Cover
Titel
Cicero.


Autor(en)
Bringmann, Klaus
Erschienen
Darmstadt 2010: Primus Verlag
Umfang
336 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Klingenberg, Historisches Institut, Universität zu Köln

Cicero ist wohl die Person aus der Antike, über die uns die meisten Informationen vorliegen, und im Grunde der Einzige, „dem eine auch modernen Ansprüchen gerecht werdende Biographie gewidmet werden kann“, wie Klaus Bringmann eingangs des hier zu besprechenden Buches festhält (S. 11). Der Frankfurter Emeritus, durch viele Veröffentlichungen zur Späten Republik und ihren Akteuren als exzellenter Kenner dieser Zeit ausgewiesen, kehrt mit dieser Biographie auch ein wenig zu seinen wissenschaftlichen Anfängen zurück: Er hatte sich einst in Marburg mit einer Arbeit zu Cicero habilitiert.[1]

In der Einführung (S. 11–17) legt Bringmann dar, wie sich aus der vergleichsweise günstigen Quellenlage ein Lebensbild des Politikers, Redners und Schriftstellers Cicero schreiben lässt und warum die in der Geschichtswissenschaft mitunter diskreditierte biographische Herangehensweise gerade bei Cicero gerechtfertigt ist. Ciceros Schriften und besonders seine Briefe erlauben uns in seinem Fall, anders als bei so gut wie allen anderen antiken Persönlichkeiten, einen „Einblick in die Tiefendimension der Handlungsmotive und Entscheidungsprozesse“ (S. 11). Sie sind indes zugleich Grundlage der Erforschung der späteren Republik überhaupt, mit deren Geschichte das Leben und Werk Ciceros untrennbar verwoben sind. Diese Verflechtung will Bringmann analysieren und zur Anschauung bringen. Zu diesem Zweck unterzieht er das Werk Ciceros einer Neubetrachtung und lässt diesen immer wieder in Zitaten selbst zu Wort kommen. Nicht direkt ausgesprochen, aber zwischen den Zeilen erkennbar wird ein weiteres Ziel: Der Autor will seinem Protagonisten Gerechtigkeit widerfahren lassen, was diesem bei den Zeitgenossen wie auch in der Moderne nicht immer beschieden war.

Das erste Kapitel (S. 18–34) zeigt, wie die familiäre Herkunft Cicero prägte: Vom Großvater, einer lokalen Größe in Arpinum mit Beziehungen zu einflussreichen Familien in Rom, rührte die Nähe zur optimatischen Sache her. Seine Söhne waren indes höchst verschieden. Ciceros Vater führte ein Leben der Bildung und Muße, während sein Bruder, Ciceros Onkel, erste Schritte in Richtung einer Senatskarriere unternahm, aber früh verstarb. In der Person Ciceros verbanden sich dann jedoch die beiden Lebenswege. Sein Aufstieg ging freilich von denkbar schlechten Voraussetzungen aus. Wegen der familiären Situation stand er weitgehend ohne die notwendigen Beziehungen da, dank seiner umfassenden Bildung und seines rhetorischen Talents konnte er dieses Manko allerdings zumindest teilweise kompensieren.

Cicero machte sich zunächst als Prozessredner einen Namen (S. 35–48). Mit seinen ersten Fällen erarbeitete er sich schnell einen Ruf als brillanter Gerichtsredner, womit er nicht nur Bekanntheit erlangte, sondern auch Beziehungen aufbaute. Nach einer Bildungsreise nach Griechenland, wo er seine rhetorische Ausbildung vertiefen konnte, erreichte er auf dieser Grundlage das erste Etappenziel: Er wurde zum Quaestor gewählt und sicherte sich damit den Einzug in den Senat. Damit war der Ehrgeiz Ciceros erst recht angestachelt. Sein Vorgehen auf dem Weg zu Aedilität und Praetur (S. 59–78) war geprägt vom Bestreben, seine Wahlchancen zu verbessern. Nach dieser Zielsetzung wählte er die Fälle aus, die er vor Gericht vertrat. So bemühte er sich einerseits um Popularität beim Volk; andererseits war er immer darauf bedacht, Anschluss an die Optimaten zu finden, die ihn, den Aufsteiger, mit Argwohn betrachteten. Wie Cicero diesen Spagat unternahm, welches Kalkül er an den Tag legte, und wie er scheiterte, scheint Bringmann dabei besonders zu interessieren, und er vermag diesen Aspekt auch anschaulich darzulegen.

