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Titel
Neapel. Sechs Jahrhunderte Kulturgeschichte


Hrsg. v.
Pisani, Salvatore; Siebenmorgen, Katharina
Erschienen
Umfang
582 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Buchner, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Dieser umfangreiche, von der Literaturwissenschaftlerin Katharina Siebenmorgen und dem Kunsthistoriker Salvatore Pisani herausgegebene Sammelband zur Kulturgeschichte Neapels macht es sich zur Aufgabe, einen breit angelegten Einblick in die vielschichtige Historie der oft gleichermaßen als faszinierend und problematisch beschriebenen Metropole Süditaliens seit dem 15. Jahrhundert zu geben. Er stützt sich dabei auf die beeindruckende Zahl von insgesamt 63 thematisch zentrierten, in der Regel etwa 5-10 Seiten umfassenden Beiträgen aus zahlreichen historischen Forschungsfeldern von Kunst, Literatur und Musik über Anthropologie bis hin zur Sozial- und Religionsgeschichte. Auf die Schwierigkeit, ein chronologisch wie thematisch derart umfangreiches Vorhaben in eine einigermaßen homogen erscheinende Gesamtdarstellung zu bringen, verweist die große Zahl von insgesamt 23 Aufsätzen, die die Herausgeber selbst zu diesem Band beigesteuert haben.

Wie die Herausgeber zu Recht voranstellen, ist und war die Wahrnehmung Neapels stark von Stereotypen geprägt. Sinnvollerweise haben sie daher diese Mythen als thematischen Einstieg gewählt. Zur Einführung skizziert die Kulturanthropologin Amalia Signorelli negative und positive Aspekte vermeintlicher Napoletanità. Als deren Fabrikationsstätten definiert sie die Reiseliteratur seit der Grand Tour und Neapel-Romane, die neapolitanische Canzone, sowie das in Film und Theater – vor allem des lokalspezifischen Genres der Sceneggiatura napoletana – vermittelte Bild der Stadt und ihrer Bewohner. Typische Motive sind dabei einerseits eine paradiesisch anmutende, sonnenverwöhnte und fruchtbare Küstenlandschaft, die ihren besonderen Reiz immer auch aus dem kontrastiven Gewaltpotenzial des Vesuvs gewann. Andererseits die Bewohner, deren Sprache und Verhalten häufig als naturhaft und vital beschrieben werden und denen bestimmte positive (Ideenreichtum, Leidenschaft, Heiterkeit, Ironie, usw.) und negative (unter anderem Niedertracht, Grausamkeit, Kurzsichtigkeit, Unkontrolliertheit) Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. In der Canzone wurde außerdem eine lokale Grammatik der Gefühle aus leidenschaftlicher Liebe und engen Familienbindungen propagiert. Die Autorin konstatiert, dass diese Eigenschaften zu einer Vermittlung von Gut und Böse führten – so wurde Neapel immer wieder als Ort dargestellt, dessen Bewohner sich trotz schlechter Lebensbedingungen ihre Qualitäten und Tugenden bewahrt haben.

Als Mittel der Komplexitätsreduktion werden diese Stereotypen für Signorelli im Falle Neapels gerade deshalb so erfolgreich reproduziert, weil dem Beobachter hier eine besonders komplexe und heterogene soziale und kulturelle Realität entgegentrete, die ihre Wurzeln in der kontrastreichen Geschichte der Stadt habe. Diese ist seit langem von dramatischen Berg- und Talfahrten geprägt – über die Herrschaft mehrerer fremder Dynastien bis zum eklatanten Bedeutungsverlust Neapels mit dem Anschluss an Italien 1860, der es von der Kapitale des Südens zur Provinzhauptstadt machte. Ergebnis der historischen Entwicklung seien ein buntes Nebeneinander „archaischer“ und „moderner“ Lebensformen, und tiefe soziale Verwerfungen, die Neapel in den Augen vieler zu einer „Stadt der Vormoderne“ machten.

