C. Decker (Hrsg.): Visuelle Kulturen der USA

Cover
Titel
Visuelle Kulturen der USA. Zur Geschichte von Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neuen Medien in Amerika


Hrsg. v.
Decker, Christof
Umfang
350 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maja Bächler, Historisches Institut, Universität Potsdam

Wem gehört die Bildwissenschaft? Wer darf die gesellschaftlichen Bedeutungen von visuellen Phänomenen untersuchen? Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes beantworten diese Fragen auf ihre Weise, indem sie die fünf im Untertitel des Bandes genannten Medien in sich vereinen. Die Bereiche werden damit einer institutionellen Zugehörigkeit zur Kunstgeschichte, Kommunikations- oder Medienwissenschaft enthoben. Das Buch umfasst fünf Beiträge unterschiedlicher Autoren und Autorinnen aus dem Bereich der Amerikanistik bzw. Kultur- und Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA – sowie eine Einleitung des Herausgebers. Jeder Beitrag bezieht sich jeweils auf eine visuelle Kultur in „Amerika” und gibt einen Überblick über ihre Geschichte und Entwicklungen von ihren jeweiligen Anfängen bis zur Gegenwart.

Ziel des Sammelbandes ist es zum einen, Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neue Medien zusammenzuführen und die Besonderheiten US-amerikanischer visueller Kulturen zu charakterisieren. Eine perspektivische Voraussetzung bilden dabei die Verflechtungen und Wechselwirkungen sowohl transnational als auch zwischen den einzelnen Medien. Zum anderen streben die Autoren an, die kulturellen Funktionen der hier besprochenen (audio-)visuellen Medien zu ergründen. In der Einleitung verweist der Amerikanist Christof Decker auf die zunehmende „kulturelle Bedeutung von Visualität” (S. 9), die von W. J. T. Mitchell mit dem Begriff des pictorial oder visual turn benannt wurde.[1]

Als konzeptioneller Rahmen werden in der Einleitung 14 „historische Spannungsfelder” (S. 11) aufgeführt, die in den einzelnen Beiträgen Beachtung finden sollen. Diese – sehr heterogenen – Spannungsfelder umfassen unter anderem Fragen nach nationaler, ethnischer sowie geschlechtlicher Repräsentation ebenso wie die Bedeutung von Natur, Landschaft und Region für die Darstellungsweisen in den visuellen Medien. Auf einer Metaebene wird nach deren Funktion für Mythen- und Ideologiebildungen und der Formierung „kollektiver Gedächtnisse” gefragt sowie nach dem Verhältnis von Vermarktungsstrategien auf der einen Seite und der Schaffung von Kunst auf der anderen.

Der Aufsatz von Bettina Friedl zur amerikanischen Malerei (1670-1980) beginnt mit einer Beschreibung der Porträtmalerei im 17. und 18. Jahrhundert, die noch stark von „europäischen” Einflüssen gekennzeichnet war und endet mit der Untersuchung abstrakter Malerei und dem Phänomen der Pop-Art in den 1980er-Jahren. Friedl erkennt bereits in der Frühphase der amerikanischen Kultur, im 18. Jahrhundert die Entwicklung eines „nationalen Malstils” (S. 22), der sich mit der Zuwendung zur Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert weiter ausprägte. Eine besondere Rolle spielte hierbei die von den Siedlern und Siedlerinnen vorgefundene Landschaft, die sich von Europa unterschied, sowie die Erschließung des Westens. Im 20. Jahrhundert gewannen Darstellungen von Großstädten und deren Bewohnern und Bewohnerinnen an Bedeutung, die sich – laut Friedl – nur zum Teil sozialkritisch mit deren Positionierungen in der Welt auseinandersetzten.

Ebenso wie Friedl in ihrem Beitrag über Malerei setzt Astrid Böger sich in ihrer Betrachtung von amerikanischer Fotografie zunächst mit Porträts auseinander. Eine neue kulturelle Funktion entwickelte die Fotografie dann im Zuge des Bürgerkriegs (1861) in Form von visueller Kriegsberichterstattung, eine Tradition, die sich im Zweiten Weltkrieg in nuancierterer Form fortsetzte. Ab etwa 1900 konstatiert Böger einen Wandel in der Verwendung von fotografischen Bildern (S. 118) zu Monumenten des kollektiven Gedächtnisses. Damit setzte die Diskussion um die Frage nach der Authentizität der Fotografien ein. Der Informationsgehalt eines Bildes sowie das Aufzeigen von Missständen durch Bilder waren hierbei Eckpunkte der Debatte. Böger hinterfragt die Modalitäten der Popularität von Bildern ebenso, wie sie sich kritisch mit der Darstellung von Körperlichkeit auseinandersetzt. Abschließend verweist sie auf die Veränderungen der Fotografie durch ihre Digitalisierung, die einerseits die Anzahl an Fotografien (im privaten wie im öffentlichen Raum) vervielfacht und andererseits die Frage nach deren Manipulierbarkeit erneut aufflammen lässt.

