N. Davies, R. Moorhouse: Die Blume Europas

Titel
Die Blume Europas. Breslau - Wroclaw - Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt


Autor(en)
Davies, Norman; Moorhouse, Roger
Erschienen
München 2002: Droemer Knaur
Umfang
702 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Oliver Loew, Deutsches Polen-Institut Darmstadt

Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Ostmitteleuropa erwachte ein neues historisches Interesse – bislang tabuisierte Bereiche von Nationsgeschichte wurden ebenso aufgearbeitet wie historische Erzählungen, die den nationalen Historiographien nur am Rande angehörten. Zu diesem gewaltigen neutönerischen Konzert der Vergangenheit gesellten sich die Stimmen jener Regionen, Städte und Dörfer, die vor 1945 anderen Staaten angehörten und von einer anderen Bevölkerung bewohnt worden waren und deren Geschichtsschreibung jahrzehntelang in hohem Maße von Partei und Politik beeinflußt worden war. Plötzlich wollten die Menschen in Danzig, Lemberg oder Breslau wissen, wie es eigentlich gewesen war, bei ihnen, in ihrer Straße, in ihrem Viertel, ihrem Tal, ihrem Wald. Das Interesse für das Andere ging dabei einher mit einer Überzeugung, durch die Kenntnis der Geschichte neue lokale bzw. regionale Identität schöpfen, alte ideologisierte historische Erzählungen aufbrechen, neue politische Entwicklungen legitimieren, eine Zivilgesellschaft etablieren zu können, um dadurch einen neuen Ort des Lokalen und Regionalen im Gefüge von Staat und Nationalkultur zu finden.

Breslau – Wroclaw – Vratislavia ist ein Beispiel für dieses gegenwärtige Interesse an einer fremden Geschichte, an der nunmehr aus der polonitätsgeschichtlichen Erzählung herausgelösten Geschichte der Stadt. Interessiert sind heut die lokalen Eliten, aber – beeinflußt durch die große Suggestionskraft von Bildern und das utopische Potential der Vergangenheit – auch viel größere Bevölkerungskreise. Es ist deswegen kein Wunder, daß die Stadtgewaltigen eine Reihe historischer Unternehmungen anregen und fördern, ganz abgesehen von der historisierenden Verschönerung der Innenstadt. Das nun gleichzeitig auf Polnisch, Englisch und Deutsch erschienene dickleibige Buch von Norman Davies und Roger Moorhouse geht auf eine solche Anregung zurück: Davies, der durch seine unkonventionellen Darstellungen polnischer, englischer und europäischer Geschichte bekannt geworden ist und als großer Freund Polens gilt,[1] entsprach einem Wunsch des Stadtpräsidenten und war dazu bereit, seinen in weiten Kreisen bekannten Namen einzuspannen, um das polnische Breslau im historischen Bewußtsein Mitteleuropas zu verankern.

Nun hatte Davies ein Problem – er kannte sich zwar in der Geschichte Polens aus, nicht aber in der Stadtgeschichte Breslaus. Dennoch erschien es ihm reizvoll, auf seine übergreifenden Veröffentlichungen – zuletzt ist seine Geschichte Europas erschienen – einen mikrohistorischen Blick folgen zu lassen. Mit Hilfe seines des Deutschen mächtigen Adlatus Roger Moorhouse sowie einer ganzen Heerschar von 57 namentlich genannten „Forschern, Beiträgern und Mitarbeitern“ (S.14), hochtrabend „Forschungsgruppe“ genannt (S.10), machte er sich an das Sammeln historischen Materials. Avisiert war eine Stadtgeschichte, die vor breitem regionalen und nationalen Hintergrund erzählt werden sollte und von vornherein multikulturell und tabubrechend sein sollte. Immerhin ist Breslaus Vergangenheit sowohl in Deutschland (Breslau sei die „verlorene Stadt der deutschen Geschichte“ (S.27), meint Davies, womit er nicht Unrecht hat) als auch in Polen weitgehend unbekannt, obschon es sich bis 1945 um eine der größten Städte in Deutschland und nach 1945 um eine der größten Städte in Polen gehandelt hatte.