Für die Neapolitaner, so Signorelli, funktionierten die Stereotype als Entlastung von Angst- und Schuldgefühlen: Die Naturalisierung neapolitanischer „Eigenschaften“ führe zu einer resignativen Hinnahme der schwierigen Lebensverhältnisse in der Stadt – und vor deren Hintergrund zur Tolerierung, wenn nicht zur Akzeptanz, halblegalen und kriminellen Handelns. Für die Außenperspektive – in erster Linie derjenigen Nord- und Mittelitaliens – bewertet sie sie dagegen als Umgangsmodus mit der Angst vor dem Unkontrollierbaren, aber auch dem Scheitern des italienischen Nationalstaats, der es nicht vermochte, der Stadt eine andere Rolle als die des Sündenbocks der Nation zuzuweisen.

Den Ursprüngen dieser Stereotype seit der Aufklärung widmet sich Salvatore Pisani im folgenden Artikel, in dem er die gängigsten „Neapel-Topoi“ in Kunst und Literatur untersucht. Dabei stellt er zunächst eine häufig artikulierte Singularität der Stadt fest, deren positive Variante, wie zum Beispiel bei Ferdinand Gregorovius, mit der Ästhetisierung der Topographie der Region begründet wird, die – in Referenz an antike Vorläufer – im Motiv der Campania felix Ausdruck fand, das die landschaftliche Schönheit und das gute Klima der Region sowie die Fruchtbarkeit ihres Bodens betont. In der Malerei der frühen Neuzeit war das Golfpanorama ein beliebtes Hintergrundmotiv, das allegorisch von der kulturellen und landwirtschaftlichen Furchtbarkeit der Region erzählt. Sie wurde zum Paradies verklärt, das mit dem Vesuv als Kontrafaktur die Hölle in sich barg. Diese Topik hatte auch Implikationen für die Bevölkerung, denn wer im Paradies lebte, musste nicht arbeiten. Während das Müßiggängertum in der Antike aber noch als Privileg der Eliten galt, wurde es in der frühen Neuzeit angesichts der fortschreitenden Verarmung mit der größer werdenden städtischen Unterschicht identifiziert. So bahnte sich das noch heute geläufige Vorurteil vom arbeitsscheuen Südländer seinen Weg, auf das auch das Diktum von Neapel als „Paradies, darin nichts als lauter Teufel wohnen“ anspielt. In diesem Zusammenhang verweist Pisani auf einen weiteren relevanten Topos: Neapel als „Stadt der Diebe“ – einem seit Boccaccio gängigen Motiv: Die Stadtbevölkerung wurde in dessen Nachfolge häufig als Volk von Gaunern beschrieben, das sich durch Kleinkriminalität über Wasser hält. In Anlehnung an die Charaktereigenschaften, die man den Neapolitanern zuschrieb, wurde dieses Handeln aber meist eher als schlitzohrig denn als böse oder kriminell beurteilt. Die soziale Problematik, die bis hierhin nur in romantisierten Teilaspekten anklingt, blieb hingegen lange Zeit ein Randbereich der Neapel-Perzeption. Als einer der ersten widmete sich 1925 Walter Benjamin dem sozialen Mikrokosmos der Stadt und dessen Funktionsweisen. Der anhand seiner Beobachtungen in Neapel entwickelte Begriff der „Porosität“ des mediterranen Lebens charakterisiert die Stadt als „Metropole des Südens“ und damit als Alternative zur durchrationalisierten Großstadt der Moderne. In Anlehnung an dieses Motiv diagnostizierte später Pier Paolo Pasolini, die anhaltende soziale Misere sei in Ursprung und Ergebnis auf eine archaisch-plebejisch geprägte Renitenz gegenüber dem Fortschrittskonzept der Moderne zurückzuführen. Für einen soziologischen Blick ergab sich so in erster Linie das Motiv von Neapel als „Stadt der Vormoderne“.

