Titel
"Wir machen hier unser Italien...". Multilokalität deutscher Ferienhausbesitzer


Autor(en)
Seidl, Daniella
Erschienen
Münster 2009: Waxmann Verlag
Umfang
320 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Cord Pagenstecher, Freie Universität Berlin

„Wir machen hier unser Italien …“ Unter dieses Zitat stellt die Ethnologin Daniella Seidl ihre Untersuchung deutscher Besitzerinnen und Besitzer von Ferienhäusern in Mittelitalien. In ihrem eigenen Haus in Italien verbinden die Eigentümer tradierte und imaginierte Bilder von Italien mit ihrer soziokulturellen Praxis eines temporären Landaufenthalts. Sie versuchen, ihre romantisch-idealisierenden Vorstellungen vom authentischen Leben im Süden im eigenen Ferienhaus umzusetzen, stets in Auseinandersetzung mit den konkreten, oft unromantischen Lebenswirklichkeiten vor Ort. So sehr die Eigentümer („wir“) in der Gestaltung („machen“) ihres Lebensraums Ferienhaus („hier“) von ihren Klischees geprägt sind („unser“), so stark sind doch die Wechselwirkungen mit dem realen Ort („Italien“).

Parallel zum Boom der Ferienhäuser seit den 1970er-Jahren wurden die „second homes“ zunehmend erforscht, vor allem von angelsächsischen und skandinavischen Geographen. Unter Begriffen wie „retirement migration“ oder „residential tourism“ wurden sie als Sonderform mal des Tourismus, mal der Migration verstanden. Daniella Seidls ethnographische Studie basiert nun auf einer gründlichen Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen der Tourismus- und der Mobilitätsforschung, aber auch mit Debatten zu Identität, Postmoderne und Transnationalisierung. Dies äußert sich nicht nur in einem 30-seitigen Literaturverzeichnis, sondern auch in einer fundierten Interpretation und Einbettung der eigenen Befunde, vor allem in kulturwissenschaftliche Multilokalitätskonzepte.

Zwischen 2005 und 2008 befragte und beobachtete Seidl insgesamt 33 deutsche Besitzerinnen und Besitzer von Häusern in den Marken, in Umbrien und der Toskana. Methodisch stützt sie sich vor allem auf – teilweise fotoalbengestützte – Gespräche in Deutschland und Italien sowie auf teilnehmende Beobachtungen während ihrer manchmal tagelangen Aufenthalte in den mittelitalienischen Häusern. Fotografien, dichte Beschreibungen und gut ausgewählte Zitate veranschaulichen die einzelnen Forschungsobjekte und Erkenntnisschritte. Der auf der Promotion der Autorin beruhende 320-Seiten-Band ist 2009 in den Münchner Beiträgen zur Volkskunde erschienen.

Die Gliederung ist klar strukturiert: Nach einer fundierten theoretischen Einführung erläutert die Autorin ihr Vorgehen (Kapitel 1). Dann schildert sie anhand exemplarischer Beschreibungen der heimatlichen Wohnsituationen den Habitus der Ferienhausbesitzer in ihren deutschen Lebenswelten (Kapitel 2). In Kapitel 3 arbeitet sie historische Traditionen deutscher Italien-Sehnsucht und die Entwicklungslinien des Ferienhaus-Tourismus heraus. Im zentralen Kapitel 4 beschreibt Seidl dann das aus sozialem Bezugssystem einerseits und tradierten Italienbildern andererseits geschnürte „mentale Gepäck“ der Ferienhausbesitzer, das sich in der Gestaltung des „Lebensraums Ferienhaus“ materialisiert. Dabei stehen Distinktionsmechanismen und die Suche nach Authentizität (Kapitel 5) im Zentrum. Kapitel 6 interpretiert die unterschiedlichen Funktionen der beiden Lebensräume Dauerwohnung und Ferienhaus als „Ausbrechen in das Vertraute“, mit dem die Besitzer, so Kapitel 7, dieser Multilokalität entsprechende Lebenspraxen entwickeln. Abschließend interpretiert Daniella Seidl „das Imaginierte und das Konkrete“ im Lebensraum Ferienhaus in den klug miteinander verschränkten Forschungsperspektiven von Multilokalitäts- und Tourismusforschung.