Davies versuchte sein Problem durch die unkonventionelle Erzählung städtischer Historie zu lösen. Er leitet sie nicht etwa mit der Steinzeit ein, sondern mit einer „Götterdämmerung“, der Schilderung von Breslaus Untergang im Jahre 1945. Hier aber wird bereits des Buches größter Mangel sichtbar: mangels Orts- und Sachkenntnis klammert sich der Autor krampfhaft an die zusammengetragenen Fakten; man hat ihn fast vor Augen, wie er (oder sein Adlatus) sich die Tausenden von Karteikarten oder Dateien zurechtlegt und ihren Inhalt, ohne sich nochmals die Mühe kritischer Reflexion zu machen, schlicht aneinanderfügt. Prägnant mit den jeweils zeitspezifischen Formen des Ortsnamens betitelt, schälen sich so nach der Einleitung die acht Kapitel heraus (Insel-Stadt, Wrotzila, Wretslaw, Presslaw [besser wäre: Preßlaw], Bresslau [Breßlau], zweimal Breslau, Wroclaw). Die Stadtgeschichte wird also dann doch chronologisch erzählt, das ist keineswegs revolutionär, das ist sogar – an Davies‘ Ansprüchen gemessen – durchaus hausbacken.

Die auch im Sinne der Stadtverwaltung zu postulierende lokale Multikulturalität streichen Davies/Moorhouse immer wieder heraus: Ob es sich um „vielschichtige Mischkulturen“ (S.86) der Frühgeschichte, die „multiethnische“ (S.177ff.) Stadt des Spätmittelalters oder die nationalen Identitäten der Moderne (länglicher Exkurs nach S.376) handelt – ihrer projektinhärenten Aufgabe werden die beiden gerecht. Auch wirkliche oder vermeintliche Tabubrüche finden statt, sei es die Negation lokaler historischer Polonität (bspw. S.366f.) oder die Beteiligung von Juden am stalinistischen Sicherheitsapparat (S.546).

Das Interesse an dem Objekt ihrer Beschreibung (von „Untersuchung“ zu sprechen, wäre im Falle dieses Buches ein Euphemismus) versuchen die Autoren durch die Kumulierung großer Momente seiner Geschichte zu wecken. Hierbei fällt den „berühmten Breslauern“ eine bedeutende Rolle zu – über Dutzende von Seiten hinweg erfährt der Leser, wer hier war, hier lebte und regierte, von hier stammte, was er schrieb, tat oder sein ließ. So wird ihm – ein Beispiel von Aberhunderten – der Historiker Fritz Stern mit den Titeln dreier Bücher schmackhaft gemacht, aus einem gibt es ein Zitat ohne jeglichen Lokalbezug, und obschon die Autoren die Entdeckung gemacht haben, daß es im Register seines Werks „Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht“ keinen Eintrag „Breslau“ gibt, meinen sie: „Es ist jedoch anzunehmen, dass Breslau in Sterns Werk [...] auf jeder Seite zwischen den Zeilen mitschwingt.“ (S. 597) Diese rührend naive Zurschaustellung eines bemühten Philovratislavismus und beinahe programmatischer Oberflächlichkeit braucht nicht weiter kommentiert zu werden. Auch Unbekannte bekommen die Ehre, in die konfuse Faktensammlung aufgenommen zu werden, wie ein gewisser Mark Burdajewicz aus der Gegend von Posen, der seit Jahrzehnten in Australien lebt und vor kurzem erfuhr, daß eine Vorfahrin aus Breslau stammte (S. 598f.). Was das im Rahmen einer „Geschichte Breslaus“ zu suchen hat, weiß der Rezensent nicht zu beantworten.

Die Kapitel sind schematisch aufgebaut – zunächst geht es stets sehr ausführlich um die Verortung Breslaus im jeweiligen politischen Gefüge der Zeit, sodann um die eigentliche Stadtgeschichte, um die Kultur, um die innere Verfassung, es folgen ein paar Hinweise zur Sozialgeschichte, bisweilen auch Reiseeindrücke europäischer Reisebuchautoren oder Norman Davies‘ selbst. Nach der staubtrockenen Darstellung von Frühgeschichte und Mittelalter bringen die Autoren zwar manche interessante Passage, aber immer wieder wandern ganze Quellenfragmente, Gedichte, lange Zitate bzw. statistische Aufstellungen von den ominösen Karteikarten auf die Seiten des Buches, die nichts zur Erklärung der lokalen Geschichte beitragen, sondern lediglich den Umfang des Manuskripts anschwellen lassen (bspw. die Posttabellen auf S.320f.). Behauptungen der Quellen und Sekundärliteratur werden übernommen, ohne überprüft zu werden, so die Äußerung des polnischen Romanciers Ignacy Kraszewski von 1860, „direkt vor den Toren der schlesischen Hauptstadt“ werde Polnisch gesprochen und die Anmerkung der Autoren: „Wenn das stimmte, dann hatte sich seit [...] 350 Jahren nicht viel geändert“ (S.309). Der Herausforderung, zu überprüfen, ob es denn stimmte, stellen sich die Autoren nicht. Problematisch ist zudem, daß die Verwendung der jeweils zeitspezifischen Ortsnamen bis in die Quellenzitate erfolgt (S.181f.).