Die beeindruckende thematische Bandbreite des Sammelbands ist jedoch Beleg genug dafür, dass die Geschichte Neapels es wert ist, sich mit ihr auch jenseits altbekannter Stereotype zu befassen. Der Leser erfährt von den diversen städtebaulichen, kulturellen und künstlerischen Entwicklungen seit der Renaissance, die die Physiognomie der Stadt bis heute maßgeblich prägen; von den sozialen Institutionen der Stadt zwischen früher Neuzeit und dem Ende des Absolutismus; vom Vesuv und dem Vulkanausbruch der heute erloschenen Phlegräischen Felder westlich der Stadt; von der Rolle der Antike für die Identität der Stadt sowie interessanten Ausführungen zu Museen und Antikensammlungen. Es werden wichtige Kunstschätze Neapels vorgestellt, darunter die Guglie, den säulenförmigen Ehrenmälern auf einigen Plätzen der Stadt, oder Caravaggios Gemälde „Sieben Werke der Barmherzigkeit“, das bis heute in der Kirche des Pio Monte della Misericordia im Centro storico besichtigen ist. Dazu kommen weitere künstlerische Aspekte wie die in Kampanien verbreitete Majolika-Kunst oder die Maler der Scuola di Posillipo, oder auch ein aufschlussreicher architekturhistorischer Streifzug durch die Villenarchitektur der Region. Daneben bietet der Sammelband informative und lesenswerte Abschnitte zu Musik, Theater und Oper wie etwa den neapolitanischen Genres der Sceneggiatura napoletana und der Canzone.

Ein außerordentlich spannend zu lesender Themenblock ist die reiche Fest- und Volkskultur, für die Neapel auch außerhalb Italiens bekannt geworden ist. Ein faszinierendes Kapitel stellt die Anthropologin Domenica Borriello mit dem Volksfest von Piedigrotta vor, das im Wesentlichen aus einer Prozession von der Kirche Santa Maria di Piedigrotta durch einen Tunnel in die unter dem Parco Virgiliano gelegene Grotte von Pozzuoli bestand und jährlich am 8. September (Mariä Geburt) stattfand. Der Tunnel und die Grotte galten symbolisch als Welt der Dämonen und Symbol der Weiblichkeit, der Gang durch die Dunkelheit ins Licht der Grotte stand für die Wiedervereinigung von Leben und Tod. Die zahlreichen Devotionsbilder und Marienbildnisse, die zum Einsatz kamen um der Jungfrau von Piedigrotta zu huldigen, machten das Fest auch für die katholische Kirche akzeptabel, auch wenn der hier zelebrierte Marienkult mit Elementen von heidnischem Dämonismus und archaischen Höhlenkulten durchsetzt war. In ihrer interessant zu lesenden Studie zeigt die Autorin auch die historischen Konjunkturen des Festes auf. Während die Bourbonen versuchten, es zu einer Militärparade zu überformen und es damit als Machtdemonstration des Regimes zu nutzen, zeigt Borriello auch, wie bürgerliche Kulturschaffende im ausgehenden 19. Jahrhundert durch einen gezielt mit dem Fest verbundenen Musikwettbewerb auch dessen Charakter veränderten: So wurde die Choreographie nun auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Sie wird aber auch als eine Form der Kommerzialisierung der Festkultur interpretiert: Hier vorgestellte Lieder gelangten mitunter zu weltweiter Bekanntheit und bescherten den Musikverlagen große Profite; auch das legendäre „O‘ sole mio“ wurde hier erstmals gespielt. Ein weiterer Aspekt dieser von der Autorin als „bürgerliche Okkupation“ interpretierten Entwicklung war, dass die Mittelschichten das Fest als eine Art Karneval zelebrierten, bei dem die bürgerlichen Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt waren, wofür auch die sexuellen Anspielungen der Prozessionssymbolik Anschlusspunkte boten. Infolge der Schließung der Grotte aus statischen Gründen in den 1930er-Jahren erschöpfte sich das Fest jedoch nach und nach, bis es sich in den 1970er-Jahren endgültig verlaufen hatte. Seit 2007 wird eine relativ erfolgreiche Wiederbelebung als Musikfestival versucht.

