werden dadurch erleichtert, dass sich der Band nicht auf eine deskriptive Darstellung der Geschichte Südasiens beschränkt, sondern sich auf konzeptionelle Überlegungen stützt. So wendet Mann überzeugend das Modell des segmentären Staates an, um den Zusammenhalt des von Kleinkönigtümern dominierten Vijayanagara- und des Mogul-Reiches zu erklären. Hier finden sich Anknüpfungspunkte für eine kontinental übergreifende Forschung über ‚Vielvölkerreiche‘ und imperiale Praktiken.

Das Buch ist mit historischen Karten, Begriffserläuterungen, einer Auswahlbibliographie sowie einem Orts- und Personenregister ausgestattet und lässt die historischen Akteure in Quellenbeispielen zu Wort kommen. Behandelt werden neben den politischen Entwicklungen wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und soziale Prozesse. Anstatt sie künstlich voneinander zu trennen, gelingt es Mann, die Verbindungslinien zwischen den Gebieten anschaulich aufzuzeigen. So geht er etwa im Sinne einer Kulturgeschichte des Politischen auf die Herrschaftsarchitektur der unterschiedlichen Dynastien sowie auf andere symbolische Praktiken ein, in denen die konkurrierenden Machtansprüche zum Ausdruck kamen. Der religiöse Pluralismus und die (mal friedliche, mal spannungsreiche) Koexistenz muslimischer und hinduistischer Religionen und Riten durchzieht die Darstellung von der Zeit des Mogul-Reiches über die Instrumentalisierung der religiösen Differenzen durch die Briten bis zur Teilung Indiens und Pakistans. Ähnlich greift Mann immer wieder die Rolle des Handels und der regionalen und transnationalen Wirtschaftsverbindungen auf, die Südasien prägten. Im Gegensatz zu der lange vorherrschenden Annahme, dass die ökonomische Dominanz der East India Company schon früh das koloniale Schicksal des Subkontinents besiegelt habe, zeigt Mann, dass sich Handelskompanien lange Zeit in die Strukturen des Mogul-Reiches integrierten, und dass erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, speziell nach der Niederschlagung des Befreiungskrieges (1857-1859) von einer Hegemonie der Briten gesprochen werden kann. Bis dahin überschnitten sich zahlreiche Handelsnetzwerke und lösten sich gegenseitig ab. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang von Handelszentren waren auch weitgreifende Veränderungen in der Stadtentwicklung verbunden, die wiederum das kulturelle und intellektuelle Leben Südasiens prägten. Grundsätzlich folgt Manns Interesse der Transformation Südasiens unter den sich wandelnden regionalen und globalen Bedingungen.

Während die Buchreihe explizit als Einführung und Überblick für Studierende und Interessierte konzipiert ist, setzt der hier besprochene Band durchaus spezielles Vorwissen voraus. Der interessierten, aber nicht notwendig mit dem Gegenstand vertrauten Leserschaft würde die Lektüre erleichtert, wenn einige der verwendeten Begriffe und Namen (Lodi, Timuriden, Indik) früher eingeführt und erklärt würden. Das Verständnis erschweren in mehreren Fällen unnötige Häufungen an Fremdworten (etwa: „Das war durchaus im Interesse der plantokratischen Kolonialregime, die trans-ethnische Fraternisationen […] fürchteten“ (S. 96)). Grundsätzlich ließe sich überlegen, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, eingangs einen kurzen Abriss über die Geschichte Südasiens vor 1500 zu geben, um die wesentlichen Strukturen darzulegen und die wichtigsten Akteure einzuführen. Ähnlich wäre ein zusammenfassendes Schlusswort oder ein Ausblick in zukünftige Forschungsfragen wünschenswert gewesen. So endet das Buch etwas abrupt mit knappen Skizzen Nepals und Sri Lankas seit der Unabhängigkeit und lässt den Leser mit einer immensen Menge an Einblicken und Informationen zurück, ohne eine abschließende Einordnung zu bieten.

Sehr positiv fällt unterdessen auf, dass Mann den westlichen Blick auf die südasiatische Geschichte sowie deren Prägung durch spezifische Quellenbestände kontinuierlich problematisiert. Dadurch wird deutlich, wie stark heutige Perspektiven auf die Region noch immer durch historisch, vor allem im Kolonialismus verankerte Wahrnehmungen geprägt sind. Dies erlaubt es den Lesern, Einblick in grundlegende Fragen der Historiographie zu gewinnen. Auch die Einordnung des Kolonialismus in die südasiatische Geschichte erscheint bemerkenswert ausgewogen. Weder beschönigt Mann die Selbstherrlichkeit, Brutalität und Willkür des kolonialen Regimes noch erklärt er alle Konflikte und Probleme Südasiens mit der Kolonialherrschaft. Indem er die Eigenständigkeit der südasiatischen Entwicklungen betont, gelingt es ihm, jene Faktoren zu bestimmen, die dazu beitrugen, dass die Briten ihre Vormachtstellung gewinnen und ausbauen konnten. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung der neueren Kolonialgeschichte. Auch deshalb ist sein Buch für eine Vielzahl an Lesern mit unterschiedlichen Interessensschwerpunkten ein großer Gewinn.

Anmerkung:
[1] Wichtige Beiträge sind vor allem: Karin Preisendanz / Dietmar Rothermund (Hrsg.), Südasien in der „Neuzeit“. Geschichte und Gesellschaft, 1500-2000, Wien 2003; Hermann Kulke, Indische Geschichte bis 1750, München 2005; englischsprachige Werke u.a.: Sugata Bose / Ayesha Jalal, Modern South Asia. History, Culture, Political Economy, London 2011; Kamala Visweswaran (Hrsg.), Perspectives on Modern South Asia. A Reader in Culture, History, and Representation, Malden 2011.

Zitation
Corinna Unger: Rezension zu: : Geschichte Südasiens. 1500 bis heute. Darmstadt  2010 , in: H-Soz-Kult, 09.12.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14012>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.12.2011
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