Zwar erreichte Cicero die Wahl zum Consul – für einen Aufsteiger alles andere als selbstverständlich –, der Consulat geriet indes zum „Scheitelpunkt der Karriere“ (S. 79–100); er war der Höhepunkt vor dem tiefen Fall. In der Sucht nach Anerkennung wollte Cicero durch sein Vorgehen gegen Catilina als Retter des Vaterlands bejubelt und endlich auch bei den Optimaten akzeptiert werden. Unter den Senatoren hatte er aber nur wenige Freunde, und seine exzessive Selbstdarstellung half ihm dabei nicht, in Clodius schuf er sich sogar einen regelrechten Feind. So führte letztlich der „Weg in die Verbannung“ (S. 101–118).

Den Bemühungen von Seiten der Familie und einiger Freunde verdankte Cicero seine Rückkehr nach etwa 17 Monaten des Exils (S. 119–127). Eine tragende Rolle spielte der Ritter Atticus, der als Geschäftsmann und Bankier weitverzweigte Beziehungen hatte. Seine Bedeutung nicht allein in diesem Zusammenhang, sondern auch für Ciceros Karriere insgesamt hätte vielleicht noch deutlicher herausgearbeitet werden können. Nicht nur finanziell schwer angeschlagen, waren Cicero im „Schatten der Triumvirn“ als Politiker Grenzen gesetzt (S. 128–144). Dem Leser führt Bringmann dabei deutlich vor Augen, wie der Mann aus Arpinum zwischen den Gruppierungen lavierte. Cicero ließ sich unter dem Trauma der Verbannung schließlich von den Triumvirn vor den Karren spannen und büßte viel von seiner Glaubwürdigkeit ein.

Das Fehlen politischer Gestaltungsmöglichkeiten glich Cicero mit der Hinwendung zu staatstheoretischen Überlegungen aus, die von der Realität weit entfernt waren (S. 145–174). Er verlor sich in Idealvorstellungen einer republikanischen Ordnung, die so nie existiert hat und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit auch nicht umsetzbar war. Indem er die fehlenden moralischen Qualitäten seiner Zeitgenossen beklagte, verriet er andererseits doch eine gewisse Einsicht in die Unmöglichkeit seines Idealstaats. Nach seinem Prokonsulat, den Cicero gewissenhaft und ohne die in seiner Zeit üblichen Verfehlungen versah (S. 175–185), fand er sich „Im Bürgerkrieg“ wieder (S. 186–210), was ihm vor allem eines einbrachte, nämlich finanzielle Schwierigkeiten. So scheint in diesem Kapitel das Bild eines Mannes auf, der den Frieden nicht zuletzt aus der eigenen wirtschaftlichen Zwangslage anstrebte und sich mit keiner der Kriegsparteien restlos identifizieren konnte.

„Unter der Herrschaft Caesars“ (S. 211–244) wandte sich Cicero wieder verstärkt den Büchern zu. Es war nun die Philosophie, die ihn in Anspruch nahm und die erst durch ihn bei den Römern wirklich begründet wurde. Nach der Ermordung des Dictators sollte er dann im „Kampf um die verlorene Republik“ (S. 245–284) gegen Marcus Antonius noch einmal eine ungeahnte politische Wirkkraft entfalten. Dabei habe er „sich genau der Mittel zur Rettung der res publica bedient, die sie zerstörten, der Zuteilung außerordentlicher Kommandos, des Rechtsbruchs und des Bürgerkriegs“ (S. 289). Als sein Schützling, der nachmalige Augustus, die Seite wechselte, waren Ciceros Tage gezählt.

Der zwiespältige Eindruck, den der Protagonist bei seinem Biographen hinterlässt (vgl. S. 285), ist nicht auf das vorliegende Buch zu übertragen. Mit seiner Biographie löst Bringmann das ein, was er am Anfang zum Ziel erhoben hat: eine anschauliche Darstellung von Cicero und seinem Wirken im Kontext der Geschichte der späten Republik. Die aus den Quellen gearbeitete Darstellung besticht durch eine klare Gedankenführung und ein abgewogenes Urteil, in dem sich die Erfahrung der langen Forschertätigkeit bündelt. Bringmanns Cicerobiographie trägt so auch dazu bei, diesen zwiespältigen Charakter ein wenig besser zu verstehen.

Anmerkung:
[1] Klaus Bringmann, Untersuchungen zum späten Cicero, Göttingen 1971.

Zitation
Andreas Klingenberg: Rezension zu: : Cicero. Darmstadt  2010 , in: H-Soz-Kult, 12.07.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14314>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.07.2010
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