Auch weitere Formen der cultura popolare nimmt sich der Sammelband vor, so etwa der Beitrag „Fußballbegeisterung und die Verehrung von Diego Armando Maradona“. Die Anthropologin Fulvia D’Aloisio beurteilt den in der Stadt durch große Wandgemälde und Heiligenschreine sichtbaren Maradona-Kult als Beispiel verweltlichter Religion, womit sie die typische Vermischung von sakralen und profanen Elementen in der Volkskultur unterstreicht. Gleichzeitig verweist sie auf den Zusammenhang von Fußball und soziopolitischen Verhältnissen: Während dieser für Politiker wie dem Bürgermeister Achille Lauro in den 1950er-Jahren als Vehikel diente, um seiner von Filz und Korruption geprägten Politik die nötige Zustimmung beim Wahlvolk zu verschaffen, stellte er für große Teile der Unterschichten eine willkommene Gegenrealität zu den weit verbreiteten perspektivlosen Lebensbedingungen dar.

Ein weiterer Artikel derselben Autorin widmet sich dem Festkult um die Madonna dell’Arco, der jährlich zu Ostern mit einem Pilgerzug gefeiert wird. Hintergrund sind zwei Vorfälle aus dem 15. und 16. Jahrhundert, bei denen – jeweils nach einem verweigerten Gelübde – ein Madonnenbild Tränen vergossen habe sowie einer Madonnenstatue die Füße abgefallen seien. Der wohl bedeutendste religiöse Festzug Kampaniens und die abschließende Kulthandlung werden so leidenschaftlich zelebriert, dass die Teilnehmer in eine mossa (dialektal für eine Art epileptischen Trancezustand) geraten, die bis hin zu unkontrollierten Schreien und Ohnmachtsanfällen führt. Die Autorin interpretiert diesen Schmerzenskult historisch als Kult der notleidenden Stadtbevölkerung, die sich Gnade und Hilfe erhoffen. Die Wiederholung von Schmerzhandlungen deutet sie dabei zugleich Ausdruck und Lösung irdischen Leides.

Das städtische Subproletariat tritt im vorliegenden Band jedoch nicht nur als Träger der Volkskultur auf, sondern auch als politischer Akteur. Ein Beitrag Salvatore Pisanis ergründet das karnevalesk anmutende Hofspektakel der Cuccagne des 17. und 18. Jahrhunderts, an dem zeitweise bis zu 200.000 Menschen teilnahmen. Dabei wurden reichlich mit Lebensmitteln behängte Gerüste in einem Umzug durch die Stadt gezogen, bis diese den Platz vor dem Palazzo Reale erreicht hatten. Pisani beschreibt den Verlauf des Umzugs als präzise durchgeplante Choreographie, bei der zunächst die Gewalt- und Plünderungsbereitschaft der Volksmassen angestachelt wurde, um dann – nach einem Treuebekenntnis der Masse an den Monarchen – auf sein Geheiß hin ausgelebt zu werden, während die Oberschichten das Schauspiel aus sicherer Entfernung von Zuschauerrängen beobachteten. Die Interaktion von Hof und Volksmasse endete damit in der Bestätigung des königlichen Herrschaftsanspruches. Als auf dem Cuccagne-Fest von 1778 die Gerüste bereits vor der Freigabe durch Ferdinand IV. geplündert wurden, hatte sich diese prekäre Inszenierung einer gefügigen Plebs jedoch endgültig als Fiktion erwiesen; der Konsens war aufgekündigt, das Fest wurde nicht mehr gefeiert.

