I. von Münch: „Frau, komm!“

Cover
Titel
„Frau, komm!“. Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45


Autor(en)
von Münch, Ingo
Erschienen
Graz 2009: Ares Verlag GmbH
Umfang
208 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maria Daldrup, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Sexuelle Gewalt im Rahmen militärischer Auseinandersetzungen zählt noch immer zu den eher randständigen Themen historischer Forschung. Im Kontext des Zweiten Weltkrieges haben sich unter anderem Birgit Beck oder Regina Mühlhäuser mit Vergewaltigungen sowie sexuellen Beziehungen zwischen Wehrmachtsangehörigen und sowjetischen Frauen befasst.[1] Vergewaltigungen durch alliierte Truppen, insbesondere die als „Massenvergewaltigungen“ in das kollektive Gedächtnis eingesickerten Übergriffe sowjetischer Soldaten, wurden bislang kaum differenziert untersucht. Dieses Forschungsdesiderat, dies sei gleich vorweg festgehalten, kann auch Ingo von Münchs Buch über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45 nicht füllen.

Die im Titelzitat „Frau, komm!“ bereits zu erahnende normative Aufladung – gemeint sei der „unmissverständliche und keinen Widerspruch duldende Befehl russischer Soldaten an diejenigen von ihnen gewollten deutschen Frauen und Mädchen, denen damit Vergewaltigung bevorstand“ (S. 11) – ist zunächst zu vernachlässigen und eher dem Verlagsinteresse geschuldet. Die Beweggründe für das Buch verweisen deutlicher auf Ingo von Münchs Intentionen: Aus sachlicher Perspektive hätten die Massenvergewaltigungen keine gebührende Aufarbeitung erfahren, auf persönlicher Ebene nennt er ihm bekannte Opfer. Um „einfühlsam genug und in adäquater Sprache“ (S. 10) die Thematik zu verarbeiten, fußt von Münchs Buch vor allem auf Augenzeugen- und Opferberichten, zum Beispiel aus Walter Kempowskis „Echolot“ sowie den Aufzeichnungen aus „Anonyma. Eine Frau in Berlin“. Dabei unterscheidet er diese biographischen Quellen weder in erinnerungstheoretischer Hinsicht, noch verortet er sie historisch sorgfältig. Sie bilden als „authentische Berichte“ die Grundlage seiner eher collagenartigen Studie.

Doch auch wenn von Münch, emeritierter Professor für Verfassungs- und Völkerrecht sowie ehemaliger Zweiter Bürgermeister Hamburgs, betont, sich weder psychoanalytisch noch geschichtswissenschaftlich seinem Gegenstand zu nähern, so setzt er mit seinen verwendeten Quellen sowie seiner Forschungsfrage nach dem „Schweigen“ dieser Opfer sexueller Gewalt nach 1945 genau hier an. Ein sicherlich fruchtbarer Zugang über juristische Fragen[2] weicht so im Buch einer Skizze der Beispiellosigkeit der „Massenvergewaltigungen“ durch die sowjetische Armee als einem der „schlimmsten Verbrechen“ (S. 9) des Zweiten Weltkriegs in Qualität wie Quantität.

Auf 186 Seiten fächert von Münch zwar ein recht breites thematisches Spektrum auf und berührt darin wichtige Aspekte. Bedingt durch eine gewisse Unklarheit in der methodischen Herangehensweise, aber auch die etwas rudimentären Kapitelüberschriften erschließt sich die innere Logik jedoch nur bedingt. Der Hauptteil ist nach folgenden Stichworten organisiert: Tatsachen, Darstellungsdefizite, Anonyma, Stumme Opfer, schweigende Täter, Gewalt, Erklärungen, Offiziere, Widerstand zwecklos, Kinder, Sich-Erinnern und Erinnern.