Während man also von Namen und Fakten erschlagen wird, erfährt man über Sozial- und Alltags-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte nur sehr Unsystematisches und Zufälliges. Sicher, es wird deutlich, daß eine der faszinierendsten Epochen der Breslauer Geschichte die Zeit zwischen 1871 und 1914 war, als die Stadt einen gewaltigen Aufschwung nahm und zu einem der wirtschaftlichen, politischen (Liberalismus!), künstlerischen und wissenschaftlichen Zentren Deutschlands, ja Mitteleuropas wurde, aber die monotone Aneinandereihung von „berühmten Söhnen“ und großen Momenten der Geschichte erstickt jeden Ansatz zu systematischer Geschichtsschreibung. Es ist bezeichnend, daß Davies/Moorhouse zahlreiche englischsprachige Veröffentlichungen der Tages- und Wochenpresse, manches Deutsche und Polnische berücksichtigen, aber keinen umfassenden Überblick über die Literaturlage und die Forschungsfragen haben. Um wie vieles besser informiert ist da beispielsweise die neue, dreibändige „Historia Wroclawia“ (ebenfalls gefördert von der Stadtverwaltung)! [2] Die Autoren können außerdem von Glück sagen, daß ihnen mit der im Jahre 2001 erschienenen „Encyklopedia Wroclawia“ (auch diese gesponsort von der Stadtverwaltung) ein hochinteressantes und überaus inhaltsreiches historisches Nachschlagewerk zur Verfügung stand, das sich nicht nur blendend ausbeuten, sondern bisweilen auch zitieren ließ. [3] Und wo ihnen illustratives Material fehlte, griffen sie einfach zu Beispielen aus anderen niederschlesischen Städten, so daß von Liebenthal/Lubomierz bis Liegnitz/Legnica zahlreiche Gemeinwesen das Bild der „Blume Europas“ aufbessern müssen.

Kurzum – als Werk der Fachhistoriographie ist Davies/Moorhouses Buch weitgehend wertlos. Das Autorengespann hat sich mit dieser fernab der Londoner Stätte ihres Wirkens angesiedelten Mikrohistorie einfach übernommen – Stadtgeschichte läßt sich eben nicht schreiben, indem man die British Library besucht und sich gelegentlich „zutragen“ läßt. Schade. Denn Breslau hätte als ehrgeizige Stadt mit großem Entwicklungspotential ein besseres Buch mit Breitenwirkung verdient. Somit ist der Hauptnutzen der „Blume Europas“ in der internationalen Publicity und als Reklameträger für die Ambitionen der Stadt zu sehen; wer sich zuverlässig über die lokale Historie sachkundig machen will, der muß angesichts der rasanten Entwicklung der polnischen Lokalgeschichtsschreibung spätestens jetzt Polnisch lernen.

Anmerkungen:
[1] God’s Playground. A History of Poland, Oxford 1981; Im Herzen Europas. Geschichte Polens, München 2000 (engl.: Heart of Europe. A Short History of Poland, Oxford/New York 1984); Europe. A History, Oxford 1996.
[2] Zuletzt: Teresa Kulak, Historia Wroclawia. Od twierdzy fryderycjanskiej do twierdzy hitlerowskiej [Geschichte Breslaus. Von der friderizianischen Festung zur hitleristischen Festung], Wroclaw 2001 (= Historia Wroclawia, 2). Erschienen sind außerdem zwei weitere Bände, darunter einer zur Nachkriegsgeschichte.
[3] Encyklopedia Wroclawia [Breslauer Lexikon], Wroclaw 2001 (mit genau 1000 Seiten im Lexikonformat).

Zitation
Peter Oliver Loew: Rezension zu: : Die Blume Europas. Breslau - Wroclaw - Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt. München  2002 , in: H-Soz-Kult, 19.09.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1435>.
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19.09.2002
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