In seinem Beitrag zum amerikanischen Film setzt Christof Decker drei Analysekategorien an, die er filmgattungsübergreifend verwendet: „Kino als Institution”, „Filmästhetik” und Film als „kulturelle Selbstdefinition” (S. 163). Darunter subsumiert er theoretische Fragen nach der Produktion und der Rezeption von Filmen im amerikanischen Kontext. Dabei werden Dokumentarfilme zwar einbezogen, Hauptaugenmerk liegt jedoch auf fiktionalen Filmen. Decker legt in seinem Beitrag einerseits großes Gewicht auf das Zusammenspiel zwischen den äußeren Bezugsrahmen, die Filme kontextualisieren, und ihren inhaltlichen Repräsentationen andererseits. Zu diesem Zweck unterteilt er die amerikanische Filmgeschichte in fünf Zeitabschnitte, mit deren Hilfe er Kontinuitäten und Brüche herauskristallisiert. Der in seiner Komplexität herausragende Beitrag veranschaulicht die Entwicklung der amerikanischen Filmgeschichte anhand ausgewählter Beispiele und überzeugt durch analytische Tiefenschärfe.

Ralph J. Pooles Untersuchung zum amerikanischen Fernsehen nutzt den Vorteil der kürzeren zu behandelnden Zeitspanne, indem er sich ausführlich einzelnen Fernsehserien bzw. -formaten der Gegenwart zuwendet. Dabei bezieht er Fragen nach dem Zielpublikum ebenso ein, wie er die Analysekategorien gender, race und class nutzt, um die Programme auf ihre (sozio-)kulturellen Funktionen zu hinterfragen. Neben der Entwicklung der einzelnen Sender in den USA sowie deren zunehmender Digitalisierung werden sowohl die informationsvermittelnden als auch auf die unterhaltenden Funktionen des Fernsehens einbezogen. Poole verweist auf die Bedeutung des Fernsehens für die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die im Zeitalter von “Reality-TV” zunehmend mit der Fernsehrealität amalgamiere. Zugleich wendet er sich gegen eine Diffamierung des Mediums als „Populärkultur”; das „populäre Fundament des Mediums” hält er für dessen eigentliche Stärke (S. 291).

Randi Gunzenhäusers Beitrag zu digitalen Medien (speziell Cybertheorien und Computerspielen) sticht insofern heraus, als sie von Beginn an auf die Unmöglichkeit der nationalen Beschränkung für die von ihr behandelten visuellen Kulturen verweist. Dennoch werde die „transnationale Vielstimmigkeit” von US-amerikanisch geprägten kulturellen Paradigmen dominiert (S. 304f.). Gunzenhäuser zeichnet die Entwicklung des Computerspiels von ihren Anfängen in den 1950er-Jahren bis heute nach. Sie thematisiert dabei zum einen die sich verändernden Spielinhalte, zum anderen das Verhältnis zwischen den spielenden Individuen, die sich auch als Spielgruppe formieren können. Im Besonderen weist sie auf die Einflussmöglichkeiten der Spielenden auf das Spielgeschehen hin. Damit öffnet Gunzenhäuser den Raum für Debatten um die sozialen Interaktionsfunktionen zwischen Spielenden und Spiel bzw. den Spielenden untereinander, die der Annahme einer Vereinsamung durch Computerspiele gegenübersteht.

Der Begriff „Amerika” wird in diesem Sammelband als „Machtformation“ (S. 12) begriffen und bewusst verwendet, obwohl – so Decker selbst – es aus postkolonialer Perspektive „gute Gründe” (S. 12) gebe, ihn zu verwerfen. Insbesondere wenn wie hier speziell die USA gemeint sind, erscheint das Festhalten an dem Begriff gleichwohl fragwürdig, da er hegemoniale Diskurse eher perpetuiert als sie zu dekonstruieren.[2] Obgleich Decker in der Einleitung auf das Vorhandensein verschiedener Kulturen verweist, sind die einzelnen Beiträge zum Beispiel mit „Die amerikanische Malerei” oder „Der amerikanische Film” betitelt, was den Anschein erweckt, den jeweiligen Bereich vollständig zu beschreiben. Dies ist jedoch nicht das Ziel der Beiträge, die als exemplarische Überblicksdarstellungen zu kennzeichnen sind. Wünschenswert wäre zudem eine Zusammenführung der visuellen Kulturen in einem abschließenden Kapitel anhand der in der Einleitung aufgeführten „historischen Spannungsfelder” (S. 11) gewesen.

Die Antworten auf die Frage nach der Funktion der visuellen Kulturen gelingen in den einzelnen Aufsätzen auf unterschiedlichen Komplexitätsniveaus. Alle Beiträge bieten aber für das jeweilige Forschungsfeld einen guten Einstieg in die visuellen Kulturen der USA.

Anmerkungen:
[1] William J. T. Mitchell, Der Pictorial Turn, in: Christian Kravagna (Hrsg.), Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur, Berlin 1997, S. 15-40 (Originalaufsatz: William J. T. Mitchell, The Pictorial Turn. In: Artforum 30 (1992), S. 89-94).
[2] Vgl. Walther D. Mignolo, The Idea of Latin America, Malden 2005; Ursula Lehmkuhl / Stefan Rinke (Hrsg.), Amerika – Amerikas. Zur Geschichte eines Namens von 1507 bis zur Gegenwart, Stuttgart 2008, vgl. die Rezension von Sebastian Dorsch. In: H-Soz-u-Kult, 15.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-196> (27.04.2011).

Zitation
Maja Bächler: Rezension zu: Decker, Christof (Hrsg.): Visuelle Kulturen der USA. Zur Geschichte von Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neuen Medien in Amerika. Bielefeld  2010 , in: H-Soz-Kult, 06.05.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14198>.
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06.05.2011
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