Findet sich in der Einleitung noch eine Anbindung der Massenvergewaltigungen an zum Beispiel den Vernichtungskrieg der Wehrmacht oder propagandistische Elemente, so wirken die nachfolgenden Kapitel vielfach entkontextualisiert. Nach der Diskussion der quantitativen Dimension und der eher grundsätzlichen völkerrechtlichen Einschätzung dieser Art von Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen widmet sich von Münch der Frage nach den „Verletzungen, welche die vergewaltigten Frauen an Körper und Seele erlitten haben“ (S. 51). Leider fehlt es an dieser Schnittstelle von psychologischer Traumaverarbeitung, Erinnerungskultur, Erfahrungs- und Geschlechtergeschichte an methodischer sowie theoretischer Reflexion. Die von ihm bemängelten Darstellungsdefizite kreisen oberflächlich um eine zu geringe Anteilnahme und Übernahme des Themas insgesamt. Er erklärt dies mit der Wirkmächtigkeit des „Topos der Deutschen als ‚Volk der Täter‘“ im Sinne einer, für von Münch unzulässigen, „Kollektivhaftung“ (S. 57).

In der Beschäftigung mit dem Buch „Anonyma“, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist, fasst von Münch vorrangig die Diskussionen über dessen dokumentarischen Wert zusammen und mutmaßt, dass die Stigmatisierung der Verfasserin als „Kleinpropagandistin des Hitler-Staates“ (S. 78) von verschiedener Seite lediglich die Funktion erfülle, ihr 1945 zugefügtes Leid zu relativieren und einem Schweigen über die Vergewaltigungen Vorschub zu leisten. Dabei seien ihre Schilderungen vielmehr „der Bericht einer direkt und körperlich Betroffenen“ (S. 70).

Aufschlussreicher ist hingegen das nachfolgende Kapitel zu Opfer- und Täterperspektiven. Auf Basis ausgewählter Zitate geht hieraus hervor, dass der Terminus der Vergewaltigung, wenn überhaupt benannt, weitestgehend ersetzt wurde durch Umschreibungen und Synonyme wie „Marterzeit“ oder auch „Grässliches über sich ergehen lassen“. An dieser Stelle hätte ein differenzierterer Blick auf die Sprache autobiographischer Erinnerungen lohnenswert sein können. Die Skizzierung der Täterseite wiederum verliert sich in Mutmaßungen – trotz dünner Quellenlage schließt von Münch etwa: „Bei Treffen von Kriegsveteranen der roten Armee oder bei anderen Gelegenheiten, etwa bei Unterhaltungen im kleinen Kreise, mögen zwar vielleicht gelegentlich zu vorgerückter Stunde diesbezügliche Erlebnisse ausgetauscht werden, möglicherweise mit Augenzwinkern, Zungenschnalzen oder Schenkelklopfen.“ (S. 89)

Seine Ausführungen zum Aspekt Gewalt fallen demgegenüber etwas weniger vage aus, insbesondere im Hinblick auf eine Unterscheidung sexueller Gewalt in Friedens- und Kriegszeiten sowie aus psychologischer Perspektive, wobei er jedoch die verwendete Forschungsliteratur unkritisch im Sinne von „Feststellungen“ zitiert. Von Münchs Erklärungsversuch von Vergewaltigungen im sechsten Kapitel über Facetten sowjetischer Propaganda scheitert leider weitestgehend an einer höchst eigenwilligen Interpretation der Quellen. Beispielsweise haben propagandistische Druckschriften von Ilja Ehrenburg für ihn eine konkret handlungsleitende Funktion besessen. Wenn Ehrenberg also schrieb: „Wir werden totschlagen“, dann, so von Münch, im Bewusstsein, „was er bewirken wollte und wie er seinem Willen, dass die Sowjetsoldaten gnadenlos Rache üben sollten, Geltung verschaffen konnte“ (S. 119f). Und auch wenn man das Ausmaß der antideutschen Propaganda nicht quantifizieren könne, so genüge doch „die unbestreitbare Tatsachenfeststellung, dass viele russische Soldaten beim Einmarsch in Deutschland von Gefühlen des Hasses und des Wunsches nach Vergeltung und Rache gegenüber den Deutschen erfüllt waren“ (S. 124). Ähnlich argumentiert er im anschließenden Kapitel über sowjetische Offiziere – und verliert sich bisweilen in logischen Unstimmigkeiten. Im Unterschied zu Soldaten seien die Offiziere weniger an sexuellen Übergriffen beteiligt gewesen, hätten die deutschen Frauen auch hiervor in Schutz genommen. Eine angeblich verborgene Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee aus der Weimarer Zeit dient ihm als Beleg für „eine Art Waffenbrüderschaft“ (S. 138) mit deutschen Offizieren. Gleichwohl betont er: Die Offiziere hätten „mitgemacht“, „weggehört“ oder „billigten“ die Taten (S. 133).