Wenn vom sozialen Konfliktpotenzial in Neapel die Rede ist, darf aus historischer Perspektive ein Beitrag zum Masaniello-Aufstand von 1647 nicht fehlen, bei dem die unter prekären Bedingungen lebenden Unterschichten der Stadtbevölkerung erstmals als politisch relevanter Akteur erscheint. Dieses Desiderat erfüllt die Herausgeberin Katharina Siebenmorgen in ihrem kompakten Aufsatz, der deutlich macht, dass der Aufstand im Hintergrund maßgeblich vom Kampf einer aufstrebenden Funktionselite von Staatsdienern gegen das alte Patriziat bedingt war. Dabei thematisiert sie auch die Medialisierung des Aufstandes, richtet den Blick dabei aber nur peripher auf die bis heute relevante Interpretation als Volksaufstand gegen die spanischen Fremdherrscher, zu dem die nationalbewegte Historiographie des 19. Jahrhundert die Revolte gerne machen wollte. Im Rahmen des Aufstands taucht erstmals die Bezeichnung Lazzaroni (bzw. lazzari) auf, die sich seit dem 19. Jahrhundert zum Sammelbegriff für die städtischen Unterschichten etablierte und maßgeblich mit einer verstärkten Wahrnehmung Neapels über den Volksbegriff verbunden ist, so die Autorin – ein Faktor, der besonders seit der Fokussierung auf die soziale Misere der Stadt und der seit einigen Jahren verstärkten Aufmerksamkeit für das organisierte Verbrechen gar nicht unterbewertet werden kann. Abgesehen davon verweist sie auch auf die politische Bedeutung der Lazzaroni, die immer wieder als Machtfaktor für die Interessendurchsetzung von Teilen der sozialen Eliten Neapels agierten. Für diesen Herrschaftsstil, den man heute vermutlich als populistisch bezeichnen würde, steht besonders der 1759 bis 1806 regierende Bourbonenkönig Ferdinand IV., der als Re lazzarone in die Geschichte einging – und damit als Vorläufer für politische Figuren wie dem bereits erwähnten Bürgermeister Achille Lauro bewertet werden kann, der sich mit dem Volk und seinem Habitus gemein machte, um es als Unterstützer für seine Politik zu gewinnen. Die blutige Revolte gegen die Parthenopäische Republik von 1799, die Ferdinand auf den Thron zurückbrachte, zeigt zudem, dass die starke Wahrnehmung der Stadt über die Napoli popolare bzw. die lazzaroni eng mit dem Attributen von Antimodernität und Unzivilisiertheit verbunden sind, mit denen Neapel bis heute häufig bedacht wird.

Für dieses Bild einer rückständigen, von Gewalt, Armut und Illegalität geprägten Stadtgesellschaft steht vor allem die organisierte Kriminalität in Gestalt der Camorra, deren Geschäfte und Praktiken in den letzten Jahren durch Autoren wie Roberto Saviano verstärkt ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit gerückt sind. Diese Thematik findet in zwei informativen und angenehm zu lesenden Aufsätzen der Anthropologin Gianfranca Ranisio ihren verdienten Raum im vorliegenden Sammelband. Im ersten Beitrag wird zunächst die Geschichte der Camorra skizziert, in Neapel Il sistema genannt. Die Entwicklung führt die Autorin bis auf im 16. Jahrhundert gegründete Geheimgesellschaften zurück, bis sie sich im 19. Jahrhundert schließlich zu einer Art Staat im Staate mit einer starken Gruppenidentität entwickelt hatte, die sich durch strenge Hierarchien, rigide Disziplin, Ehrenkodex, Aufnahmerituale und Mutproben sowie verschiedene Erkennungszeichen auszeichnete. Nährboden des Erfolgs der Camorra waren (und sind bis heute) die schwache Wirtschaftsstruktur und die prekären Lebensbedingungen der unteren Bevölkerungsschichten, für die halblegale und illegale Betätigungsfelder bis heute oft die einzige Möglichkeit zur Sicherung ihres materiellen Überlebens darstellen. Ein schwacher Staat, die verfehlten Modernisierungsversuche der Stadt seit den Bourbonen, sowie die sukzessive Verflechtung und Durchdringung öffentlicher Institutionen durch die „bürgerlichen“ Exponenten dieser kriminellen Vereinigungen trugen ihr übriges zum Erfolg bei. Als Staat im Staate sicherten sich die Capi in ihren Machtbereichen das Gewaltmonopol und versprachen der Bevölkerung gegen Schutzgelder Schutz und Aufstiegschancen. Die Außenwahrnehmung der „Ehrenmänner“ profitierte dabei lange Zeit von ihrer volkskulturellen Romantisierung als Beschützer und Wohltäter der Armen, wie sie zuletzt der Musiker und Liedermacher Mario Merola (1934-2006) betrieb. Frühe sozialwissenschaftliche Analysen betonten bereits um 1900 den engen Zusammenhang von Volkskultur und Kriminalität, den die Camorristi gezielt für sich zu nutzen wussten.