Ferienwohnungen und Zweithäuser haben sich vor allem seit den 1970er-Jahren in Europa – und darüber hinaus – weit verbreitet. Das wärmere Klima, mediterraner Life-Style, aber auch niedrigere Lebenshaltungskosten bewegten viele Nordeuropäer dazu, ein Haus in den Mittelmeerländern zu kaufen. Viele von ihnen leben mehr oder weniger temporär in neu erbauten Feriensiedlungen, meist Gated Communities mit umfangreicher touristischer Infrastruktur, vor allem an Spaniens Küsten. Daniella Seidl widmet sich dagegen den Life-Style-Migranten, die sich auf der Suche nach ländlicher Idylle und kultureller Authentizität vom Massentourismus abgrenzen. Solche Besitzer alter Einzelhäuser findet man außer in Mittelitalien auch im Hinterland von Andalusien oder in der Provence, also in Regionen, die aus verschiedenen historischen Gründen teilweise entvölkert wurden. In Mittelitalien führte die Auflösung des Mezzadria-Halbpachtsystems dazu, dass seit den 1970er-Jahren Zehntausende ländlicher Bauernhöfe, Anwesen und Rusticos zum Verkauf standen.

Seidls Analyse beginnt in den deutschen, meist Münchner Wohnungen ihrer Informanten. Dem insgesamt bürgerlich-postmodernen, durchaus aber unterschiedlichen Habitus dieser deutschen Wohnräume gegenüber steht eine „große Ähnlichkeit der italienischen Lebensräume“; dies zeigen schon die „fast identischen Motive und fest gefügten Bildmuster“ in den – gemeinsam mit den Besitzern betrachteten – Fotoalben (S. 39). „Dolce Vita im Schatten der Olivenbäume“ (S. 11) – die so beworbenen Ferienimmobilien sind für Seidl Materialisation traditioneller deutscher Italien-Sehnsüchte, die bis heute ungebrochen fortwirken, ja, im Boom der offenbar sehr einflussreichen illustrierten Wohnmagazine wieder neu ausgemalt werden.

Vor Ort in den Marken, in Umbrien und der Toskana versuchen die Ferienhausbesitzer, ihre als „mentales Gepäck“ mitgebrachten Imaginationen vom „Land, wo die Zitronen blühen“, zu verbinden mit den vorgefundenen Realitäten – sei es die moderne Architektur der italienischen Industriegesellschaft, seien es die vielen Nebel-, Regen- und Frosttage in den mittelitalienischen Bergen oder das nach wiederholten Einbrüchen immer sparsamere Mobiliar. Daniella Seidl beobachtet sensibel die Strategien, sich in einem „Arkadien mit Hochspannungsleitung“ (S. 114) einzurichten und „Palmen im Schnee“ zu züchten (S. 123). In den Ferienhäusern „werden eigenständige Räume gestaltet, die von mitgebrachten Vorstellungen geprägt sind, aber immer auch im Dialog mit dem Vorgefundenen stehen“ (S. 156).

Mit ihren deutschen Nachbarn in den umliegenden Dörfern bilden die bildungsbürgerlichen, im Umfeld der „Toskanafraktion“ vielfach auch linksalternativen Zweithausbesitzer informelle Kolonien, in denen vielerlei interne und externe Distinktionsmechanismen wirken. In der Zurschaustellung kulturellen statt ökonomischen Kapitals werden Eigentümer mit Zentralheizung ebenso ausgegrenzt wie solche, die nur auf dem zweiten Bildungsweg zu Akademikern wurden. Das bürgerlich tradierte Kollektivbild des Individualismus richtet sich aber vor allem gegen Touristen, „die sich da so ‚Rimini-mäßig‘ im Liegestuhl rumräkeln“ (S. 103). Das eigene Kulturverständnis dient als Distinktionsmittel nicht nur gegen die ‚ungebildeten‘ Touristen, sondern auch gegen Einheimische, die in den Augen vieler Ferienhausbesitzer zu sehr der modernen Funktionsarchitektur und Medienkultur folgen. Auch dieses Gegensatzbild von gutem Italien und schlechten Italienern steht in einer langen Tradition deutscher Reisewahrnehmung.

Die Toskana-Deutschen restaurieren verfallene Rusticos, manchmal auch kunsthistorisch wertvolle Fresken in der Dorfkirche; sie beleben alte Agrartechniken und investieren in ökonomisch niedergegangenen Regionen. Auch wenn diese Art privater Denkmal- und Kulturpflege sich oft in einer hegemonial denkenden Parallelgesellschaft bewegt, so wirkt die davon angestoßene Re-Traditionalisierung mancherorts doch ökonomisch produktiv und kulturell kreativ. Mehr noch als der normale Urlaubstourismus trägt der tiefer in den lokalen Alltag integrierte Ferienhaustourismus zu neu bekräftigten regionalen Identitäten bei; Multilokalität fungiert nicht selten als Motor soziokultureller Transformation.