Inwieweit sich Frauen den sexuellen Übergriffen entziehen konnten, beantwortet von Münch bereits im Titel des achten Kapitels: „Widerstand zwecklos“. Verstecke habe es wenige gegeben, das Tragen von Männerkleidung, kurzen Haaren oder das Schwärzen des Gesichts seien „kein absoluter Schutz gegen Vergewaltigungen“ (S. 149) gewesen, „Widerstandshandlungen eines unbewaffneten Mannes gegen bewaffnete Soldaten, die bereit und willens waren, von der Schusswaffe hemmungslos Gebrauch zu machen“ (S. 162) wären vergeblich gewesen. Einzig Stalin hätte letztlich die Gewalttaten unterbinden können – eine These im Übrigen, die jeglichen differenzierten Blick auf politische Prozesse oder Steuerungsmöglichkeiten missen lässt. Im vorletzten Kapitel mit dem Titel ‚Kinder‘ verfällt von Münch leider in Pathos, wenn er schreibt, die Vergewaltigungen seien eine „Zur-Schau-Stellung des totalen Sieges“ gewesen: „Nicht nur die besiegte Frau ist unterworfen, sondern auch der besiegte Mann liegt […] am Boden, mehr noch: Er liegt nicht nur am Boden, sondern er liegt im Staub. Der Sieger-Mann hat den besiegten Mann zwar am Leben gelassen, aber der Sieger hat den Besiegten moralisch kastriert.“ (S. 172) Warum Frauen häufig in Gegenwart auch ihrer Kinder vergewaltigt worden seien, kann von Münch zwar nicht erklären, einsichtig sei aber: „Die Massenvergewaltigungen durch die Soldaten der Sowjetarmee erfolgten in einer Orgie der Gewalt, in einem Rausch geprägt von Hass, Wut, Verachtung, sexueller Gier“ (S. 172).

Von Münch formt in seinem Buch ein Szenario mit suggestiver Kraft, das für manch einen Leser kaum andere Deutungen zulässt als das zeitgenössische, ideologisch geprägte und propagandistisch aufbereitete sowjetische Feindbild. Illustrativ sei an dieser Stelle auch eines der verwendeten Bilddokumente (S. 129) zu nennen: Abgelichtet ist eine kleine Gruppe sowjetischer Soldaten mit undefinierbaren Getränken in Händen. Die Bildunterschrift lautet: „Die Folgen russischer Trinkgelage bekamen deutsche Frauen und Mädchen häufig direkt zu spüren: ‚Es kamen Russen am laufenden Band, schlimme Brüder, und dann betrunken suchten sie Mädels, Frauen, wie Tiere gingen sie drüber her!‘ (Augenzeugin in Potsdam, 1945)“.

Dass Formen sexueller Gewalt von alliierter Seite ein relevantes, bisher kaum bearbeitetes Forschungsthema darstellen und einer eingehenden Aufarbeitung bedürfen, mag zutreffen. Aber: Eine kritischere Einordnung und Analyse der Quellen, die Berücksichtigung bisher noch unveröffentlichter Materialien, stärker systematisierende Analysekategorien oder auch eine erhöhte Tiefenschärfe in den Einzelkapiteln wäre dem Erkenntnisinteresse zuträglicher gewesen. Es bleiben viele offene Fragen im Hinblick auf Opfer- und Täterbilder, erinnerungskulturelle Prozesse, Körperlichkeit und Subjektivierung, propagandistische und ideologische Hintergründe oder den Zusammenhang von Militär- und Zivilgesellschaft – um nur einige zu nennen.

Anmerkungen:
[1] Siehe: Birgit Beck, Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939-1945, Paderborn 2004. Regina Mühlhäuser, Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, 1941-1945, Hamburg 2010.
[2] Etwa bei Kathrin Greve, Vergewaltigung als Völkermord. Aufklärung sexueller Gewalt gegen Frauen vor internationalen Strafgerichten, Baden-Baden 2008.

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12.12.2011
Redaktionsnotiz
Von Redaktion H-Soz-Kult
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Zitation
Maria Daldrup: Rezension zu: : „Frau, komm!“. Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45. Graz  2009 , in: H-Soz-Kult, 07.12.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14122>.
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Veröffentlicht am
07.12.2011
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