Der zweite Aufsatz Ranisios widmet sich der Entwicklung „Von der Camorra zum System“ nach 1945. Diese sieht sie gekennzeichnet durch die Herausbildung dezentraler, Clan-zentrierter Organisationsstrukturen und den Einstieg in illegale und legale Wirtschaftsaktivitäten im großen Stil. Die dezentrale Organisation, die ihren Ausdruck in der territorialen Aufteilung Neapels und Kampaniens unter verschiedenen lokalen Clans findet, bewirke einerseits große Flexibilität und Wettbewerb des Sistema, führte aber andererseits zu immer wieder aufbrechenden blutigen Konflikten zwischen den Clans. Mit der vor allem seit dem Einstieg der Clans in den internationalen Drogenhandel weiter zunehmenden Gewalt endete jedoch auch die Epoche der Romantisierung des neapolitanischen Mafioso. Ungeachtet dessen hat sich dieses System zu einem Finanzakteur von internationaler Dimension entwickelt, dessen milliardenschwere Einkünfte sich schon lange nicht mehr nur aus Schutzgeldern, sondern aus einer großen Bandbreite von Wirtschaftsaktivitäten speisen. Insbesondere die jährlich wiederkehrenden Müllkrisen sind ein Ausdruck für dieses Vordringen der Clans in zahlreiche lukrative ökonomische Felder.

Bereits diese ausschnittsweise Schilderung des Inhalts sollte deutlich gemacht haben, dass der Sammelband außerordentlich facettenreich über die Kulturgeschichte Neapels der vergangenen 600 Jahre informiert. Die vielschichtige und multiperspektivische Herangehensweise sind ein geeigneter Ansatz, sich der Geschichte der Stadt fernab der gängigen Stereotype zu nähern und diese zu hinterfragen. Da es schlicht unmöglich ist, ein thematisch und chronologisch so breit angelegtes Sujet erschöpfend zu behandeln, kann dem Band das – rein subjektiv empfundene – Fehlen weiterer interessanter Themen mit Neapelbezug (das Blutwunder des San Gennaro, die Pizza, dem Cristo velato in der Cappella Sansevero, der neapolitanische Dialekt usw.) nicht angelastet werden.

Auffällig ist, dass die Epoche von Faschismus und deutscher Besatzung nicht mit einem eigenen Beitrag bedacht wurden. Positiv muss hervorgehoben werden, dass zu vielen der vorgestellten Themen bisher keine deutsche Fachliteratur vorhanden ist. Der vorliegende Band leistet so ein Stück Pionierarbeit. Für einige Forschungsbereiche – hier sind insbesondere die anthropologischen Studien zu nennen – hebt er erstmals die Sprachbarriere auf und macht sie erstmals auch einem nicht italienischsprachigen Publikum zugänglich. Auch deshalb vermag es der besprochene Sammelband, dem Leser die Lebenswelt Neapels teilweise auf neue und faszinierende Weise näher zu bringen.

Zitation
Moritz Buchner: Rezension zu: Pisani, Salvatore; Siebenmorgen, Katharina (Hrsg.): Neapel. Sechs Jahrhunderte Kulturgeschichte. Berlin  2009 , in: H-Soz-Kult, 12.01.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14022>.
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Veröffentlicht am
12.01.2012
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