In der Heimat dagegen gibt es entgegen der Erwartungen der Autorin keine Mediterranisierung deutscher Wohnwelten. In einer Weiterführung von Traditionen adliger Landhäuser und bürgerlicher Sommerfrischen bleiben die beiden Lebenswelten zwei „bewusst gestaltete Kontrasträume“. Das Ferienhaus ist dabei ein Erweiterungsraum der eigenen Lebensgestaltung, in dem das „Konkrete“ und das „Imaginierte“ aktiv verknüpft und gestaltet werden.

Daniella Seidl seziert die Vorstellungen, Gegenstände und Handlungen ihrer Informanten genau. Doch sie will nicht die Klischeehaftigkeit des Italienbilds oder die Vergeblichkeit der Authentizitätssuche entlarven, sondern ihre Sinnhaftigkeit für die Akteure herausarbeiten. Das Zusammendenken von Dingen, Praxen und Bedeutungen schafft das Verständnis des zunächst Seltsamen, das auch das eigene Andere ist.

In der außergewöhnlich transparenten Beschreibung ihres Forschungsprozesses ebenso wie in einem als Zwischenspiel eingeschobenen Bericht über einen Ferienhaus-Urlaub im Selbstversuch befragt die Autorin immer wieder auch ihre eigenen Wahrnehmungsmuster. Diese Selbstreflexivität beeindruckt den geschichtswissenschaftlich ausgebildeten Rezensenten besonders, ist sie doch seinen Fachkollegen oft wenig zu eigen.

Zu vertiefen wäre die Frage, ob diese Art der Ferienhauskultur ebenso eine generationsspezifische Erscheinung ist wie die teilweise mit ihr verflochtene politkulturelle „Toskanafraktion“. Nicht wenige Ferienhausbesitzer erleben, dass ihre Kinder das manchmal auch als Familientreffpunkt gedachte Haus nicht übernehmen wollen. Seidl deutet eine Internationalisierung des mittelitalienischen Ferienhausmarktes an; bei den Motiven von Neukäufern gebe es einen Wandel von der bildungsbürgerlichen Italien-Sehnsucht zum „Einkauf in eine international als chic geltende Lifestyle-Region: ‚Die meisten Käufer sind mehr interessiert am Gucci-Outlet als an den Uffizien.‘“ (S. 91) Diese Vermutung stützt sich aber auf wenige Aussagen einzelner Makler; weitere Studien müssten untersuchen, ob das deutsche Ferienhaus in Mittelitalien als bildungsbürgerliche Lebensform des späten 20. Jahrhunderts im Zuge der fortschreitenden Kommerzialisierung der globalen Erlebnisgesellschaft bald der Vergangenheit angehören wird.

Stärker zu berücksichtigen wäre vielleicht auch die soziale und geographische Herkunft der Eigentümer. Bedeutet die außerordentliche Konzentration der befragten Informanten in der Region München, dass das mittelitalienische Rustico ein spezifisch bayerisches Phänomen ist? Haben Hamburger oder Heidelberger ihre Häuschen anderswo und sind die Gestaltungspraxen dort anders? Solche Vergleiche wären nicht nur regional, sondern auch international erforderlich. Die Sehnsüchte nach Italien – oder allgemeiner dem „Süden“ – sind in anderen Ländern gewiss anders ausgeprägt als in Deutschland. Einen umfassenden internationalen Vergleich kann eine Dissertation selbstverständlich nicht bieten. Seidl weist jedoch auf entsprechende Studien zu Schweden, Frankreich und Griechenland hin, die in Zukunft in komparativer Weise zusammen- und fortgeführt werden sollten, um vorliegende Erklärungsmuster von Postmoderne und Transnationalisierung im Kulturvergleich empirisch zu unterfüttern.

Zitation
Cord Pagenstecher: Rezension zu: : "Wir machen hier unser Italien...". Multilokalität deutscher Ferienhausbesitzer. Münster  2009 , in: H-Soz-Kult, 25.03.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14033>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.03.2011
Redaktionell betreut durch
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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